Immer am Donnerstag gibt es die Familienrollen: Heute erzählt Natalie, wie es ist zwischen den Kulturen aufzuwachsen, in wie weit sie das Frauenbild ihrer Mutter übernehmen möchte und was sie sich für ihre Tochter wünscht. 

 

Während Deiner Kindheit hast Du in drei verschiedenen Ländern gewohnt: Wie war das für Dich? 

 

Ich habe die ersten vier Jahre meines Lebens in Polen verbracht, in der Nähe der Familie meiner Mutter. Wir hatten ein großes Haus mit Garten, und sogar eine Nanny, die auf mich aufpasste und für uns putzte und kochte. Oma, Opa, Onkel und Tanten kamen immer wieder vorbei und spielten mit mir. Es fehlte an nichts und ich durfte eine sehr schöne Kindheit erleben – bis ich aus der Idylle herausgerissen worden bin.

 

Mein Vater arbeitete damals an der österreichischen Botschaft in Warschau und die Zeit war um – wir mussten nach vier Jahren wieder zurück nach Österreich. Dort bin ich dann in den Kindergarten gekommen, ohne ein Wort deutsch zu sprechen. Ich kann mich an diese Zeit nur dunkel erinnern, aber ich ging überhaupt nicht gerne hin. Überhaupt war alles eine ziemliche Umstellung: statt eines Hauses mit Garten wohnten wir in einer kleinen Wohnung in Wien, statt der Großfamilie waren nur mehr Mama, Papa und ich. Es wurde mir der Zeit besser, als ich in die Volksschule kam, da lernte ich ein paar neue Freunde kennen.

 

Doch nach ein, zwei Jahren mussten wir wegen des Berufes meines Vaters schon wieder nach Polen zurück. Meine Mama unterrichtete mich damals das ganze Jahr über zuhause. Als wir nach diesem Jahr wieder nach Österreich zurückkamen, verfiel ich in eine Apathie. Ich war ein sensibles, wahrscheinlich hochsensibles Kind, und der Wechsel fiel mir überhaupt nicht leicht.
Ich klammerte mich sehr an meine Mutter, sie verbrachte ihre gesamte Zeit mit mir, hatte null Unterstützung. Damals in den 90er Jahren war es in meinem Umfeld unüblich, dass Mütter arbeiteten und Väter bei der Kinderbetreuung mithalfen. Dafür unterstützten sich Mütter gegenseitig viel mehr: nach der Schule war ich oft bei Freundinnen und sie bei mir.

 

Als ich so um die 14 Jahre alt war, bekam mein Vater einen Posten an der österreichischen Botschaft in Slowenien. Schon wieder wurde ich aus meiner gewohnten Umgebung gerissen, musste alle meine Freunde zurücklassen. Ich kam in eine englischsprachige Privatschule, obwohl ich Englisch gar nicht richtig konnte. Und Slowenisch schon überhaupt nicht! Ich war todunglücklich, vermisste Wien, meine Freunde, einfach alles. Wir lebten 5 Jahre in Ljubljana, das ist eine sehr kleine Stadt im Vergleich zu Wien, ich fühlte mich da so “eingesperrt”. Es dauerte ein Jahr, bis ich mich eingelebt hatte. So lange hatte ich nämlich gebraucht, um mich auf Slowenisch einigermaßen verständigen zu können.

 

Es war richtig hart für mich, ich musste früh lernen, loszulassen. Ich hatte keine andere Wahl, wurde ins kalte Wasser geschmissen. Das hat aber auch seine Vorteile: ich spreche fünf Sprachen (Deutsch, Polnisch, Slowenisch, Englisch und Italienisch). Und ich habe gelernt, mich anzupassen an die neue Kultur, habe recht rasch die Spielregeln begriffen.

 

Ich bin sowas wie ein “Chamäleon”. Noch heute tue ich mir leicht, neue Bekanntschaften zu schließen. Smalltalk finde ich super – sogar auf Spielplätzen! Ja, ich bin sogar so verrückt und gehe auf andere Mamas zu.

 

Das Eintauchen in eine fremde Kultur erweitert den Horizont ungemein. Ich durfte vor allem in Slowenien so tolle Menschen kennenlernen, mit denen ich auch heute noch befreundet bin. Rückblickend betrachtet war es eine wunderschöne Zeit. Auch wenn der Anfang alles andere als rosig war.
Mit 18 bist Du nach Wien gezogen, und seither – scheinbar- an einem festen Ort: Willst Du hier nun bleiben? 
Solange die Kinder (ich glaube, wir werden mehrere haben) noch klein sind, will ich definitiv in Wien bleiben. Ich kann mir ein Familienleben ohne die Unterstützung und Nähe meiner Eltern nicht vorstellen. Wien ist eine angenehme Stadt zum Leben. Was mir fehlt, ist das Meer und die Nähe zu Italien (Ljubljana ist nur 1h Autofahrt von der Adria entfernt). Und eine gewisse Herzlichkeit, Lockerheit, Lebenslust. Hier ist alles so geordnet, in Slowenien herrscht ein kreativer, fast schon durchgeknallter Geist. Was ich an Polen vermisse? Die Salzgurken. Und die Familie meiner Mama.
Wo fühlst Du Dich zuhause?

 

Meine Mama kommt aus Warschau und mein Papa aus Oberösterreich, mein Mann aus dem Westen Österreichs, er ist an der Grenze zur Schweiz aufgewachsen. Dadurch, dass meine Eltern hier sind, sehe ich Wien als mein Zuhause an, aber Warschau kommt – familienbedingt – gleich an zweiter Stelle. Ich erziehe meine Tochter zweisprachig, damit sie sich auch mit den polnischen Verwandten verständigen kann. Was das Wohlfühlen angeht, so könnte ich es mir aber durchaus vorstellen, auch mal wieder ins Ausland zu gehen. Irgendwie fühlt man sich dort wohl, wo man sich ein angenehmes Lebensumfeld mit lieben Leuten geschaffen hat. Und das geht nahezu überall auf der Welt, man braucht nur etwas Zeit und einen langen Atem.

 

 

 

Deine Mutter war nicht werktätig und Deine ganze Kindheit über bei Dir zuhause. Wie war es, als Du plötzlich weg warst?

 

Ich habe eine sehr enge Bindung zu meiner Mutter. Sie ist fast schon wie eine Schwester für mich, die ich ja als Einzelkind nie hatte. Ich konnte ihr immer alles erzählen, das ist noch bis heute so. Als ich mit 18 von zuhause weggezogen bin, waren meine Eltern noch in Ljubljana. Für meine Mama war es eine der schwersten Zeiten in ihrem Leben. Sie konnte sich lange nicht damit abfinden, dass ich plötzlich weg war, sie vermisste mich ganz stark.

 

Ich konnte das damals gar nicht nachvollziehen, denn für mich war es gar nicht schlimm, von zuhause weg zu sein, ganz im Gegenteil! Ich war endlich wieder in einer Großstadt, alles war so aufregend – die Uni, neue Freunde. In der Zeit lernte ich auch meinen Mann kennen. Ich war verliebt und frei wie ein Vogel. Meine Mama hingegen fühlte sich sehr einsam. Ich war ja immer ihr Lebensmittelpunkt gewesen, der plötzlich, von einem Tag auf den anderen, weg war. Mein Vater arbeitete damals viel, auch am Abend. Sie durfte als Frau eines Diplomaten nicht arbeiten, denn sie musste für Empfänge bereitstehen, also Gäste aus dem kulturellen Bereich – Künstler, Schriftsteller, Musiker – zuhause empfangen. Mein Vater hatte wirklich einen hochinteressanten Job, in dem er aufging, der ihn aber auch viel Kraft kostete. Als er in Pension ging, musste er sich einer Herz-OP unterziehen.

 

Wenn Du von Deiner Mutter sprichst, klingt das sehr liebevoll. Für Dich hast Du ein anderes Modell gewählt: Deine Tochter ist zwei Jahre alt und Du arbeitest wieder. In wie weit ähneln Ihr Euch als Mutter?

 

Wir ähneln uns sehr stark als Mütter, ich bin auch so eine Glucke wie sie. Nein, im Ernst, ich versuche auch eine tiefe Bindung zu meiner Tochter aufzubauen, das ist mir wichtig, dass sie mal mit mir über alles sprechen kann, dass wir zusammen shoppen gehen, lachen und weinen können, so wie ich mit meiner Mama. Sie hat mich immer sehr verwöhnt, mir immer alle Wünsche von den Augen abgelesen, mich nie zu etwas gezwungen. Das mache ich auch so mit meiner Tochter.

 

Ich mache aber auch viele Dinge anders, meine Mama stillte mich z.B. 3 Monate lang, ich stille meine Tochter noch immer. Ich schlief als Baby relativ bald im eigenen Bettchen, im eigenen Zimmer, meine Tochter schläft noch immer bei uns, in ihrem Beistellbett. Meine Mama handelte eher nach Bauchgefühl, was Erziehung angeht, ich lese mir mehr an.

 

Es gibt Vor- und Nachteile einer so engen Bindung zu den Eltern wie ich sie habe. Die Vorteile liegen auf der Hand: ich habe immer das Gefühl, dass mich jemand auffängt. Meine Eltern sind immer da für mich. Sie würden alles für mich tun. Sie haben mir Wurzeln gegeben, und als ich von zuhause wegzog, hatte ich Flügel. Das haben sie echt gut gemacht!

Man schafft sich aber dadurch auch eine gewisse Abhängigkeit. Ich weiß nicht, ob das für meine Eltern immer so gut ist. Oft greife ich zu schnell zum Hörer, um meine Mama anzurufen, wenn ich etwas brauche oder wenn es mir schlecht geht. Als Kind nützt man so etwas gerne mal aus.

 

Ebenso hat sie dadurch mehr Mitspracherecht, was meinen Partner am Anfang immens störte. Ich musste mit der Zeit lernen, mich abzunabeln, ihr Grenzen zu setzen. Denn sie ist ein ängstlicher Mensch, und sie hat viele ihrer Ängste auf mich übertragen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich mir – vielleicht auch deshalb – zu wenig zutraue. Denn mir wurde immer sehr vieles abgenommen.

 

Das möchte ich bei meiner Tochter anders machen. Ich möchte ihr mehr Freiräume zum “Selbsttun” geben. Ich möchte, dass sie mutiger ist als ich.

Und ich glaube, es ist nicht immer gut für ein Kind, wenn es als Lebensmittelpunkt gesehen wird. Darum gehe ich auch arbeiten, denn ich möchte auch im Beruf meine Erfüllung finden, nicht nur in meiner Familie.

 

Meine Eltern haben auch Glück mit mir, weil ich die enge Bindung zulasse. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass das nicht jeder so haben möchte.
Was wünscht Du Dir für Deine Familie für die Zukunft?

 

Ich wünsche mir für meine Mama, dass sie endlich auch etwas für sich macht. Sie will schon lange eine Reise in die Toskana unternehmen. Aber sie macht es nicht, weil immer die Familie im Vordergrund steht.
Ich wünsche mir für mich und meinen Partner, dass wir endlich wieder mehr Zeit zu zweit haben. Und ich wünsche mir, dass wir bei unserer Tochter einen guten Mittelweg finden zwischen enger Bindung und Freiräumen, und zwar für beide Seiten.

 
Vielen lieben Dank für Deine Offenheit, Natalie. 

 

Natalie bloggt übrigens auf Mama will Schoko.

 

Ihr habt auch eine Familiengeschichte, die ihr mal bei den Familienrollen erzählen wollt? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.