Immer wieder geht es in der Kultur mit Kind – Reihe auch um das Leben im Ausland. Marion erzählt, warum sie auch nach einer Trennung von ihrem Mann in Andalusien bleiben würde, warum ihre Kinder mit geschredderten Olivenkernen spielen und wie oft sie noch nach Deutschland kommt. 

Du bist Deutsche und lebst mit Deinem spanischen Mann und Deinen drei Kindern in Spanien. Wie hat es Dich dahin verschlagen? 

Spanien war in meinem Lebensplan an sich überhaupt nicht vorgesehen, aber meistens kommen die Dinge ja ganz anders als man denkt. Schüleraustausch in England, Erasmus-Jahr in Frankreich, aber zu Spanien hatte ich gar keinen Bezug.

Dann lernte ich in genau diesem Erasmus-Jahr in Frankreich meinen heutigen Mann kennen, einen waschechten Andalusier, der auch dort als Erasmus-Student unterwegs war, was dann zu einer sechsjährigen Fernbeziehung führte. In dieser Zeit habe ich Spanisch gelernt (und dabei mein ganzes Französisch vergessen-schade!), mein Jurastudium und das Referendariat beendet, und irgendwann war dann klar, dass wir aus der Fernbeziehung eine “echte” Beziehung machen wollten.

Da mein Mann Landwirtschaft betreibt und außerdem familiär und kulturell sehr in seiner Heimat verwurzelt ist, ich hingegen viel abenteuerlustiger und auch sprachbegabter bin, war es dann ich diejenige, die Ende 2003 mit einem kleinen Polo voller Gepäck aufgebrochen bin- erst mal ins Haus der Schwiegermutter, und zwar- kurios für deutsche Ohren- in ein Zimmer zusammen mit meiner zukünftigen Schwägerin. Erst nach unserer Hochzeit 2004 durfte ich in das Zimmer meines Mannes wechseln, beziehungsweise kurz nach der Hochzeit sind wir dann auch ausgezogen. 2006, 2008 und 2011 kamen dann unsere drei Jungs dazu.

Wie sieht Euer Alltag aus? 

Wir leben in einer interessanten Mischung aus Stadt- und Landleben. Unter der Woche sind wir in Córdoba, einer mittleren Großstadt (übrigens eine der schönsten Städte der Erde- eine Reise lohnt sich!) mit dem dazugehörigen Komfort, was Einkaufen, Schulen und Freizeitangebot angeht, und an vielen Wochenenden und in den meisten Ferien zieht es uns auf’s Land, in das Dorf, in dem mein Mann groß geworden ist, und in dem er auch heute noch arbeitet, denn hier sind die Olivenbäume und die restliche Landwirtschaft, ebenso wie die Olivenmühle- der Mann macht Olivenöl. Das Dorfleben mit der Großfamilie, mehr Platz und ganz anderen Aktivitäten macht unser Leben abwechslungsreich.

Für mich ganz besonders wichtig ist auch, dass ich, seit meinem ersten Tag hier, arbeite, als Anwältin in Córdoba, in einer spanischen Kanzlei. Dafür musste ich hart arbeiten und viel lernen, aber es hat sich (trotz aller Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, die es hier natürlich auch gibt- alleine für dieses Thema müsste ich eigentlich einen Blog einrichten) gelohnt, da ich meinen eigenen Raum habe und mein eigenes soziales Umfeld- vom finanziellen Vorteil mal abgesehen.

Viele Expats können ihrem ursprünglichen oder erlernten Beruf im Ausland aus verschiedenen Gründen nicht mehr nachgehen, und geben statt dessen häufig Sprachunterricht. Das ist nicht wertend gemeint, aber dass ich dem Beruf nachgehen kann, für den ich studiert habe, macht mich glücklich.

Als Österreicherin, die in Berlin lebt, zieht es mich alle paar Monate in meine alte Heimat: Die Familie und auch Teile der Kultur. Wie geht es Dir da mit Deutschland? 

Ich komme ursprünglich aus Baden-Württemberg, aus der Nähe von Stuttgart, dort lebt auch noch meine Familie, die wir aber nur im August besuchen. Schule, Arbeit, die Olivenernte über Weihnachten, und die Flugpreise für fünf Personen führen dazu, dass wir selten, also genau einmal im Jahr für circa zwei Wochen, nach Deutschland kommen. Meine Familie kommt uns im Herbst und Winter besuchen, meiden aber den cordobesischen Sommer, der irgendwie doch fast von Mai bis Oktober geht. Ich muss auch gestehen, dass ich auch etwas nachlässig bin, was Besuche bei Schul- oder Studienfreunden angeht.

Was bekommen Deine drei Kinder aus beiden Kulturen mit? 

Die Kinder spielen mit geschredderten Olivenkernen: ihr Sandkasten. 

Jetzt kommen wir zu einem Thema, das ich nur mit ganz schlechtem Gewissen beantworten kann: meine Kinder können nämlich praktisch kein Deutsch. Ich habe es einfach nicht geschafft, in einem komplett spanischen Umfeld (keiner außer mir versteht Deutsch- auch der Mann nicht) mit den Kindern konsequent Deutsch zu sprechen. Die Kinder verstehen Wörter und manche Redewendungen, aber an sich schauen die mich, wenn ich auf Deutsch rede, mit großen Augen an, weswegen ich dann meistens doch dasselbe nochmal auf spanisch erklären muss.

Mein Mittlerer hielt sich zeitweise die Ohren zu, wenn er etwas auf Deutsch hörte, der Kleine sagt einfach nur so oft “Hä?”, bis ich es nochmal auf Spanisch sage, und alle drei finden es total doof, wenn die Mama mit ihrem “Deutschfimmel” loslegt. Über dieses Thema könnte ich einen Roman schreiben, man könnte das als mein grösstes Erziehungsdefizit bezeichnen, und obwohl ich mir dessen bewusst bin, kriege ich die Kurve nicht.

Mit welcher – vielleicht typisch deutschen Einstellung – eckst Du oft an in Spanien? 

Ich bin eine begeisterte Deutschandalusierin, und würde zum Beispiel auch im Fall einer Trennung vom Göttergatten nicht nach Deutschland zurückkehren. Gerade als Mutter lebt es sich hier einfacher als in Deutschland (mehr Familie und eine kinderfreundlichere Gesellschaft, weniger Perfektionismus und weniger Glaubenskriege unter Müttern, mal so schlagwortartig zusammengefasst).

Was mich aber immer noch auf die Palme bringt, sind die Unpünktlichkeit, das Organisationschaos und der Gedanke, dass alles in einer großen Gruppe, mit der dazugehörigen Lahmarschigkeit, unternommen werden muss. Die Spanier lachen oft über mich, bewundern die Organisation, Pünktlichkeit und Effizienz, wollen das aber eigentlich gar nicht anders machen als sie es gewohnt sind.

Was würdest Du anderen Frauen empfehlen, die der Liebe wegen in ein anderes Land gehen? 

Zum einen würde ich dazu raten, das neue Land, die zukünftige Schwiegerfamilie und den Freundeskreis ausgiebig unter die Lupe zu nehmen, bevor man dann tatsächlich auswandert. Ich hatte sechs Jahre lang ausgiebig Zeit, mich einzuleben, und mir war am Ende klar, wo ich hinkomme und was mich erwartet.

Böse Überraschungen gab es keine (oder kaum). Und zum anderen war in meinem Fall immens wichtig, mir ein eigenes soziales Umfeld aufzubauen. Das muss gar nicht beruflich sein, ebenso geht es über Vereine, die Mütter im Kindergarten oder in der Schule, aber ich persönlich wäre nicht glücklich geworden nur mit der Familie und den Freunden des Mannes.

Vielen lieben Dank für das Interview, Marion.

Die Bilder wurden freundlicherweise von Marion zur Verfügung gestellt.

Ihr habt auch ein Kind, dem ihr Toleranz beibringt und wollt darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Eine Übersicht über die bisher geführten Interviews zum Thema “Kultur mit Kind” findet Ihr hier.