Familienrollen, Kultur mit Kind

“Niemand will nur ein halbes Kind.” / Familienrollen Interview mit Teilzeit-Mama Marie von Little Years

Immer am Freitag gibt es die Familienrollen: Diese Woche erzählt Marie vom Magazin Little Years, wie es ihr damit geht eine “Teilzeit-Mama” zu sein, was sie nicht hören kann, was gut klappt und was ihr immer noch weh tut. 

Du bist eine der beiden Köpfe von Little Years. Dort schreibst Du unter anderem von Deinem Alltag mit Deinem zweieinhalbjährigen Sohn Junio. Du lebst mit dem Vater Deines Kindes nicht mehr zusammen, sondern Ihr teilt Euch die Erziehung. Wie gut funktioniert das Modell “Teilzeit-Mama” für Dich?

Das 50/50-Modell haben wir erst seit Kurzem. Wenn ich ganz ehrlich bin, fällt mir das schon schwer. Mein Sohn war ein Jahr alt, als der Vater und ich uns getrennt haben. Nach der Trennung war mein Sohn mehr bei mir, eher im 70/30 Modell.

Sein Vater wollte allerdings die Hälfte der Zeit, sodass wir Schritt für Schritt die Tage beim Papa verlängert haben und die Tage bei mir verkürzt, bis wir eben jetzt bei 50/50 sind. Es gibt klare Vorteile bei dieser Lösung: Beide Eltern haben eine innige Beziehung zum Kind. Der Papa ist nicht nur Wochenend-Papa. Obwohl ich mich da revidieren muss – auch in nur zwei Tagen kann man eine gute Beziehung zum Kind haben, ich will da nichts ent- oder bewerten. Hart wird es für mich nach den ersten drei Tagen Trennung.

Jedes Mal fange ich dann an zu zählen, wann der Kleine endlich wieder bei mir ist. Man verhärtet irgendwie innerlich, versucht sich abzulenken, die Leere zu füllen. Ich merke jedes Mal wie ich aufblühe, wenn er wieder bei mir ist.

In der Süddeutschen gibt es regelmässig Texte einer Teilzeitmutter, die oft Anfeindungen ausgesetzt ist. Wie reagiert Dein Umfeld auf Euer Modell?

Ja, das Umfeld ist so eine Sache. Aber ich denke wenn unterschiedliche Lebensmodelle gelebt werden, kommt es immer zu Reibungen. Jeder will ja für sich sein Modell rechtfertigen. Ich habe über die Sprüche, die einem nach einer Weile aber schon nerven vor Kurzem auf Little Years geschrieben.

Am meisten stört mich das „Ich könnte das nicht!“ Man nimmt das als eine stille Kritik wahr – Warum hast du dich als Mutter nicht mehr angestrengt, dein Kind zu behalten? Und es ist eben auch ignorant: Ich denke JEDE Mutter kann das eigentlich nicht: Die Kinder die Hälfte der Zeit nicht sehen. Es tut weh. Das war nicht der Plan. Niemand will nur ein halbes Kind.

Wie klappt der neue Alltag für Deinen Sohn? 

Der Alltag klappt jetzt gut. Mein Sohn hat sich daran gewöhnt und dank FaceTime kann dolle Sehnsucht nach Papa oder Mama erstmal ein wenig gestillt werden. Wechsel ist immer vor dem Wochenende – damit man erstmal richtig viel Zeit miteinander hat. Seit der 50/50-Regelung schlafen wir wieder in einem Bett, wir beide brauchen es total unsere Mama-Sohn-Batterien aufzufüllen. So viel und eng zusammensein wie es geht. Die Zeit ist seit der neuen Regelung noch intensiver geworden. Wir versuchen aber auch mindestens alle zwei Wochen mal etwas zu Dritt zu unternehmen, damit der Kleine weiß, dass auch wenn wir nicht zusammenwohnen, wir eine Familie sind.

In einem Beitrag habe ich gelesen, dass Du möchtest, dass Euch Euer Sohn immer noch als Familie wahrnimmt. Wie gut lässt sich das realisieren? 

Foto: @Lina Grün.

Genau, wie schon gesagt, dass ist die Idee. Organisatorisch klappt das natürlich nicht immer. Und klar, es gibt ja auch Gründe warum wir uns getrennt haben, zu viel Zeit kann man da auch nicht miteinander verbringen. 🙂 Ich wünsche mir aber, dass mein Sohn merkt, dass Papa und Mama eine Einheit sind. Deshalb auch FaceTime – Telefonate und ab und zu gemeinsame Ausflüge oder Abendessen. Wenn neue Partner kommen wird das natürlich noch mal eine ganz andere, größere Herausforderung. Ich hoffe aber, dass wir das Verständnis und den Respekt, die wir uns in den letzten Monaten wieder hart für einander erarbeitet haben auch dann nicht verlieren.

Welche Tipps könntest Du anderen Frauen mitgeben, die über das Modell nachdenken?

Auch wenn man das als Mutter eines kleinen Kindes nicht hören will und es weit entfernt ist von dem gerade so stark empfundenen Bedürfnis sein Kind nicht herzugeben: Mehr Zeit ohne Kind heißt auch mehr Zeit für einen selbst. Und das kann manchmal auch ganz gut sein. Und: Man bleibt immer die Mama. Egal was passiert.

Vielen lieben Dank, Marie, für Deine Offenheit und die Bilder. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mal an fruehesvogerl@gmail.com. 

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7 Kommentare

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    Reply schusa 27. November 2015 at 15:21

    "Teilzeitmutter" und "halbes Kind" sind vollkommen falsche Begriffe. Ich bin immer voll Mutter, ob meine Kinder gerade bei mir sind oder nicht und die sind auch immer ganz da. Wir halten uns nur nicht am gleichen Ort auf. Fragen wie "Warum hast du dich als Mutter nicht mehr angestrengt, dein Kind zu behalten?" sind vollkommener Unsinn. Man verliert sein Kind doch nicht.

    Ich finde das gesamte Interview zu oberflächlich. Das Leben, wie es im 50/50-Wechselmodell ist, wird nicht wirklich geschildert und daher kann hier auch niemand, der sich darüber Gedanken macht, irgendwas draus ziehen.

    Ich lebe jetzt seit gut einem halben Jahr getrennt vom Vater meiner beiden Kinder (fast 5 und 2,5 Jahre) und wir haben uns von Beginn an für das 50/50-Wechselmodell entschieden. Etwas anderes stand nie zur Debatte und darüber bin ich sehr froh. Das einzige, was das Interview gut rüberbringt, ist der Ansatz nach wie vor eine Familie zu sein und dies dem Kind zu zeigen. Persönliche Belange sollten in der "Familienzeit" zurückgestellt werden. Schließlich hat man ja auch die Hälfte der Zeit ein Leben, dass sich dann nach anderen Dingen richten kann.

    Doch wie macht man das alles im Alltag, wenn beide auch voll berufstätig sind?Was ist wenn das Kind krank wird? Wie geht man mit Ablehnung vom Kind um? Was macht man an Geburts-und Feiertagen? Und welche Schwierigkeiten finanzieller Art können auf einen zukommen?

    Solche Themen fehlen mir hier.
    Das Interview reiht sich so einfach in die Vielzahl wenig sagender Beiträge im Internet ein, die mehr geben könnten. Schade.

    Und damit ich nicht falsch verstanden werde. Das ist keine Kritik an Marie und ihrem Leben. Im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn jemand darüber redet kein "normales" Lebensmodell zu haben. Ich wollte auch nie etwas anderes als das klassische "Mutter-Vater-Kind-Leben". Ich finde jeden, der sich auch für sein persönliches Glück und damit vielleicht gegen ein Zusammenleben mit der Kindsmutter/dem Kindsvater entscheidet, um eben Familie für die Kinder erhalten zu können, ehrlich, mutig und bewundernswert. So ein Leben ist nämlich oftmals auch verdammt anstrengend.

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    Reply Bettina Apelt 27. November 2015 at 17:00

    Liebe Schusa, erst einmal vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar.

    Das Interview mit Marie ist Teil der Reihe "Familienrollen", hier werden ganz unterschiedliche Familienmodelle vorgestellt. Jede Woche gibt es ein anderes Thema, und sie sollen einen groben Einblick vermitteln. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Wenn Du aus dem Interview für Dich nichts ziehen kannst, tut es mir leid, aber eine detailgetreue Darstellung des Alltags wurde hier nicht angestrebt.

    Im Interview ist auf einen Text von Marie verlinkt, der beschreibt, welchen Vorurteilen sie begegnet, vielleicht ist der ja spannend für Dich.
    Von den Begriff "Teilzeitmutter" kann man halten, was man will, Fakt ist aber, dass dieser häufiger gebraucht wird.

    Ich wünsche Dir alles Gute,
    Bettie vom Frühen Vogerl

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    Reply Myszka 20. Juli 2017 at 9:52

    Hallo zusammen,
    auch ich lebe seit 3,5 Jahren das Wechselmodell. Ich lese sehr gerne und regelmäßig deinen Blog, Bettina. Habe aber an dieser Stelle das Gefühl, meinen Senf dazu geben zu müssen. Ich empfinde, genauso wie Schusa, den Begriff “Teilzeitmutter” als herabwürdigend, denn auch in der Zeit, in der die Kinder bei ihrem Vater sind, bin ich Mutter: Ich mache mir Gedanken um sie, ich höre mir ihre Sorgen an, ich organisiere Schulfeste, ich plane ihren Alltag…Und dass ein Begriff häufig verwendet wird, macht ihn nicht unbedingt besser. Es gibt im Moment nicht viele Mütter/Väter, die im Wechselmodell leben, was vielleicht dazu führt, dass für sie Begriffe benutzt werden, ohne dass sie sich dazu äußern, was diese bewirken. Deswegen auch von mir an dieser Stelle: Bitte nennt mich nicht “Teilzeitmutter”, das wäre unfair.

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    Reply Aless 20. Juli 2017 at 14:38

    In dieser Debatte um das Wechselmodell wird immer wieder die Väterperspektive vergessen: Auch kein Vater will sein Kind hergeben und es nur am Wochenende sehen. Auch kein Vater möchte nur “Teilzeitpapa” sein und lediglich Unterhalt zahlen.
    Es ist sehr egoistisch von den Müttern mehr Zeit einzufordern.
    Bei einer Trennung sollte meiner Meinung nach immer von einem 50/50 Modell ausgegangen werden und dann überlegt werden, ob es ernsthafte gründe gibt, die GEGEN dieses Modell sprechen… aber vermutlich sind wir in unserer Gesellschaft einfach noch nicht so weit…

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    Reply Mine 21. Juli 2017 at 7:07

    Hallöchen,

    ich möchte kurz auch was dazu sagen, nämlich zu dem Satz: “ich könnte das nicht.”

    Meine Freundin lebt mit ihrem Ex Partner und ihrer Tochter auch das 50/50 Modell. Auch ihr habe ich mal gesagt, dass ich das nicht könnte. ABER in keinster Weise wollte ich sie damit kritisieren, oder ihr damit signalisieren sie hätte versagt. Eher finde ich das mutig und stark. Allerdings von beiden Parteien, Papa und Mama.

    Mich würde bei dieser Thematik allerdings mal interessieren wie es für das Kind ist. Die meisten Kinder sind ja noch recht klein, aber wie empfinden sie diesen Ständigen Wechsel, wenn sie älter sind?
    Ich persönlich hätte das Gefühl, nirgends richtig zu Hause zu sein. Aber, auch das soll keine Kritik sein, jediglich ein persönlicher Gedankengang meines Empfindens 😊

    Ganz liebe Grüße und alles Gute.
    Mine

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    Reply Monique Lüthke 27. Januar 2018 at 23:05

    Hallo, ich finde den Artikel sehr faszinierend.
    Mein Ex Partner und ich leben seit 4 Jahren getrennt. Unsere Tochter ist 5 Jahre alt und sie sieht ihren Vater eher unregelmäßig. Ich würde ihn nie als Teil unserer Familie bezeichnen. Natürlich bemühen wir uns um ein vernünftigen Umgang miteinander. Im Rahmen einer Familienberatung sollte meine Tochter ihre Familie aufzeichnen. Sie hat nicht nur mich, meinen Lebensgefährten und ihre kleine Schwester gemalt, sondern auch ihren Vater mit Lebensgefährtin und ihrem Sohn. Irgendwie gehören wir alle für sie zusammen, auch wenn sie nur wenig Zeit bei ihrem Vater verbringt. Ich glaube, ein 50/50 Modell wäre für uns nicht das richtige gewesen, aber ich bewundere sehr wenn es bei anderen funktioniert.

    Ganz liebe Grüße
    Moni

    • Bettina Apelt
      Reply Bettina Apelt 2. Februar 2018 at 11:17

      Ich vermute auch, dass dieses Modell viel Toleranz und viel Abstimmung von allen Beteiligten Bedarf.
      Alles Gute für Euch. <3

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