Breifreie Ernährung klingt gar nicht so kompliziert, wenn man sich an ein paar Dinge hält. Aber wie schafft man es auch in einem Kaffeehaus oder bei Freunden – ohne Hausverbot – das Kind gewähren zu lassen? Das – und wie sie es geschafft hat, dass ihr zweieinhalb-Jahre-alter Sohn mit Messer und Gabel umgehen kann, hat mir Kleinkindpädagogin Susanne Mierau vom wunderbaren Blog Geborgen Wachsen verraten. 

Früher war die Rede von Beikost, heute sprechen viele von Baby Led Weaning. Erklär doch bitte mal, was es auf sich hat mit der breifreien Ernährung?

Meine beiden Kinder sind beide breifrei aufgewachsen. Beide waren sehr unterschiedlich in dem, was sie wann gegessen haben, was ihre Lieblingsspeisen waren und sind. Aber sie haben beide mit großer Freude das Essen begonnen und als sinnliche Erfahrung wahrgenommen ohne Druck, ohne Tricks. Anfangs als Spiel, das immer mehr richtige Nahrungsaufnahme wurde.

Auch schon mit Besteck möglich

Babys brauchen Zeit, um in Ruhe ein Nahrungsmittel zu erkunden: Wie fühlt es sich an, wie hart oder weich st es? Wie berühre ich es? Wie kann ich es am besten in den Mund stecken? Wie fühlt es sich im Mund an, wie zerdrücke ich es? An jedem Nahrungsmittel gibt es viel zu entdecken. Dass Nahrung so lange im Mund des Babys hin und her gewendet wird, hat ebenfalls Vorteile: Im Speichel sind bereits Verdauungsenzyme enthalten, die schon mit der Verwertung des Essens beginnen.

Gill Rapley, Hebamme, Stillberaterin und Mutter von drei Kindern, hat den Begriff des “Baby-Led Weaning” geprägt. Wie sei selbst jedoch schreibt, hat sie nur dem einen Namen gegeben, was viele Eltern ganz natürlich mit ihren Kindern schon seit Generationen praktizieren: Das Kind ohne extra gekochten Brei an feste Nahrung heran führen. Auch Herbert Renz-Polster führt in seinem Buch “Kinder verstehen” aus, dass Kinder evolutionär betrachtet schon immer das aßen, was auf dem mütterlichen Speiseplan stand – und zwar entweder mundgerecht zerlegt oder vorgekaut. Dies hatte auch den Vorteil, dass das Kind den Geschmack der Speisen bereits über die Muttermilch vermittelt bekommen hat. Auch Skelettfunde sollen die These der gröberen Beikost untermauern: Erst ab dem 17. Jahrhundert sind Kieferfehlstellungen zu beobachten durch die zunehmend weichere Babykost.
Baby-Led Weaning geht davon aus, dass Babys sich mit dem, was sie brauchen, in gewissem Sinne selbst versorgen können. Vorausgesetzt wird, dass das Angebot, das sie von ihren Eltern erhalten, gesund und ausgewogen ist. Wird ihnen eine Auswahl an gesunden Nahrungsmitteln täglich angeboten, wählen sie selbst, was sie gerade benötigen. Vielleicht gibt es Phasen, in denen sie immer wieder ganz bestimmte Nahrungsmittel bevorzugen weil sie es gerade für die Entwicklung benötigen. Über einen längeren Zeitraum zeigt sich jedoch, dass bei einer breiten Auswahlmöglichkeit über die Zeit eine gute und vollwertige Ernährung erfolgt.

Dabei können sie nicht nur selbst das Essen auswählen, sondern die Fähigkeiten des Kindes sind auch den körperlichen Möglichkeiten angepasst: Natürlich können sich die allerkleinsten mit 6 Monaten noch an Erbsen und Rosinen verschlucken. Doch da sie in diesem Alter noch nicht fähig sind, solche Lebensmittel mit dem Pinzettengriff aufzunehmen, geraten sie auch nicht in die Gefahr. Haben sie den Pinzettengriff dann erlernt, können sie auch kleinste Nahrungsmittel erkunden. Baby-Led Weaning geht demnach von einem Zusammenspiel der Fähigkeiten des  Babys aus: Nur was es auch wirklich kann, soll es machen.

Und nicht nur jede Mahlzeit braucht ihre Zeit, sondern auch insgesamt verläuft die Entwicklung der Aufnahme der Nahrungsmittelmenge vielleicht langsamer als bei der Breikosteinführung. Auch dies ist jedoch ganz im Sinne des Kindes: Schließlich ist im ersten Lebensjahr das Hauptnahrungsmittel die (Mutter-)Milch. Rapley betont, dass die Menge der Milch zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat ungefähr gleich bleibt und das feste Essen nur langsam dazu kommt und zunimmt. Erst ab dem 9. Monat nimmt langsam die Milchmenge ab und die Menge an festen Lebensmitteln zu. Dabei gibt es auch bei der Beikosteinführung wie in der gesamten kindlichen Entwicklung immer wieder stärkere Entwicklungsphasen, die sich mit kleinen Pausen abwechseln – auch beim Essen gibt es also Entwicklungsschübe.

Ich kenne einige, die in den eigenen Wänden breifreie Ernährung praktizieren und in Restaurants dann doch auf das HIPP Gläschen ausweichen. Wie können Eltern das auch in Lokalen, oder bei semi-toleranten Bekannten, durchziehen – ohne gleich ein Hausverbot zu riskieren?

Ich finde es eigentlich gerade unterwegs sehr praktisch und habe meine Kinder auch in Restaurants und Cafés immer gut versorgt gewusst. So viele Sachen können einfach vom Teller mitgenascht werden und da das Essen auch oft schön arrangiert ist und die Eltern entspannt sind, können die Kinder gut auch mitessen. Wer sich zu große Sorgen macht, ob das Kind die angebotenen Speisen auch mag, kann natürlich in einem kleinen Döschen etwas mitnehmen wie Obst-oder Gemüsesticks oder etwas Brot. Bei meinen Kindern allerdings war es immer so, dass sie natürlich auch das Essen wollten, was auf meinem Teller lag – schließlich waren sie daran gewöhnt.

Was mich nachhaltig beeindruckt hat: Dein zweieinhalb-Jahre-alter Sohn isst mit Messer und Gabel. Wie habt Ihr das hingekriegt?

Es ist oft ein Vorurteil, dass Kinder, die breifrei mit dem Essen beginnen und deswegen mit den Händen essen, niemals mit Besteck essen können. Doch genau so, wie wir Eltern immer in allen Dingen ein Vorbild sind, sind wir es auch beim Essen und Kinder wollen ganz selbstverständlich auch irgendwann mit Besteck essen und fordern es ganz einfach ein. Zudem ist die Feinmotorik durch das Ausprobieren und Essen mit den Händen gut entwickelt, so dass es auch motorisch oft sehr schnell klappt, dass Kinder mit Besteck essen können.

Dein Mann twittert unter leitmedium über die Wichtigkeit von Kaffee und in Eurer Küche steht eine Kaffeemaschine für die man Kurse braucht: Wie handhabt Ihr das mit den Kaffeehäusern?

Wir kochen gerne gemeinsam zu Hause und gemeinsam bedeutet, dass auch die Kinder nach ihren Fähigkeiten daran beteiligt sind und mit Kindermessern auch Gemüse mitschneiden können. Der Sohn schneidet mit seinen 2,5 Jahren sehr gerne Tomaten für Salat oder Sossen zurecht. Aber mindestens ebenso gerne gehen wir auch mal ins Café zu einem schönen Frühstück oder in ein Restaurant essen. Es gibt sogar Lieblingsrestaurants, die die Kinder schon benennen, wenn sie gerne ausgehen möchten.

Während unsere Tochter von ihrem Temperament eher ruhig ist, ist der Sohn etwas stürmischer. Dennoch gehen wir gern zusammen aus und finden es meistens auch nicht schwierig. Wenn das Essen mal etwas länger braucht, kommt es auch vor, dass einer von uns Erwachsenen mit dem Sohn draußen noch eine kleine Runde dreht. Ansonsten unterhalten wir uns, spielen vielleicht ein kleines improvisiertes Spiel oder die Kinder können malen. Viele Restaurants, die wir besuchen, haben Malsachen für Kinder oder Brettspiele oder Bücher, um die Zeit zu überbrücken.

Der Lärmpegel von manchem Kindercafé, der strafende Blick auf das spaghettiessende Kleinkind und natürlich auch die vielen guten Dinge: Auswärts kann man vieles erleben. Welche Lokale in Berlin empfiehlst Du mit Kindern?

Ich bin generell keine Freundin von Kindercafés: ich finde den Lärmpegel oft zu hoch, die Kinder werden mit süßen Dingen gefüttert (die sich dann oft auf die Laune auswirken, weil die Kinder den Zucker nicht angemessen abbauen können), das Spielzeug ist oft kaputt oder es gibt nur billigen Plastikkram, wobei der Raum für Bewegung zu gering ist und das kulinarische Angebot beschränkt sich meist auf Sandwiches und Waffeln. Nichts, was ich als besonders ansprechend empfinde für mich und meine Familie.

Wir gehen daher lieber in „richtige“ Restaurants und Cafés, die oft irgendwelche Sachen für Kinder haben wie Papier und Stifte oder Bücher. Mein allerliebstes Frühstückslokal ist das A.Horn in Kreuzberg. Hier gibt es wunderbares Frühstück, die heiße Schokolade muss man probieren und für Kinder gibt es Malsachen.

Im Maru in Friedrichshain gibt es japanisch-koreanische Küche, die die Kinder und wir sehr lieben, da hier viele verschiedene kleine Sachen bestellt werden können und jeder etwas findet, das er mag. Für die Kinder gibt es Kinderstäbchen zum Essen – was für beide Spiel und Essen verbindet.
Italienisch essen gehen wir gern in der Osteria Nr. 1 in Kreuzberg, weil es dort einfach sehr schönes Essen gibt und die Kinder die Papiertischdecken mit Bleistift bemalen können. Sonntags ist dort das Essen für Kinder kostenlos.

Wenn es mal Fastfood sein darf, gehen wir ins The Bird, wo es auch Kinderburger gibt oder eben Pommes – aber natürlich nicht allzu oft.

Danke, liebe Susanne.

Hier schreibt Susanne über respektvollen Beikost-Start.