In den #familienrollen erzählt Helge (bloggt auf vaterwunsch.de) von seinen beiden Sternenkindern, wie er als Mann den unerfüllten Kinderwunsch wahrnimmt und welche Pläne er hat, wenn es nicht klappt mit eigenen Kindern. 

Wir kamen ins Gespräch, weil Du das Interview von Eni in den Familienrollen gelesen hast. Eni ist ungewollt kinderlos. Du auch. Welche Wege seid ihr bisher gegangen? 

Helge – Herzensvater

Ja stimmt, das Interview mit Eni hat mich wirklich beeindruckt. Unseren Weg beschreiten wir nun seit sechs Jahren. Es war eine ganz bewusste Entscheidung ein Kind bekommen zu wollen, so dass Rieke, damals noch meine Freundin, zu ihrer Gynäkologin ging, um den Rötelschutz etc. testen zu lassen. Die Frauenärztin riet ihr dann auch gleich noch ein Ultraschall zu machen, was bei einer Vorsorgeuntersuchung ja eigentlich nicht üblich ist. Dabei sah sie eine Wasseransammlung, die vermuten ließ, dass einer der Eileiter verschlossen und mit Flüssigkeit gefüllt ist.

Sie ermunterte Rieke, man könne auch mit einem Eileiter schwanger werden. Wir sollten es zunächst auf die klassische Methode mit ungeschütztem Sex versuchen. Ein Jahr nach der „Diagnose“ haben wir aber dann eine Kinderwunsch-Klinik aufgesucht. Die Diagnose wurde auch dort bestätigt, aber die Behandlung hat uns abgeschreckt. Die Ärzte beabsichtigten eine Bauchspiegelung durchzuführen und gegebenenfalls die Eileiter zu entfernen. Ein Schritt, den wir nicht bereit waren zu gehen.

Stattdessen begaben wir uns in heilpraktische Behandlung, stellten die Ernährung um, erhöhten unsere sportlichen Aktivitäten und konnten vor zwei Jahren einen Erfolg erzielen; Rieke wurde schwanger. Ein Gefühl übermannte mich, auf das ich nicht vorbereitet war. Mit mir gingen die Pferde durch, ich wurde von Glück überrollt. Unglaublich. Doch schon in der siebten Woche mussten wir unser Kind in den Himmel steigen und seitdem als Sternenkind dort leuchten lassen.

Vor einem Jahr haben wir dann wieder den Schritt in die Kinderwunsch-Klinik gewagt und dort eine Behandlung angefangen. Wir hatten das Gefühl, dass doch mehr Hilfe nötig war. Es folgten eine Bauchspiegelung bei der nur Verklebungen und ein Zyste, nicht aber der Eileiter entfernt werden musste. Das Ultraschall ist dann doch zu ungenau gewesen. Die Eileiter waren zwar verändert, aber direkt durchlässig. Anschließend kam nach zwei Anläufen eine IUI, eine Behandlungspause und – welch Wunder, genau in dieser Pause – die zweite Schwangerschaft!

Wieder rannte eine riesige Gefühlswelle auf mich zu, aber ich hatte mir schon vorsorglich ein Haus auf Stelzen gebaut. Leider waren die Stelzen nicht hoch genug und die Welle erreichte mich nur wenige Stunden bevor wir wieder einen Stern in den Himmel steigen lassen mussten. Eine Situation, die ich schon kannte… Pustekuchen. Mit brachialer Gewalt wurde ich in eine Schlucht gerissen und musste tagelang beim Pendeln mit dem Bus zur Arbeit meine Tränen laufenlassen, bis wir dann irgendwann wieder Boden unter die Füße bekamen.

Jetzt steht mittlerweile die dritte IUI an, bevor wir dann auch unsere erste ICSI angehen werden.

Ich kenne einige Frauen, die über ihren unerfüllten Kinderwunsch sprechen. Du bist der einzige Blogger, den ich bisher kenne, der dieses Thema behandelt. Nun ist es ja immer schwierig von einer männlichen und weiblichen Perspektive auszugehen. Aber in wie weit unterscheiden sich zum Beispiel die Probleme damit, von Dir und Deiner Partnerin?

Dieses nette Bild schickt Helge mit der Unterschrift: “Helge und frühes Vogerl”

Genau diesen Eindruck hatte ich anfangs auch. Wo sind bloß die ganzen Männer, die ungewollt kinderlos sind? Oder wenigstens: Wo sind die Männer, die darüber berichten, wie sie mit ihren Frauen mit Kinderwunsch umgehen?

Mittlerweile habe ich sage und schreibe zwei weitere Männer im deutschen Sprachraum entdeckt, die ebenfalls (aber auch sehr unterschiedlich) öffentlich über ihren Kinderwunsch berichten. Die Ursachen der Kinderlosigkeit sind sehr unterschiedlich, aber ein bisschen Zusammengehörigkeitsgefühl habe ich schon gespürt. In meinem privaten Umfeld musste ich ein ähnliches Bild beobachten. Der Mann einer Freundin hat große Vorbehalte, über das Thema zu sprechen. Selbst sich selbst gegenüber kann er kaum ehrlich sein. Teilweise herrscht er seine Frau an, das Thema nicht anzusprechen. Es wird schon alles klappen. Die Angst, selber an der Kinderlosigkeit „schuld“ zu sein, ist wohl zu mächtig. Einem Mann darf NIEMALS seine Männlichkeit abgesprochen werden. So erkläre ich mir jedenfalls die Verweigerungshaltung.

Du sprichst die unterschiedlichen Perspektiven an. Ich finde sie doch SEHR unterschiedlich. Männer entwickeln ihren Kinderwunsch laut Studien deutlich später als Frauen und daher kommt es in den einigen Beziehungen zur Ungleichgewichtungen. Die Frau möchte Kinder, der Mann hat, überspitzt gesagt, einfach nichts dagegen.

Dass daher überwiegend Bloggerinnen über ihren Kinderwunsch schreiben, ist somit recht verständlich. Aber, wenn der Kinderwunsch auch beim Mann ausbricht, sind die Gefühle – meiner Meinung nach – sehr ähnlich. Ein Unterschied zwischen den Geschlechtern bleibt aber trotzdem noch beim Umgang mit den eigenen Gefühlen.

Gerade heute habe ich mich auf die Suche nach Kinderwunsch-Blogs begeben und war irgendwann ganz wuschig, vor lauter „Gefühlsduselei“. Na gut, so böse ist es natürlich nicht gemeint. Wenn man jedoch diese paar Männer-Blogs mit den Frauen-Blogs vergleicht, geht es bei den Kerlen doch deutlich sachlicher (man könnte auch sagen, langweiliger) zu. Ich lese beide Formen gerne und versuche auch bei mir diese beiden Bereiche, den sachlichen und den emotionalen, zu präsentieren.
Grundsätzlich muss ich aber immer noch feststellen, dass der Austausch mit anderen Männern zu den sehr seltenen Momenten gehört. Frauen sind hier viel offener und gesprächsbereiter.

Du schreibst unter Pseudonym: Wie offen geht Ihr im Privatbereich mit dem Kinderwunsch und er Nichterfüllung um? 

Wir haben früh erkannt, dass es hilft, wenn man über die eigenen Probleme sprechen kann und dabei oft auf ähnliche Schicksale stößt. Man ist nicht alleine. Das hilft schon sehr.
In unserem Bekannten-, Freundes- und Familienkreis ist eigentlich jeder eingeweiht. In meinem Fall wissen sogar die Kollegen/innen und der Chef Bescheid. Rieke muss da noch etwas vorsichtiger vorgehen, da ihr sonst Benachteiligungen und Repressalien drohen könnten. Mit unserer Offenheit stehen wir allerdings in unseren Umfeld sehr alleine da.

Da wir aber ungern von Geschäftskunden oder anderen, emotional entfernten Menschen auf ein, für uns dann doch auch privates Thema angesprochen werden möchten, schreibe ich unter einem Pseudonym.

Als Du Dich bereit erklärt hast, mir ein paar Fragen zu beantworten, hast Du gesagt, Du steht zwischen Kinderwunsch und der Verabschiedung davon. Habt Ihr Euch eine Grenze gesetzt und ist Adoption zum Beispiel ein Thema?

Oh ja, ein schwieriger, turbulenter und auch sehr nachdenklicher Abschnitt. Seit Kindestagen war eine eigene Familie mit 1-3 Kindern immer der standardmäßige Lebensentwurf von uns beiden. Beim Beruf, dem Bildungsstand oder der  Haarfarbe meiner Frau war ich nie so „engstirnig“, aber die eigenen Kinder waren immer gesetzt.

Nun kommt aber nach sechs Jahren unerfülltem Kinderwunsch und schon nah am Ende unserer Möglichkeiten nach 30 Jahren langsam die Erkenntnis durch, dass mein Leben vielleicht ganz anders verlaufen wird. Ein erst durchaus beunruhigender Gedanke.

Vor knapp einem Jahr habe ich dann aber auf Twitter und über einige Blogs Menschen kennengelernt, die offen über den nicht erfolgreich abgeschlossenen Kinderwunsch geschrieben und getwittert haben. Sie haben mir Alternativen aufgezeigt, deutlich gemacht, dass es auch noch andere Inhalte im Leben geben kann, dass vieles möglich wird, wenn man sich vom Leben mit eigenen Kindern verabschiedet. Ich habe viel mit dem Gedanken gespielt, wie es für mich ist, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt. Für immer.

Wir haben viel darüber gesprochen, was schon jetzt gut ist in unserem Leben, was uns glücklich macht und auch darüber welches „Projekt“ es geben könnte, für das wir beide die nächsten Jahre stattdessen brennen könnten. Meine Angst konnte ich gut damit bezwingen, noch habe ich den Wunsch nach eigenen Kindern aber nicht aufgegeben. Das wird man sicher auch nie ganz ablegen können. Noch stehen uns eine IUI und danach bis zu drei ICSI bevor, ehe wir unsere Behandlung ganz beenden werden. Ein Ende muss absehbar sein, ansonsten habe ich das Gefühl mich zu verlieren. Es bleibt aber dabei: Sag niemals nie!

Du hast die Möglichkeit einer Adoption angesprochen. Mir kommt es immer etwas absurd vor, wenn Adoption die naheliegende Alternative zur künstlichen Befruchtung sein soll. Ich finde, es sind vollkommen unterschiedliche Dinge. Ich möchte eigene Kinder. Aber wenn das nicht möglich ist, werde ich meine Liebe und Aufmerksamkeit den vielen Kindern um mich herum widmen. Wir sind schon jetzt stolze Pateneltern.

Davon ab, habe ich sehr großen Respekt vor den Strapazen, die eine Adoption mit sich bringt. Grundsätzlich habe ich aber nichts gegen Adoption, das muss jedes Paar selbst entscheiden.

Kürzlich hast Du einen Artikel darüber geschrieben, wie Eltern Kinderlose diskriminieren. Ich gebe Dir in vielen Punkten Recht. Trotzdem glaube ich, dass es Ausnahmen gibt. Über Wickeltechniken oder die Frage nach der Sechsfachimpfung haben mich mich vor meinem Sohn nie interessiert. Wie kommst Du mit solchen Themen in Berührung? 

Oha, der Artikel hat mir viel Ärger bereitet 😉 Natürlich gibt es Ausnahmen. Verallgemeinerungen sind zwar ein wirkungsvolles, stilistisches Mitteln, aber in der Regel nicht sehr realitätsnah. Durch den sehr engen Kontakt zu Eltern mit Kindern in allen Altersklassen, kommen wir immer wieder mit den Themen Impfung, Windeln, Schule, KiTa, Ernährung, Hygiene, Selbstbestimmung etc. in Berührung und dürfen sogar oft selbst ran, machen also reale Erfahrungen.

Wir halten uns dann (leider) auch nicht zurück und diskutieren heiß mit. Obwohl wir keine eigenen Kinder haben, kommt es vor, dass wir so interessiert sind, dass wir selber die Themen recherchieren, oder wenigstens aufmerksam die Ohren spitzen, wenn wir fremde Leute in der Fußgängerzone darüber diskutieren hören.

Was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Es kann mir nichts Besseres passieren, als dass meine Frau mir lang erhalten bleibt, wir gemeinsam ein langes Leben führen dürfen und weiterhin so liebe Menschen um uns herum haben. Das klingt nach einer Plattitüde, ist aber durchaus so gemeint.

Sollten unsere weiteren Behandlungen erfolglos bleiben, wollen wir unsere Energie in ein Haus stecken, das dann all den Kindern in unserem Umfeld geöffnet werden soll. Wir wollen der Onkel, die Tante sein, die immer ein offenes Ohr, Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Paten, Nichten, Neffen und Freundeskinder haben, wann immer sie es sich wünschen.

Wir sind aber auch jetzt schon glücklich mit unserem Leben und versuchen das bei der ganzen Kinderwunschgeschichte nicht zu vergessen.

Danke für die Antworten und die Bilder, Helge. 

Nächste Woche in den Familienrollen: Zwei Mädchen erzählen, wie ihr Alltag in einem SOS-Kinderdorf aussieht. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mal an fruehesvogerl@gmail.com.