Wie ist das eigentlich so mit der Vereinbarkeit von Kultur und Kind, wenn man von Berlin Prenzlauer Berg in eine Gegend mit viel Wald und Haustieren zieht? Das verrät diese Woche Lisa von Stadtlandmama im Interview. 

Stell Dich doch bitte kurz vor.

Ich bin Lisa, 33 Jahre alt, Mutter einer neunjährigen Tochter und siebenjähriger Zwillingsjungs, verheiratet seit knapp zehn Jahren und von Beruf Journalistin. Gebürtig bin ich aus Berlin (Schöneberg), genau wie unsere drei Kinder (Friedrichshain, Tempelhof). Bis vor drei Jahren haben wir in Prenzlauer Berg gelebt, dann sind wir ins Bergische bei Köln gezogen. Genau wie ich damals als Kind. Die ersten Jahre Hauptstadt, ab dann in die Provinz (um nach dem Abi zurück nach Berlin zu ziehen).

Wir wohnen hier in einem offenen, freundlichen Haus mit meinen Eltern und einigen weiteren tollen Menschen, mit viel Garten und Wald und Haustieren. Mit dem Umzug aufs Land haben meine Kollegin Caro und ich auch unser Blog „Stadt Land Mama“ gegründet. Das Blog war eine Fortführung unseres Buches „Ich glaub, mich tritt ein Kind“, das 2013 bei dtv erschien und in dem wir uns im Dialog austauschen. Im Buch ging es um das Thema Schwangerschaft. Im Blog geht es darüber hinaus, mittlerweile bezeichnen wir es eher als Magazin. Seit einem Jahr ist Caro nicht mehr als Stadt-Mama an meiner Seite, sie hat sich zurückgezogen, um Zeit für ihren Roman zu haben. Seitdem fülle ich sechs Mal pro Woche zusammen mit Katharina aus Berlin das Blog. Das tun wir nicht hauptberuflich, wir sind beide auch noch als freie Journalistinnen unterwegs.

Du bezeichnest Dich selbst als Landmama, davor warst Du Berlinerin. Was hat Euch dazu bewogen dorthin zu ziehen, wo Ihr nun wohnt?

Wir wohnten in Prenzlauer Berg zu fünft in einer Vierzimmerwohnung im ersten Stock, Vorderhaus. Direkt vor unserer Haustür führte eine vierspurige Straße mit Straßenbahn in der Mitte entlang. Das war schon etwas anstrengend. Als dann unsere große zur Schule kam, dachten wir: Okay, jetzt müssen wir umziehen. In Prenzlauer Berg waren die Mieten aber so hoch geworden, dass wir uns fragten: Was jetzt? Wo wollen wir denn eigentlich wirklich die Kinder wachsen sehen?

Dann dachte ich an meine Kindheit im Bergischen. Das Haus gibt es noch, meine Eltern wohnen noch dort. Und es gab Platz. Also zogen wir dort hin. Seither hat sich wirklich vieles verändert. Ich brauche ein Auto, dafür müssen wir nicht mehr auf den Spielplatz, weil der Garten groß ist. Ich kann auch mal ein Kind allein lassen, weil immer irgendjemand im Haus ist für den Notfall. Wir wohnen recht einsam auf einem Berg, da musste ich mich erstmal dran gewöhnen. Mittlerweile sehe ich aber die vielen Vorteile. Etwa, dass wir einfach mal eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen können. Hier ist Platz. Das wäre in Berlin enger geworden.


Was sind die großen Unterschiede, die Du als Mutter dort, im Unterschied zu Berlin, ausmachst? 

Wie schon angedeutet, die Unterschiede sind himmelgroß. In Berlin habe ich auf der Straße gelebt. Während die Kinder in der Kita waren, habe ich aus dem Home Office gearbeitet, mittags habe ich sie abgeholt und wir sind auf irgendeinen Spielplatz gegangen, in ein Cafe, zur Eisdiele, aber sicher nicht nach Hause. Dort traf man dann einfach immer andere Eltern und Kinder, konnte quatschen.

Nach Hause ging es dann erst zum Schlafen wieder. Auf dem Land hat jeder seinen eigenen Spielplatz im Garten. Da gibt es keinen Treffpunkt, wo man mal zufällig andere sehen würde. Da gibt es Verabredungen. Und auch die Themen sind andere. Hier auf dem Land haben fast alle Eigentum, ein Häuschen. Da geht es dann um Heizungen und Reparaturarbeiten. In Prenzlauer Berg haben wir nie über unsere Mietwohnungen geredet. Das auf der Straße sein fehlt mir hier schon ziemlich. Aber ich gehe seit einiger Zeit wieder außerhalb des Home Offices arbeiten, in Köln und da seh ich wieder Leute und hab – zumindest ein bisschen – mein Stadtfeeling wieder.

Es gibt aber natürlich auch Vorteile hier.  Die Kinder können allein umherflitzen, haben ein Fußballtor im Garten, eigene Kaninchen. Und es gibt eine Beständigkeit. Hier zieht nicht dauernd jemand zu oder weg, so dass da – zum Beispiel bei der Fußballmannschaft unserer Söhne – ein wahnsinniger Teamgeist aufkommt.

Wie erlebt Ihr Kultur dort als Familie? 

Leider lebe ich hier fast komplett kulturlos. Denkt man im ersten Moment. Theater sind weit weg. Wir sitzen auf der Wiese. Aber ich lese viel und im Grunde sind die Ziegen hier in unserem Garten ja auch Kultur. Und die Kinonachmittage mit den Kindern und die Immenhof-DVDs. Der Opa, der Ausstellungskurator ist und mit hier im Haus wohnt und den Kindern plötzlich Weltraum-Modelle vorführt oder mit ihnen das Dreigestirn zeichnet.

Wir leben hier nicht das klassische Philharmonie-Literaturlesungen-Kulturleben. Aber neulich wurde hier in der Nähe ein Film gedreht und da wir auch Gästezimmer hier im Haus haben, wohnten die ganzen Schauspieler hier. Da es auch noch eine Kika-Serie war, die sie drehten, ist das für die Kinder natürlich etwas sehr besonderes. „Guck mal, die Petra heißt in dem Film ja gar nicht Petra.“ Das sind tolle Erfahrungen. Ach, und im Januar wurde hier bei uns im Haus auch ein Thriller gedreht.

Mein Kleinster musste dafür sein ganzes Zimmer leer räumen, er fand es nach der Schule komplett verändert vor, mit neuen Möbeln. Dafür durfte er unten beim Produzenten mit auf den Bildschirm schauen, als die Szenen gedreht wurden. Und auf unserem Hof stand ein riesiges Cateringzelt, wo die Kinder jederzeit Milchreis holen konnten. Die Keller-Szenen mit dem Kunstblut habe ich ihnen dann aber vorenthalten.

Kultur ist aber auch das Leben hier, meine Eltern haben einige Gastkinder bei sich wohnen, ganz unterschiedliche und da kommen unsere Kinder täglich auch mit anderen Kulturformen in Kontakt. Mein Bruder, der auch hier lebt, hat eine mexikanische Frau geheiratet, die nun auch hier einzieht und ihnen vielleicht Salsa-Tänze beibringen wird. Und mit unserer syrischen Flüchtlingsfamilie haben wir keine gemeinsame Sprache. Da lernen die Kinder: Reden kann man auch mit Händen und Füßen. Und ein Lächeln sagt eh mehr als tausend Worte. Nur weil wir auf dem Land wohnen, sind wir kulturell noch lange nicht weg vom Schuss.

Stichwort #metime: Was machst Du, wenn Du einen Abend für Dich hast? 

Tja. Das gibt es gar nicht so oft. Ich habe einen Mütterstammtisch gegründet, die Treffen machen mir Spaß. Ich würde auch gern regelmäßig tanzen und reiten, das klappt aber oft nicht. Mit meinem Mann geh ich manchmal abends essen, das ist auch schön und es gibt auch hier tolle Restaurants. Aber im Grunde sind wir abends oft zu Hause. Irgendwer zum Quatschen läuft einem hier immer über den Weg. Und sonst wartet halt ne warme Badewanne.

Auf Eurem Blog ist Dein Gegenpart die Stadtmama in Berlin: Vermisst Du Deine alte Heimat manchmal? 

Ja, das hatte ich oben ja bereits angedeutet. Wir waren jetzt gerade in den Herbstferien noch mit den Kindern eine Woche lang in Berlin, sind einfach durch unseren alten Kiez gelaufen. Ich war total gerührt und hab zu jedem Schaufenster gesagt: Schau, da hast Du zum ersten Mal das gemacht und da zum ersten Mal jenes. Die Kinder konnten meine Melancholie gar nicht verstehen 😉 Ich bin aber tatsächlich recht häufig in Berlin, zu Feiern, zu Bloggerevents oder für Interviews. Da tanke ich dann mein altes Leben. Und im neuen Leben weiß ich spätestens an Karneval, dass ich hier richtig bin. Bei mir tickt eben nicht nur ein Berliner Herz in der Brust, sondern auch ein rheinisches.

Vielen lieben Dank für das Interview, Lisa

Die Bilder wurden freundlicherweise von Lisa zur Verfügung gestellt.

Ihr habt auch ein Kind, Euren eigenen Umgang mit Kultur und wollt darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 

Eine Übersicht über die bisher geführten Interviews zum Thema “Kultur mit Kind” findet Ihr hier.