Mit Mann und siebenjähriger Tochter lebt Nina (Blog: timbaru) für eine befristete Zeit in der Slowakei. Wie es ihr dort gefällt, warum ihre Familie in der ganzen Welt verstreut lebt und was sich ihre Tochter aus allen Kulturen mitnehmen soll: Das erzählt sie im Kultur mit Kind – Interview.

Nina über dieses Bild: “Auf diesem Foto sehe ich sehr finnisch aus.
Vor allem zu erkennen an der Nase. ;)”

Du bist Halbfinnin, Dein Mann ist Bulgare und Ihr lebt mit Eurer Tochter in der Slowakei. Wie kam es zum Wohnort? 

Mein Vater hat meine Mutter in Finnland während eines Urlaubes kennengelernt. Nachdem die beiden geheiratet haben, nahm mein Vater sie mit nach Deutschland. Mein Mann und ich haben uns in der Disko getroffen. Zwei Jahre später heirateten wir. Meine Mutter hatte kurz die Sorge, dass ich nun, wie sie damals, meinem Mann in seine Heimat folgen würde. Doch das kam für uns gar nicht in Frage. Ich arbeitete und er studierte in Deutschland. Also blieben wir. Mittlerweile arbeitet mein Mann in einem deutschen Unternehmen.

Vor zwei Jahren  kam dann die Anfrage, ob mein Mann sich vorstellen könne, in Bratislava eine neue Abteilung aufzubauen. Er konnte. Meine Tochter und ich waren nur geringfügig begeistert. Doch für meinen Mann war es ein wichtiger Schritt. Die Alternative eine Fernbeziehung für zwei, drei Jahre zu führen, kam für uns aber auch nicht in Frage. So hat es uns in die Slowakei verschlagen.

Auf Twitter hast Du mir erzählt, Eure Familien sind über den ganzen Erdball verstreut. Was hält Euch zusammen?

“Zuhause ist es am schönsten.”

Das ist echt schwierig. Leider hat meine Mutter mich nicht zweisprachig erzogen. Daher spreche ich kein Finnisch. Das ist total schade, weil ich zum Beispiel meine Urgroßeltern noch kennengelernt habe, mich aber nicht mit ihnen unterhalten konnte. Meine Großeltern konnten beide Englisch. Meinen Großvater habe ich das letzte Mal vor vier Jahren gesehen, als wir in Finnland Urlaub machten. Normalerweise machen wir aber in Bulgarien Urlaub und besuchen die Familie meines Mannes.

Zu meiner finnischen Familie habe ich eigentlich nur noch über meine Mutter Kontakt, da sie viel mit ihren Verwandten telefoniert. Am nähesten fühle ich mich meiner ältesten Cousine, mit der ich mir ab und zu über Facebook schreibe. Sie selbst lebte lange in Wales, in Vietnam und nun in Paris. Sie besucht einmal im Jahr meine Mutter. Ich versuche dann auch hinzufahren. Zu den anderen Cousinen habe ich keinen Kontakt, wobei ich mit einer noch über Facebook befreundet bin. Meine Mutter telefoniert regelmäßig mit meinem Großvater und mit meinem Onkel, der mit seiner chinesischen Frau in Saudi-Arabien lebt. So erfahre ich dann die neuesten News.

Als meine Großmutter gestorben ist, bin ich nach Finnland geflogen und war etwas geschockt, wie groß eigentlich meine finnische Familie ist. Und wie wenige ich von ihnen kenne oder von ihnen weiß.

 

Auch von meiner deutschen Familie kenne ich nur meine Großtante und die Cousine meines Vaters, die auch meine Patentante ist. Das liegt daran, dass meine Großeltern väterlicherseits bereits gestorben sind, als mein Vater noch ein Kind war. Mit meiner Großtante versuche ich regelmäßig zu telefonieren oder sie zu besuchen, wenn wir in Deutschland sind. Mit meiner Patentante maile ich hin und wieder.

Mein Mann skypt viel mit seiner Schwester. Die lebt in Venezuela. Seine Mutter wohnt in Spanien. Auch mit ihr wird geskypt. Mit dem Neffen und dem Schwager meines Mannes haben wir Kontakt über Skype oder Vyber und Facebook.

Auch mein Schwiegervater lebt in Bulgarien. Mit ihm sowie dem Opa meines Mannes telefonieren wir. Wir fahren jedes Jahr nach Bulgarien. Wir machen dann eine Woche nur “Vater, Mutter, Kind”-Urlaub. Die restliche Zeit besuchen wir Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins und natürlich meinen Schwiegervater sowie den Schwager und Neffen meines Mannes.

Es ist nicht einfach mit allen Kontakt zu halten. Doch wir versuchen es, so gut es geht. Ach ja, mit meinen Eltern telefonieren und mailen wir. Doch die sehen wir noch am häufigsten.

Was bedeutet der Begriff Heimat für Dich?

Es ist für mich eher ein Gefühl, dass ich jedoch meistens mit Orten verbinde. Ein Gefühl von innerer Ruhe. Als wir im Sommer in Deutschland waren, habe ich in unserer Wohnung die Fenster geöffnet und auf das Siebengebirge geschaut. Sofort stellte sich dieses Gefühl ein. In Finnland habe ich das auch. Ich brauche mir nur vorzustellen, wie ich in einem Ruderboot auf einem See umgeben von Bäumen sitze, und ich werde ruhig.

Die Slowakei fühlt sich nicht wie Heimat an. Daher bin ich sehr froh, dass wir nur für eine begrenzte Zeit hier sind. Ich werde so oft gefragt, ob es mir in Bratislava und der Slowakei gefällt. Das bringt mich immer etwas in Verlegenheit. Meine Standardantwort ist dann: “Es ist ok, aber es ist nicht zu Hause.”

Welche Dinge aus welchen Kulturen möchtest Du Deiner Tochter unbedingt mitgeben?

“In Bulgarien bedeutet Gastfreundschaft immer auch gemeinsames Essen.
Im Sommer wird schnell der Grill angeworfen und ein Salat zu bereitet.
Meistens mit dem Gemüse aus dem eigenen Garten.”

Die Bulgaren leben sehr im “Hier und Jetzt”. Zu langes im Vorausplanen liegt Ihnen nicht so sehr. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das toll. Da wird nicht erst lange überlegt, welche Konsequenzen etwas hat oder ob man es in fünf Tagen vielleicht noch besser machen könnte, weil dann evtl. die Situation anders ist. Das ist es etwas, was ich mir für meine Tochter von ihren bulgarischen Wurzeln wünsche.

Der deutsche Teil in mir meldet sich direkt und wünscht sich aber noch den Blick für’s Ganze. Also auch für die Konsequenzen. Ich schätze auch die deutsche Verlässlichkeit. Das alles wünsche ich mir für meine Tochter. Am besten gepaart mit finnischer Gelassenheit, der Liebe zur Natur und dem Humor, der einem auch erlaubt, mal über sich selbst zu lachen.

Wie gestaltet sich Euer Alltagsleben in der Slowakei? 

Unser Aufenthalt in der Slowakei ist befristet. Wahrscheinlich kommen wir nächstes Jahr schon wieder zurück. Wir wohnen in der Nähe der Altstadt, was großartig ist. Auch die Schule meiner Tochter ist in unmittelbarer Nähe. Ich bringe sie morgens zur Schule. Sie bleibt dort über Mittag und macht dort auch Hausaufgaben. Es ist eher ungewöhnlich, sich nachmittags noch zu verabreden.

Das erlebt man meistens nur unter den deutschen Kindern. Daher darf ich sie nie zu früh abholen, denn ihre Spielkameraden sind alle noch in der Ganztagsbetreuung. Während sie in der Schule ist, arbeite ich, wenn ich gerade einen Auftrag habe. Ich arbeite als selbstständige Trainerin und als Coach. Für meinen größten Kunden erstelle ich ELearning-Einheiten. Das kann ich wunderbar auch in der Slowakei machen.

Das Coachen fällt hier allerdings weg. Ich nähe, schreibe für meinen Blog und treffe ich mit Freunden. Am Nachmittag hole ich dann meine Tochter ab. Dann tauschen wir uns aus und spielen oder basteln oder lesen. Irgendwann kommt dann mein Mann nach Hause. Das genießen wir sehr. In Deutschland kam er auch häufig so spät, dass unsere Tochter schon im Bett war. Wir haben hauptsächlich deutsche Freunde hier.

Ich bin aber auch mit einer Italienerin befreundet. Nur der Kontakt zu Slowaken hält sich leider in Grenzen. Am Wochenende versuchen wir möglichst viel zu sehen. Wir waren schon in Wien, Budapest und einigen Orten in der Slowakei. Prag steht noch auf unserer Liste.

Nun habt ihr so viele Einflüsse, KITA und nun Schule findet in der Slowakei satt: Deckt sich dort alles mit Euren Erwartungen, oder gab es da Überraschungen?

Ich bin mit kaum Erwartungen hierher gekommen. Ich habe erwartet, dass wir als Familie weiter zusammenwachsen. Das hat sich erfüllt. Es ist ein schönes Gefühl zu merken, dass wir es überall schaffen können, solange wir zusammen sind. Außerdem habe ich erwartet, dass mein Mann öfter zu Hause ist. Das hat sich am Anfang voll und ganz erfüllt. Doch jetzt ist er wieder häufiger auf Reisen und arbeitet auch wieder mehr.

Eine Erwartung, die mein Mann hatte, hat sich gar nicht erfüllt. Er hat erwartet, dass meine Tochter sich hier schnell wie zu Hause fühlen würde und dass sie bald nicht mehr viel an ihre Freunde zu Hause denkt. Sie hat hier neue Freundschaften geschlossen, sich gut eingelebt und ist auch die meiste Zeit sehr fröhlich. Doch wenn man sie fragt, sagt sie sehr klar, dass sie zurück will. Das Einzige, was sie hier halten würde, wäre ein eigenes Pony und die Aussicht, dass sie dieses mit nach Deutschland nehmen kann, sobald wir dorthin zu Besuch fahren.

Der Aufenthalt hier hat mich vieles gelehrt und tut es noch, zum Beispiel was für tolle Freunde ich habe, wie wichtig Familie für mich ist, wie gut es uns eigentlich geht. Mir ist das erste Mal bewusst geworden, wie unterschiedlich zum Beispiel Werte in verschiedenen Ländern sein können. Wie wichtig also auch unsere Herkunft ist, indem was uns prägt und ausmacht. Für all diese Erkenntnisse bin ich sehr dankbar.

Was wünscht Du Dir für Deine Tochter? 

Ich wünsche mir für meine Tochter, dass sie spürt, wo ihre Wurzeln liegen. Dass sie daraus Kraft schöpfen kann, um dann neugierig in die Welt hinauszugehen. Unsere Welt wird immer kleiner, dennoch oder vielleicht deshalb werden die Unterschiede zwischen Kulturen immer deutlicher.

Ich wünsche mir für meine Tochter, dass sie von diesen Unterschieden lernt. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie die Gemeinsamkeiten sieht und spürt. Egal wem sie begegnen wird, es wird ein Mensch sein, der letztendlich die gleichen Gefühle hat oder kennt. Sie äußern sich eventuell anders.

Vielen lieben Dank für das Interview, Nina.

Die Bilder wurden freundlicherweise von Nina zur Verfügung gestellt.

Ihr habt auch ein Kind, dem ihr Toleranz beibringt und wollt darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.