Maren Aktas

Mit “Elternfragen” möchte ich einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher viele beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig. 

Dieses Mal erzählt Psychologin Dr. Maren Aktas, wann man Kinder zur Zweisprachigkeit erziehen soll und wie sie zu sprachlichen Frühförderungskursen steht. 

Wenn Kinder mehrsprachig erzogen werden: Welchen Einfluss hat das auf die Sprachentwicklung? 

 

 

Mehrsprachigkeit hat viele Facetten, so dass es mit generellen Aussagen schwierig ist. Wenn ein Kind unter guten Bedingungen gleichzeitig mehrere Sprachen lernt, unterscheidet es sich eigentlich nicht von einsprachig aufwachsenden Kindern. Das menschliche Gehirn hat Platz für mehrere Sprachen und ist prinzipiell nicht überfordert, wie man vielleicht denken könnte. Mehrsprachig aufwachsende Kinder entwickeln sich weder grundsätzlich schneller noch langsamer als einsprachige Kinder.

 

Auch bei einsprachig aufwachsenden Kindern gibt es solche, die sprachlernbegabt sind und andere, die sich mit dem Sprechenlernen schwertun. Das ist bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern nicht anders. Oft ist es aber so, dass eine Sprache Oberwasser hat, weil sie in der Familie einfach häufiger gesprochen wird. Dann kann es sein, dass die seltener gesprochene Sprache in der Entwicklung etwas hinterherhängt. Und dann werden die Sprachen ja in unterschiedlichen Situationen verwendet. Türkisch vielleicht beim Frühstück und Abendessen zu Hause und Deutsch in der Kita, beim Spielen und beim Einkaufen.

 

Dass der Wortschatz in den jeweiligen Sprachen dann unterschiedliche Wörter beinhaltet, liegt auf der Hand. Betrachtet man dann nur eine Sprache isoliert, kann es anfangs den Eindruck vermitteln, dass sich das Kind langsamer entwickelt als einsprachig aufwachsende Kinder. Betrachtet man beide Sprachen zusammen, sieht es anders aus.

 


Negativen Einfluss auf den Spracherwerb hat es allerdings, wenn die Sprachen von den Erwachsenen ständig vermischt werden, z.B. innerhalb eines Satzes.

 

Dann gelingt es dem kindlichen Gehirn einfach schwerer, die beiden sprachlichen Systeme auseinander zu halten. Also, unter guten Lernbedingungen ist Mehrsprachigkeit überhaupt kein Problem, im Gegenteil, mehrsprachig aufwachsende Kinder bilden früher als andere Kinder sogenannte metasprachliche Fähigkeiten aus, können flexibel zwischen Sprachen springen und vieles mehr.  Das ist natürlich ein Gewinn!

 

 

Kürzlich habe ich gelesen, dass Kinder nur in den ersten beiden Jahren zu echter Zweisprachigkeit erzogen werden können: Was ist dran und vor allem, was bedeutet das? 

 

 

Man liest tatsächlich häufig, dass die ersten zwei oder drei Lebensjahre entscheidend sind für die kindliche Entwicklung, nicht nur für die Sprachentwicklung und dass danach das Lernfenster zugehe. So pauschal gilt das nicht. Es stimmt zwar, dass es in den ersten Lebensjahren sogenannte sensible Phasen in der kindlichen Entwicklung gibt, also Zeiträume, in denen Erfahrungen besonders leicht zu Lerneffekten führen. Das bedeutet aber nicht, dass nach dem dritten Geburtstag die Tür zuschlägt. Der Mensch ist ein Lernwesen und das Gehirn ist wesentlich plastischer und anpassungsfähiger als man noch vor wenigen Jahren dachte.
Schauen wir auf die Sprache, so lässt sich beobachten, dass Kinder in den ersten Lebensmonaten die Laute aller möglichen Sprachen dieser Welt unterscheiden können, gegen Ende des ersten Lebensjahres gelingt das dann nur noch für Laute der Umgebungssprachen, in denen mit ihm gesprochen wird. Hört das Kind aber z.B. dauerhaft Deutsch und Chinesisch, bleibt die Unterscheidungsfähigkeit für diese beiden Sprachen bestehen.

 

Damit ist es natürlich einfacher als sich später im Leben mühsam in ein gänzlich unvertrautes Sprachsystem einzuhören. Und während man ein Lautsystem, das man von klein auf lernt, mühelos anwenden kann, sprechen späte Zweitsprachlerner häufig dauerhaft mit Akzent, auch wenn sie einen großen Wortschatz aufgebaut haben und die Grammatik fehlerfrei beherrschen.
Was die Grammatik einer Sprache angeht, so lernen Kinder die Regeln implizit, das heißt beiläufig, unbewusst, ohne Lernabsicht, einfach aus der Interaktion mit ihren Bezugspersonen heraus; Erwachsene können in einem fremden Land natürlich auch in dieses „Sprachbad“ steigen und davon profitieren, sie benötigen in der Regel aber zusätzlichen Sprachunterricht, in denen ihnen die Grammatik auch explizit vermittelt wird, weil sie die Regeln der Sprache nicht mehr so gut implizit ableiten können.

 

Es ist Erwachsenen also auch noch möglich, eine oder mehrere Sprachen so gut zu lernen, dass es Muttersprachniveau entspricht. Wie gesagt, sie fallen an ihrer Aussprache auf oder an falschen Betonungsmustern. Und es ist mühsamer!

 

Über ein frühes mehrsprachiges Aufwachsen erhält man die zweite Sprache sozusagen „for free“ dazu.

 

 

Deutschsprachige Eltern, die mit ihren Kindern französisch plaudern. Auf mich wirkt so etwas immer sehr albern: Kann das wirklich effektiv sein? 

 

 

DudenEltern meinen es gut mit ihren Kindern, wenn sie ihnen so früh wie möglich eine zweite Sprache mitgeben wollen. Sie gehen davon aus, dass das Kind so Vorteile im späteren Leben hat. Für die Kinder ist das jedoch überhaupt nicht entscheidend. In den ersten Jahren geht es darum, dass es eine Bindung mit seinen Eltern aufbaut, dass es erfährt, dass seine Bedürfnisse und Gefühle verstanden werden, dass es selbst seine Bezugspersonen versteht.

 

Das funktioniert anfangs ganz ohne Sprache – über Gesichtsausdrücke, Gesten, Körperbewegungen und Blicke. 
Sprache ist ja viel mehr als Wörter und ein grammatisches System. Über Sprache – die Sprachmelodie, die Stimmfärbung, Koseworte, Schlaflieder uvm. – bauen wir Beziehung, Vertrauen und Nähe auf zu unseren Kindern. Das funktioniert nur in der Sprache richtig, in der sich die Eltern selbst sicher und zu Hause fühlen.

 

Daher ist es wichtig, mit seinem Kind in der eigenen „Herzenssprache“ zu sprechen. Und das ist in der Regel die Muttersprache.

 

Wenn Eltern dann eine weitere Sprache einführen, die aber nicht die ihre ist, in der sie sich also nicht richtig zu Hause fühlen, kann das für den Beziehungsaufbau irritierend sein. Gerald Hüther fragte in einem Interview einmal treffend sinngemäß, wie merkwürdig es wohl für ein Kind sei zu erleben, wie sich die Eltern in einer Sprache abmühen, die nicht die ihre ist.
Generell gilt, dass man nur dann eine Sprache mit Kindern verwenden sollte, wenn man diese absolut auf Muttersprachniveau beherrscht. Das Kind leitet nämlich ganz automatisch und unbewusst die Regeln einer Sprache aus dem ab, was es hört. Sind die Sätze, die seine Bezugsperson an es richtet, grammatikalisch falsch, stimmen Betonung und Aussprache nicht, lernt es diese falschen Regeln. Und etwas umzulernen ist viel schwieriger als etwas neu zu lernen.

 

 

Dreijährige in Chinesisch Kursen, Vierjährige, die auf Italienisch zählen oder Kinder, die bereits drei Sprachen sprechen: Gibt es in Deutschland diesen Trend zur Mehrsprachigkeit?

 

 

Kindern im Kindergartenalter macht es oft besonderen Spaß in unterschiedlichen Sprachen Zahlen aufzusagen oder ein Geburtstagslied zu singen. Das wird in Kitas auch gefördert, um der Vielsprachigkeit, die in den Einrichtungen Realität ist, Wertschätzung entgegenzubringen. Mit Sprachen und Sprachlauten zu spielen, macht einfach Spaß!
Worauf Sie anspielen sind die Eltern, die ihre Kinder früh in Sprachkurse schicken, um ihnen die besten Startchancen in unserer globalisierten Welt zu bieten. Eine generelle Tendenz dazu kann ich nicht ausmachen, allerdings kenne ich keine Zahlen dazu. Sicherlich gibt es in großstädtischen Ballungsräumen eher Anbieter, die versuchen, bei Eltern Bedarf zu wecken. Schaut man in kleinere Städte oder ländliche Gebiete, halten sich solche Zusatzangebote in Grenzen.

 

Ich habe eher das Gefühl, dass der Trend z.B. einmal wöchentlich Englisch in der Kita anzubieten, wieder etwas abgeebbt ist, seit man sich fachlich intensiver mit dem Thema Mehrsprachigkeit auseinandersetzt. Aus der Forschung weiß man, dass aus solchen Frühenglisch-Kursen in keinster Weise Muttersprachler herausmarschieren.

 

Einige Kognitionsforscher wie z.B. Elsbeth Stern warnen sogar davor, Kinder mit solchen frühen „Leistungskursen“ zu überfrachten. Es sei noch nicht geklärt, ob solche frühen Zusatzangebote nicht andere, von der Natur in dem Zeitraum vorgesehenen Lernprozesse verdrängen.

 

 

Was raten Sie Eltern, die sich dazu entscheiden, mit ihrem Kind zweisprachig zu kommunizieren?

 

 

Ich finde es wichtig, dass sich die Eltern klar darüber sind, warum sie zweisprachig erziehen wollen. Es gibt gute Gründe für mehrere Sprachen: Wenn es ihre Herzenssprachen sind, die sie dem Kind mitgeben wollen; wenn sie möchten, dass das Kind sich langfristig auch mit Großeltern und anderen Verwandten unterhalten kann, die nur die anderen Sprachen beherrschen; wenn geplant ist, in Kürze in das entsprechende Land zu ziehen uvm.
Wenn es jedoch eher Prestigegründe sind oder die Eltern das Kind frühzeitig auf die Karriereschiene setzen wollen (und die Eltern zudem die Sprache nur auf „Schulsprachniveau“ sprechen) würde ich dringend davon abraten.
Lebt eine Familie in einem mehrsprachigen Umfeld, dann ist bei der mehrsprachigen Erziehung vor allem auf eine systematische Sprachentrennung zu achten: In den frühen Phasen des Spracherwerbs sollten Sprachen nicht bunt gemischt werden, wie bereits erwähnt. Das kindliche Gehirn weiß ja zunächst nicht, ob ein Wort oder Satz z.B. deutsch oder russisch ist. Es muss aber für beide Sprachen die Laute lernen, einen Wortschatz aufbauen und das grammatische System erwerben. Wenn eine klare Sprachentrennung da ist („eine Person – eine Sprache“ wäre der klassische Ansatz oder „innerhalb der Wohnung vs. außerhalb der Wohnung“, da ist vieles denkbar), erleichtert man dem kindlichen Gehirn, quasi das „passende Kästchen“ für das jeweils Gehörte zu öffnen.
Dann ist es wichtig, dass das Kind beide Sprachen kontinuierlich hört, also am besten täglich und zudem in korrekter und abwechslungsreicher Grammatik. Außerdem weiß man, dass die seltener gesprochene Sprache mindestens ca. 20-25 % des sprachlichen Inputs ausmachen muss. Sonst ist es absolut gesehen einfach zu wenig.

 

Vielen lieben Dank für das Interview. 

 

Dr. Maren Aktas, Diplompsychologin. Sie arbeitete viele Jahre an der Universität Bielefeld in der Arbeitseinheit „Allgemeine und angewandte Entwicklungspsychologie“ bei Prof. Grimm. Der Forschungsschwerpunkt lag auf der Sprachentwicklung von Kindern und der Diagnostik von Entwicklungsstörungen. Maren Aktas ist Mitglied im Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung e.V., einem Verein, der an der Schnittstelle von Forschung und Praxis arbeitet. Maren Aktas führt seit vielen Jahren Fortbildungen für Erzieherinnen zur kindlichen Entwicklung, v.a. zu ein- und mehrsprachigen Spracherwerb durch, und berät Eltern zu diesen Fragen.

 

Einen guten Artikel, wie sich Zweisprachigkeit im Alltag bewährt findet Ihr zum Beispiel auch beim Mamablog Einerschreitimmer.