Da seine Kinder schön größer sind, wollte ich von Christian vom Familienbetrieb wissen, wie er und seine Freundin das handhaben mit dem abendlichen Weggehen. Sein Gastbeitrag ist, wie erhofft und erwartet, sehr kurzweilig ausgefallen. 

Ausgehalternative: Kinderbett anschauen.

Viele Eltern vermissen aus der kinderlosen Zeit, dass sie abends nicht mehr einfach spontan weggehen können, sondern lange im Voraus einen Babysitter organisieren müssen. Als unsere Tochter vor fast zwölf Jahren auf die Welt kam, hatten wir als frischgebackene Eltern erstmal gar nicht das Bedürfnis, auszugehen. Vollgepumpt mit Dopamin, Endorphinen und allerlei anderen Glückshormonen, genügte es uns, einfach die neugeborene Tochter zu beobachten und uns zu freuen, dass das Wunder des Lebens bei uns im Schlafzimmer in einem Stubenwagen liegt. Gut, ab und an wachte das kleine Geschöpf auf und brüllte so ohrenbetäubend laut, dass wir uns fragten, wie so plötzlich der Lärm der Welt in die Wohnung einziehen konnte.

Das Sofa: Der Eltern schönster Ort. 

Ans abendliches Weggehen verschwendeten wir in den ersten anderthalb bis zwei Jahren mit unserer Tochter keine Gedanken. Es schien, dass wir uns mit der Geburt metamorphosisch in ‚Couch Potatoes‘ verwandelt hatten. Wir brachten es zur Meisterschaft im ‚Cocooning‘ und entwickeln uns zu Vorzeigevertretern der ‚Generation Sofa‘. Irgendwann stellten wir mit einer Mischung aus Schreck und Scham fest, dass wir uns Samstagabends bei „Wetten dass, …?“ prächtig amüsierten.

Spätestens da wussten wir: Es ist an der Zeit, mal wieder auszugehen. Zu zweit. Ohne Kind. Nur wir beide. Wie so ein hedonistisches DINK-Pärchen (DINK = Double Income No Kids). Aber der Entschluss zu einem außerhäuslichen Abendvergnügen ohne Kind ist leichter gefasst, als in die Tat umgesetzt. Lassen Sie mich ein paar der Widrigkeiten schildern, mit denen sich ausgehwillige Eltern konfrontiert sehen.

Zunächst gilt es, eine adäquate Kinderbetreuung zu finden. Wenn die Großeltern nicht vor Ort wohnen, zu denen du den Nachwuchs abschieben kannst, benötigst du einen Babysitter. Dieser oder diese sollte in der Lage sein, sich pädagogisch wertvoll mit deinem Kind zu beschäftigen, bei kleineren Wehwehchen tröstend einzugreifen, etwas Nahrhaftes und Gesundes zum Abendessen zuzubereiten und das Kind ohne größere Probleme ins Bett zu bringen und es zu beruhigen, sollte es in der Nacht aufwachen. Aber wo findet man eine examinierte Kinderkrankenschwester mit abgeschlossenem Pädagogikstudium (Schwerpunkt: Kleinkinderziehung) und erfolgreich absolvierter Kochlehre (vorzugsweise in einem Bio-Restaurant), die mehrere Jahre als Kinderanimateurin gearbeitet hat und darüber hinaus über eine praxisbewährte Nahkampfausbildung verfügt?

Die nächste Herausforderung ist die Zusammenstellung eines angemessenen und Vergnügen bereitenden Abendprogramms. Da ist man als junge Eltern unter Umständen ein wenig aus der Übung. Wie geht das nochmal, dieses Weggehen? Zunächst könnte man in das Lieblingslokal gehen. Wenn man noch weiß, wie es heißt und wo es liegt. Ganz entspannt essen und sich in Ruhe unterhalten. Nicht wie sonst, wo man alle sechzig Sekunden das Kind ermahnt, nicht zu zappeln, wo man permanent umfallende Gläser und herunterfallendes Besteck antizipieren muss, und das Essen hastig herunterschlingt, um möglichst schnell das Restaurant zu verlassen, bevor das gelangweilte Kind durch das Lokal wandert, sich an einem Tischtuch festhält und slapstickhaft das gesamte Geschirr samt Speisen und Getränken herunterreißt.

Nach dem Essen könnte man im Kino mal wieder einen richtigen Erwachsenenfilm anschauen. Also, Erwachsenenfilm im Gegenteil zu Kinderfilmen wie „Lauras Stern“ oder „Bibi und Tina“, nicht im Sinne eines XXX-Movies, der in einem schmierigen Bahnhofskino läuft. Die Auswahl des richtigen Films ist mit sehr viel Sorgfalt vorzunehmen. Schließlich möchte man nicht, wenn man einmal im Jahr ins Lichtspielhaus geht, ein cineastisches Machwerk anschauen, das von so unterirdischer Qualität ist, dass es selbst bei der Wahl zur ‚Goldenen Himbeere‘ durchfällt. Andererseits möchte man sich auch nicht mit einem französischen Arthouse-Film überfordern, bei dem wenig gesprochen wird und die seltenen Dialoge ebenso wie die groteske Handlung so rätselhaft bleiben wie das Orakel von Delphi.

Alkohol: Von Eltern fernzuhalten. 

Einen besonderen Problemfall des Weggehens stellt die Einladung zu einer Party dar. Für Eltern, die sich nicht mehr daran erinnern: Bei einer Party handelt es sich um ein soziales Ereignis, bei dem mehrere Personen zusammenkommen, sich unterhalten, unter Umständen zu lauter Musik tanzen und alkoholische Getränke konsumieren (meistens zu viele). Gerade letzteres ist äußerst problematisch, wenn man kleine Kinder hat. Dann ist es wenig ratsam, dich auf einer Fete den Alkohol reinzuschütten wie ein englischer Tourist beim Binge-Drinking auf einem Pub-Crawl. Dem Nachwuchs ist es am nächsten Morgen nämlich herzlich egal, dass sich der letzte Cocktail mit einem der acht Biere darum streitet, wer als erstes wieder ans Licht kommen darf. Darauf, dass sich Vatis Kopf anfühlt, als trüge er eine mindestens sechs Nummern zu kleine Mütze, nehmen Kinder ebenfalls keine Rücksicht. Von daher ist vom Genuss von Alkohol auf Partys dringend abzuraten. Aber wie viel Spaß macht es, sich den ganzen Abend an einem Glas Wasser festzuhalten und die anderen Gäste bei ihremn alkoholbedingten motorischen, sprachlichen und geistigen Verfall zu beobachten? Genau, überhaupt keinen.

Billige Ausgehalternative: Fernsehschauen. 

Die größte Hürde für das elterliche Weggehen stellt zuletzt die Finanzierung des Abends zu zweit dar. Denn die Kosten für Babysitter, Restaurantbesuch, Kino mit Getränken und Süßigkeiten sowie der Heimfahrt im Taxi summieren sich schnell zu einem hohen drei- bis niedrigen vierstelligen Eurobetrag. Also muss man bei seinem Bankberater um einen zinsgünstigen Kleinkredit betteln und außerdem einigen unnützen Tand aus dem Keller auf Ebay verscherbeln. Zur Not kann man noch eine Niere auf dem Organhandel-Schwarzmarkt feilbieten.
Sieht man sich mit all diesen Herausforderungen konfrontiert, breitet sich schnell eine ermüdende Erschöpfung aus und man fragt sich, ob sich das Weggehen überhaupt lohnt. Schließlich kommt am Samstag „Verstehen Sie Spaß“. Das ist doch auch ganz schön.

Dieser Text ist Teil der Gastbeitragsserie im Geburtstagsmonat August. Ein herzliches Dankeschön dafür.

Und Eure Erfahrungen?