Ein eigenes Haus, gute Jobs und Geld auf der Bank: Trotzdem wollten Heike Praschel und ihr Mann die kommenden zehn Jahre auf keinen Fall so verbringen wie die letzten. In die Mongolei sollte es gehen: Mit einem LKW und für mindestens ein Jahr. Was daraus wurde erzählt sie in ihrem Buch “Weltenbummler”. Wie sie das Reisen die Familie verändert hat, in diesem Interview. 

In “Weltenbummler” erzählst Du von der Reise, die Euch 60 000 km weit führte und Euch fast drei Jahre hat unterwegs hat sein lassen. Ihr ward zu fünft.
Mit welcher Ausrüstung und welchen Plänen habt ihr Euch auf den Weg gemacht?
Der ursprüngliche Plan – unser Leben zu verändern: Vor allem nach der Geburt unserer zwei kleinsten Töchter begannen wir unser Leben neu zu überdenken und zu hinterfragen. Was wollen wir unseren Kindern bieten, oder leben wir das Leben, dass wir uns für uns und unsere Kinder wünschen? Wir hatten einen Punkt erreicht, an dem man seine Zukunft relativ klar vor sich liegen sieht, wir hatten ein eigenes Haus mit Garten, einen guten Job, Geld auf der Bank und doch wurde uns plötzlich klar, dass wir unsere nächsten zehn Jahre auf keinen Fall noch einmal so wie die letzten verbringen wollten.
Treffen unterwegs

Wir wollten unseren Kindern / uns etwas anderes bieten, als das enge Flusstal in der Oberpfalz. Wir wollten zusammen Zeit verbringen, zusammen mit den Kindern die Welt erfahren, sie mit allen Sinnen und hautnah erleben.

Der zweite Plan: in die Mongolei zu fahren und mindestens ein Jahr unterwegs zu sein.
Die Ausrüstung dazu: ein guter LKW ( Mercedes LA 710 mit nur 28.000 km auf dem Tacho), jede Menge Werkzeug (Ersatzteile haben wir im Iran besorgt), einen Medikamentenkoffer mit Verbandsmaterial, Antibiotika und den nötigsten Medikamenten (von denen wir kaum etwas gebraucht haben), Spielzeug, das für drinnen und draußen tauglich ist (Lego, Schleich Tiere,…), jede Menge Bücher, Kassetten und CD’s und all das, was man zum Leben braucht. Und natürlich die ersten Visa und ein Carnet de Passage (laut ADAC: ein Reisepass für das Fahrzeug)
Welche Momente, Orte und Menschen haben Euch als Familie besonders bewegt? 

Beeindruckt hat uns vor allem die unglaubliche Offenheit, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Menschen überall auf der Welt.

Typische Jurte in der Mongolei
Immer wurden wir ohne Vorbehalte aufgenommen und oft genug reich beschenkt, wir waren sprachlos anhand solcher Gastfreundschaft.
Bewegt hat mich hierbei vor allem der Iran, den ich als einen Schwerpunkt der Reise sehe. Gerade hier habe ich gelernt viele unbewusste Vorurteile zu begraben und mich auf die mir so fremde Kultur einzulassen und war begeistert von der Unbeschwertheit und der Leichtigkeit der Kinder, mit der sie auf alle fremden Menschen zugehen und die unterschiedlichen Lebensgewohnheiten ohne Probleme in ihren Alltag einbauen.
Unvergesslich bleibt natürlich auch die wunderbare Weite der Mongolei, die Stille der Wüste oder die bunten Bergwiesen von Kirgistan.
Was habt Ihr gelernt?
Emma und ein usbekischer Hirtenjunge

Wir und vor allem die Kinder haben viel Grundsätzliches von der Reise mitgenommen.

Einerseits Toleranz und Respekt vor Menschen, Kulturen und Lebensweisen, egal wie unterschiedlich sie manchmal auch erscheinen mögen, andererseits die Wertschätzung von lebensnotwendigen Dingen wie zum Beispiel Wasser. Wasser war unterwegs lebensnotwendig und nur begrenzt vorrätig, vor allem in der Wüste musste sehr sparsam damit umgegangen werden.
Zusätzlich eine Beschränkung auf das Notwendigste: der Laster war klein, die Kinder lernten auf engstem Raum zu leben, sich mit wenig abzufinden.
Und natürlich ein Gehör für Fremdsprachen, inzwischen verstehen auch die Kinder einige Worte in den unterschiedlichsten Sprachen.
Außerdem lernten wir vor allem flexibel zu bleiben und ungewohnte oder auch aussichtslos erscheinende Situationen zu überstehen, haben die Familie zu unserem “Heimathafen” gemacht, in dem man sicher geborgen überall auf der Welt glücklich sein kann.
 
Wie ging es Euch – und vor allem den Kindern – bei der Wiedereingewöhnung in Deutschland?
Einsamkeit

Hierbei ging es Erwachsenen und Kindern ganz unterschiedlich. Nach der Asienreise (während der drei Wochen, die unser Lkw brauchte um nach Halifax verschifft zu werden) hatten vor allem Tom und ich mit einem schweren Kulturschock zu kämpfen. Die Straßen in Deutschland schienen uns nach dem Trubel im Osten leer und steril, während die Kinder mit Begeisterung alles Neue in sich aufsogen; endlich konnten sie sich unterhalten, es gab wunderbar komfortable Badezimmer und für Sarah endlich wieder deutsche BRAVO’s.

Nach Amerika dann, war der Kulturschock zwar weniger ausgeprägt, aber einfach fiel uns das “Ankommen zu Hause” dennoch nicht. Ich fühlte mich in den Mauern unseres Hauses eingepfercht, wie in einem Gefängnis, mir fehlten die Geräusche wie Wind oder der Regen, der auf das Blechdach unseres Lasters trommelt und das Gefühl, das Wetter schon zu kennen, bevor ich aus dem Fenster blicke. Uns fehlte das Reisen, das “Unterwegs sein” und natürlich waren uns die 120 m² unseres Hause unendlich viel zu groß.
Inzwischen haben wir einen neuen Platz gefunden, mit viel Ausblick und jeder Menge Sonne. Hier fällt es uns leichter uns im Alltagstrubel zurecht zu finden.
Doch eines hat sich verändert: Jetzt haben wir einen Traum, einen Traum von der Fremde, von neuen Wegen und uneingeschränkten Möglichkeiten.
Was würdest Du anderen Eltern empfehlen?

Dazu einige Worte aus unserem Reiseführer der Mongolei, die mich die ganze Reise begleitet und inspiriert haben: “Es heißt ‘Nomaden’ reisen nie ohne Grund, reisen Sie mit offenem Herzen und lassen Sie die Begegnung mit Andersartigem Grund ihrer Reise sein”,

Für uns war es sicher besser nicht zuviel zu planen und die Reiseführer zu wälzen, unsere Blauäugigkeit hat uns davor bewahrt, zu hohe oder falsche Erwartungen an ein Gebiet/Land zu stellen. Wir haben immer versucht allem offen zu begegnen und haben so Unglaubliches erlebt, und das meist fern ab von allen in den Reiseführern geplanten Routen und ganz ohne Vorbereitung.
Welche Reisen habt Ihr in Zukunft geplant?

Ende Februar 2016 werden wir uns wieder auf den Weg machen. Noch einmal ist Nordamerika das Ziel. Von Washington State aus werden wir in einem ausgebauten Schulbus nach Nordkanada und Alaska fahren. Geplant ist ein Jahr, die Kinder sind bereits von der Schule befreit und freuen sich auf die ungezähmte Natur Kanadas und den schon lange vermissten Reisealltag.

Ihr habt auch ein Kind, interessiert Euch für Kultur und möchtet darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

Meine Interviewpartner über Kultur und Kind waren bereits:

Nicole vom Kinderbekleidungs-Label Emma und Käthe: “Mein Mann und ich sind ziemliche Spießer”.
Alu und Konstantin vom Familienblog Grosseköpfe: “Wir partizipieren anders, aber nicht weniger”.
Andrea vom Runzelfüsschen-Blog: “Liebeserklärung an das Lesen”.Susanna vom Babyplausch-Blog: “Interview mit einer Berliner Bloggerin”.

Erotik-Autorin Andrea Blumbach: “Der Vorteil von Schubladen”.