Heute erzählt Uta (BerlOndon-Mama) im Kultur mit Kind-Interview von ihrem Leben als deutsche Familie in London, wie sie mit Heimweh umgeht, womit sie in London oft aneckt und welche Entscheidung ein Mann, wenn die Familie ins Ausland geht, seiner Frau überlassen sollte.

Mit Eurem großen Kind habt Ihr schon in Hongkong gelebt, nun seid Ihr als vierköpfige Familie in London. Wie ist es dazu gekommen, und vor allem wie gefällt es Euch nun in London? 

Für mich war von Anfang an klar, dass unser Hong Kong Aufenthalt ein „vorübergehender“ sein würde. Mir war Hong Kong geografisch, klimatisch und kulturell einfach zu weit weg und die Zeitverschiebung, um nach Hause zu Telefonieren, hat mich total genervt.

Als wir uns entschieden haben, aus Hong Kong wegzuziehen (oder sollte ich sagen: als ich endlich meinen Mann überzeugt hatte, dass wir nach zwei Jahren lange genug in Hong Kong waren), standen für uns eigentlich nicht viele Städte zur Auswahl.

Nach Frankfurt wollten wir beide nicht zurück, obwohl es uns dort sehr gut gefallen hat.

Emotional und für meinen Mann auch beruflich wäre das irgendwie ein „Rückschritt“ gewesen. In Europa blieb dann außer London nicht mehr viel, weil er als Bankangestellter an die großen Finanzmetropolen gebunden ist. Aber das war auch ok. Ich hätte zwar auch nichts gegen Berlin gehabt, sehe aber auch ein, dass das derzeit noch nichts wird.

In London gefällt es uns sehr gut und wir planen sicher, mindestens fünf Jahre zu bleiben. London ist an sich ja schon sehr international, was mir gut gefällt. Und wo wir leben, gibt es auch viele Deutsche, was ich wirklich nett finde.

Ich finde es zumindest derzeit auch einfach spannend im Ausland zu leben, weil man mit viel offeneren Augen durch die Gegend läuft als in seinem Heimatland, wo man alles aus dem „FF“ kennt.

Es ist einfach toll, dass meine beiden Mädels (2 und 5) jetzt zweisprachig aufwachsen, wobei ich immer wieder über den britischen Akzent der Großen lachen muss! Ich weiß, dass sie mit dem Englisch, dass sie hier lernt, vor 20 Jahren in meiner Englisch-Klasse ausgelacht worden wäre, weil es sich einfach für den normal-sterblichen-Deutschen übertrieben anhört.

Wenn wir einmal nach Deutschland zurück ziehen, werde ich mich bei der Schulsuche auf jeden Fall informieren, welches Englisch (Britisch oder Amerikanisch) in der Schule gesprochen wird. Im Zweifelsfall müsste sie sonst auf eine Britische Schule gehen. Zum Glück befindet sich die Berlin-British-School aber ganz in der Nähe meiner Eltern, wo es uns sicher hinziehen würde, wenn wir nach Berlin ziehen würden.

Ihr seid wegen des Jobs Deines Mannes umgezogen. Wie sieht Euer Alltag dort aus? 

Ich arbeite erst seit sechs Monaten wieder. Davor habe ich nach der Großen und nach der Kleinen mal mehr, mal weniger an meiner Doktorarbeit „rumgedoktert“. Letztendlich habe ich mich aber entschieden, diese erst einmal auf Eis zu legen und mir wieder einen “richtigen Job” zu suchen. Nach 4,5 Jahren „nur zu Hause“ wurde es für mich Zeit, mal wieder raus zu kommen.

Wir haben nun ein deutsches AuPair, dass die sehr wichtige Aufgabe übernimmt, den Alltag mit den Kindern auf Deutsch zu gestalten. Meine Große ist kürzlich mit vier Jahren eingeschult worden und ist jetzt bis nach 15 Uhr in der Schule. Die Kleine hat nun auch gerade mit zwei Kindergartentagen die Woche angefangen. Ich arbeite nur vier Tage, so dass ich einen Tag mit der Kleinen und diesen einen Nachmittag auch mit der Großen verbringen kann. Soweit läuft es eigentlich ganz gut in unserem Alltag, auch wenn ich mit 10 Stunden an meinen Arbeitstagen schon sehr lange aus dem Haus bin.

Über die Einschulung meiner Großen habe ich mir keine Sorgen gemacht, weil sie ein wahnsinnig kontaktfreudiges Kind ist und sehr schnell Anschuss findet. Und sie spricht Englisch auch schon beinahe auf Muttersprachler-Niveau (in dem Alter gibt es ja sowieso noch größere Abweichungen nach unten und oben).

Beim Kindergartenstart der Kleinen habe ich mich schon gefragt, ob sie die Erzieherinnen überhaupt versteht! Sie ist zwar auch schon in London, seit sie vier Monate alt ist, allerdings ist sie auf einer „Deutschen Insel“ aufgewachsen: Wir – und zum Glück auch die Große – sprechen ausschließlich Deutsch mit ihr. Und wir besuchten eine deutsche Spielgruppe und einen deutschen Musikkurs.

Am Wochenende habe wir uns auch öfter mit deutschen Freunden getroffen. Deshalb war ich mir unsicher, in wie weit sie Englisch versteht. In der zweiten Woche habe ich zur Sicherheit mal die Kindergärtnerin gefragt. Aber sie meinte, dass meine Kleine alles versteht und auch Englisch spricht! Ich weiß zwar nicht, welche Worte das außer „My turn“ und „Dinner-Winner“, die unser altes AuPair zu Hause eingeführt hat, sein sollen, aber ok. Sie wird schon schnell Englisch lernen und eigentlich habe ich bei der Kleinen eher die Sorge, dass sie vielleicht keine große Motivation hat, richtig Deutsch sprechen zu lernen!

Wie sehr integriert Ihr die andere Kultur in Euren Alltag und was an Euch empfindest Du als typisch deutsch? 

Was mir bei den britischen Kindern unserer Gegend besonders stark auffällt ist, dass sie alle sehr gute Manieren haben. Die „British Politeness“ eben. Das erlebe ich so nicht unbedingt bei den deutschen Grundschülern im Berliner Westend. Wobei das ja eher noch ein Berliner Stadtteil ist, wo man zumindest etwas wohlerzogeneren Kindern erwarten könnte.

Überhaupt ist die Politeness etwas, an das ich mich gewöhnen muss. Ich bin eher immer vom Typ: Frei-heraus! Und wenn meine Kinder irgendwelchen Mist machen und mich auf die Palme bringen, dann „mecker“ ich eben auch mal bei Bekannten über sie. Das würden die Briten nie machen. Und überhaupt muss man hier manchmal vorsichtig sein mit dem, was man sagt. Kritik äußern kommt zum Beispiel gar nicht gut an.

Hier muss man alle mit sanften Pfötchen anfassen und wehe, man sagt was Schlechtes. Auch nicht im Job. Die BBC hat mal eine Reportage mit dem Titel „How to become a German“ gezeigt. Das war ganz interessant, denn so „merkwürdig“ die Briten das Verhalten der “Deutschen” manchmal empfinden, so sehr schätzen sie aber doch das Ergebnis am Ende des Tages. Bei uns ist halt vieles direkter und es wird nicht erst ewig um den heißen Brei geredet und ein Meeting mit Small-Talk eingeleitet. Bäm-Bäm-Fertig! So sollte das meiner Meinung auch sein.

Aber es gibt auch schöne klassisch “Britische” Dinge: Wir essen gerne morgens auch mal den klassischen Porridge, freuen uns darüber, dass der Rasen so schön grün ist und die Gummistiefel-Auswahl wirklich wahnsinnig groß ist :-). Dadurch, dass London so multi-kulti ist, haben wir mit sehr offenen Briten zu tun, die vielleicht ihre Traditionen durch den engen Kontakt zu “Auswärtigen” auch schon etwas unter den Teppich kehren. Wenn man mal aus London raus fährt, wird man schon viel mehr beäugt und mit größerer Skepsis behandelt. Von daher bin ich ganz froh darüber, dass wir da leben, wo wir leben.


Als Österreicherin, die in Berlin lebt, zieht es mich alle paar Monate in meine alte Heimat: Die Familie und auch Teile der Kultur. Wie geht es Dir da mit Deutschland? 

Wie man am Namen meines Blogs schon erkennen kann, bezeichne ich mich als Mama, die zwischen Berlin und London lebt. Ich habe vier Schwestern und einen Bruder, von denen bis auf eine Schwester alle in Berlin leben. Meine Eltern natürlich auch und zwar zusammen mit einem großen Heimtierzoo. Dieser zieht insbesondere meine Kinder an und auch ich genieße sehr unsere regelmäßigen Heimatbesuche.

Je nachdem, was ansteht, sind wir sicher drei-sechs Mal im Jahr in Berlin. Jetzt wird das natürlich alles etwas komplizierter, weil ich halt wieder arbeite und weil wir nun an die Schulferien der Großen gebunden sind. Aber zum Glück ist es ja jetzt im Gegensatz zu unserer Zeit in Hong Kong wirklich ein Katzensprung und so lohnt es sich im Zweifel auch mal, wenn man nur für ein paar Tage nach Hause fährt.

Berlin ist und wird für mich immer mein zu Hause sein und ich hoffe, dass wir irgendwann auch mal mit den Kindern dort leben werden. Wobei ich ein wenig befürchte, dass wir hier zwei kleinen „Weltbürger/bummler“ ranziehen, die es später selbst in die weite Welt ziehen wird. Eine Sache ist mir jedenfalls sehr wichtig: Ich möchte unbedingt, dass die Kinder sehr gut Deutsch lesen und schreiben können. Im Notfall müssen sie in die Deutsche Schule in Richmond /Westlondon gehen. Ich möchte mir später jedenfalls nicht vorwerfen, dass sie nicht in Deutschland leben/studieren können, weil wir es verpasst haben, ihnen das Lesen und Schreiben beizubringen!

Ihr seid auf unbestimmte Zeit in London, aber irgendwann möchtest Du zurück nach Berlin. Wie bereitest Du Deine Kinder auf diese mögliche Rückkehr vor?

Das muss ich bisher ja noch nicht. Zumindest zur Zeit sehe ich da überhaupt keine Probleme, sollte es mal soweit sein. Es ist eher so, dass wir sie schwer wieder nach London bekommen, wenn unsere Berlin-Besuche zu Ende gehen. Sie sind einfach so gerne bei meinen Eltern, den ganzen Tanten und Onkeln und den zwei Cousins und zukünftig auch zwei Cousinen. Manchmal frage ich mich, was wir den Kids damit antun, sie nicht dort aufwachsen zu lassen, wo sie es sich eigentlich wünschen würden. Aber wenn wir dann wieder in London sind, gefällt es ihnen auch wirklich gut. Und das Schöne ist, dass der nächste Flug in der Regel ja auch schon wieder fest gebucht ist.

Was machst Du gegen Heimweh?

Heimweh habe ich eigentlich seit wir in London sind gar nicht gehabt. Natürlich vermisse ich es, dass ich nicht alles zu Hause mitbekomme und da hilft auch der Whatsapp-Familienchat nicht.

Aber da ich hier wirklich zu jeder Tageszeit zum Telefon greifen kann und jemanden zu Hause erreiche (was in Hong Kong halt nicht der Fall war), ist das für mich ziemlich ok. Ich freue mich immer sehr auf unsere Berlinbesuche und darauf, meine beiden Neffen live zu erleben. Natürlich auch darüber, den Rest meiner großen Familie zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen. Da diese Besuche im Moment halt noch recht regelmäßig reinpassen, kommt bei mir kein Heimweh auf.

Die Kinder haben allerdings schon öfter mal eine “Art Heimweh” und sagen, dass sie nach Berlin wollen. Und sind nach der Rückkehr nach London erst einmal ein paar Tage durch den Wind und sind super vorfreudig in den Tagen, bevor wir heimfahren.

Was empfiehlst Du anderen Familien, die planen ins Ausland zu gehen? 

Mein wichtigster Tipp, den ich aus den beiden Auslandsaufenthalten gelernt habe ist, dass wenn der Mann arbeiten geht, der Frau die ALLEINIGE Entscheidung überlassen werden sollte, wenn es um die Auswahl der Wohngegend geht! Der Mann findet sehr schnell Anschluss im Büro und sein Leben geht sowieso schnell den “geregelten” Weg. Wenn sich die Frau allerdings in der neuen Umgebung nicht wohl fühlt, keinen Anschluss findet und nur zu Hause sitzt, hat keiner was davon. Zum Glück hat mein Mann das ähnlich gesehen und einen längeren Commute in Kauf genommen, damit es uns gefällt, wo wir leben.

Natürlich sollte insbesondere mit Kindern ein Auslandsaufenthalt gut geplant sein und man sollte sich zumindest etwas auskennen, was das Schul- und Gesundheitssystem angeht, wie hoch die Lebenshaltungskosten sind, wie sicher das Land ist, Passwesen, Steuern, Sozialsystem, etc. Auch sollte man sich vorher Gedanken darum machen, wie man mit Heimweh umgeht, wenn das auftreten sollte, und welche Rückkehr-Optionen es gibt. Mit schlimmem Heimweh ist nicht zu spaßen (ich habe erst neulich von einer Bekannten gehört, dass sich eine Mutter von drei Kindern, die vorher in unserer Londoner Gegend gewohnt hat und eine “Bilderbuch-Familie” hatte, nach Hong Kong gezogen ist und sich dort von einem Wolkenkratzer gestürzt hat – schwere Depressionen. Furchtbar, dass das keiner gemerkt hat.

Ansonsten würde ich Mamas immer empfehlen, Mitglied in den verschiedensten Facebook-Gruppen zu werden: “Expats in Hong Kong”, “SW19 Mums”, “Deutsche in London”, und wie solche Gruppen nicht alle noch heißen. Das hat mir in Hong Kong und in London sehr viel weitergeholfen und ich hatte schnell andere Familien kennen gelernt. Kinderkurse und Spielplätze sind auch immer super, um Anschluss zu finden. Wenn die Mama sich wohl fühlt, fühlen sich die Kinder wohl und das ist definitiv schon mehr als die halbe Miete,

Vielen lieben Dank für das Interview, Uta.

Die Bilder wurden freundlicherweise von Uta zur Verfügung gestellt.