Alltag, Familienrollen, Nachgefragt

Enby: “Ich habe mich nie als „Frau/Mädchen“ gefühlt.”

Enby: Auf Twitter gehst Du sehr offen damit um, dass Du nicht binär bist: Wie sehr trägst Du es in die Welt und wie begegnet man Dir damit?

Ich oute mich nicht aktiv. Ich finde es lästig, dass das dauernd erwartet wird. Wer mich fragt, bekommt eine Antwort, ich verheimliche das nicht. Aber ich schulde keinem Menschen eine Auskunft über mein Geschlecht. Ich erwarte auch von anderen keine Auskunft über das ihre.

Wenn es mich stört, weil ich falsch gegendert werde, dann sage ich das, wenn ich denke es lohnt den eventuell folgenden Aufwand. Die meisten erwarten dann nämlich gratis Fortbildungen zu Genderthemen während deren sie fröhlich Dinge sagen wie „Aber du hast doch eine Vulva?“ (Okay, die meisten Menschen sagen Vagina oder Scheide oder gar Mumu: aber meistens meinen sie gar nicht die Vagina sondern die Vulva).

Warum zum Geier Menschen sich für meinen Intimbereich interessieren, mit denen ich voraussichtlich nie Sex haben werde und die mich dort nicht medizinisch untersuchen müssen, werde ich vermutlich nie verstehen. Manche sagen auch sowas wie: „Aber ~eigentlich~ bist du doch eine Frau?“. Was sie wissen wollen ist: Wurde mir als Neugeborenes das Geschlecht „weiblich“ in die Geburtsurkunde geschrieben, weil ich eine Vulva habe?

 

Mein Mann war der erste vor dem ich mich geoutet habe. Am Anfang war es ein bisschen seltsam für ihn, weil er – wie du auch – noch nie etwas von dem Thema gehört hatte. Das ist okay, sowas dauert. Es dauert neue Pronomen zu lernen, insbesondere wenn es Neopronomen sind, also neue, noch nicht etablierte Pronomen. Für mich bevorzuge ich kein Pronomen oder das Neopronomen sier. Aber inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Ich bin ja deswegen kein anderer Mensch. Im Gegenteil, ich bin mehr ich selbst und versuche nicht mehr „Frau-Sein“ zu performen um nicht aufzufallen – ich hatte da echt schlimme Zeiten.

Im Alltag werde ich ständig als Frau bezeichnet und es wird „sie“ als Pronomen für mich genutzt. Das nervt. Aber der Rattenschwanz der auf ein Outing folgt nervt eben auch.

 

Davon abgesehen ist es mitnichten so, dass die Menschen einfach sagen „Oh, du bist ein Enby? Okay, wusste ich nicht, sorry, künftig werde ich nicht mehr von dir reden als wärst du eine Frau.“ Viele Menschen leugnen nicht binäre Geschlechter und beharren darauf mir ein Geschlecht – nämlich das was sie bei mir zu erkennen glauben – zuzuweisen. In meinem Fall aktuell meist weiblich, früher aber auch öfter mal männlich.

Ravna mit 18.

Ich erinnere mich zu gut an eine Diskussion mit einer Reinigungskraft auf einer öffentlichen Toilette die mich auf keinen Fall in die „Damentoilette“ lassen wollte: irgendwann habe ich ihr meine Brüste gezeigt indem ich das Hemd straff zog und bin danach ins „Herrenklo“ spaziert. Da war ich 18. Sie verfolgte mich danach mit einer Schimpftirade bis nach draußen.

 

Das ist aber ein eher harmloser Vorfall. Ich bin auch schon körperlich angegriffen worden, sowohl wegen meiner Sexualität als auch wegen meines Geschlechts.

Um das kurz für stutzende Lesende zu klären: ja, ich schrieb eingangs, dass ich mich früh als lesbisch outete. Mit Anfang 20 habe ich festgestellt, dass ich nicht lesbisch bin, als ich mich in einen cis Mann verliebte. Jetzt bin ich sogar mit einem verheiratet. Ich bin deswegen aber nicht auf einmal hetero. Ich bin bisexuell, pansexuell. Ich nutze beide Begriffe für mich.

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