Immer am Freitag gibt es die Familienrollen. Heute erzählt Tanja (bloggt auch auf chaoshoch2), warum klassische Familienvorstellungen nicht immer funktionieren, perfekte Planung nicht alles ist und wieso sie mit ihren Zwillingen heute alleine lebt. 

Auf Twitter war ich auf der Suche nach einer Mutter, die mit dem Kindsvater zwar zusammen ist, aber nicht mehr zusammen lebt. Wie kam es bei Euch zu dieser Konstellation? 

Wir sind zusammen gezogen als ich schwanger war. Als die Murmels 5 Monate alt waren, haben wir geheiratet. Wir hatten eigentlich ziemlich klassische Familienvorstellungen – Vater, Mutter, Murmels. Nur war von Anfang an klar, dass es bei uns nicht die klassische Rollenverteilung geben wird. Ich war die Hauptverdienerin und bin nach acht Monaten Elternzeit wieder arbeiten gegangen. Mein Mann wollte dann sechs Monate Elternzeit machen und nach der Eingewöhnung bei der Tagesmutter wieder arbeiten.

Wir waren der Meinung, wir hätten alles perfekt geplant!

Unsere Maus war von Anfang das, was man ein Schreikind – oder High-need-Kind – nennt. Es war selten einfach mit ihr und phasenweise hatten wir das Gefühl, sie hört gar nicht mehr auf ihren Unmut kund zu tun. Obwohl es auch für mich oft sehr anstrengend war, bin ich immer irgendwie klar gekommen. Mein größtes Problem war eher, dass ich Angst hatte, dass der Nasenbär untergeht bei so einer anspruchsvollen Zwillingsschwester.

Als ich dann wieder arbeiten gegangen bin, fing die Maus morgens an zu schreien, wenn sie wach wurde und ließ sich erst am Nachmittag von mir beruhigen. Die Nächte waren auch die absolute Katastrophe, da beide Kinder beschlossen haben, die Nacht als Spielzeit zu nutzen.

Wir sind beide völlig auf dem Zahnfleisch gekrochen! Am 2. Advent 2012 ist dann die Situation eskaliert. Der Murmelpapa hatte nicht mal mehr die Kraft, zu versuchen, die Maus zu beruhigen. Für mich war das unerträglich und wir sind darüber fürchterlich in Streit geraten. Als die Kinder irgendwann im Bett waren, teilte er mir mit, dass er das Geschrei keine Sekunde länger erträgt und ausziehen wird…

Plötzlich war ich die verlassene Ehefrau und Mutter OHNE KINDERBETREUUNG! Zum Glück habe ich die tollsten Eltern der Welt, die direkt in die Betreuung eingestiegen sind und uns für vier Monate Asyl gegeben haben.

Die Trennung bedeutete für mich den Umzug in die alte Heimat und die Vermietung meines Hauses. Alleine hätte ich es in meiner Wahlheimat nicht geschafft.

Ihr seid wegen der Depressionen Deines Mannes auseinander gezogen: Wie geht es Euch heute damit?

Spielzeit mit Papa.

Dass er tatsächlich unter Depressionen litt, wussten wir zum Zeitpunkt der Trennung nicht. Er hat sich komplett eingeigelt und war maximal via WhatsApp erreichbar. Es hagelte wüste Beschuldigungen und Vorwürfe. Es war eine schlimme Zeit. Ich saß mit den Murmels bei meinen Eltern im Gästezimmer und mein ganzes Leben und meine Zukunftspläne waren ein Trümmerhaufen.

Anfangs musste ich erstmal das Leben für die Murmels und mich neu sortieren und organisieren. Der Mann war fest entschlossen eine Therapie zu machen. Bloß leider gibt es für Kassenpatienten im Ruhrgebiet keine Therapieplätze.

Mittlerweile habe ich allerdings den Eindruck, dass der Mann die Situation – so wie sie ist – ganz ok findet und keine Veranlassung mehr sieht, etwas zu unternehmen.

Ohne Therapie werden wir nie wieder als Familie zusammen leben.

Das Risiko, wieder zu scheitern und wieder alles zu verlieren, ist mir definitiv zu groß!

Die Murmels kennen nur den aktuellen Status quo. Da sie noch keine zehn Monate waren, als wir uns getrennt haben, haben sie keine Erinnerung daran, dass wir mal eine „normale“ Familie waren.

Natürlich sehen sie, dass bei anderen der Papa immer da ist und bei ihnen nicht. Da meine Schwiegermutter oft die Hilfe meines Mannes braucht, gehen die Murmels aber davon aus, dass er wegen ihr nicht bei uns wohnen kann. Wir kennen aber auch heute schon Situationen, dass sie ihm erzählen, dass er ihnen gar nichts zu sagen hat und dass er zu sich nach Hause fahren soll!

Wie es mir damit geht, kann ich so konkret gar nicht sagen. Manchmal ist es für mich ok. Dann genieße ich es, abends meine Ruhe zu haben. Meistens macht mich gerade seine Untätigkeit und seine Zufriedenheit mit der Situation traurig und auch wütend!

Auch wenn er sich mit der Situation ganz wohl fühlt, für mich ist klar, dass es kein Zustand für die Ewigkeit ist! Ich weiß nicht, wie lange ich dieses Modell noch leben kann und leben will – aber definitiv nicht ewig!

Am stärksten wirkt diese unendliche Müdigkeit. Vereinbarkeit funktioniert für mich nur in Kombination mit abendlichen Home Office und der Haushalt wartet auch noch, wenn die Murmels schlafen. Wenn ich müde bin, bin ich launisch und unzufrieden…

Wie hat sich Eure Beziehung verändert?

Kuschelzeit mit Papa

Unsere Beziehung ist eine Achterbahn – immer abhängig von seinen Phasen und Befindlichkeiten und auch davon, wie gut ich damit gerade klar komme. In den letzten Monaten sind wieder einige Dinge passiert, mit denen ich gar nicht klar komme.

Paarzeit findet bei uns nur statt, wenn er da ist und die Murmels dann abends schlafen. Dadurch dass seine Mutter aktuell im Krankenhaus ist, muss er immer abends nach Hause, da die Katzen morgens und abends versorgt werden müssen. Da er 60 km von uns weg wohnt, entfällt somit Paarzeit, Redezeit, komplett.

Wir sind ein paar Stunden zusammen Eltern und dann geht er in sein Leben und ich bleibe 24/7/365 Mama…

Welche Rolle spielt Dein Mann im Alltag Deiner Kinder? 

Wenn es gut läuft, ist er mittwochs und an den Wochenenden bei uns. Er ist sowohl im Alltag der Kinder als auch für mich in der Planung meiner Arbeitszeit eine feststehende Größe.

Wir fahren auch wenigstens 1 bis 2 mal im Jahr zusammen als Familie in den Urlaub.

Schwierig für mich ist dabei, dass ich alles (Thema Alltag) planen und organisieren muss. Er ist dann da und das hat zu reichen – seiner Auffassung nach. Mir reicht das aber nicht! Einer meiner Standard-Vorwürfe im Streit lautet daher auch, dass wir das Familien-Ding gemeinsam wollten – eine gleichberechtigte Partner- und Elternschaft… und dass ich unsere gemeinsamen Pläne alleine „ausbaden“ darf.

Das ist keine Kritik an unseren Kindern oder an meiner Mutterschaft. Die Murmels sind und bleiben das schönste und größte Abenteuer meines Lebens. Das ist ein Vorwurf ausschließlich an den Murmelpapa und seiner mangelnden Bereitschaft, an dem Status quo was zu ändern.

Was unterscheidet Dich von alleinerziehenden Müttern ohne Partner? 

Ich weiß nicht, wie sich ein „anderes“ alleinerziehend anfühlt.

Wenn es dem Murmelpapa gut geht, haben die Murmels vermutlich mehr Papazeit als die Kinder anderer alleinerziehender. Ich habe betreuungsmäßig den Vorteil, dass ich nicht noch mehr Home Office am Abend machen muss, um meine Stunden für Vollzeit zusammen zu kriegen. Allerdings müsste ich als „anders“ alleinerziehende vielleicht auch weniger Rücksicht auf seine Befindlichkeiten nehmen.

Für mich ist das Familiengefühl im Urlaub am stärksten! Gerade dann habe ich die ganz starke Hoffnung, dass wir vielleicht doch irgendwann wieder richtig Familie sein können. Wenn wir so zusammen sind, fühlt sich alles richtig und leicht an!

Was wünscht Du Dir für Dich und Deine Familie für die Zukunft?

Ich weiß bis heute noch, warum ich ihn wollte – als Papa für meine Kinder und auch als Mann für mich! Natürlich gibt es immer noch den Wunsch nach einer richtigen Familie für uns.

Das wichtigste ist aber, dass die Murmels eine möglichst unbeschwerte Kindheit haben.

Ich habe vor längerem auf Twitter den Spruch gelesen, dass unser Alltag ihre Kindheit ist… Genau DAS führe ich mir regelmäßig vor Augen. Ich möchte nicht, dass die Kinder die Leidtragenden meines Hamsterrades sind!

Ich möchte, dass sie eine glückliche Kindheit erleben können – möglichst unbelastet vor unseren Problemen und Sorgen.

Vielen lieben Dank für Deine Offenheit, Tanja. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.