Kultur mit Kind, Meinung

Mein Kind ist ein Berliner / Berlin Liebe

Als ich vor fast zwölf Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, hatte ich wie man das manchmal bei Internetbekanntschaften hat, gleich den Verdacht, dass wir uns mögen würden, diese Stadt und ich.

Angekommen in Berlin Tempelhof machte ich die kommenden Tage ein paar spannende Erfahrungen: Ja, man kann auch alleine in einen Club gehen. Abends um neun ein Hotel zu finden, in einem Stadtteil den man nicht kennt, ist eine Herausforderung, aber nicht unmöglich. Ein paar Dinge lernte ich erst viel später: Ganz nah neben dem Ort, den ich damals so gruselig fand, habe ich ein paar Monate später für über ein Jahr gewohnt. Aber schnell war mir klar, dass ich wiederkehre.

U-Bahn fahren mit Blumenkranz. Kann man vielleicht auch anderswo, ist nur in Berlin besonders toll.


Ich hatte mich verliebt. In die Stadt. Und ein paar Jahre später dann auch in meinem Mann. Dass unser Sohn hier geboren werden würde, war also schon lange klar, bevor wir überhaupt wussten, wo und wie und wann. Denn ich glaube, dass in dieser Stadt Toleranz einfach ganz anders möglich ist, als in der Kleinstadt. Kürzlich hatte mir eine Mutter erzählt, wie sie mit ihrer Frau eine Familie gegründet hat, und in Berlin noch nie Anfeindungen erlebt hat. Ich kenne gleichgeschlechtliche Pärchen, die hier händchenhaltend rumlaufen, was in ihrer Heimatstadt unmöglich wäre. Eine Studienkollegin wurde plötzlich zum Studienkollegen. Und auch viele unterschiedliche Religionen sind hier anzutreffen. Mittlerweile kenne ich in Berlin auch einige Leute, die Katholiken sind wie ich neulich von Konstantin gelesen habe, und auch einige die Weihnachten gar nicht feiern. Weil sie einen anderen Glauben haben, oder eben keinen. In Berlin habe ich Pärchen kennengelernt, die aus unterschiedlichen Ländern kommen. Das ist ganz normal? Natürlich. In den Kleinstädten, die ich kenne, sind die meisten Paarungen aber innerhalb desselben Viertels entstanden. Was ja auch nichts Schlimmes ist, das kommt nur hier nicht so häufig vor. Ich habe Menschen kennengelernt, die für wenig Geld hier einen Traum verfolgen. Und auch viele, die scheitern. Natürlich. Ich habe eine Menge unterschiedlicher Menschen ganz unterschiedlicher Art getroffen. Und das ist ziemlich schön.

Natürlich ist nicht alles gut hier. Wenn ich sehe wie vor dem Flüchtlingsheim bei uns ums Eck demonstriert wird, krieg ich Angst. Oder wenn mir eine Bekannte erzählt, dass die Kita-Platz-Problematik sicher von den Flüchtlingen kommt. Das kann sie doch nicht ernst meinen?
Auch in Berlin habe ich schon homophobe Menschen kennengelernt, und mich dann ganz schnell von ihnen entfremdet. Und Idioten, die sich nicht ganz so schnell in eine Schublade zwicken lassen, die gibt es hier natürlich auch.

Aber ich glaube, dass hier noch eine Buntheit möglich ist, die ich meinem Sohn gerne zeigen möchte. Gelebte Toleranz, die nicht nur aus dem Lehrbuch kommt. Mein Sohn soll wissen, dass Leben ganz vielfältig aussieht. Das ist sicher auch anderswo zu zeigen. Für mich ist Berlin die richtige Stadt dafür.

Meinen österreichischen Pass habe ich übrigens noch immer. Und auch wenn ich oft gefragt werde, ich möchte den behalten. Manchmal ist das ein bisschen mehr Bürokratie, aber ich bleibe ja nun auch Österreicherin. In Berlin. Darüber, dass mein Sohn in dieser Stadt aufwächst, bin ich sehr glücklich. Denn mein Sohn ist Berliner. Und Wiener, Wiener ist er auch.

Dieser Text ist Teil der Blogparade #wirsindallefreigeboren von Grosseköpfe. Es geht um den ersten Punkt der UN-Kinderrechtskonvention: das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht.

Vorhergehender Beitrag Nächster Beitrag

Vielleicht magst Du auch folgende Beiträge?

5 Kommentare

  • Avatar
    Reply Jessi [Terrorpüppi] 20. Juli 2015 at 10:02

    Ja meine Püppi ist auch Berlinerin und um es mit Wowi zu sagen: Das ist auch gut so. Ich bin hier ja selbst geboren und aufgewachsen, mein Partner ebenso. Wir sind Berliner und das auch, weil wir diese Stadt so lieben. Sie ist bunt und grau, arm und reich.

    Sie ist vielfältig – und wie du so schön schreibst, hier kann diese gelebte Vielfalt auch den Kindern vermitteln. Ohne Zeigefinger, sondern einfach durch gelebte Normalität 🙂

    LG Jessi

  • Avatar
    Reply JesSiCa Schonk 20. Juli 2015 at 10:29

    iCH habe dazu gerade Millionen Gedanken – aber ich liebe Berlin genau für das, was Du alles aufzählt hast!!!!!!!!

  • Avatar
    Reply JesSiCa Schonk 20. Juli 2015 at 11:16

    Unsere direkten Nachbarn sind Mädels mit ihrem Sohn. Wunderbare Frauen – unglaublich nette Nachbarinnen die tolle Eltern sind. Ganz ganz tolle!!
    Während der Bauphase stand auf dem Bauschild N. und K. NACHNAME und was das Geschrei hier im Dorf groß war. "Ihhh und bääägh und so was kann ich doch hier nicht akzeptieren. und und und" mir ist schlecht geworden bei diesen Aussagen.
    Ein paar Montae spöter war Richtfest – als direkte Nachbarn waren wir eingeladen und der eine Opa rechtfertigte sich gleich "wissen Sie", sagte er "die beiden sind ja Gleichgeschlechtlich, aber keine Angst man merkt das gar nicht" – ganz ehrlich ich musste ihm ins Wort fallen (sehr unhöflich aber es drückte noch mehr aus was ich meinte) und fragte ihn "Entschuldigung, aber sind die beiden nett?" Er guckte verdutzt und sagte "ja klar, dass sind ja meine Tochter und meine Schwiegertochter" ich lächelte legte meine Hand auf seine, schaute ihn direkt an und sagte "das ist das, was mir wichtig ist. Ob nun gleichgeschlechtlich, a-sexuell oder eben etwas ganz anders, so lange meine direkten Nachbarn nette Menschen sind, ist mir vollkommen egal was sie sind. Sie sind Menschen!" Du hättest den Blick in seinen Augen sehen sollen. Da war so viel Lachen und so viel Dankbarkeit und vielleicht ganz hinten rechts auch ein kleines Tränchen.
    Noch heute sehe ich ein warmes Lächeln wenn er zu Besuch ist und er mich sieht und die Motte wird immer rüber geholt wenn der Opa da ist zum Spielen (leider sind Mädchen gerade blöd, aber die Motte darf ein paar Minuten bei den Jungs mitspielen).
    Die lästernden Nachbarn sind heute total eng mit ihnen. Manchmal denke ich wow ich bin froh über diese Änderung aber vergessen kann ich ihre Worte nicht ganz, doch mein positives Gemüt möchte einfach diese positive Wandlung sehen…
    Und dann schaue ich die nicht so toleranten Nachbarn an – das macht mich dann wieder etwas traurig, doch sehe ich auch, dass dieses Dorf noch viele Jahre brauchen wird – leider. Aber jeder Schritt ist ein richtiger Schritt!

    So viel zu lang für einen Kommentar aber mein Leben mit den lesbischen (sie empfinden dieses Wort als überhaupt nicht negativ) Nachbarinnen ist ein tolles, weil sie tolle Menschen sind.

    Drück Dich
    JesSi Ca

  • Avatar
    Reply Bettina Apelt 20. Juli 2015 at 11:32

    Liebe JesSi, ich kann mir gut vorstellen, was Du meinst, und Du bist der Beweis dafür, dass auch "Berliner im Herzen" auf dem Dorf wohnen. Und das ist gut so. Für die anderen und Du machst das sicher für Dich auch gut dort.

  • Avatar
    Reply JesSiCa Schonk 20. Juli 2015 at 11:37

    ich komm ja auch ursprünglich nicht hier her, daher ist mein Tellerrand auch wohl ein anderer. Ich werde immer ungläubig angesehen, weil es mich immer wieder in die großen Städte zieht, aber ich liebe es eben über meinen Horizont hinaus zu sehen – Tellerränder kenn ich kaum – aber jedem Menschen den ich hier etwas Offenheit nahe bringen oder auch nur vorleben kann, ist der Beweis dafür, dass mein Dörfchen doch nicht aus dem Mittelalter ist ;D

    Berlinerin im Herzen – welch ein toller Ausdruck! Danke!!

  • Schreibe einen Kommentar zu Jessi [Terrorpüppi] Cancel Reply