Alltag, Familienrollen, Nachgefragt

Enby: “Ich habe mich nie als „Frau/Mädchen“ gefühlt.”

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, schreibst Du Deinen Kindern kein Geschlecht zu, sondern lässt Ihnen die Wahl.Wie beugst Du vor, dass es für Deine Kinder verwirrend sein könnte bzw. wie leitest Du das Umfeld an?

Ö

Ich finde es lustig, dass du fragst, ob es für unsere Kinder verwirrend sein könnte, wenn wir sie geschlechtlich nicht verorten. Das würdest du andersherum sicher nicht fragen: wenn wir ihnen die zugewiesenen Geschlechter als „das bist du“ erklären würden, dann wäre das „normal“.

 

Wir versuchen gegenderte Begriffe wie Schwester/Bruder, Tochter/Sohn zu vermeiden und bringen den Kindern bei, dass sie die Wahl haben. Wir sagen nicht „Du bist ein Mädchen/Junge“ – denn das wissen wir nicht. Nur sie wissen, was sie sind. Ein Mädchen, ein Enby, ein Junge, mehreres, gar nichts,… Das ist nicht verwirrender für ein Kind als Automarken. Viele Eltern (meist Väter) finden es völlig normal, dass ihre Kinder (meist die, denen männlich zugewiesen wurde) mit vier Jahren einen Mercedes von einem Opel und von einem VW unterscheiden können, statt einfach zu allen „AUTO!“ zu sagen. Diese Kinder können das, weil ihnen die Differenzierung beigebracht wurde. Aber mehr als zwei Geschlechter sollen verwirrend sein?

 

Sie lernen verschiedene Pronomen, auch Neopronomen, wir benutzen aber, es sei denn sie äußern andere Wünsche, er und sie basierend auf der Zuweisung. Und sie lernen, dass es unhöflich ist vom Aussehen auf das Geschlecht zu schließen. Sehen wir also eine Person auf einem Fahrrad, der wir ausweichen müssen, sagen wir zum Beispiel nicht „Vorsicht, Radfahrerin!“ sondern „Vorsicht, radfahrende Person!“. Wir versuchen generell das generische Maskulinum zu vermeiden und entweder mit Glottisschlag, Partizipform oder generischem Femininum zu arbeiten.

 

Das Umfeld leiten wir wenig an, je näher sie uns sind, desto mehr bitten wir darum, es uns nach Möglichkeit nachzuleben. Wir sagen etwas, wenn unsere Kinder sich das wünschen. Das große Kind will zum Beispiel nicht als sein zugewiesenes Geschlecht bezeichnet werden, sondern einfach nur als Kind. Wenn es also falsch benannt wird, sprechen wir das an, wenn es sich das wünscht. Im Kindergarten zum Beispiel oder bei meinen Schwiegereltern. Da hat das Kind gesagt „Ich möchte, dass ihr denen sagt, dass ich ein Kind bin.“

 

Wenn unsere Kinder nicht cis sind, dann ist das so. Und dann werden wir sie bestmöglich unterstützen, denn so ganz leicht ist es leider, wie eingangs beschrieben, nicht, wenn die Zuweisung nicht mit dem tatsächlichen Geschlecht übereinstimmt.

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