Noch keine 30 und dann plötzlich Teenie-Mum. Wie es dazu gekommen ist und über ihren liebevollen Umgang damit, erzählt mir JeSsi von feiersun.de in den neuen #familienrollen. Als ich sie um das Interview bat, sagte sie gleich zu, denn für sie gilt: “Anders ist nichts Schlechtes, es ist nur nicht ganz normal”.

Dein Blog erzählt von Deinem Leben als “andere Familie”. Neben Deiner entzückenden Tochter, die im Blog Motte heißt, Dir und Deinem Mann, gibt es noch einen großen Jungen. Wie kam es dazu, dass Du plötzlich Teenager-Mutter wurdest? 

Der große Junge lebt seit nun bald zwei Jahren bei uns. Der Mann kennt ihn schon seit seiner Geburt und ich ihn nun auch schon Ende des Jahres seit zehn Jahren, denn es ist der Neffe meines Mannes. Schon lange lief in der Familie etwas sagen wir ungerade. Aus Respekt werde ich nirgendwo den einen (den einen gibt es nebenbei gesagt auch nicht) Grund nennen, warum es so kam. Das ist dem Jungen dann zu privat und ich hab die Funktion ihn zu schützen. Aber sagen wir so viel: seit vielen Jahren läuft etwas ungerade und wenn zwei Jungs dann in die Pubertät kommen, dann bäumten sie sich auch schon mal gegen den Vater auf, der seit Jahren diese ungeraden Wege und Vorgaben in die Familie malträtierte. Eines Abends klingelte dann das Telefon, ob man die Jungs (der große Junge hat noch einen mittlerweile volljährigen Bruder, der aber schnell in eine eigene Wohnung kam und nun seine Karriere beim Bund beginnen wird) zu uns bringen dürfe oder in die Notstelle bringen solle. Natürlich konnten sie zu uns kommen. Der Abend war lang und der nächste Morgen führte uns dann direkt zum Jugendamt. Schnell war der Wunsch da, dass unser großer Junge bei uns bleiben wollte und nach einem knappen halben Jahr konnten wir uns “Pflegeeltern in der Verwandtenpflege” nennen.

Ganz selten schreibst Du von der leiblichen Mutter, bei der der Junge nun nicht mehr wohnt. Du wirkst, verständlicherweise, dabei wütend. Das ist der Junge sicherlich auch. Wie geht Ihr mit dieser Wut um? 

Meine Unverständnis ihr gegenüber liegt sicherlich auch etwas in meiner eigenen Geschichte und verstärkt sich dadurch, dass ich einfach ein ganz anderer Mutter-Typ bin. Ich würde mich niemals für einen Mann und gegen mein Kind entscheiden  – aber auch das ist ja leider nicht bei allen Menschen gegeben, sonst gebe es sicherlich weniger zerrüttete Familie und schwache Frauen.
Was den großen Jungen angeht, ist an folgendem Zitat etwas dran: “In den Augen eines Kindes ist die Mutter Gott” (Silent Hill). Es ist einfach so normal, dass er sie immer wieder in Schutz nimmt und so unendlich viel Verständnis für sie versucht auf zu bringen. Das bringt mein Herz zum Glühen und Zerreißen zugleich. Zum Glühen, weil ich sehe wie stark das Band eines Kindes zur Mutter sein kann, und zum Zerreißen weil sie diese Stärke leider nicht zurück geben kann und in diesem Konstrukt doch eigentlich die Starke sein sollte. Natürlich ist er sehr enttäuscht von ihr und ja wir hatten, ganz teenager-like, auch schon Situationen mit Gelegenheiten und Enttäuschungen und dann kam der Alkohol und das sich Profilieren unter den Jugendlichen. Das hat mir große Angst gemacht, aber das mussten wir dann ganz klar handeln. Da war eine gewisse Gefahr gegeben, dass sich das manifestieren könnte. Nun ist es wieder ein Weilchen ruhig gewesen – es war aber eben auch ein Weilchen nur minimaler Kontakt (und ich bin total für Kontakt, ganz klar und würde mir für den Großen sogar mehr wünschen, doch leider scheint das ein Riesenproblem für sie zu sein: Diese Termine einzuhalten mit ihrem Sohn).

Du schreibst immer von Deinen Kindern. Was war der Moment, in dem Du den großen Jungen als Dein Kind gesehen hast? 

Der genaue Moment in dem mir mein Herz die Mutterschaft mit Karacho um die Ohren zimmerte war, als der große Junge im OP lag. Er hatte sich, ganz typisch für einen Fußballer, das Kreuzband gerissen und das wurde nun operiert. Eine Routine-OP, dass wusste ich auch. Aber diese Momente in denen ich wartete, dass ich endlich zu ihm konnte, die haben mir ein Gefühl ins Herz getrieben, welches ich schon lange kannte und welches auch für ihn schon da war, doch in diesem Moment des Warten hatte ich erst die Ruhe es zu zulassen: Liebe! Die letzten beiden Jahren waren so hart und in diesem Moment in dem ich nur an ihn und meine Sorge dachte, in diesem Moment schlich sich auch eine gewisse Ruhe ein, denn ich war nicht in der Lage etwas zu tun (ich schmiss alle Rechnungen vom Schreibtisch, weil ich achtmal die gleiche Zahl falsch eintippte). In diesem Moment wurde mir bewusst, was ich fühlte und das war die Liebe einer Mutter. Einer etwas anderen Mutter – ich war vollkommen übermannt.

Wie gestaltet sich das Familienleben der beiden Kinder, die plötzlich Geschwister wurden?

Das Verhältnis der beiden ist unbeschreiblich schön! Der Große, der immer schon ein väterlich-freundschaftliches Verhältnis zu meinem Mann hatte, sagte recht zum Anfang mal: “Ich möchte irgendwann einmal alles was Ronny (JeSsis Mann) mit mir gemacht hat, an die Motte weiter geben” – wir hatten beide ein Strahlen in den Augen. Natürlich hat der Große nicht immer Bock – hey er ist sechzehn und sie bald vier – aber er beschäftigt sich immer wieder mit ihr. Nimmt sie zu sich und macht ihr ihre Lieblingsmusik an. Schaut Bücher mit ihr und baut die tollen Lego-Duplo-Konstrukte der ganzen Familie (witzigerweise ist es sogar noch sein Duplo, welches sie von ihm und seinen Bruder erben konnte).
Die Motte hat schnell gesagt – gerade als sie in den Kindergarten kam – “das ist mein Buder-Seng”(Bruder-Cousin). Zwischenzeitlich wollte sie ihn immer in meinen Bauch stecken, damit er ihr “richtiger” Bruder wird. Und heute sagt sie “…. ist mein Bruder, mein Pflegebruder der nicht im Mamas Bauch war, aber mein liebster Bruder, den ich lieb habe!”

Nun bist Du selbst noch keine 30 und plötzlich Teenager-Mutter. Gibt es da manchmal Schwierigkeiten, oder verstehst Du in auf Grund der geringeren Altersdistanz vielleicht besonders gut?

Ich bin im letzten September 30 geworden – aber als er kam war ich noch keine 30 (eigentlich viel zu Jung für ein so großes Pflegekind, aber hier ging einiges in anderen Bahnen als es “eigentlich sollte”). Ich würde sagen, sowohl als auch. Ich kann mich wohl am besten erinnern, wie das war, bei mir ist es ja nicht so lange her, jedoch denke ich das ein Verständnis nicht allein daher kommt, sondern auch weil ich einen ähnlichen Weg gehen musste. Ich hab mit 13 Jahren mein Elternhaus verlassen (müssen) und wurde so viel zu schnell erwachsen. Ich hätte mich wahnsinnig gefreut, wenn jemand aus meiner Familie solche in Engagement für mich aufgebracht hatte. Aber mein Glas ist halbvoll und so kann ich vieles nachvollziehen. Ich differenziere aber auch ganz klar, wenn etwas nicht geht. Ich bin die Konsequentere, trotz des gemeinsamen Weges, und ich weiß das gerade Kinder, wie er, ganz klare Strukturen und Grenzen brauchen. Das gibt ihnen Halt und Sicherheit!

Was wünscht Du Dir in Zukunft für Deine Kinder?

Ich wünsche dem großen Jungen nun nach seinem erfolgreichem Schulabschluss, mit dem besten Zeugnis seiner ganzen Schullaufbahn, dass seine Ausbildung genau so wird, wie er sich das vorstellt. Er hatte großes Glück und durch Engagement doch noch seinen Ausbildungsplatz in seiner Traumfirma zu bekommen.
Dass ich mir derartigem Stolz im Jahre 2015 schon in Berührung kommen werde, das hab ich mir vor drei oder vier Jahren auch nicht gedacht.
Der Motte wünsche ich, dass sie weiterhin mit all ihrem Herzen bei der Sache ist. Dass sie ihre kindliche unschuldige Sichtweise auf die Welt niemals verlieren wird, und vielleicht sogar aus der natürlich nicht immer einfachen Konstellation unserer Familie profitieren wird, was das Geben und Empfinden von Liebe und Familie angeht.

Die Bilder wurden freundlicherweise von JesSi zur Verfügung gestellt.

Jeden Freitag wird hier nun ein Interview zum Thema “Außergewöhnliche Familienmodelle” unter dem Schlagwort #familienrollen. Ihr kennt auch jemanden auf den das zutrifft, habt selbst eine Geschichte oder eine Idee, was Ihr unbedingt mal gerne lesen möchtet? Dann schreibt mir unter fruehesvogerl@gmail.com.