Wie entscheidet man sich für das richtige Schulmodell und was kann man überhaupt für die Einstimmung auf die Schule tun? Grundschullehrerin Sassi gibt in den Elternfragen Auskunft und verleiht der ganzen Hektik, die oft vorherrscht, ein wenig Ruhe. 

 

 

Mein Sohn ist dreieinhalb, doch immer wieder höre ich, dass wir uns nun doch mal informieren sollte, welche Schulmöglichkeiten später in Frage kommen. Ich schwanke zwischen “viel zu früh” und “ob da tatsächlich was dran ist”: Was denkst Du?

 

Wie immer lässt sich sowas natürlich schwer pauschal beantworten, aber im Regelfall ist es nicht notwendig, sich im frühen Kindergartenalter bereits konkrete Gedanken zur Schulwahl zu machen. Das heißt aber nicht, dass man als Eltern nicht hier und da die Augen und Ohren offen halten darf. Gerade mit grundlegenden Fragen kann man sich durchaus schon zeitiger auseinandersetzen.

 

Soll es der klassische Weg sein? Ziehen wir alternative Schulen in Betracht? Wer sein Kind ohnehin auf die vom Sprengel vorgesehene staatliche Schule schicken möchte, kann getrost auf die Schulanmeldung warten. Wer jedoch andere Wege einschlagen möchte, der wird sich zwangsläufig schon etwas früher über die unterschiedlichen Möglichkeiten informieren.

 

Eltern von Inklusionskindern müssen sich meist auch eher früher mit der Schulauswahl beschäftigen, da es hier immer um grundlegendere Fragen geht. Soll es eine Förderschule sein oder möchten wir eine Regelschule für mein Kind? Wie sind die Schulen ausgestattet? Welcher Weg ist sinnvoll? Welche Unterstützung wünschen wir uns für unser Kind?

Die konkrete Entscheidung fällt normalerweise im Vorschuljahr. Dort laufen die Schulanmeldungen und meist zeitlich passend auch Informationsveranstaltungen (Elternabende, Tag der offenen Tür). Darüber hinaus muss jede Familie individuell entscheiden, wie früh und auf welche Weise, sie sich mit dem Thema Schule auseinandersetzt.

 

Die Grundschule ums Eck, die besondere Schule zwei Stadtbezirke weiter, Waldorfschule oder eine freie Schule: Momentan finde ich das eher verwirrend. Nach welchen Kriterien sollte man seine Schule wählen? 

 

Die Frage der Schulwahl hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Viele Eltern prüfen genau, möchten ihr Kind bestmöglich aufgehoben wissen und geben sich mit der vorgesehenen „Grundschule ums Eck“ nicht mehr zufrieden. Eine Entwicklung, die ich erstens als Mutter nur allzu gut verstehe und zweitens auch durchaus erfreulich finde, denn so werden die Schulen ein wenig aus der Reserve gelockt, sich an die Veränderungen unserer Gesellschaft anzupassen.

Aber wer die Wahl hat,…

Bei der Auswahl spielen immer eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle, so dass auch hier eine pauschale Aussage nur schwer möglich ist. Im Fokus steht natürlich das jeweilige Kind und nicht weit davon auch seine Eltern.

Wer sich einen klassischen Weg wünscht, selbst auf Kontrolle und Dinge wie Hausaufgaben und klaren Fachunterricht Wert legt, der sollte eher eine gewöhnliche, staatliche Grundschule wählen.

Hierbei finde ich es persönlich völlig legitim nach einer guten Schule Ausschau zu halten und gegebenenfalls einen Gastantrag zu stellen, wenn es eben nicht die nächstgelegene Schule sein soll. Allerdings muss man damit rechnen, dass dieser nicht erfolgreich ist. Hier sollte man rechtzeitig (im Vorschuljahr) mit der betreffenden Schule Kontakt aufnehmen.

 

Wer sich für sein Kind einen freieren Start ins Schulleben wünscht, dem empfehle ich, sich mit Einrichtungen wie z.B: Montessori auseinanderzusetzen. Hier gibt es keine klassische Leistungsbeurteilung durch Noten, keine Hausaufgaben, keinen nach Einzelstunden aufgegliederten Fachunterricht und vor allem wenig Leistungsdruck. Der individuelle Lernprozess der Kinder steht im Vordergrund. Sie haben viel Mitspracherecht und bestimmen oft selbst, mit welchen Lerninhalten sie sich beschäftigen wollen. Die Lehrkraft begleitet diesen Weg, ist Ansprechpartner und stellt z.B. geeignetes Material zur Verfügung. Wählt man diesen Schulweg muss man als Eltern allerdings aushalten können, beispielsweise nicht permanent Einblick in das derzeitige Material zu haben.

 

Da es keine Hausaufgaben gibt, gehen selten Hefte oder Ähnliches mit nach Hause. Außerdem sollte man überlegen, ob das eigene Kind mit der lockereren Struktur zurechtkommt. Ich bekam einmal mitten im Schuljahr ein Kind mit Asperger-Syndrom in meine Klasse. Es war zuvor auf einer Montessori-Schule gewesen und war dort aber mit den wechselnden Abläufen (obwohl es natürlich auch klare Rituale gibt) und seiner eigenen Entscheidungsfreiheit überfordert. Er brauchte dieses engen Strukturgrenzen einer Regelschule. Ich selbst bin im Übrigen großer Verfechter der Montessori-Pädagogik und arbeite, so gut es mir an einer normalen Regelschule eben möglich ist, danach.

 

Freie Schulen orientieren sich am allgemeinen Bildungsauftrag des Landes, sind in ihrer Struktur und ihren Schwerpunkt allerdings sehr individuell. Sie arbeiten zweisprachig, mit religiösem Fokus oder besonderen Konzepten. Hier muss man sich wirklich vor Ort ein Bild von der jeweiligen Arbeitsweise machen.

 

 

Immer mehr Leute schicken ihr Kind auf Privatschulen: Auf den ersten Blick find ich das immer recht absurd, manche Begründung finde ich dann aber in Teilen nach verständlich. Was hältst Du als Lehrerin vom Konzept “Privatschule”? 

 

Eine Privatschule ist erstmal nichts anderes, als eine Schule, die sich eben nicht in öffentlicher, staatlicher Trägerschaft befindet, sondern durch einen nichtstaatlichen Schulträger (Organisationen, Sozialwerke, Vereine, Privatpersonen) verwaltet wird. Allerdings obliegen sie, zumindest ist das in Deutschland so, einer staatlichen Aufsicht und erfüllen grundlegend den landeseigenen Bildungsauftrag. Für ihr Lehrpersonal und die Gestaltung ihrer Strukturen und Konzepte sind sie jedoch selbst verantwortlich. Dabei haben sie ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Religiöse, pädagogische oder fachliche.

Zu den Privatschulen gehören beispielsweise Waldorfschulen, kirchliche Schulen, freie Schulen, internationale Schulen, Montessori-Schulen oder Internate (mit unterschiedlichen Schwerpunkten). Privatschulen sind also nicht, wie viele Eltern tatsächlich erstmal denken, besondere Eliteschulen, sondern eben z.B. Montessori-Schulen, die sich derzeit großer Beliebtheit erfreuen. Ob eine solche Schule für das eigene Kind in Frage kommt, muss natürlich individuell entschieden werden. Die eigene Weltanschauung, das jeweilige Kind, religiöse oder pädagogische Überzeugungen, sowie nicht zuletzt vor allem auch finanzielle Faktoren werden dabei eine Rolle spielen.

Ich selbst schätze diese Vielfalt in unserer Bildungslandschaft und bin beispielsweise vom Montessori-Konzept zu weiten Teilen sehr überzeugt. Ein wenig schwierig finde ich die Isolation und das „Nebeneinanderherlaufen“ der verschiedenen Einrichtungen. Aber die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten bieten Eltern und Kindern einfach die Chance, sich für einen individuellen Bildungsweg zu entscheiden, der zu ihnen und ihrem Kind passt. Und nicht zuletzt bietet er auch Lehrern die Gelegenheit, jenseits der klassischen Schulen zu unterrichten und in einem alternativen Konzept eigene Ideen zu verwirklichen.

 

Als wir für unseren Sohn eine Kita gesucht haben, bin ich über verschiedene Konzepte gestolpert: Naturwissenschaftliche Ausprägungen, frühmusikalische Bildung oder Sportschwerpunkt – die Liste war lang. Für ganz Kleine finde ich so einen Schwerpunkt noch nicht notwendig. Auch bei der Grundschule bin ich da bislang skeptisch: Was denkst Du?

 

In der Grundschule wird der klassische Fächerkern (Deutsch, Mathe, Sachunterricht, später Englisch, Musik, Kunst und Sport), soweit ich weiß, eigentlich immer unterrichtet. Gesetzte Schwerpunkte fließen dann eher in das Schulgeschehen mit ein. Meine Schule ist z.B. Sportschule und Schule mit musikalischem Schwerpunkt. D.h. wir bieten pro Jahrgang eine Chorklasse (diese hat eine zusätzliche Musikstunde) an und arbeiten mit der Musikschule zusammen, so dass im Anschluss an den Unterricht Instrumentalunterricht (Streichinstrumente) angeboten wird. Außerdem gibt es einmal im Monat ein Treffen in der Aula zum gemeinsamen Singen. Und schließlich kann man eine Musical-AG wählen. Durch unsere zweiten Sportfokus stehen bewegte Pausen im Blickpunkt und mindestens ein sportliches Fest pro Halbjahr.

 

Oft ergeben sich durch diese Schwerpunkte einfach schöne Zusatzangebote, die hier von Eltern und Kindern sehr geschätzt werden. Da die Kinder durch die verschiedenen Fächer und den gesamten Bildungsauftrag aber dennoch mit einer Vielfalt an Inhalten in Berührung kommen, finde ich das Setzen solcher Schwerpunkte (zumal sie, wie gesagt meist ergänzend auftauchen) durchaus in Ordnung. Zumal sie dem Schulleben sogar Struktur geben können. Außerdem bieten Sie (und das finde ich besonders wichtig) auch Kindern aus finanziell schwächeren Familien die Chance, Angebote wie Instrumentalunterricht, den es hier kostenlos gibt, zu nutzen. Auch unsere vielen Flüchtlingskinder konnten wir super einbinden.

 

Ob man als Eltern die Schulwahl von einem solchen Schwerpunkt abhängig macht, hängt sicherlich wieder von der individuellen Situation ab. Für mich selbst wäre es aber sicherlich kein Hauptkriterium. Pädagogische Leitlinien würden für mich z.B. immer eine größere Rolle spielen.

 

Wir haben noch über drei Jahre bis die Schule losgeht, doch für viele ist es ja nun schon soweit: Was rätst Du als Leserin um den Übergang in die Schule gut zu meistern: Eltern und Kindern?

 

Meist nicht so viel. Aber ich habe ein großes Anliegen, eine große Bitte. Droht euren Kindern nicht mit Schule. Verkauft sie nicht als „Ernst des Lebens“. Sätze wie „wenn du erstmal in der Schule bist, kannst du das vergessen“ oder „das werden sie dir in der Schule schon austreiben“ sind mehr als kontraproduktiv. Macht die Kinder neugierig. Stärkt sie. Gebt ihnen Selbstvertrauen und Rückwind. Lasst sie so selbstständig werden, wie ihr Entwicklungsstand es eben zulässt. Sprecht über die Schule, geht die Schulwege ab, schafft einfach ein wenig Sicherheit. Niemand muss Zahlen oder Buchstaben kennen, wenn er in die Schule kommt. Manche Kinder wollen das schon vorher lernen und ausprobieren, das ist natürlich in Ordnung. Aber es ist eben kein Muss. Aber Selbstbewusstsein, das Wissen um einen sicheren Hafen, ein wenig Selbstständigkeit und ein positiver Blick auf die Schule ist etwas Wert. Aber das ist ja im Grunde genommen genau das, was man als Eltern ohnehin täglich möchte. Stark machen. Vertrauen schaffen.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Sassi. 

Sassi bloggt auf liniert.kartiert.de über Ihr Leben als Grundschullehrerin und Mutter: Sehr lesenswert.

 

Welche Grundschule habt Ihr für Euer Kind gewählt, oder steht Euch das- wie uns – noch bevor?