Seit gut zehn Jahren machen aufwendig produzierte, komplexe Fernsehserien einen wichtigen Teil in der Freizeitgestaltung vieler Menschen aus. In den Feuilletons hieß es über Serien wie The Wire, Breaking Bad oder Game of Thrones, sie seien die neuen Filme, vielleicht sogar die neuen Romane – schließlich böte ihr Format viel mehr Raum, um ausschweifende, komplexe Geschichten zu erzählen und die Entwicklung der Protagonisten in ungeahnte Richtungen zu verfolgen.

Dieses große Potenzial des Serienformats nutzen die Serienmacher häufig, um nicht nur die Geschichte um eine einzelne Figur, sondern gleich eine ganze Schicksalsgemeinschaft zu erzählen: die Familie. Schließlich ist Familie noch immer zentrales Motiv und Wurzel vieler Erzählungen – hier versammeln sich hochspannende Themen wie Generationenkonflikte, Geschwisterrivalitäten, prägende Kindheitserlebnisse, der Kampf zwischen Tradition und Moderne, die Bewahrung kollektiver und die Ausprägung individueller Identitäten. Seit jeher war die Familie eine Art Schatzkiste für die Erzählung großer Romane und inzwischen auch großer Fernsehserien.


Fünf neuere Familienserien seien euch ans Herz gelegt:

MILDRED PIERCE (2011)

Worum geht’s?
Kalifornien, 1931: Die Weltwirtschaftskrise hat die amerikanische Gesellschaft fest im Griff und der Mittelstandsfamilie von Mildred Pierce droht der Ruin. Mildred nimmt ihr Leben in die Hand, wirft ihren untreuen, arbeitslosen Ehemann hinaus und kämpft sich hoch: Von der Kellnerin zur Restaurantbesitzerin und Unternehmerin. Eine glorreiche Emanzipationssaga, könnte man meinen – stünde nicht ein brisanter Mutter-Tochter-Konflikt im Zentrum dieser fünfteiligen Serie.

Denn Mildreds Tochter Veda wächst in all den Jahren des mühsamen Aufstiegs ihrer Mutter vom verwöhnten Gör zu einer durchtriebenen, gar bösartigen jungen Frau heran. Einerseits profitiert sie vom wachsenden Vermögen ihrer Mutter, zugleich blickt sie aber auf deren ‚niederer‘ Stellung als Gastronomin herab. Mildred unterdessen kann, so sehr sie Vedas Taten und Worte auch missbilligt, nicht umhin, ihre künstlerisch veranlagte Tochter zu bewundern und zu finanzieren. Erst am Ende wird ihr klar, wozu Veda fähig ist.

Wieso anschauen?
Die HBO-Serie Mildred Pierce beruht auf dem gleichnamigen Hard-Boiled-Krimi von James M. Cain, der bereits 1945 mit der großen Joan Crawford in der Hauptrolle verfilmt wurde. In dieser Serienversion spielt Kate Winslet die Hauptrolle – mit gewohnt feinem Gespür für psychologische Tiefenschärfe in ihrer Darstellung. Gebannt verfolgt man die Auswüchse der destruktiven Beziehung von Mildred und Veda (wunderbar durchtrieben: Evan Rachel Wood) mit. Eine bestürzende Geschichte über eine Frau, die ihrer Tochter ein Leben ermöglichen will, das ihr selbst nicht vergönnt war und dafür das Gegenteil von Dankbarkeit erntet. Nebeneffekt: Das dringende Bedürfnis, mit seiner Mutter zu telefonieren.

Trailer.
Zu sehen bei: Streaming-Dienste Watchever und Netflix
Auf DVD erschienen bei Warner

LES REVENANTS (The Returned) (seit 2012)

Worum geht’s?

Ein französisches Bergdorf in Frankreich: Eine überschaubare Gemeinde lebt hier und man kennt sich untereinander, weiß um den Lebenswandel der Einzelnen, ihre Liebeleien und Schicksalsschläge. Von letzteren sind einige Einwohner betroffen, die auf unterschiedlichste Arten in den vergangenen Jahren Familienmitglieder verloren haben. Durch harte Trauerarbeit haben sie sich schließlich von dem Gedanken verabschiedet, die Verstorbenen jemals wiederzusehen. Es mutet also wie ein grausamer Scherz an, wenn plötzlich einer der seit Jahren Begrabenen plötzlich vor der Tür steht, als wäre kein Tag seit dem letzten Wiedersehen gegangen. So ist etwa Claire, deren 15-jähige Tochter Camille bei einem Busunglück vor vier Jahren ums Leben kam, fassungslos, als diese plötzlich in der Küche steht und ein Butterbrot verschlingt. Einige Zeit später stellt Camille entsetzt fest, dass ihre eineiige Zwillingsschwester um vier Jahre gealtert ist. Und der junge Mann Simon, der vor zehn Jahren kurz vor seiner Hochzeit ums Leben kam, erfährt bei seiner Rückkehr, dass seine einstige Verlobte erneut vor den Traualtar tritt. Weitere Totgeglaubte kehren zurück ins Dorf und können sich nicht entsinnen, jemals gestorben zu sein. Ihre Heimkehr wird irritiert und verängstigt von den Dorfbewohnern aufgenommen und es scheint, als hätten sie keinen Platz mehr im fortgeführten Leben ihrer Familien.

Wieso anschauen?
Les Revenants zeigt anhand seiner fantastischen Wiedergänger-Geschichte, wie Schicksalsschläge und die anschließende Trauerbewältigung ein Leben prägen und umformen. Die von der plötzlichen Rückkehr betroffenen Charaktere in dieser Serie mögen sich eine Rückkehr ihrer Liebsten einst gewünscht haben, aber sind durch die Jahre später erfolgte Erfüllung ihres Wunsches überfordert – schließlich ist der Tod eine Gewissheit, deren plötzliche Bezweiflung das menschliche Fassungsvermögen sprengt. Dieser Themen nimmt sich die vom französischen Sender Canal+ produzierte Serie an und präsentiert eine spannende Geschichte im düster-melancholischen Gewand, die zugleich ergreift und verängstigt.

Trailer:.
Zu sehen bei: Streaming-Dienste Watchever und Netflix
Auf DVD erschienen bei STUDIOCANAL

THE AMERICANS (seit 2013)


Worum geht’s?
Washington D.C., 1981: Elizabeth und Philip Jennings führen ein beschauliches Familienleben in einem ruhigen Vorort. Sie betreiben gemeinsam ein Reisebüro, unterstützen ihre zwei Kinder bei ihren Schulprojekten und gehen hin und wieder aus. Ein Durchschnitts-Ehepaar (das überdurchschnittlich gut aussieht). Lediglich der neue Nachbar, ein FBI-Agent, macht sie nervös. Denn in Wirklichkeit heißen Elizabeth und Philips Jennings Nadeshda und Mischa, stammen aus Russland und sind zwei vom KGB beauftragte Spione, die nachts, während die Kinder schlafen, ihre Aufträge ausführen. Ihre amerikanischen Identitäten sind perfektionierte Lügen, ihr Ehe- und Familienleben dient der Aufrechterhaltung des Scheins, aber ist dennoch real: Elizabeth und Philip lieben ihre Kinder und kommen sich plötzlich, nach 15 Jahren angeordneter Zweckehe, näher, als es ihren Vorgesetzten lieb ist.

Wieso anschauen?
The Americans ist Agentenkrimi, Familiendrama und Politthriller zugleich, ohne dabei das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: Das bemerkenswerte Doppelleben zweier Menschen, die den perfektionierten Schein und ihr wahres Sein nicht mehr unter auseinanderhalten können – und wollen. Mit Spannung verfolgt man als Zuschauer mit, wie Elizabeth und Philip Folge um Folge verhindern, dass ihre wahre Identität auffliegt – denn es gibt kein Zurück aus diesem Lügenkonstrukt, das ihnen inzwischen als ihr Leben bekannt ist. Diese Serie besticht durch ihren außergewöhnlichen Plot und das besondere Augenmerk auf die innere Zerrissenheit der Charaktere.
Bild:

Trailer.
Zu sehen bei: Streaming-Dienst Netflix
Auf DVD erschienen bei Twentieth Century Fox

THE LEFTOVERS (seit 2014)

Worum geht’s?

Drei Jahre ist es her, dass sich weltweit ein unfassbares Phänomen abgespielt hat: Von einer Sekunde auf die andere sind einige Menschen einfach verschwunden. Vor den Augen ihrer Kollegen, Freunde, Familienmitgliedern oder Unbekannten haben sich zwei Prozent der Weltbevölkerung quasi in Luft aufgelöst. Nach unzähligen Untersuchungen und Spurensuchen in diesen drei Jahren konnte das plötzliche Verschwinden dieser Menschen immer noch nicht aufgeklärt werden.

Die hinterbliebenen Angehörigen haben Mühe, diesen unerklärlichen Verlust zu akzeptieren und ihr Leben fortzuführen. So auch in der amerikanischen Kleinstadt Mapleton, die einen beachtlichen Teil ihrer Einwohner aufgrund dieser plötzlichen ‚Entrückung‘ verloren hat. Hier ist inzwischen ein Kampf entbrannt zwischen Betroffenen, die ihr Leben endlich weiterführen wollen und einer aggressiven Sekte, die konstant an das Ereignis erinnern will. Der örtliche Polizeichef Kevin Garvey versucht verzweifelt für Recht und Ordnung zu sorgen, während seine Familie an dem Ereignis bereits zerbrochen ist – obwohl sie keinen Verlust zu betrauern haben.

Wieso anschauen?
Die erste Staffel von The Leftovers beruht auf dem gleichnamigen, empfehlenswerten Gesellschaftsroman vom Tom Perrotta, der auch an der Konzeption der Serie mitgewirkt hat. Auch wenn diese dramatische Serie natürlich die Frage nach dem Grund für das plötzliche Verschwinden aufwirft, fokussiert sie vielmehr den Umgang der Hinterbliebenen mit dem Unfassbaren und die gesellschaftlichen Auswirkungen. Mit viel Liebe zum Detail widmet sich diese Serie der Charakterzeichnung und zeigt das Leben der zentralen Figuren vor und nach dem drei Jahre zurückliegenden Ereignis auf, so dass seine Tragweite erst deutlich wird. Dementsprechend keine heitere Serie, sondern ein aufwühlendes Gedankenspiel.
Mehr dazu auf culturshock.de: http://www.culturshock.de/site/kritik_rezension_the_leftovers.448.0.html

Titelsequenz.
Zu sehen bei: Pay-TV-Kanal Sky

BLOODLINE (seit 2015)

Worum geht’s?

Bloodline spielt in einer Idylle, zu der sich die meisten von uns unter (familiärem) Stress wohl gern hin träumen: die Florida Keys mit ihren weißen Stränden, der sanften Brise und dem azurblauen Meer, aus dem man hin und wieder einen Delfin springen sieht. Hier unterhält das Ehepaar Rayburn seit Jahrzehnten eine erfolgreiche Hotelanlage und bereitet anderen Familien eine schöne Ferienzeit. Ihren 45. Hochzeitstag feiern sie mit Freunden und der Familie – darunter ihre drei wohlgeratenen Kinder John (County-Sheriff), Kevin (Bootsverleih-Betreiber) und Meg (Anwältin). Und dann wäre da noch Danny, das schwarze Schaf der Familie. Danny wohnt in Miami und besucht seine gut betuchte Familie äußerst selten. Er trinkt gern, war schon häufiger in krumme Geschäfte verwickelt und wird von seinen übrigen Geschwistern als unheilbringender Taugenichts misstrauisch beäugt. Und tatsächlich trübt sein Erscheinen bei der Feier augenblicklich die sorgsam heraufbeschworene Heiterkeit. Denn die Rayburns verbergen viel hinter ihrer professionell-fröhlichen Fassade.

Wieso anschauen?
Zugegeben, man braucht eine Weile, um in Bloodline hineinzufinden, denn diese Serie lässt sich genüsslich viel Zeit beim Enthüllen der schmerzhaften Risse in der Familienfassade. Doch nach den ersten zwei bis drei Folgen sind genügend Spannungsfaktoren da, um den Rest der ersten Staffel im Nu zu verschlingen. Denn die Stärke von Bloodline liegt in der sorgsamen Charaktergestaltung: Zu Beginn meint man, Danny, seine Geschwister und die Eltern einschätzen und wohlbekannten Rollen zuordnen zu können. Aber im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass diese Charaktere zu unentschieden, zerrissen und – einfach zu menschlich sind, als dass man ihre Handlungen und Motivationen vorherahnen könnte. Und so beobachtet man als Zuschauer erstaunt mit, wie sich über dem makellosen Urlaubsdomizil der Rayburns ein Sturm ungeahnter Größe entfaltet.

Trailer mit deutschen Untertiteln.
Zu sehen bei: Streaming-Dienst Netflix

Dobrila Kontić rezensiert für das Online-Magazin culturshock.de aktuelle Filme, Bücher und Serien und ist außerdem eine sehr liebe Freundin, deren Serienwissen mich seit jeher begeistert. Dieser Beitrag ist Teil der Serie Geburtstagsmonat August.