Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Yasmin hat eine gewaltsame Erziehung hinter sich, wie sich das auf ihre eigene Mutterrolle auswirkt und was ihr besonders wichtig ist: Das erzählt sie im Interview. 

 

Die Anlehnung an die Erziehung der eigenen Eltern: Du hast Dich bewusst dagegen entschieden. Wie war Deine Kindheit? 
Yasmin mit TochterJedes Mal, wenn jemand die Hand über den Kopf hebt, zucke ich zusammen. Noch immer. Das fasst meine Kindheit gut zusammen, denn sie war geprägt von physischer und psychischer Gewalt: Meine Mum hatte es nicht leicht. Sie war Alleinerziehende mit zwei Kindern, mein Vater war mal besser, mal schlechter zuverlässig. Irgendwie musste sie alles stemmen, immer wieder einen neuen Job finden. So kam es, dass wir fast jährlich umgezogen sind. Immer dem Job hinterher. Damit hatte ich keine Gelegenheit feste Freundschaften zu knüpfen.

 

Ich war ohnehin eher schüchtern, fand und finde schwer Freunde. Meine Kindheit war also auch einsam. Natürlich hatte ich meinen Bruder, einen kleinen Anker. Als Ältere fühlte ich mich verantwortlich für ihn. Meine Mum war oft am Ende, sie schrie uns an, wir mussten zur Strafe verbranntes Essen essen. Es gab auch mal nur Brot, oder Nudeln mit Ketchup, viele Tütensuppen… Das Geld war knapp. Der Stress riesengroß. Wer nicht hörte bzw. funktionierte, wurde auch mal geschlagen: Mit der Hand, dem Schuh, dem Kochlöffel, dem Gürtel. Was eben gerade greifbar war.

 

Yasmin in Klein

Yasmin in Klein

Dann lernte meine Mum den „Stiefvater“ kennen. Anfangs war der „Stiefvater“ auch sehr nett, lockte uns und sie immer mit kleinen Geschenken. Sie zogen zusammen und das echte Märtyrum begann.
Aus dem netten Mann wurde ein jähzorniger, kleiner Diktator. Meine Mutter durfte keinen Kontakt mehr zu anderen Menschen haben, er hat sie Stück für Stück von anderen Menschen (vor allem Männer) abgegrenzt. Sie bekamen mehrere Kinder (das letzte wohl unfreiwillig…). Je länger sie zusammen waren, desto gewaltvoller wurde er. Nicht nur gegenüber unserer Mutter (er schlug sie in der Schwangerschaft, sie verlor das Kind), sondern auch uns. Auch meine Mutter schlug immer öfter zu. Wenn ich dem Schlag auswich und dabei stolperte, dann trat sie eben zu. Später meinte sie zu mir, dass sie uns schlagen musste: Damit der „Stiefvater“ nicht zuschlagen würde. Seine Schläge seien härter und gewaltvoller. Sie wollte uns auf eine verrückte Art und Weise beschützen. Damals war ich ihr sehr böse deswegen, mittlerweile verstehe ich, dass sie absolut überfordert war und keine Hilfe gesucht hat. Ich nehme an, dass sie auch eine Art von Depressionen hatte oder sogar noch hat, die ihr übriges getan haben.

 

Irgendwann zeigte das Spuren an meinem Bruder. Er wurde ebenfalls gewalttätig, natürlich gegen Schwächere. Er prügelte sich in der Schule, wurde auch mir gegenüber anders. Das Jugendamt entschied, dass er bei seinem Vater besser aufgehoben sei. Ich blieb bei meiner Mutter, hatte das Gefühl sie beschützen zu müssen. Nicht nur sie, auch meine Geschwister. Mit 15 war meine Kindheit dann aber vorbei, denn ich entschied, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Ich hatte meinen ersten Freund und mein Stiefvater ist durchgedreht. Er bezeichnete mich als Hure, dumme Fotze mit einem fetten Brauereigaul-Arsch. Mich trafen die Worte hart, denn ich haderte mit meiner Figur. Ich bin ausgezogen, meine Mutter half mir dabei. Ich kam in einem 1-Zimmer Appartement bei ihrer Freundin unter. Dachgeschoss – noch nie waren meine Sommer so heiß. Knapp 2 Jahre habe ich mich dann mit Putzjobs, dem Kindergeld und 100 Euro Unterhalt meines Vaters so durchgeschlagen. Zur Abi-Phase hin, hatte sie ihn endlich verlassen. Also zog ich für ein paar Monate zurück, ehe ich dann nach Bayern abgehauen bin – zu meiner zweiten großen Liebe.

 

Zusammengefasst kann man sagen, dass meine Mutter die Erziehung ihres Vaters kopiert hatte. Er war sehr gewalttätig, hatte furchtbare Strafen für seine Kinder. Das war größtenteils Kindesmisshandlung. Noch immer reagiere ich sehr emotional, wenn ich angeschrien werde. Mir schießen entweder sofort die Tränen in die Augen, oder ich werde zur wilden Furie und wehre mich mit allen Mitteln.

 

Welche Erziehungsmaxime stehen bei der Erziehung Deiner Tochter Claire ganz oben?

 

Yasmin mit Mann und Kind

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Ich möchte gern auf Augenhöhe mit ihr leben und versuchen ihre Wünsche und Ziele zu respektieren. Das klappt natürlich nicht immer. Schon allein durch den eng getakteten Tag, der zwei Vollzeitjobs mit sich bringt, muss das Kind auch mal „funktionieren“. Manche Abläufe müssen automatisch geschehen und dann, wenn sie auch mal nicht möchte. Beispielsweise das morgendliche Aufstehen – sie ist wie ich ein Morgenmuffel. Sonst klappt es einfach nicht. Termine werden nicht eingehalten, alles kommt durcheinander, die Chefs sind sauer, die Arbeitszeit nach hinten verlängert sich… Es geht hier einfach nicht. An Tagen, an denen ich Home Office mache oder gar Urlaub habe, klappt es viel besser. Keine Termine im Nacken, keine Chefs und plötzlich läuft es rund. Die Urlaubswoche im letzten August war wundervoll. Ich hatte mich noch nie so gut mit Claire verstanden, wir waren beide sehr entspannt und konnten Konflikte so gut wie immer friedvoll lösen. Da wurde mir klar, dass ich den Alltag entschleunigen muss und habe Stunden reduziert. Leider reicht es noch nicht aus, um den Druck ganz zu nehmen, es bringt mich dem Ziel aber näher.
Ich würde Claire gern völlig gewaltfrei erziehen, ohne Schläge, ohne Schreien ohne Zwang. Auch das gelingt nicht immer. Manchmal, da schreie ich. Oder ich nehme sie unter den Arm und trage sie vom Spielplatz, nachdem ich es 15 Minuten mit Diskussionen, Alternativen und Kompromissvorschlägen versucht habe. Dann setze ich mich durch. Ich versuche Claire so viel wie möglich „einfach machen“ zu lassen. Aber mir sind auch Grenzen wichtig. Sichere Schranken, die aufzeigen „Bis hier hin und nicht weiter“. Besonders kommt das im Verkehr zum Tragen. Aber auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es geht beispielsweise nicht, dass sie uns schlägt. Sie darf toben, meckern – aber geschlagen wird nicht.
In solchen Situationen würde ich ihr gern Trost spenden, aber, wenn sie mich schlägt, bin ich manchmal auch sauer oder eher verletzt. Ich frage mich immer, was ich falsch gemacht habe, dass sie ihre Wut nun so ausdrückt und mir absichtlich weh tut. Manchmal reagiere ich dann eingeschnappt und muss den Raum verlassen. Das würde ich gern ändern, aber es geht manchmal nicht anders.
Generell wäre ich lieber viel gechillter, einfühlsamer und verständnisvoller, wenn es zu Extrem-Situationen kommt. Ich wäre gern eine dieser perfekten Mütter, die das alles weglächeln und souverän meistern. So eine bin ich aber nicht. Ich bin eine Mutter, die dann selber unruhig wird, sauer wird und manchmal tobt. Es ist seltener geworden, kommt je nach Tagesform oder Stresslevel aber dann doch zum Tragen. Mein Ziel wäre, diese Situationen gar nicht mehr aufkommen zu lassen. Immer ihr Anker zu sein und auf sie eingehen zu können.

 
 In wie weit lässt Du Deiner Mutter im Umgang mit Deiner Tochter freie Hand?

 

 

Meine Mutter passt mittlerweile nicht mehr auf Claire auf. Als sie ein Baby war, kam das vor, aber nun nehmen wir Claire einfach überall hin mit, wenn wir bei meiner Mum zu Besuch sind. Vielmehr passt die Mutter meines Mannes regelmäßig auf Claire auf J Sie gestaltet das meist sehr liebevoll, hat immer neue Spiele und Ideen auf Lager. Bisher habe ich ihr völlig freie Hand gelassen und mich darauf verlassen, dass sie weiß was sie tut. Nur an manchen Punkten war ich bisher unzufrieden und bat meinen Mann dies anzusprechen.
Wie hat sich Eure Beziehung verändert, seit dem Du selbst Mutter bist?

 

Mutter und Kind im ZooUff. Das ist schwierig zu beurteilen. Wir sehen uns häufiger, damit Claire den Kontakt zur Oma und ihren Onkels und der Tante aufrechterhalten kann. Allerdings kritisiere ich meine Mutter mittlerweile häufiger und sehr direkt. Sie hat noch immer Kinder im Haus und ich bin manchmal sehr entsetzt, dass sie einige Verhaltensweisen aus der Vergangenheit beibehalten hat. Manches kann ich mittlerweile nachvollziehen und verstehen. Aber in einigen Punkten habe ich doch eine sehr feste Meinung. Als Claire noch ein Baby war, hatte ich mir oft noch Rat bei Krankheiten geholt (wie senke ich das Fieber, bei Bays beispielsweise). Mittlerweile ist das seltener geworden, weil wir einfach verschiedenen Generationen angehören und „damals alles anders“ war. Das macht die Beziehung und manchmal angespannter.
Bist Du die Mutter geworden, die Du immer werden wolltest? Und wenn nicht: Was wünscht Du Dir dafür für die Zukunft?

 

Nein, ich wollte ja nie Mutter werden. Claire war eine große Überraschung und in der Schwangerschaft habe ich mehr den „Schock“ überwunden, dass ich nun überhaupt Mutter werde und versucht mein Leben zu sortieren und mir erstmal darüber klar zu werden, was ich will. Mir war klar, dass ich nie so werden wollte, wie meine eigene Mutter. Emotionslos. Wir wurden nie in den Arm genommen. Sie hat nie „Ich liebe dich“ zu uns gesagt. Ich erinnere mich an keinen einzigen emotionalen Moment mit ihr.
Erst nach und nach kamen dann weitere Vorstellungen hinzu: Auf Augenhöhe, kompromissbereit. Anfangs war ich auch so eingestellt, dass die „Kinder eben Folge zu leisten haben“. Dass sie X und Y machen müssen. Das war normal für mich. Und dann hielt ich das Baby im Arm und dachte mir: Du musst gar nichts, außer glücklich sein! Von dem Gedanken bin ich daher weitestgehend abgerückt.
Ich weiß zwar nicht, welche Mutter ich mal sein wollte, ich weiß aber, dass ich die Mutter, die ich bin, ganz gut leiden kann. Es gibt Verbesserungsbedarf – keine Frage. Mit dem Alter wachsen auch die Anforderungen, verändern sich. Darum werde ich ohnehin nie perfekt sein oder einem Wunschbild entsprechen. Für die Zukunft wünsche ich mir einfach, dass ich weiterhin versuche mit meinen Kindern zu wachsen und nicht irgendwann das Handtuch werfe. Ich wünsche mir stetig Kraft auf die Bedürfnisse eingehen zu können und nicht derselben Ohnmacht zu erliegen, wie meine Mutter eines Tages.

 

Vielen lieben Dank für Deine Offenheit, Yasmin.

 

Und hier geht es zu Yasmins Blog Rabenmutti.

 

Ihr habt auch eine Geschichte, die Ihr gerne in den Familienrollen erzählen wollt? Dann meldet Euch doch unter fruehesvogerl@gmail.com bei mir.