Warum sie als Mutter mehr zu sich gefunden hat, welche Probleme sie in ihrer Jugend hatte und wann sie die meisten Leute nicht mochten: Das und noch mehr erzählt mir die Berlinerin Jessi vom Blog Terrorpüppi in meinem wöchentlichen “Kultur mit Kind”-Interview.

Stell Dich doch bitte kurz vor.

Ich bin Jessi, 31 Jahre jung (oder alt – je nach Perspektive) und bin gebürtige Berlinerin. In Berlin bin ich wirklich geboren, aufgewachsen, hab hier auch noch studiert, schließlich meine Tochter geboren und ja was soll ich sagen: Ich bin immer noch hier und machen wir uns nix vor: Ich werde vermutlich auch in Berlin sterben.
Derzeit promoviere ich in der Soziologie Dank eines großzügigen Stipendiums. Wissenschaftlich beschäftige ich mich am liebsten mit Innovationen, privat wiederum werfe ich auch gerne mal einen Blick in die Vergangenheit und nicht nur in die Zukunft. Ich liebe Städtetripps und mag dabei nicht nur das Flair der Städte einhauchen, sondern auch deren Vergangenheit. Aber natürlich bin ich nicht nur unterwegs. Vielmehr liebe ich es auch einfach nur abzuhängen: Sei es in einem Café oder zu Hause auf der Couch. Zumal ich ein echter Serienjunkie bin!

Was für ein Mensch warst Du bevor Du Mutter geworden bist, und was von Deinem früheren Ich ist heute noch da? 

Als Mutter habe ich noch mehr zu mir gefunden. Ich weiß jetzt endgültig, was für mich zählt und wer ich eigentlich bin. In meiner Jugend war ich viel unzufrieden mit mir und strebte nach Bestätigung. Im Laufe der Jahre aber änderte sich das zunehmend. Immer mehr fand ich zu mir selbst, arrangierte mich mit meinen Macken und auch damit, dass ich – wenn ich für das eintrete, was mir wichtig ist – mich nicht alle lieben. Angeeckt bin ich eigentlich schon immer ein wenig. Schon in der Kindheit habe ich die Erfahrung gemacht, dass man mich mag oder eben nicht. Dazwischen gab es selten was. Leider mochten mich in der Schulzeit dann die meisten nicht. Im Studium aber hatte ich das tolle Gefühl erfahren, wie es ist, so akzeptiert zu werden wie ich bin. Ja die Studienzeit war eine wahnsinnig tolle Zeit, unglaublich intensiv. Rückblickend weiß ich gar nicht, wie ich das alles geschafft habe. Ich habe intensiv studiert, habe mir meine Brötchen mit Nebenjobs verdient und war verdammt viel feiern und unterwegs. Wenig Schlaf inklusive. Im Studium lernte ich beispielsweise auch Lesebühnen kennen und lieben oder gemeinsam mit Freunden am Lagerfeuer zu sitzen und dort zu singen und belanglos aber zugleich intensiv zu quatschen. Während meiner Studienzeit habe ich meine besten Freunde kennengelernt und natürlich den Papa der Terrorpüppi. Sie alle haben mich beim Werden und Sein begleitet und sie tun das auch heute noch.
Die Mutterschaft lässt mich nun als Menschen nur noch mehr in mich selbst ruhen. Wirklich verändert habe ich mich eher nicht, nur weniger Partys sind zu verzeichnen. Okay und ich häkel plötzlich und heule schneller bei Filmen oder Dokus (oder Radioberichten oder Nachrichten…). Und ehe ich es vergesse: recht kurz nach der Geburt begann ich auch mit dem Bloggen. So richtig intensiv betreibe ich das aber erst seit kurzer Zeit und was soll ich sagen: Ich liebe es. Dass ich so gerne schreibe, wurde mir erst während des Bloggens bewusst und ich hab noch so viel zu sagen. So viele Erinnerungen und so viele noch nicht stattgefundene Alltagsanekdoten mit der Terrorpüppi wollen noch verbloggt werden!

Wie sieht Euer idealer Sonntag aus?

Idealerweise schläft die Püppi wenigstens bis acht Uhr, weil vorher mag ich einfach nach wie vor nicht aufstehen. Glücklicherweise schläft sie seit etwa zwei Wochen tatsächlich bis etwa acht, aber machen wir uns auch hier nichts vor: Das ist auch wieder nur eine Phase.
Gut, also ganz entspannt aufstehen. Dann macht der Mann des Hauses Pancakes für uns, die ich mit ordentlich viel Ahornsirup vertilge. Anschließend schön entspannt erst einmal duschen und die Wickeltasche sowie den Rucksack packen – denn an einem idealen Sonntag (quasi immer) machen wir einen Ausflug. Nicht selten geht es in den Berliner Zoo (haben Jahreskarten), aber auch genauso kann es auf eine Alpakafarm, aufs Tempelhofer Feld, zu Oma und Opa, zum Grillen bei Freunden, in den Grunewald, auf Spielplatz-Exkursionen oder Stadtteil-Feste gehen. Sobald die Püppi noch ein klein wenig älter ist, hoffe ich auch mal auf das Spektrum (beim Technikmuseum) oder das Kindertheater. Nicht zu spät geht es nach einem solchen Ausflug idealerweise nach Hause, damit die Püppi rechtzeitig zum Tatort schläft!

Abends unterwegs sein funktioniert bei Euch derzeit nur getrennt, mit einem super Babysitter oder ganz anders?
Sowohl als auch. Schon während des Mutterschutzes habe ich mich allein aus dem Haus gewagt, weil ich sonst den Lagerkoller bekommen hätte. Ich traf mich dann mit Freunden in der Nähe für kurze Zeit und tankte Kraft. Außerdem sind mein Männe und ich begeisterte Fans vom Basketballverein ALBA Berlin und hatten vor und nach der Geburt zunächst noch Dauerkarten. Da sind wir dann trotz der Püppi sehr oft noch hingegangen, mal getrennt, mal aber auch zusammen. Momentan haben wir leider keine Dauerkarte mehr, weil es doch zu stressig wurde, aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben!
Sogar im Säuglingsalter wegzugehen, war uns übrigens möglich, weil meine Mutter sich die Betreuung eines Säuglings zugetraut hat und wir ihr voll und ganz vertraut haben. Vertrauen tun wir ihr heute natürlich auch noch vollends, sodass uns alle paar Monate sogar eine sturmfreie Bude beschert wird. Mittlerweile passt auch alle paar Wochen eine gute Freundin auf die Maus auf, sodass wir auch dadurch mal gemeinsam ins Kino können.

Zugegebener Maßen gehen wir aber trotz der vorhandenen Babysitter häufiger getrennt als gemeinsam weg. Einfach, weil sich vieles spontan ergibt und auch jeder auch Zeit für sich selbst braucht. Manche Sachen aber, die sich spontan ergeben, ziehen wir dann auch einfach als Familie gemeinsam durch und wir gucken mal, ob und wie es funktioniert. Einmal waren wir beispielsweise spontan abends mit unserer Tochter, da war sie vielleicht sieben oder acht Monate alt, auf dem Tempelhofer Feld. Fast wie in den guten alten Studienzeiten haben wir mit einer Meute von Leuten gegrillt und waren einfach nur gut drauf. Die Püppi hatten wir einfach vor Ort bettfertig gemacht und in ihren Kinderwagen schlafen gelegt. Wäre sie nicht eingeschlafen, wäre ich mit ihr nach Hause gedüst, aber sie hat geschlafen – tief und fest. Auch den gesamten spätabendlichen Nachhauseweg hat sie gepennt. Damit sie nicht wach wird, haben wir den Kinderwagen schließlich zu zweit bis zu uns in den 3. Stock getragen und konnten sie so direkt in unser Bett umbetten. Der ganze Abend war wirklich sehr entspannend und das alles ohne große Planung. Es fühlte sich ganz natürlich an. Die Terrorpüppi war mittendrin und trotzdem konnten wir uns nach ihren Bedürfnissen richten.

Was funktioniert bei Euch als Familie besonders gut, und wofür suchst Du vielleicht noch eine Lösung?

Ich bin sehr zufrieden mit den Lösungen, so wie wir sie bisher für uns gefunden haben. Höchstens eine Putzfrau würde ich mir noch wünschen, damit wir unsere freie Zeit nicht für sowas, sondern für uns nutzen können – sie es als Familienzeit, Paarzeit oder temporäre Single-Zeit.
Vielleicht hätte ich dann auch endlich mal wieder Luft und Kraft für ein gutes Buch. Die Bücher verstauben nämlich seit der Geburt unserer Tochter!

Meine Lieblingsfrage: Wie entspannst Du?

Im normalen Alltag, wenn ich der Püppi in stressigen Momenten nicht so recht entfliehen kann, dann reiche ich sie einfach an ihren Papa weiter und verbarrikadiere mich für einige Minuten im Badezimmer. Ja das Bad ist mein liebster Ort mittlerweile. Das stille Örtchen offenbart echt ganz neue Dimensionen.
Abgesehen davon bin ich froh, dass sich inzwischen abendliche Routinen ergeben haben und die Püppi regelmäßig bis spätestens halb neun, oft auch schon halb 8 schläft. Auf diese Weise haben wir jeden Abend etwas Zeit für uns. Auch hier gilt wieder: mal Paarzeit, mal Single-Zeit und leider oft auch Arbeitszeit. Was mich angeht: Ich brauche eine gewisse Grundentspannung, um überhaupt mit Mann und Kind entspannt Zeit verbringen zu können. Dementsprechend versuche ich mir im Alltag kleine Inseln der Entspannung zu verschaffen. Meist bedeutet das aber lediglich schnöde abends noch eine Runde Lieblingsserien gucken oder morgens eine halbe Stunde länger zu Hause zu bleiben, wenn die Püppi schon in die Kita gebracht ist, und einfach ganz in Ruhe einen Kaffee zu trinken.

Dankeschön. 

Die Bilder wurden freundlicherweise von Jessi zur Verfügung gestellt.

 

Ihr habt auch ein Kind, interessiert Euch für Kultur und möchtet darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.
 
Nicole vom Kinderbekleidungs-Label Emma und Käthe: “Mein Mann und ich sind ziemliche Spießer”.
Alu und Konstantin vom Familienblog Grosseköpfe: “Wir partizipieren anders, aber nicht weniger”.
Andrea vom Runzelfüsschen-Blog: “Liebeserklärung an das Lesen”.
Susanna vom Babyplausch-Blog: “Interview mit einer Berliner Bloggerin”.
Erotik-Autorin Andrea Blumbach: “Der Vorteil von Schubladen”.