Bei einem alleinerziehenden Vater im Österreich der 1980er aufzuwachsen: Wie das so war, was sie sich gewünscht hätte und was sie an ihre eigene Tochter weitergibt, das erzählt A. heute in den  Familienrollen. Sie selbst ist 40 Jahre alt, verlobt, Mutter einer neun-Monate-alten Tochter und lebt in Wien. 


Als Kind hast Du Deine Mutter früh verloren, und bist von Deinem Vater alleine aufgezogen wurden: Was sind Deine prägendsten Erinnerungen an Deine Kindheit? 

Ich kann mich sehr wenig daran erinnern, wie meine Kindheit vor dem Tod meiner Mutter war. Wahrscheinlich ist das ein unbewusster Verdrängungs- bzw. Schutzmechanismus des Gehirns. Einer Freundin, die auch früh ihre Mutter verloren hat, geht es übrigens genauso. An meine Mutter selbst, bzw. wie sie oder unser Verhältnis war, kann ich mich auch kaum erinnern. Dazu muss ich sagen, dass ich knapp neun Jahre bei ihrem Tod war, sie aber bereits vier-fünf Jahre davor sehr oft krank und im Krankenhaus war. Die Beziehung zu meinem Vater hat sich nach dem Tod meiner Mutter komplett gewandelt. Davor war meine Mutter immer die “starke und strenge”, und mein Vater der “liebe, der alles erlaubte”.

Ich denke, er kam damit nicht zurecht, dass er nach ihrem Tod auch auf gewisse Weise eine starke und strenge Rolle einnehmen musste, weil dies absolut nicht seinem Charakter entsprach. Ich habe ihn nach ihrem Tod als sehr depressiv in Erinnerung, und er sprach auch einige Male in meiner Gegenwart davon, nicht mehr leben zu wollen, was mir natürlich große Angst einjagte. Dies sorgte in mir für ein Gefühl der Distanziertheit gepaart mit dem Wunsch, mich möglichst schnell zu emanzipieren.

Du bist in den 80ern in Österreich großgeworden: Wie hast Du Dein Umfeld damals in Deiner Situation wahrgenommen?

In den Augen meiner Umwelt waren ich und er immer die Armen. Das habe ich anfänglich etwas ausgenutzt, aber später hat es mich gestört. Am meisten gestört hat mich, dass ich mir aufgrund meiner speziellen Familiensituation immer wie eine Außenseiterin vorkam. Ich hatte niemanden (wirklich niemanden), der in derselben Situation wie ich war.

Ich kannte Kinder mit allleinerziehenden Müttern, aber diese waren einerseits nicht verwitwet, sondern getrennt, und der Vater spielte meist noch eine gewisse Rolle in deren Leben. Außerdem hatten alle zumindest einen Bruder oder eine Schwester. Allein mit nur einem Vater gab es niemanden in meinem Umfeld, zumindest nicht, bis ich ein Teenager war.

Ich fühlte mich wirklich sehr alienmäßig und ganz allein.

Gab es später jemanden, der eine Frauenrolle in Eurer Familie übernommen hat? Sei es bei Liebeskummer, Rollenfindung, oder Alltäglichkeiten wie erste Regel. Wenn nein, wie gingt Ihr damit um? 

Es gab die kinderlose Schwester meiner Mutter, die sich mit ihrem Ehemann aber aufgrund ihrer Kinderlosigkeit ein ganz anderes Leben aufgebaut hatte. Sie und mein Onkel fuhren sehr häufig in Urlaub und gingen viel aus. Mit mir allein unternahmen sie bzw. meine Tante jedoch leider nichts, obwohl ich mir das immer sehr gewünscht hatte.

Sonntags war ich immer bei meiner Oma, die bis zu ihrem Tod immer sehr wichtig für mich war. Sie war eine einfache Frau, die am Land lebte, aber ihre Liebe spürte ich immer. Diese Sonntage bei ihr (und oft waren auch meine Tante und mein Onkel anwesend) waren für mich quasi die Rettung, an die ich mich die ganze Woche klammerte und mich auf die Sonntage freute.

Den Rest der Woche, also Samstags und abends unter der Woche, verbrachte ich immer mit meinem Vater allein zu Hause. Ich habe mir sehr viel mit mir selbst bzw. teilweise manchmal mit Freundinnen ausgemacht, und habe sehr viel gelesen.

Wie hat sich das Verhältnis zu Deinem Vater später entwickelt? 

Mein Vater versuchte, die Mutterrolle einzunehmen, aber dagegen rebellierte ich. Ich wollte gerne einen Vater und eine Mutter, aber getrennt voneinander. Ich wünschte mir auch immer, dass mein Vater eine neue Frau findet, und ich vielleicht sogar auch Geschwister dazu bekomme, aber leider passierte dies nicht. Ich muss dazu sagen, dass mein Vater ein sehr schüchterner und zurückgezogener Mann war, der auch keine Freunde hatte. Wir hatten nie Besuch zu Hause und besuchten auch nie jemanden, außer meine Oma am Sonntag. Das war, denke ich, auch sehr hart für mich. Ich begann meinen Vater in meiner Pubertät für seine Zurückgezogenheit etwas zu verachten und versuchte, mir ein gegenteiliges Leben mit vielen Freunden aufzubauen.

Mein Vater starb vor 3 Jahren. Die Jahre davor litt er an Depressionen und ließ leider niemanden mehr an sich heran, auch mich nicht.

Hat es Dein Männerbild geprägt, dass Du von einem alleinerziehenden Vater großgezogen wurden, oder ist das ein blödes Klischee, das mir da in den Sinn gekommen ist? 

Ich denke, insofern ja, als ich Schwäche bei Männern nicht gut akzeptieren kann. Gleichzeitig ist es mir immens wichtig, dass mein Mann und ich neben unserer Beziehung auch eigene Hobbies und Interessen haben und nicht aufeinander und unsere Beziehung fixiert sind. Mich hat sicher geprägt, dass sich mein Vater nach dem Tod meiner Mutter extrem auf mich fixiert hat und mich auch öfters als Ausrede benutzt hat, dass er keine neue Frau kennenlernen kann.

Was aus Deiner Kindheit möchtest Du in Deiner eigenen Familie weiterleben lassen, und was auf keinen Fall?

Ich denke, dass mich mein Vater auf seine Art sehr geliebt hat. Bedingungslose Liebe und das Gefühl, immer geliebt zu werden, möchte ich meiner Tochter jedenfalls mitgeben. Auf keinen Fall möchte ich meine Tochter in einer ziemlichen Isolation groß werden lassen, wie es bei mir der Fall war. Es ist mir wichtig, dass sie viel Kontakt zu anderen Menschen und Freunden hat und wir mit ihr gemeinsam als Familie spannende Dinge unternehmen.

Danke Dir für Deine Offenheit, liebe A. und alles Gute für die Zukunft. 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.