Als in der Kita ihrer Kinder die “Glitzer-Pony-Kitty-Püppi-Welle” einzog, beschloss Almut gemeinsam mit ihrem Partner das Thema genau zu betrachten. Wie sie heute zur Mädchenfarbe Rosa steht und was Eltern tun können, um sich dem Gender-Marketing weitgehend zu verweigern, das erzählt sie in den wöchentlichen Elternfragen.

 

Du hast “Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees” geschrieben: Wie kam das Thema zu Dir?

 

Ich arbeite als Kommunikationstrainerin und Sprecherzieherin und war immer irritiert über Aussagen von Teilnehmerinnen wie zum Beispiel “Wir Frauen stehen nun mal nicht so gern vor Publikum” oder “Für Männer ist das eben von Natur aus leichter”. Und dann gab es irgendwann überall diese Seminarangebote “extra für Frauen”, die besser kommunizieren lernen wollen.

 

Da frag ich mich bis heute, wie eins auf die Idee kommen kann, dieses “besser” mit Geschlecht in Verbindung zu bringen. Besser für wen? Und wann? Machen Frauen da also so viel falsch, dass sie eigene Kurse brauchen, um so kommunizieren zu lernen, wie Männer? Dazu habe ich dann recherchiert und spannende Menschen interviewt, die mir da neue Einblicke gegeben und auch den Rücken gestärkt haben in der Überzeugung, dass allzu oft, wenn die Kategorie Geschlecht mit ins Gespräch kommt, auch prompt Klischees reproduziert werden.

 

Ja, und dann haben wir drei Kinder und haben fassungslos zugeschaut, wie innerhalb von wenigen Jahren, so ungefähr zwischen 2005 und 2009 die rosa Glitzer-Pony-Kitty-Püppi-Welle in die Kindertagesstätten geschwappt ist. Wir dachten erst, wir hätten eine komische Kita gewählt oder einen schrägen Blick entwickelt.

 

Und das war dann tatsächlich auch der Anlass für das Buch, dass wir Fachleute interviewt haben, um zu erfahren, ob es denn an uns liegt oder ob wir gerade eine Rückwärtsentwicklung erleben hin zu traditionellen Rollenbildern. Und leider haben wir keine Entwarnung bekommen: ob Linguistik, Hirnforschung, Pädagogik, Marketing oder Psychologie, alle bestätigten sie unsere Vermutung. Und darum geht es in der ‘Rosa-Hellblau-Falle’, dass wir eigene rosa-hellblaue Erlebnisse in Beziehung setzen zu Studien und Interviews mit ExpertInnen.

 

Auf Twitter machen Dich immer wieder auch andere Eltern über “rosa und hellblaue Klischees” aufmerksam: Wie ist das Verständnis für das Thema? 

 

Als wir ‘Die Rosa-Hellblau-Falle’ geschrieben haben, dachten wir ja, wir hätten einen Höhepunkt erreicht, und es könne von jetzt an nur wieder besser werden in Sachen Klischees und Geschlechtertrennung, tatsächlich hat es aber seither immer weiter zugenommen und das Thema ist hochaktuell. Wir erleben, und das bestätigen auch Umfragen, dass die Mehrheit davon ausgeht, Kinder “gleich” zu behandeln – wobei ich da gerne zurückfrage, wie das denn funktionieren soll, in einer Welt, wo Kinder schon beim Kauf einer Trinkflasche oder einer Schultüte aufpassen müssen, dass sie nicht die ‘falsche’, also die fürs andere Geschlecht gedachte, wählen. Aber gut. Worauf ich hinaus will, ist, dass die Fortschritte beim Thema Gleichberechtigung der letzten Jahrzehnte dazu geführt haben, dass die Mehrheit heute meint, wir seien ja nun alle gleichberechtigt und emanzipiert genug und es gäbe ja wohl wichtigere Probleme.

 

 

Gleichzeitig hat sich ein Konsens darüber breit gemacht, dass schon Mädchen und Jungen im Vorschulalter angeblich unterschiedliche Kleidung und unterschiedliches Spielzeug brauchen.

 

Das sogenannte ‘Gendermarketing’, das seit 2006 auch in Deutschland angewandt wird, profitiert davon, und verbreitet immer extremere Botschaften über süße, pferdeliebende Mädchen, die angeblich alle Prinzessin sein wollen, und über wilde, abenteuerlustige Jungs, die in der Werbung alle über einen Kamm geschert und in die Technik- und Monsterwelt gesteckt werden.

Diese Werbestrategie reproduziert Geschlechterklischees des letzten Jahrhunderts und hat unbedingt einen Negativpreis verdient. Deshalb haben wir Anfang des Jahres gemeinsam mit Anke Domscheit-Berg den ‘Goldenen Zaunpfahl’ ins Leben gerufen, einen Preis, der absurdes Gendermarketing auszeichnet. Die große Resonanz bestärkt uns in unserer Arbeit, denn es gibt offensichtlich noch viele mehr, die diese Entwicklung kritisieren.

Der Goldene Zaunpfahl geht an…

In meiner Filterblase haben viele Eltern ein differenzierte Meinung zum Thema, vorm Spielplatz sehe ich aber doch 20 rosa Fahrräder: Was denkst Du findet hier langsam ein Umdenken statt, oder zementieren sich die Bilder von der Prinzession und vom starken Ritter?

 

Das Perfide daran ist ja, dass man als Familie allein kaum dagegen ankommt.

 

Die Botschaft, dass Rosa eine Mädchenfarbe sei, wird von der Werbung derart penetrant verbreitet, dass manche tatsächlich glauben, es gäbe ein Art Rosa-Gen, was natürlich Quatsch ist, vor 100 Jahren war es noch genau andersherum, und Blau galt als weibliche Farbe, das ist also kulturell bedingt und von Kindern gelernt.

 

Aber dieses ständige Wiederholen von Stereotypen hat natürlich Auswirkungen. Die Vorstellung, wie ein Junge bzw. ein Mädchen zu sein hat, ist in den letzten Jahren wieder sehr viel enger geworden,

 

Grenzüberschreitungen werden härter sanktioniert. In den 1980ern war ein Junge im rosa T-Shirt keinen Kommentar wert, heute sorgen sich Eltern, ob das ein Zeichen für Homosexualität und Verweichlichung sein könnte. Mädchen haben es zwar leichter, wenn sie sich für angebliche Jungsdinge interessieren, aber eine Vierjährige, die kein Rosa trägt und vielleicht noch kurze Haare hat, wird meist als Junge angesprochen, auch da war das Bild in den 80ern und 90ern ein anderes. Da sind sich die meisten ja auch einig, aber trotzdem werden diese Klischees heute selbst in Filmen, in Schul- und Bilderbüchern munter weiterverbreitet.

 

Und wenn wir Workshops und Fortbildungen durchführen in Verlagen, Schulen oder Kitas, dann sind die Teilnehmenden meistens einigermaßen schockiert von unseren mitgebrachten Beispielen, weil sie grade noch davon ausgingen, selbst keine Rollenklischees weiterzureichen denn „Heute sind wir doch längst weiter!“.

 

Mittlerweile kenne ich einige Eltern, die bewusst die Rollen vertauschen, also ihren Jungs zum Beispiel Glitzerkleider anziehen. Ich kann die Intention dahinter verstehen, trotzdem irritiert es mich. Wie denkst Du da drüber?

 

 

Ich würde bei dem Beispiel gar nicht von Rollentausch sprechen, ein Junge wird ja nicht zum Mädchen, allein durch ein Kleid. Und genau diese Haltung, wünschte ich, würden Erwachsene Kindern vermitteln: Egal, was Du anziehst oder spielst, Du bist in jedem Fall ‘richtig’. Eine Frau bleibt eine Frau, auch wenn sie kurze Haare hat. Ein Mann bleibt ein Mann, auch wenn er Ballett tanzt oder Erzieher wird, eine Frau, wenn sie Autos repariert oder keine Kinder haben möchte, ein Junge, wenn er Puppen oder Glitzer mag.

 

Aber genau in dem Punkt werden die Regeln zur Zeit immer strenger, und Kinder halten sich überwiegend daran, denn sie wollen ja nicht ‘untypisch’ oder ‘anders’ sein, als die anderen ihrer Gruppe. Es ist ja menschlich, vor allem im Vor- und Grundschulalter, dazu gehören zu wollen zur Gruppe, mit der man sich identifiziert. Ein Kind gibt lieber einen Wunsch auf, passt sich dem Konsens an, als sich freiwillig damit zum Außenseiter, zur Außenseiterin zu machen.

 

Wenn ein Junge aber ein Kleid anziehen möchte, das vielleicht sogar vorher seiner großen Schwester gehört hat, dann ist das etwas völlig Natürliches, denn ihre Regenjacke trägt er wahrscheinlich auch (wenn sie nicht pink ist, in dem Fall freuen sich die Gendermarketing-Fans) und ihr Fahrrad bekommt er später wohl auch. Für ihn ist da kein Unterschied, den machen erst die Erwachsenen.

 

Und die müssen sich selbst die Frage stellen, wie wichtig es ihnen ist, dass Fremde erkennen, dass es sich bei ihrem Kind um einen Jungen handelt. Ist das denn so schlimm? Was genau ist denn die Sorge dahinter? Ist sie überhaupt berechtigt, so dass wir dafür das eigene Kind durch eine Regel einschränken (Jungs tragen kein Kleid / Haarspange / Nagellack…), von der wir dann womöglich behaupten, es sei gar nicht unsere, sondern die der anderen?

 

Vor zwei Tagen habe ich versucht für meine einjährige Tochter eine Haarspange zu kaufen, die weder rosa ist, noch glitzert. Ich bin gescheitert. Was können Eltern tun, um ihren Kindern Rollenklischees weitgehend vom Leib zu halten. Äußerlich und innerlich?

 

 

Eine Gesellschaft, die eine Partei in den Bundestag wählt, die Frauen auf ihr Muttersein reduziert, und Männer in die Ernährer- und Beschützerrolle drängt, kann offenbar nicht genug bekommen von Rollenklischees.

 

Solange unser Alltag voll ist von Werbebotschaften mit schlanken, langhaarigen Frauen, die Diätjoghurts lieben und smarten Typen, die Einbauküchen nur gut finden, wenn sie viel Elektronik enthalten, gehört dieses Denken eben auch zu den Dingen, die Kinder verinnerlichen.

 

Deshalb halte ich zum Beispiel überhaupt nichts davon, Kindern einen Wunsch abzuschlagen, nur weil er dem Klischee entspricht. Kinder sollten ja nicht ausbaden müssen, was die Erwachsenen nicht gebacken kriegen. Aber es wäre schon viel geholfen, Kinder nicht zu unterschätzen.

 

Ein Junge im Kleid wird nicht automatisch zum Mobbing-Opfer, und Kinder, die Spielzeug bekommen, das nicht geschlechtlich gelabelt ist, werden dadurch nicht in ihrer Geschlechtsidentität verwirrt. Im Gegenteil, sie können endlich aus dem ganzen Angebot das wählen, das sie wirklich interessiert und nicht das, von dem Erwachsene vorher festgelegt haben, es sei angeblich für das eine oder andere Geschlecht besser geeignet.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Almut.

Almut Schnerring ist Journalistin, Sprecherzieherin (DGSS) und Trainerin. Gemeinsam mit Sascha Verlan schreibt und produziert sie als “Wort & Klang Küche” Radiofeatures und Beiträge und bietet Vorträge und Fortbildungen an: training-bonn.de
2014 erschien ihr Buch “Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees” Über die Zweiteilung der Kinderwelt in Prinzessinnen und Abenteurer bloggen sie unter www.ich-mach-mir-die-welt.de.

 

Wie steht Ihr zur “Rosa-Hellblau-Falle”? Erzählt doch mal von Euren Erfahrungen.

 

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