Im Geburtstagsmonat August kommen hier auch immer wieder andere Stimmen zu Wort. Von Susi, will ich wissen, warum sie so gerne Elternblogs liest, obwohl sie selbst (noch) keine Kinder hat. 

Hier, ihre sehr überzeugenden, Antworten: 

Susi mit Kater Nimbin

Bettie fragt mich, warum ich, so gerne Familienblogs lese, obwohl ich selbst kein Kind habe. Das erste Mal fragte sie mich das in einem Gespräch bei Kaffee und Kuchen und ich hatte so schnell keine Antwort parat. Das zweite Mal fragte sie mich im Rahmen ihres Blog-Geburtstags und mit der Bitte um einen Text dazu. Das gibt mir die Gelegenheit, ausführlicher über die Frage und vor allem die Antwort dazu nachzudenken und meine Gedanken mal geordnet aufzuschreiben, danke dafür, liebe Bettie! 🙂

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass die Frage mich verwirrt hat. Ich konnte erst einmal gar nicht nachvollziehen, warum es so ungewöhnlich sein soll, Familienblogs zu lesen, wenn man keine Kinder hat. Aber da es ja bekanntlich keine dummen Fragen gibt, sondern nur dumme Antworten, ist die Frage natürlich durchaus berechtigt und bedenkenswert. Deswegen nun hier mehrere, allesamt zutreffende Antworten – ich hoffe es ist eine kluge dabei.

Familienblogs sind Blogs. Ich mag Blogs. Blogs sind mein Freund.

Ich habe vor etwa zehn Jahren damit angefangen, Blogs zu lesen. Angeregt wurde ich dazu durch einen Artikel der Online-Ausgabe irgendeiner Zeitung, in dem von Web-Tagebüchern die Rede war, in denen Menschen einfach online Tagebuch führen und von ihrem Alltag und aus ihrer Gedanken- und Gefühlswelt erzählen. Das fand ich, schon aus ganz urmenschlichen, voyeuristischen Gründen wahnsinnig spannend und so googelte ich mir ein paar Blogs zusammen. Schnell wurde klar, dass ich da auch mitmischen will und dass das Bloggen auch vom Vernetzen, vom gegenseitigen Verlinken und Kommentieren lebt und das es “dort draußen” bereits eine ganze Parallelgesellschaft an Bloggern gab, damals oft bezeichnet als Kleinbloggersdorf oder etwas später und cooler, Blogosphäre.

Ich schrieb also fleißig über mein Leben an der Uni und vor allem außerhalb der Uni und las mich gleichzeitig durch die Leben mir wildfremder Personen. Dabei war ich zunächst relativ wahllos und bookmarkte mir alles, was mir unter die Finger kam – Menschen jeden Alters und jeden Berufsstands, egal ob ihr Leben meinem ähnelte oder völlig anders aussah. Was mich unterhielt, blieb, was mir irgendwann langweilig wurde, flog raus. Die, die blieben wurden für mich wie Figuren einer guten Serie oder direkt wie Freunde, denn ich bekam mit, wie es in ihrem Leben auf und ab ging, wer mit wem zusammenkam oder sich von wem trennte und auch, was ihre Kinder so anstellten. Und ich fand das spannend. Ich lese schon immer gerne Geschichten von Menschen, Beziehungen und Familien und ich mag Kinder. Das war alles schon lange vor meiner Blog-Leidenschaft so.

Das erste Eis vom Sohn der besten Freundin, die nicht bloggt. 

Erst später fiel mir auf, dass einige meiner Lieblingsblogs nicht nur miteinander gemein hatten, dass ich sie gerne las und dass sie von Familien erzählten, sondern dass sie neben ihrer Zugehörigkeit zu Kleinbloggersdorf auch noch Teil einer ganz anderen Community waren, einer, deren Blogs sich auf genau diese Familien- und Kindergeschichten konzentrierten und die sich dort über Fragen zu Windeln, Brei, Brotdosen und Bettgehzeiten austauschten. Das war jetzt nicht ganz so spannend für mich, aber mitunter trotzdem wahnsinnig gut geschrieben und nicht minder faszinierend zu lesen – immerhin tat sich hier eine ganz neue Lebenswelt auf, in die man hinein schnuppern konnte (vielleicht am besten nicht ganz so nah an den Windeln).

Was ich mit dieser Antwort sagen wollte: Blogs sind für mich Blogs und wenn sie mich unterhalten und gut geschrieben sind, dann lese ich sie sehr gerne. Auf einige Blogs bin ich gestoßen, ohne dass mir der Bezug zur Familienbloggerwelt klar war, andere wurden erst zu Familienblogs, nachdem ich sie schon jahrelang gelesen hatte und das führt mich zur zweiten Antwort.

Nur weil ich im Moment keine Kinder habe, muss das ja nicht immer so bleiben

Ich lese zum Beispiel “Bis einer heult” schon seit fast zehn Jahren. Damals hatte Pia keine Kinder und schrieb einfach immer sehr lustig und authentisch über ihr Leben. Irgendwann wurde der Kinderwunsch ein Thema, dann schlief das Blog nach und nach ein. Jahre später stieß ich auf eine Bloggerin namens Mama Miez und ihre drei Kinder und las fasziniert mit, wie der Alltag mit drei kleinen Kindern und dem Mann in einer anderen Stadt so ist. Es dauerte Monate, bis mir auffiel, dass diese Mama Miez die gleiche Pia ist, deren Leben schon früher meine Daily Soap war. (Inzwischen sind die beiden Blogs und Blogger-Identitäten wieder vereint und der Mann lebt auch wieder Vollzeit mit im Haushalt.)

Mein Punkt? Lebensumstände verändern sich und auch ich werde wahrscheinlich, hoffentlich, irgendwann einmal Kinder haben. Deswegen ist es für mich auch spannend, mal aus erster Hand zu erfahren, wie das Leben mit Kindern denn so ist, worauf ich mich gefasst machen kann oder müsste, was bei allen Familien irgendwie gleich läuft und wie vielseitig man Elternschaft leben kann. Dass nicht jede Geburt in einer Einbahnstraße endet und dass ich vor allem keine Angst davor haben muss, dass mein Leben irgendwann vermutlich erstmal völlig umgekrempelt werden wird. Sich mit Dingen zu beschäftigen, die einem Angst machen und die einen verunsichern, ist ein guter Weg, die Angst zu überwinden.

Offline und online vermischt sich: Kaffee und Kuchen mit dem Mierau-Clan

Auch deswegen lese ich Familienblogs und das gerne kontrovers, Gut Gebrüllt und Geborgen Wachsen. Letzteres kam mir zunächst etwas esoterisch und weltfremd vor, bis mir auffiel, dass es ja von @fraumierau geschrieben wird, die ich von Twitter als eben die Frau von Herrn Mierau, nämlich @leitmedium kenne und die keineswegs esoterisch oder weltfremd ist, sondern eben in ihrem Blog einen anderen Blickwinkel auf die ganze Welt des Kinderhabens eröffnet und zeigt, wie sie Elternschaft lebt. Herrn Mierau kenne ich hingegen aus einer anderen Ecke meines Internets, die mir sehr am Herzen liegt, nämlich die der Politik – Netzpolitik, Feminismus, Antirassismus… Bei all diesen gesellschaftspolitischen Themen ist er immer irgendwie mit dabei, was mir auch zeigt, dass Eltern eben nicht nur Eltern sind und mich außerdem zur nächsten Antwort bringt.

Familienblogs sind politisch

In der Kneipe mit Hugo von “In guter Hoffnung“.

Ich bin ein relativ politischer Mensch, auch wenn mich nicht alle politischen Themen gleich viel interessieren (Steuern und Autobahnen sind mir zum Beispiel relativ wumpe), kann ich gerade bei umwelt- und gesellschaftspolitischen Themen sehr leidenschaftlich und mitunter deutlich zu emotional diskutieren. Und dieser ganze Bereich – Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung, Bildung, alles, was man braucht, um in einer guten Gesellschaft verantwortungsvoll zu leben, hat wahnsinnig viel mit Kindern und Familien zu tun. Mich interessiert dabei nicht nur, wie die Welt aussieht, die ich irgendwann einmal meinen Kindern hinterlassen möchte. Vielleicht habe ich ja selbst nie Kinder. Aber genauso wichtig ist auch die Frage, wie die Welt aussieht, in der ich in ein paar Jahrzehnten lebe, die von Euren Kindern gestaltet werden wird.

Wie wachsen sie auf, welche Werte werden ihnen vermittelt? Lernen sie frühzeitig, dass alle Menschen gleich viel wert sind, dass es völlig egal ist, welche Hautfarbe, Religion, Behinderung, sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität besitzt? Wie werden sie zu verantwortungsvollen, selbstbestimmten, glücklichen Menschen, die dann ihr Leben so führen, dass andere dadurch nicht benachteiligt werden? Wie können wir eine bessere Gesellschaft schaffen, wenn wir nicht ganz früh damit anfangen? Wie macht Ihr das alles und wie kann ich das später vielleicht selbst einmal machen?

Das Baby von Schwanger Schmarotzen in Schöneberg

Hinzu kommen Fragen wie Work-Life-Balance, Elternzeit, flexibles Arbeiten, Inklusion, gute Gesundheitspolitik, gutes Essen und gute Kleidung und Bildung für alle. Und natürlich auch die Zukunft der Hebammen, von denen ich – bittedanke – später mal eine für meine Kinder haben will. Es gibt so viele relevante Themen, die untrennbar mit Familien verknüpft sind, dass ich mich eher frage, wie man als Blogleser_in explizit KEINE Familienblogs lesen kann. Ich finde die Sichtbarmachung von Kindern und Familien wichtig, die das Internet bietet. Die Vernetzungsmöglichkeiten (Stichwort Elternclan), die Auswirkungen von Kita-Streiks und Hebammenschwund, die in den großen Medien kaum stattfinden.

So liebe Bettie, ich hoffe, dass ich mit meinen drei Antworten mindestens eine gefunden habe, die Du durchgehen lässt und wünsche Dir einen wundervollen Bloggeburtstag! Ich muss jetzt weiterlesen…

Liebe Susi, ich danke Dir. Das ist viel ausführlicher als das Gespräch damals bei Kaffee und Kuchen. 

Und hier geht es zu Susis Blog

Und wie ist das bei Euch? Lesen hier noch mehr Menschen mit, die selbst keine Kinder haben?