Das Internet ist voller teils gruseliger Geburtsberichte. Die heutigen Familienrollen sind einer Frau gewidmet, die sich dafür einsetzt, dass Frauen mit Freude auf die Geburt zugehen: Vorhang auf für Motherbirth, die nicht ohne Grund dieses Pseudonym gewählt hat.

 

Dein Blogthema ist “Auch auf eine sehr schlimme Geburtserfahrung kann eine gute folgen.” Warum ist es Dir, als Mutter dreier Kinder, so wichtig für dieses Thema einzustehen? 

 

Ich glaube das Kernthema hinter allem ist: “Angst”. Ich weiß aus eigener – leidvoller – Erfahrung, wie groß diese nach einer traumatischen Geburtserfahrung sein kann. Gerade wenn dies die erste und einzige war, die frau hatte – so wie ich. Und es sind eben nicht nur die eigenen Ängste, die einen beschäftigen und manchmal auch quälen. Ebenso Freunde, Familie und auch Ärzte verunsichern Frauen zusätzlich, anstatt ihnen Mut, Hoffnung und Selbstvertrauen zu geben.

 

Das durfte ich in meiner zweiten Schwangerschaft am eigenen Leib erfahren. Es hat mich damals unfassbare Überwindung und Kraft gekostet meine eigenen Ängste zu überwinden und mich gleichzeitig noch gegen die auf mich projizierten Ängste meines Umfeldes zu wehren. Dabei fühlte ich mich so unendlich allein. Als eine Einzelkämpfern. Ich hätte mir damals sehr gewünscht, einen Blog wie meinen, lesen zu können. Und aus diesem Gefühl heraus, ist mein Blog auch entstanden:

 

mir liegt es am Herzen, anderen Frauen durch meine eigenen Erfahrungen, durch meine eigene Geschichte, zu helfen ihren Weg zu finden – angstfrei und wieder im Vertrauen in sich und ihren Körper gebären zu wollen. Einfach in guter Hoffnung sein zu dürfen. Vorfreude zu haben. Ich möchte Ängste nehmen, Mut spenden und Hoffnung geben.

 

Und ich denke, es gelingt mir. Immer wieder erreichen mich E-Mails von Frauen, die mir schreiben, wie wertvoll und hilfreich sie meinen Blog fanden. Ich hätte ihnen die Angst genommen. Das ist für mich der größte Lohn für meine Arbeit.

 

Und so habe ich es tatsächlich geschafft das zu verwirklichen, was ich mir 2015 vorgenommen habe, als mein Mann mich fragte: “Was willst du mit deinem Blog eigentlich erreichen?” und ich antwortete: “Ich will Frauen erreichen. Ich will ihnen helfen statt Angst Vorfreude zu spüren. Ihnen Vertrauen geben und Mut machen.” Mein Mann schaute mich damals noch ungläubig an. Heute muss er mitweinen, wenn ich ihm aus den E-Mails der Frauen vorlese, denen ich helfen konnte und er sagt: “Du hast alles genau richtig gemacht.” Das glaube ich auch.

 

 

Schöne Geburt vs. schlimme Geburt: Auf Deinem Blog finden sich beide Erfahrungen, bzw. mittlerweile drei Geburten: Welche unterschiedlichen Erfahrungen hast Du dadurch im Wochenbett gemacht? 

 

Bei mir hatten die Geburtserfahrungen definitiv Einfluss auf mein Wochenbett, aber auch auf die Zeit danach.

 

Die traumatische Geburtserfahrung war für mich kein guter Start in mein erstes Wochenbett. Diese sofortige innige warme Verbindung, von der immer alle schwärmen, verspürte ich bei meinem ersten Sohn nicht. Liebe schon, aber da war irgendeine Distanz, die ich bis heute nicht wirklich greifen, noch beschreiben kann. Damals war es mir nicht einmal wirklich bewusst. Erst in der Retrospektive weiß ich es – im Vergleich.

 

Mein Verhältnis zu meinem Sohn war anfangs stark geprägt durch Unsicherheiten und Ängste. Ich wollte endlich alles “richtig” machen, alles aufholen. Wollte vielleicht sogar Abbitte leisten, weil ich mich schuldig fühlte, dass ich für ihn, für uns nicht mehr gekämpft habe, mich nicht mehr widersetzt habe, mir alles gefallen lassen habe. Ich habe Jahre gebraucht, um anzukommen in meiner Mutterrolle. Ich wurde eben nicht hineingeboren – kein “Mother Birth” eben. Daher auch der Blogname … aber das ist ein ganz anderes Thema. Ich habe es mir Stück für Stück erkämpft, zurückerobert. Ein langer Weg mit viel Tränen und Selbstvorwürfen. Bei meinen beiden anderen Kindern fehlte dieser Kampf. Im Wochenbett fügte sich irgendwie alles wie selbstverständlich zusammen. Das war um so viel leichter.

Was ich anderen Müttern raten kann? Verzeiht euch selbst! Es klingt so einfach, aber das ist es in Wahrheit leider nicht. Mir persönlich hat eine Therapie mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) sehr helfen können. Dabei habe ich mich stark mit mir, meinen Gefühlen und den Erlebnissen auseinander gesetzt. Denn Verdrängen ist immer die schlechteste aller Optionen. Aufarbeiten ist nachhaltiger. Man hat dadurch noch die Chance selbst an einer negativen Geburtserfahrung zu wachsen. Ihr etwas Positives abzugewinnen. Und bitte wartet nicht so lange wie ich. Holt euch sofort Hilfe. Lasst keine Tage, Wochen, Monate oder Jahre verstreichen.

Was hat sich für Dich durch das Muttersein verändert?

 

Ich bin definitiv stärker geworden. Selbstbewusster. Bin klarer indem, was mein Weg ist – orientiere mich weniger an anderen. Heute fällt es mir leicht manchmal “aus der Reihe” zu fallen – etwas “Besonderes” zu wagen, z.B. beim Langzeitstillen. Früher für mich undenkbar. Ich war viel zu unsicher. Mir fehlte es schlicht an genügend Selbstsicherheit. Ich brauchte immer die Rückversicherung und Bestätigung meines Umfeldes, dass ich auch alles “richtig” machen würde. Ich war schwach. Heute weiß ich, was ich im Stande bin zu leisten. Ich muss mich nicht verstecken oder mich kleiner machen als ich wirklich bin. Und dieser Wandel hat das Muttersein bei mir mit sich gebracht. Ein inneres Reifen. Nicht sofort, sondern in kleinen Schritten. Ich bin gewachsen an meiner Aufgabe. Immer ein Stückchen mehr.

Und noch was hat sich geändert: mir fällt erst als Mutter so richtig auf, wie antiquiert noch immer die Rolle der Frau gesehen wird und zum Teil auch von den Frauen so gelebt wird – was mich ehrlich gesagt am meisten schockiert. Ein simples aber eindrückliches Beispiel: Hausgeburt. Wenn ich erzählt habe, dass wir eine Hausgeburt planen, habe ich oftmals die Antwort erhalten:

“Das finde ich total toll. Hätte ich auch so gerne gemacht, aber mein Mann würde das niemals erlauben/zulassen.”

Solchen Antworten lassen mich dann sprachlos zurück. Meinem Mann wäre es, glaube ich, nie in den Sinn kommen, dass er mir eine Hausgeburt kategorisch verbieten kann bzw. ich seine Erlaubnis dafür bräuchte. Es fehlt mir an Augenhöhe. Wieso kann der Mann über den Geburtsort offensichtlich allein entscheiden, ohne dass die Frau “Widerworte” gibt, obwohl ihr eigener Wunsch etwas ganz anderes ist. Natürlich kann man das Für und Wider einer Hausgeburt besprechen, Wünsche klar äußern und Bedürfnisse kundtun, aber dann sollte man eine Lösung finden, die für beide passt. Mein Mann geht sogar noch ein Stück weiter und sagt:
“Du musst gebären. Erfülle dir deine Träume. Ich gehe deinen Weg mit. Egal wie er aussieht.”

 

Und er ist offensichtlich mit dieser Meinung immer noch in der Minderheit. Denn auch er wurde in der Zeit der Schwangerschaft immer wieder darauf angesprochen, ob er mir nicht “die Flausen mit der Hausgeburt” ausreden kann bzw. mal ein “Machtwort” sprechen soll, da dass ja alles viel zu gefährlich sei… Die Antwort meines Mannes: “Ich vertraue meiner Frau.”

 

Ein gegenseitiges Vertrauen ist für mich die Basis für eine Partnerschaft auf Augenhöhe, in der Wertschätzung und die Achtung der Bedürfnisse gelebt werden. Und dieses innige Vertrauen konnte erst durch das gemeinsame Erleben und Durchleben der Geburten so sehr wachsen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

 

 

Das Internet ist voller gruseliger Geburtsberichte. Ich verstehe, dass manche Frauen so verarbeiten. Während einer Schwangerschaft habe ich sie allerdings nie gelesen, weil ich keine Ängste dadurch kriegen wollte. Wie stehst Du zu Geburtsberichten?

 

Die Frage scheint auf den ersten Blick leicht zu beantworten zu sein, aber das ist sie nicht. Sie ist vielschichtig und nicht eindeutig. Es gibt so viele Facetten, die zu bedenken sind… Mit dieser Frage tue ich mich deshalb wirklich schwer, da es keine allgemein gültige Antwort gibt, sondern nur ein individuelles Abwägen und Überlegen, welche Aussage hinter dem eigenen Text stehen soll bzw. welche Bedeutung der Text für mich selbst hat. Ist er eine Art heilende Selbsttherapie nach einer traumatisch erleben Geburt – “man möchte sich alles von der Seele schreiben…”. Oder möchte man Kritik am System laut werden lassen, wenn man das Fehlverhalten bzw. die Gewalt im Kreissaal thematisiert, was an den Geburtsberichten zum Roses Revolution Day deutlich wird. Es ist ein Aufzeigen des Missstandes. Ein Laut werden. Ein Öffentlich machen.

 

Alles hat seine Berechtigung. Alles hat seine Leserschaft. Bei dezidiert triggernden Geburtsberichten würde ich mir allerdings wüschen, dass dies dem Leser im Vorfeld klar und deutlich angezeigt wird. Da sehe ich den Schreiber in der Verantwortung. Ob frau es dann doch lesen möchte, ist ihre selbstverantwortete Entscheidung. Ich persönlich würde schwangeren Frauen tendenziell abraten Geschichten von dramatisch verlaufenden Geburten zu lesen. Denn wir wissen alle: schwanger sind wir emotional offener und deutlich verletzlicher als sonst. Die Worte, die wir dann in Geburtsberichten lesen, brennen sich mitunter unwiederbringlich in unser Unterbewusstsein ein und können Ängste auslösen.

 

 

An die Geburt Deines dritten Kindes bist Du mit sehr viel Zuversicht herangegangen: Was empfiehlst Du anderen, die das nicht so automatisch können?

Das stimmt. Bei mir war das aber auch nicht so “automatisch”, wie es nach außen zu sein schien. Es ist vielmehr ein Prozess gewesen, ein Arbeiten an sich selbst und und meinen Ängsten. Und was ich am meisten brauchte, war eine große Portion Selbstvertrauen. Ich mußte mir sicher sein, was ich wirklich möchte. Was mein Weg sein soll. Diesen habe ich für mich schon vor der dritten Schwangerschaft gefunden. Oder besser gesagt: WIR hatten ihn für uns gefunden. Denn ich empfand es als größte Stütze bzw. Unterstützung, dass mein Mann mir ein unendliches Vertrauen entgegen gebracht hat.

 

Er ist meinen Weg immer mitgegangen, hat nie gezweifelt, nie kritisiert. Hat nach außen hin immer klar gemacht, dass es keinen Sinn hat Zweifel zwischen uns zu sähen. Ich konnte mich ganz auf mich und die Schwangerschaft konzentrieren. Was so in der zweiten Schwangerschaft – die ein innerer und äußerer Krampft und Kraftakt war – nicht der Fall war.

 

Also ganz allgemein würde ich sagen, dass man Angst durch Vertrauen ersetzten sollte. Dadurch war es mir möglich innerlich ruhig und ausgeglichen zu sein. Es war vielleicht sogar mehr als nur Zuversicht, die ich damals gespürte – es war Klarheit ohne Selbstzweifel. Ich wusste, was ich wollte und habe genau das getan. Das gab mir eine zuvor nie gekannte Zufriedenheit.

 

Du trägst Dich mit dem Gedanken eine Doula-Ausbildung zu machen: Was willst Du anderen Frauen mitgeben?

Wenn man jetzt meinen 10-Jahresplan betrachtet, steht sicherlich am Ende dieses Weges, dass ich Frauen als Doula in Schwangerschaft und unter der Geburt begleiten möchte. Da dies aber mit einer Rufbereitschaft einhergeht, dies zur Zeit noch nicht vereinbar mit meiner jetzigen familiären Situation ist, möchte ich nächstes Jahr zunächst die Ausbildung zur Hypnobirthing-Kursleiterin machen. Ich denke, so kann ich die Frauen ganzheitlicher auf ihrem Weg zu ihren ganz persönlichen Traumgeburten begleiten.
Mein “Werbeslogan” könnte folgendermaßen lauten:

“Statt Angst vor – mache ich Lust auf Geburt.”

Und genau das ist, was ich den Frauen mitgeben will: Vorfreude auf das hoffentlich schönste und prägendste Ereignis ihres Lebens – die Geburt ihres Kindes. Denn nur wenn man die Würde der Frauen achtet, ihnen zuhört, ihre Wünsche wahrnimmt und ihre Selbstbestimmung erhält, können Geburten erst zu schönen Erlebnissen werden. Und leider werden genau diese Punkte in der heutigen Geburtshilfe immer noch sträflich vernachlässigt. Als Doula möchte ich dafür eintreten, die Frauen stark zu machen und ihnen notfalls auch eine Stimme zu verleihen. Ich freue mich jetzt schon darauf.

 

Vielen lieben Dank für Deine Offenheit. 

 

Ihr habt auch eine Geschichte, die Ihr gerne in den Familienrollen erzählen möchtet? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com und ich stelle Euch, wenn es passt, gerne ein paar Fragen.