Einer meiner liebsten Bloggerinnen ist Rike von Nieselpriem. Im Geburtstagsmonat August schreibt sie über Abstandsbetrachtungen, und wie sich das so anfühlt zwei Kinder im Abstand von 13 Jahren zu haben. 

Rike und ihr kleiner Sohn

Es gibt Menschen, die planen ihre Kinder. Zwei Jahre soll ein guter Abstand sein, hab ich gehört. Dann könnten sie miteinander spielen. Und man ist noch „drin“ in der Materie. Andere bekommen um die Einschulung des ersten Kindes ein weiteres, damit sie das erste Schuljahr daheim sind und den ABC-Schützen intensiv begleiten können.

Wieder andere kriegen ihre Kinder nach dem Zufallsprinzip. Anscheinend.
Bei uns in der Familie sind große Altersabstände mehr Regel als Zufall. Zwischen meinem Vater und seiner jüngsten Schwester liegen vierzehn Jahre, zwischen mir und meiner Schwester zehn. Zwischen dem Bärtigen und seinem Bruder neun Jahre und zwischen unseren eigenen Söhnen dreizehn.

Meine Schwiegermutter und ihre jüngste Schwester trennen sogar achtzehn Jahre und sie war zeitgleich mit ihrer eigenen Mutter schwanger (Tante und Neffe sind quasi gleichalt).

Ich glaube, in jedem dieser Fälle war „Planung“ das letzte, was zu dieser Konstellation geführt hat. Unfall, Zufall, Glücksfall? Glücksfall möchte ich sagen. Zumindest für mich.

Wenn ich behaupte, mein Vater hatte von all seinen Geschwistern das innigste Verhältnis zu seiner kleinsten Schwester, dann meine ich nicht, dass er die anderen nicht mochte oder liebte. Vielmehr war da in seinem Blick immer noch etwas anderes: Stolz und sowas Ähnliches wie Vaterliebe. Auch wenn der Angetraute von seinem Bruder spricht, zeigt sich eine ganz besondere Beziehung. Ganz viel Bewunderung schwingt in seiner Stimme. Der Bärtige ist der Kleinere von beiden und weiß noch heute, wie er morgens mit all seinen Kuscheltieren zu seinem Bruder ins Bett kroch und sich von diesem kraulen und schmusen ließ. Wie sehr er zu ihm aufgeblickt hat. Sich von ihm beschützt und angespornt fühlte.

Ich bin die Ältere von uns beiden Schwestern. Ich hatte mir wirklich jahrelang sehnsüchtig ein Geschwisterchen gewünscht. Ich weiß noch ganz genau, wie meine Mutter mit einem Kopfkissen unterm Arm schwerfällig zu meinem Vater ins Auto stieg am Tag der Niederkunft. Ich stand am Fenster und beobachtete alles. Und wartete. Und wie ich dann später auf den Balkon rannte und den Nachbarsfrauen, die ihre Wäsche im Hof aufhängten, zubrüllte: „MEINE SCHWESTER IST DA! ICH HABE EINE SCHWESTER!“. Ich weiß noch, wie meine Mutter mir eine Woche später die Tür öffnete, als ich aus der Schule kam. Was sie anhatte (ein weites indisches Kleid) und dass ich ihr eine Kekspackung von meinem Taschengeld gekauft hatte als Geschenk.

Wie ich aufgeregt die Hände waschen musste um dann endlich (ENDLICH!) das Schwesterchen angucken zu dürfen. Wie die Kleine da lag im Bett meiner Eltern, in der Besucherritze. Schwarze Haare, wie ein Hahn in der Mitte nach oben gekämmt. Eine Haut, als käme sie gerade aus dem Urlaub im FDGB-Heim in Bulgarien („Rike, das kommt davon, weil ich so viel Möhrensaft in der Schwangerschaft getrunken habe!“, erklärte meine Mutter). Das war alles so aufregend! Und später bin ich stolz wie Oskar mit dem Kinderwagen im Wohngebiet rumgecruist. Angegeben habe ich. Und wie! Und alle waren sie neidisch. Niemand hatte so eine hübsche kleine Schwester wie ich. Alle hatten nur doofe Brüder, die ihnen an den Haaren ziepten und mit denen man immer alles teilen musste. Oder zänkische Schwestern, die alles besser wussten. Ich war ein echter Glückspilz! Und natürlich kroch sie später jeden Morgen mit ihren Stiften, Büchern, Teddys und Kram zu mir unter die Decke und spielte mich wach. Ich liebte sie innig. Keinen Wunsch konnte ich ihr abschlagen. Okay, manchmal habe ich auch ausgenutzt, dass sie so winzig war und keine Ahnung hatte. Ich habe ihr immer die Kinderriegel aus dem Westpaket abgeluchst und behauptet, die Blockschokolade, die ich hätte, wäre sowieso viel leckerer (Bei West-Schokolade hörte nicht nur jede Freundschaft auf, sondern auch jegliche Blutsverwandtschaft! Also bei mir.).

Trotzdem glaube ich, das Besondere an Geschwistern mit so großem Altersunterschied ist das Fehlen einer Rivalität. Also so, wie man das unter Geschwistern natürlicherweise kennt. Das Buhlen um Mutters Liebe, Vaters Lob. Die längere Zeit auf dem Schoß, sowas. Neid auf Spielsachen gibt’s natürlich auch nicht. Oder auch die völlige Abwesenheit eines Entthronungstraumas. Das Nesthäkchen wird vom Geschwister so innig geliebt wie von den Eltern und gar nicht als Rivale wahrgenommen.

So erlebe ich es auch bei meinen eigenen Kindern. Der Große liebt den Kleinen so abgöttisch und begegnet ihm mit einer solchen Hingabe und Geduld, dass mir das Herz überläuft. Nie, nicht ein einziges Mal in den vergangenen zwei Jahren hat er mal gesagt: „Boah, der nervt!“. Und das dürfte er sagen! Der nervt ja auch manchmal. Nein, der Große ist nie genervt. Und der Kleine hängt jetzt schon mit einer ganz besonderen Anhänglichkeit an seinem Bruder. Der erste Weg morgens ist der in dessen Zimmer, rauf aufs Bett und ordentlich anschmusen. Der erste Mensch, den er in seiner Familie geküsst hat, war sein Bruder. Und lange Zeit war das auch ausschließlich ein Bruderprivileg!

Nachmittags fragt er in halbstündlichen Abständen durch fragendes Rufen des Namens, wann denn der Bruder endlich aus der Schule kommt. Um ihn dann anzuhimmeln, extra Quatsch zu machen, um ihn zum Lachen zu bringen und dergleichen mehr.

Des Kleinsten liebste Freizeitbeschäftigung ist das Ansehen von Videos, die der große Bruder gedreht hat und wirklich das Allergrößte, wenn er auf dessen Schreibtischstuhl sitzen darf. Dann schaut er ernst und klackert auf der Tastatur herum mit seinen kurzen Babyfingern und bewegt angelegentlich die Computermaus hin und her. Wie der Große!

Geschwisterliche Bürotätigkeiten

Als ich meine Schwester befragte, wie das denn so war mit einer deutlich älteren Schwester, sagte die mir auch, ich sei ein Vorbild gewesen. Nein, korrigierte sie sich, ich sei das Maß aller Dinge gewesen!

Was ich sagte, machte, wie ich mich kleidete, das war das Erstrebenswerte. Sie meinte, ich hätte immer tolle Schminke gehabt und stets so gut gerochen. Und erst meine Klamotten! (Exkurs: Wir reden über die Achtziger der DDR, man darf Schwestern nicht alles glauben.).

Umso erschrockener war ich, als diese in ihrer Pubertät nicht nur gegen unsere Mutter rebellierte, sondern auch gegen mich. „Ich musste mich irgendwie von Dir lösen, befreien!“, erklärte sie mir viele Jahre später. Ich stand dem in der Situation allerdings vollkommen hilflos und entsetzt gegenüber. Wir hatten wirklich schwierige Jahre miteinander und da wir beide Hitzköpfe sind, ist auch unser Verhältnis heute noch manchmal angespannt.

Ich verstehe das nun besser. Nie ist sie die erste, ich war da schon. Heiraten, Kinder kriegen. Alles schon mal da gewesen. Hat alles die große Schwester schon vorgemacht. Und in der Schule war die auch viel besser! Damals. Aber nichts kann die Gewissheit trüben, dass wir beide etwas wunderbar Einzigartiges zusammen haben, was auch eine Freundin nie ersetzen kann.

Ob das bei Geschwistern mit kleinerem Altersabstand ähnlich ist? Letzteres bestimmt.
In meiner Rolle als Mutter muss ich rückblickend sagen, dass es das Beste war, was uns allen passieren konnte. Dieser Nachzügler. So lange ersehnt, so erhofft. „Oh Gott, jetzt fängst du noch mal an?“, sagten Freundinnen. „Ich bin froh, aus dem Gröbsten raus zu sein!“.

Ich war froh, dass ich noch mal anfangen konnte. Noch mal anfangen kann. Alles ist, als wäre es das erste Mal. Ich wusste nicht mehr, wie ein Babykopf riecht. Ich hatte sogar das Gebären vergessen, so sehr ich auch glaubte mich erinnern zu können. Das Gefühl der Schwere eines kleinen Körpers auf dem eigenen. Das Tragen, zwei Arme und zwei Beine um einen geschlungen. Das Gefühl einer kleinen, weichen, kugeligen Hand in der eigenen. Ich wusste nicht mehr, wann mein Großer das letzte Mal an meiner Hand gegangen war und es war viele Jahre her. Ich vermisste das schmerzlich.

Ich kann das alles nun noch einmal genießen, in vollen Zügen. Den Anfang, das „Gröbste“. Wunderbar! Und bei allem sitzt neben mir mein großer Sohn und bestaunt seinen kleinen Bruder mit der gleichen Liebe und Hingabe wie ich. Wir haben Zeit, unser Wunder noch einmal zu genießen. Und wenn der Große mich in seinem Puberversum ärgert, dann streichle ich dem Zwerg über sein Köpfchen und weiß, der Große war auch mal so klein und duftend und anschmiegsam. Ich kann mich dann erinnern! Er ist nicht der kratzbürstige Lulatsch, dem alles „offn Sack“ geht, was wir sagen und wollen. Er ist nur verkleidet.

Oft hört man, Nachzügler würden ganz anders behandelt als ihre großen Geschwister. Mit mehr Langmut, Nachsicht, Geduld. Ich habe das als große Schwester so empfunden und ich sehe das auch in meinem eigenen Handeln als Mutter. Ich denke, dass ist diesem Zauber geschuldet, den so ein kleiner Mensch verursacht, wenn er denn nach so langer Zeit als „Wunder“ in dein Leben tritt. Oder als „Unfall“, „Zufall“, wie auch immer.

Für mich als ein Glücksfall.

Vielen Dank, Du Liebe, für diesen Beitrag. 

Und was sind Eure Erfahrungen zum Altersabstand von Kindern?