Symbolbild. frei pixabay.

Am 27. Juni 2015 ist wieder Christopher Street Day in Berlin und es gibt es Paraden dazu. 

Wie der Alltag einer fünfköpfigen Regenbogenfamilie 2015 in Berlin aussehen kann, darüber habe ich mit Martina* gesprochen.  


Du und Deine Frau habt gemeinsam drei Kinder: Auf welche Schwierigkeiten seid ihr bei der Familienplanung gestoßen? 

Die noch immer unklare rechtliche Lage macht es für lesbische Paare in Deutschland schwierig, einfach zur Kinderwunschklinik zu gehen. Die offiziellen Richtlinien sehen vor, dass alleinstehende Frauen und Frauen in lesbischer Partnerschaft nicht mit Fremdsperma behandelt werden dürfen. Wenn man sucht, wird man sicher den ein oder anderen Arzt finden, der trotzdem hilft. Selbstverständlich wird das aber nicht von der Krankenkasse bezahlt. Die meisten Paare, die ich kenne, gehen deshalb zur Behandlung ins Ausland. Nach Dänemark zum Beispiel, wo die Storkklinik schon vielen lesbischen Paaren geholfen hat. Auch uns. Andere Paare gründen 4-Eltern-Familien, das heißt sie tun sich mit einem schwulen Paar zusammen und zeugen per Bechermethode ein Kind. Ganz vereinzelt gibt es Frauen, die einen Samenspender auf einer der zahlreichen Spenderseiten im Internet suchen und finden, aber dieser Weg wäre mir persönlich zu risikoreich.

Eine fünfköpfige Familie, die mit Ausnahme eines kleinen Mannes, nur aus Frauen besteht. Wie reagiert Euer Umfeld auf Euch als Familie? 

Wir leben in Berlin, hier sind Regenbogenfamilien total normal. Ich habe bisher nur positive Reaktionen erlebt, von der Entbindung im katholischen Krankenhaus, in dem uns alle liebevoll umsorgt haben bis hin zur Adoptionsrichterin, die unseren “Fall” schnellstmöglich durchwinkte. Ich kann mich wirklich an keinen einzigen Fall erinnern, in dem negativ auf uns reagiert wurde. Wir sind für unser Umfeld eine ganz normale Familie.

All Eure drei Kinder sind vom selben Spender, wird dieser eine Rolle spielen im Leben Eurer Kinder?

Sie sind von einem anonymen Spender, das heißt, eine Rolle kann er erst einmal nicht spielen. Sie wissen schon seit jeher, dass sie statt eines Papas einen Spender haben und das wir nicht wissen, wie er heißt und wo er wohnt. Sie wissen aber auch, dass sie mit spätestens 18 Jahren Einsicht in die Akten haben können, um Kontakt zu ihm aufzunehmen. Das war mir sehr wichtig, denn er ist immerhin ihre zweite genetische Hälfte. Zu sehen, wo habe ich diese Haare her oder meinen Hang zum Fallschirmspringen, ist für Kinder sehr wichtig. Wir sprechen sehr positiv vom Spender und sind ihm sehr dankbar, dass er uns dieses Geschenk gemacht hat. Wir haben ihm sogar in der Geburtsanzeige in der Zeitung gedankt.

In Eurem Haushalt leben mit Ausnahme Deines kleines Sohnes nur Frauen, wie geht Ihr damit um, wenn Euer Sohn auf der Suche nach einem männlichen Vorbild ist?

Genauso wie alle Jungs, die ohne Vater aufwachsen, nehme ich an. Das passiert ja nicht nur in lesbischen Familien, dass der Vater abwesend ist. Denk mal an die Kriegsgeneration, deren Väter gefallen sind…
Unser Sohn hat zwei Patenonkel, einen Erzieher in der Kita, drei aufmerksame, nette männliche Nachbarn, zwei Opas, zwei Onkel, die alle sehr eng in unserem Leben verwoben sind. An männlichen Vorbildern mangelt es ihm nicht, würde ich sagen.

Müssen sich Eure Kinder bereits erklären, dass Ihr ein anderes Modell lebt, oder ist das in Berlin gar kein Thema? 

Als die Kinder in die Kita kamen, war es kurz Thema. Die anderen Kinder der Gruppe fragten, ob sie keinen Papa haben. Da wurde dann eben kurz erklärt, dass sie keinen Papa, aber einen Spender haben und mit Mama und Mami leben. Damit war es dann auch schon gut. Das war einfach kindliche Neugier, die ist ja total berechtigt. Mittlerweile spielen die Kita-Kinder gerne auch Mami-Mama-Kind oder die kleine Greta überlegt sich, dass sie lieber Charlotte statt Matteo heiraten möchte. Sie haben es also ganz normal in ihr Weltbild aufgenommen.

Zu guter Letzt finde ich vor allem spannend: Was ist bei Euch “anders” als bei anderen Familien? 

Nichts. Bei uns ist alles so wie bei euch, vermute ich. Das, was “anders” ist, ist doch nur persönliche Vorliebe, die in Heterofamilien genauso vorkommt. Ich koche und backe gern, hasse aber Aufräumen. Also macht meine Frau, nachdem ich gekocht habe, das Chaos wieder sauber und nicht ich. Dafür plant sie unseren Sommerurlaub, weil ich dazu nicht geduldig genug bin. Preise zu vergleichen oder Bahntickets zu kaufen, das ist nicht mein Ding. Aber ich liebe es, die Abflussrohre unterm Waschbecken aufzuschrauben und den Dreck da rauszupulen. Das macht mir nichts aus. Mir jagt es aber Schauer über den Rücken, wenn ich Fingernägel schneiden muss. Ich hasse das Geräusch und das Gefühl. Deshalb macht das meine Frau bei unseren Kindern. Ich dagegen wasche ihnen die Haare, weil ich das besser kann und die Kinder keinen Schaum in die Augen bekommen. Dafür gehen sie zu ihr, wenn sie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen wollen, denn ich finde Brettspiele total langweilig. Ich dagegen gehe jeden Tag nach der Kita mit ihnen ins Freibad, um Schwimmen zu üben – meine Frau würde im Wasser erfrieren, aber mir macht das Spaß. Ich mähe den Rasen im Garten, sie bohrt Löcher in die Wände. Ich wasche Wäsche, sie hängt sie auf und legt sie trocken ordentlich zusammen. Ich kaufe die Klamotten der Kinder ein, sie weiß nicht mal, welche Größen sie tragen. Dafür ist sie sehr organisiert, packt am Wochenende alle wichtigen Sachen, inklusive geschmierte Brote und Wasser, ein, während ich schon froh bin, wenn ich nicht meine eigene Jacke vergesse. Oder mein Handy. Oder mein Geld. Oder eins der Kinder…. Du siehst – alles total normal bei uns.

Dankeschön für den Einblick in Euer Leben, Martina.

*Martina – heißt im wirklich Leben anders. Sie hat mir auf ihren eigenen Wunsch hin, die Fragen anonym beantwortet. Im realen Leben spricht Martina ganz offen über ihre Familiensituation. Ihre Familie möchte nur aus dem Internet rausgehalten werden.