Heute in den Familienrollen: Seit dem sie 17 ist, sorgt Emely für ihren Bruder. Wie es dazu gekommen ist, ob sich etwas verändert hat, seit dem sie eine Tochter bekommen hat, und was sie anderen rät, erzählt sie im Interview.

Antonia, Emely und Naim


Auf der Suche nach jemanden, der seinen Geschwistern Elternteil ist, hast Du Dich bei mir gemeldet. Du bist noch keine 30 und Dein Halbbruder lebt seit 10 Jahren bei Dir. Wie kam es dazu? 

Meine Mutter und mein Vater haben in 15 Jahren Ehe vier Töchter bekommen. Die Ehe meiner Eltern war aus meiner Perspektive nie besonders glücklich, sondern immer von Streit und finanziellen Problemen geprägt. In der letzten Schwangerschaft hat meine Mutter die SS-Kilos nicht wieder abgenommen. Im Fitnessstudio lernte sie dann den 19jährigen Bodybuilder kennen, der Vater meines Bruders Naim.

Mein Vater ist am 01.04.2000 ausgezogen und hatte kurze Zeit danach bereits eine neue Freundin. Meine Mutter ist mit dem 19jährigen Mann zusammen gekommen und knapp ein Jahr später schwanger geworden. Der große Altersunterschied und die verschiedenen Einstellungen bezüglich Lebensplanung sorgten für viel Streit und führten irgendwann zu einer Trennung.

Als Naim geboren wurde, war ich fast 14 Jahre alt. Ich habe zuhause immer schon viel geholfen und Verantwortung übernommen. Meine Mutter hat nach 14 Wochen abgestillt und trank dann bald regelmäßig. Am Anfang immer abends.

Sie sagte dann immer: Sie könnte besser schlafen.  An meinem 16ten Geburtstag war sie um 00:00 Uhr so betrunken, dass sie bewusstlos in ihrem Bett lag und ich mein erstes legales Glas Sekt alleine getrunken habe. Da habe ich das erst Mal gemerkt, dass sie ein Problem hat. Der Alkoholismus ist ein schleichender Prozess, alle Beteiligten merken erst dann, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn es zu spät ist.

Irgendwann, meine Mutter hatte bis dahin schon viele Entzüge, mehrerer Kuren und Therapien durchlebt, hat jemand das Jugendamt informiert. Da meine Mutter sechs Monate auf Kur musste, wurden wir fünf Kinder aufgeteilt. Das ist jetzt die Kurzversion. Zwei meiner Schwestern kamen zu unserem Vater, meine Schwester, die nach mir geboren wurde, zog in eine WG und ich bin schon mit 17 in eine eigene Wohnung gezogen. Naim habe ich ein paar Wochen nach meinem Auszug nachgeholt. Das Jugendamt hat dem damals zugestimmt, da ich den Laden eh schon sehr lange alleine geschmissen hatte und mich in der Ausbildung zur Erzieherin befand. Die Pflegestelle (das nennt sich Vollzeit-Familienpflege) ist im Juni 2006 offiziell eingerichtet worden.

Als Du Deinen Halbbruder zu Dir genommen hast, warst Du also sehr jung; Welche Probleme gab es, und wie habt Ihr sie bewältigt? 

Naim mit den vier Schwestern

Das größte erzieherische Problem, das ich mit Naim hatte war, dass er Zuhause (bei meiner Mutter) den ganzen Tag vor dem Fernseher saß und Schoko-Cornflakes aß. Er lief halt irgendwie so mit. Es gab keine festen Schlafenszeiten oder regelmäßiges Zähneputzen. Ihm beizubringen, dass wir zweimal täglich Zähneputzen, uns von anderen Dingen ernähren als Cornflakes und es Fernsehen nur noch am Wochenende gab, dass war sehr anstrengend und erforderte viel Durchsetzungsvermögen und für mich klare Vorstellungen, wie ein Kind aufzuwachsen hatte.

In dem Zeitraum habe ich eine Ausbildung gemacht, in der ich acht Stunden am Tag arbeiten musste. Naim hat mit vier Jahren eine schlimme Depression entwickelt.  Er malte Bilder seiner eigenen Beerdigung und sprach oft davon nicht lebenswert zu sein, da er daran Schuld sei wie es seiner Mutter geht.

Damals hatte Naim zweimal die Woche Therapie, ihn dahin zu bringen, dort zu warten und wieder nach Hause zu fahren: Das war echt anstrengend. Ohne die Hilfe und Unterstützung meiner Schwestern, hätte ich das niemals bewältigen können. Der Alltag als junge, berufstätige Mutter erfordert viel Organisation und Engagement. Mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass es irgendwann einfacher werden würde und der Aufwand sich lohnt, dass hat mir geholfen.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich nicht weiß, wie ich das gemacht habe und ich könnte es so, auch nicht mehr leisten. 

Wie wurde vom Rest der Familie aufgenommen, dass Naim jetzt bei Dir lebt? 

Meine Mutter und ich standen lange Zeit in einem Konkurrenzverhältnis.
Das war nicht einfach, da ich als Pflegemutter die Kontakte zwischen Naim und seinen Elternteilen organisieren und begleiten musste. Nach diesen Besuchskontakten war Naim häufig völlig durch den Wind und es dauerte Tage bis die Wutanfälle und Albträume aufhörten.

Weder das Verhältnis zu meinem, noch zu Naims Vater war in dieser Zeit einfach. Mein Vater wünschte sich für mich ein normales Leben mit allen Chancen und Möglichkeiten. Er verstand lange Zeit nicht, wie ich nur freiwillig so viel Verantwortung “ans Bein binden konnte”.

Mein Vater und  seine neue Frau haben mir oft angeboten Naim zu adoptieren und mich somit zu entlasten. Dem habe ich natürlich nicht zugestimmt, jedoch hat Naim bis zu der Trennung meines Vaters und seiner Frau so gut wie jedes zweite Wochenende dort verbracht und auch in den Ferien haben sie Naim oft genommen.

So konnte ich auch mal “jugendlich” sein. Dafür bin ich meinem Vater und seiner Exfrau sehr dankbar und ich weiß das diese Hilfestellung auch eines der Gründe sind, warum Naim so ist wie er ist und unser Leben “so gut verlief”.

Seit zwei Jahren bist Du nun selber Mutter. Wie funktioniert Eure Familie: Sind Du und Dein Partner beiden Kindern Eltern, und wachsen die Kinder wie Geschwister auf?

Ich bin seit Dezember 2013 verheiratet und im Februar 2014 wurde Antonia geboren. Naim war der Erste, der Antonia auf dem Arm hielt. Er liebt sie bedingungslos wie eine kleine Schwester. Durch den großen Altersunterschied habe ich durch Naim eine wirklich tolle Unterstützung, die Antonia all den Blödsinn beibringt, den ich verbiete.

Als Naim vier war standen wir im Rewe-Markt beim Jogurt und Naim fragte mich aus dem Nichts, ob er mich Mama nennen könnte. Ich sagte ihm, dass er sagen kann was er will. Ab dem Moment war ich seine Mama. Vielleicht war gerade dieses Ereignis der Grund, warum ich mich gut in diese Rolle fügen konnte.

Ich liebe Naim und Antonia genau gleich, jedoch auf eine ganz unterschiedliche Weise. Naim ist 14 Jahre alt, stark pubertär und oft habe ich das Bedürfnis ihn aufgrund seiner gleichgültigen Einstellung seiner Zimmerordnung und seinen Lateinvokabeln gegenüber, schütteln zu müssen. Aber ich bin auch so dermaßen stolz wenn ich sehe wie liebevoll er mit Antonia umgeht, wie toll er Schlagzeug spielt und wie gut er sich benehmen kann.

Dann weiß ich, wie sehr sich der Aufwand gelohnt hat. Er ist ein so tolles Kind und auch wenn ich nicht seine Bauchmama bin (so haben wir das immer differenziert) so sind meine Gefühle nicht anders als die für Antonia.

Antonia und Michael

Antonia ist zwei Jahre alt und hat noch ganz andere, elementare Bedürfnisse als Naim.
Ich genieße alles Neue mit ihr und bin jedes Mal wenn sie ein Wort dazu lernt oder wieder etwas alleine geschafft hat, neu verliebt. Mein Mann Michael kümmert sich toll um beide Kinder und versucht mich zu unterstützen, wo er nur kann. Er ist für Antonia ein Vater und für Naim ein guter Freund mit väterlichen Vorzügen.  Michael erlaubt auch mal Dinge, die ich nie erlauben würde. Wir ergänzen uns meistens sehr gut.

Welchen Ratschlag kannst Du anderen geben, die vielleicht in der selben familiären Situation sind, wie Du und Naim vor zehn Jahren? 

Ich erlebe es auch heute noch, dass junges Mutterdasein verurteilt und in Schubladen gepackt wird. Ich würde mich davon nicht freisprechen, auch ich verurteile junge Mütter, die viel zu viele Kinder kriegen.  Naim geht auf ein Gymnasium und in seiner Klasse ist kein Elternteil unter 45. Ich als junge Mutter, die sich noch nicht in den Wechseljahren befindet, werde oft ignoriert und außenvorgelassen und das obwohl Naim, genauso wie die anderen Schüler/innen ein guter Schüler auf einem Gymnasium ist, ein Musikinstrument spielt und die richtigen Normen und Werte vermittelt bekommen hat.

Mittlerweile stehe ich über solchen Müttern und kann auf Elternabenden zurück ignorieren, jedoch musste ich das erst lernen. Und manchmal ertappe ich mich noch dabei, dass ich mich über solche Mütter, (die ja schon so viel Lebenserfahrung vorweisen können), die sich wie Kindergartenkinder aufspielen, tierisch aufrege.

Es hätte mir sehr geholfen wenn andere Menschen mich unterstützt hätten,  in schwierigen Lebenssituationen und mich nicht von oben herab behandelt hätten.

In meiner Jugend war das so: Wir lebten in einem kleinen Stadtteil in Hamburg. Jeder wusste, dass meine Mutter alkoholkrank war, aber bis jemand das Jugendamt eingeschaltet hat, vergingen Jahre. ich habe mir oft gewünscht, dass jemand kommt und uns befreit. Das hätte früher passieren können.

Menschen die in der gleichen Situation stecken wie Naim und ich damals kann ich nur raten: Jeder Mensch sollte für sich gut überlegen, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Bindungsgestörte Kinder bringen ein Riesen Päckchen an Problemen und Aufgaben mit.

Und von dem Gedanken perfekt sein zu wollen, sollte man sich auch verabschieden. Keine Mutter und kein Kind dieser Welt sind perfekt.

Was wünscht Du Dir für Dich und Deine Familie für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass meine Mutter trocken bleibt (ist sie seit fünf Jahren) und glücklich ist. ich wünsche mir für meine Schwestern, dass sie glücklich sind und jede von ihnen einen Partner findet, der ihnen gut tut. Ich wünsche mir für Naim, dass er, trotz seiner traumatischen Kindheit und den Bindungsabbrüchen ein normales Leben führen kann, er einen Job erlernt, der ihm Spaß macht und er irgendwann akzeptiert, dass es auch Grautöne gibt. Ich wünsche mir für Antonia, dass sie niemals ihre kindliche Lockerheit verliert. Und für mich selber wünsche ich mir, endlich anzukommen.

Danke Dir für Deine Offenheit, liebe Emely und alles Gute für die Zukunft. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.