Kultur mit Kind, Meinung

Rutsche, Kind, rutsche! Über Frühförderung und die Übertreibung

An der einen oder anderen Stelle hatte ich es schon erwähnt: Ich bin eine bekennende Kindercafé-Geherin. Das Hauptargument dafür trifft sich mit dem Hauptargument dagegen: Es ist sehr laut, aber nirgendwo sonst können Kinder so entspannt spielen, während Eltern Kaffee trinken. Außer vielleicht Zuhause.

Nicht im Bild: Rutsche

Vor ein paar Tagen war es wieder soweit. Wir waren im Kindercafé. Da wir in der ganzen Formation, Vater, Mutter, Kind dort aufliefen, und Vater und Kind das Terrain erkundeten, hatte ich viel Zeit zu beobachten. Ein paar Stunden hatte ich den Indoor-Spielplatz, bestehend aus einem Holzklettergerüst und einer Rutsche, im Visier.

Drei bis vier Kinder, im Alter zwischen eins und zwei Jahre alt, wanderten im Laufe des Vormittags immer wieder über die Treppchen. Drei bis vier Elternteile waren involviert. Und nahezu alle wollten ihre Kinder dazu ermuntern, zu rutschen. Keines der Kinder schien sich dafür wirklich zu begeistern. Nicht desto trotz versuchte eine Mutter immer wieder ihre Tochter in die Richtung zu bugsieren. Und ein Vater rief seinem Sohn lauthals zu, es doch zu probieren. Ungefähr im Zwei-Minuten-Takt. Lediglich ein kleiner Niederländer, dessen entspannte Mutter meist im Nebenraum saß, rutschte nach Herzenslust.

Ich war und bin ein bisschen befremdet. Ist das Frühförderung? Ist das der Wunsch, dass sich das Kind etwas traut? Oder greift hier schon der Satz, dass man an dem Gras nicht ziehen soll? Ich will nicht urteilen. Ich will es einfach nur verstehen, und es scheint da in dem Kindercafé zumindest einen Konsens zu geben: Kinder sollten rutschen. Nur das warum, habe ich nicht ganz verstanden. Helft mir, eine Antwort zu finden. Dort zu fragen, hätte ich irgendwie komisch gefunden.

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11 Kommentare

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    Reply Sarah 4. Juni 2015 at 8:32

    Mit einem sehr vorsichtigen Kind sehe ich das kritisch. Mein Sohn hätte sich nie überreden lassen und tut es auch heute nicht. Gefällt ihm etwas nicht, oder kommt es ihm unheimlich vor, macht er es nicht. Warum sollte er auch?
    Wir wollen doch auch nicht gegen die Angst antreten (z. B. klettere ich mit Höhenangst ungern auf Türme). Meinen Sohn möchte ich dazu nicht überreden.
    Ich lobe ihn natürlich, wenn er es geschafft hat. Selbstbestimmt.
    Liebe Grüße
    Sarah

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    Reply Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten 4. Juni 2015 at 8:48

    Ich denke, es ist der Wunsch der Eltern, dem Kind etwas 'Gutes' zu tun, ihm ein schönes Erlebnis zu vermitteln. Die Eltern fanden als Kind vermutlich rutschen schön und wollen das an ihr Kind weitergeben. Dass es sich dazu erst einmal überwinden muss, also seine Angst bezwingen, ist ja durchaus anerkannter Grundsatz deutscher Erziehungskultur ('Probier es doch erst einmal. Dann kannst du immernoch Nein sagen.'). Die Eltern glauben also vermutlich, dass ihr Kind den Spaß am Rutschen erkennt, wenn sie es erst einmal dazu gebracht haben, es auszuprobieren. Mit dem Frühfördergedanken hat das, glaube ich, nur wenig zu tun. Eher mit der Ungeduld der Eltern, ihrem Kind all die schönen Dinge ihrer eigenen Kindheit nahezubringen. Natürlich erreichen sie mit ihrem gut gemeinten Druck bei ihrem Kind wahrscheinlich eher das Gegenteil, aber was will man machen. Du kannst ja schlecht zu anderen Eltern gehen und sagen: 'Nun animieren Sie ihr armes Kind nicht ständig zum Rutschen!' Damit würdest du leicht verrückt rüberkommen.

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    Reply Andrea 4. Juni 2015 at 10:02

    Hm, ich war ja nicht dabei, aber ich finde das gar nicht so dramatisch. Ich weiß zum Beispiel, dass das Runzelfüßchen sehr sehr gern schaukelt. Dennoch versteht sie manchmal nicht, dass die Schaukel auf Spielplatz A anders aussieht als die auf Spielplatz B (das erkenne ich daran, dass sie "Schaukel, Schaukel" ruft aber nicht wie im gewohnten Umfeld einfach dort hingeht. Und so ist das vielleicht auch mit dem Rutschen. Die auf dem Bild sieht ja anders aus als die auf dem Spielplatz. Das wäre so meine Erklärung. Vielleicht stimmt sie nicht, aber ich wäre auch eine, die ihrem Kind die Rutsche mal zeigt.

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    Reply Steffen Pelz 4. Juni 2015 at 10:13

    Unsere Große ist ein eher vorsichtiges Kind – rutschen wollte sie am Anfang ebenfalls nicht, nur oben sitzen und kucken. Das erste Mal rutschte sie unabsichtlich: Als ich sie, damit andere Kinder hinter ihr rutschen konnten, runternehmen wollte und sie mir zu weit entgegenkam… seitdem wollte sie eine kurze Zeit lang nur an der Hand rutschen, später allein, mit den Händen "an der Reeling", mittlerweile mit "Arme in die Luft!".
    Jedes, wie es mag.
    Die Reflexionsfähigkeit ist naturgemäß nicht bei allen Eltern gleich ausgeprägt, weswegen sie die Situation manchmal mehr, manchmal weniger aus der Perspektive des Kindes betrachten können… Und ne Diskussion in diesem Moment vom Zaun brechen bringt glaub ich weder erkenntnistechnisch bei den gutmeinend-ermunternden Eltern was, noch ist ein möglicher Disput vor den anderen (und eigenen) Kindern vorteilhaft.

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    Reply Jennifer 4. Juni 2015 at 10:20

    Ich glaube das meistens die Eltern Spaß an sowas haben 🙂 da werden Kinder auf Schlitten gesetzt und driften dann im Schnee halsbrecherische Kurven .. Und weinen danach ununterbrochen. Wozu? Der Vater hatte seinen Kindheitstraum erfüllt. Aber ob das den Interessen des Kindes entspricht? Meistens nicht. Ob das allerdings was mit Frühförderung zu tun hat.
    Eher mit nicht-sehen/wahrnehmen.

    Lg

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    Reply Bettina Apelt 4. Juni 2015 at 10:37

    Natürlich nicht. Es geht mich auch gar nichts an. Es war nur so befremdlich, dass sich die Eltern so reingesteigert haben. Ich verstehe Eure Tochter. 😉

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    Reply Bettina Apelt 4. Juni 2015 at 10:43

    Hab auch Höhenangst. Stell mir grad vor, dass mich jemand wo hochzwingt. Gruselig. Aber manchmal vergesse ich es tatsächlich, so bin ich schon mal auf einem Leuchtturm gelandet. Geht es Dir auch so?

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    Reply Bettina Apelt 4. Juni 2015 at 11:13

    Liebe Andrea, was für eine interessante Erklärung, darauf wäre ich nie gekommen. Das kann sicher manchmal zutreffen, aber in dem konkreten Fall, glaub ich eher nicht. Mir kam es wirklich vor, wie: "Schau mal Kind, da rutscht schon einer, mach das jetzt auch."

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    Reply Bettina Apelt 4. Juni 2015 at 11:17

    Das klingt aber auch grausam, also das mit dem Schlittenfahren. :O Wenn sie weinen, wenn es Spaß macht, natürlich nicht. Schwierige Sache. Schwierig vor allem, wenn so etwas aufgezwungen aussieht.

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    Reply Bettina Apelt 4. Juni 2015 at 11:19

    Das ist ein sehr positiver Ansatz. Und Du hast Recht, ich wäre wahrscheinlich tatsächlich etwas verrückt rüber gekommen, zumal ich selbst sehr negativ reagieren würde, wenn ich "Tipps" von einer anderen Kaffeehaus-Mutter kriegen würde, nicht desto trotz: Komisch war es. 🙂

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    Reply dievenus 8. Juni 2015 at 7:00

    Vielleicht, weil Eltern immer einen Plan haben. Je besser (vermeintlich) die Eltern, desto mehr Angebot fürs Kind. Wenn man also EXTRA in ein Café mit Rutsche geht, dann soll das Kind doch gefälligst auch rutschen! Man hätte ja als Mama auch in ein normales Café gehen können, hat sich aber fürs Kind doch extra etwas ausgedacht …
    ich hab das gesamte erste Jahr sämtliche Eltern-Kind-Angebote gemieden. Ich wollte dem Fräulein Gelegenheit lassen, sich erstmal in vertrauter Umgebung zu entfalten ohne "jetzt mach doch mal, andere Kinder machen das doch auch"-Vergleich. Heut ist sie zweieinhalb, hat ein gesundes Vertrauen in ihre Fähigkeiten und geht offen auf andere zu. Jedes Kind ist anders und wenn man sie einfach mal lässt, entwickeln sie sich wundersam und wunderbar GANZ von allein! 🙂 Liebe Grüße, Nicole

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