Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Diese Woche ist Benjamin zu Gast: Er ist Vater eines kleinen Jungen, hat aber seinen eigenen Vater nie wirklich kennengelernt. Warum das so ist, und wie er das findet: Das und mehr erzählt er im Interview. 

 

Als ich auf der Suche nach einem Interviewpartner, der ein Elternteil nie kennengelernt hat, hast Du Dich gemeldet. Wie bist Du aufgewachsen? 

 

Direkt nach meiner Geburt ist meine Mutter mit mir zu meinen Großeltern gezogen, die im oberen Teil ihres Hauses noch ausreichend Platz parat hatten, uns für eine gewisse Zeit unterzubringen. Meine Eltern haben im Grunde wohl schon vor meiner Geburt gewusst, dass es mit den beiden nichts für die Ewigkeit wird und haben sich dann irgendwo um meine Geburt herum getrennt, verheiratet waren sie nie. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich der Grund für die Trennung gewesen bin, mein Vater also vor der Verantwortung als Vater fliehen wollte. Wenn dem doch so gewesen sein sollte, konnte meine Mutter das immer gut vor mir verbergen.

 

In der DDR war es ja irgendwie so geregelt, dass alleinerziehenden Müttern schneller freie Wohnungen günstig angeboten wurden, damit diese eine Bleibe hatten. (Wie genau das alles gesetzlich lief ,weiß ich leider nicht mehr, darüber wurde selten gesprochen) So bekamen auch wir recht schnell eine Wohnung in einem Plattenbau angeboten, die knapp 60qm groß war, anfangs noch einen schönen Kachelofen besaß und wo ich mich bis heute an jede noch so kleine Ecke eines jeden Zimmers erinnern kann. Dort lebten wir zu zweit bis ich dann 12 Jahre alt war. Wir lernten, als ich 10 war, meinen jetzigen Vater kennen und zogen dann mit diesem noch einmal zwei Jahre später in eine weitere Wohnung, bis es dann irgendwann mal hieß: Wir bauen bei den Großeltern an, es geht in ein Haus!

 

In den Jahren nach dem Umzug aus dem Haus meiner Großeltern lernte meine Mutter auch ein oder zwei Männer kennen, sie wollte ja schließlich auch nicht alleinerziehend bleiben und da hatte ich auch immer Verständnis für.

 

Mir war das natürlich trotzdem immer nix mit den Typen, ich hatte nie das Gefühl, einen Vater zu brauchen – wahrscheinlich weil ich es zuvor nie anders kennengelernt habe.

 

Bis sie dann gegen ’95 Mathias kennenlernte, den ich sehr schnell ins Herz geschlossen habe und ihn auch binnen kürzester Zeit versuchte mit “Paps” oder “Papa” anzusprechen. Hat ihm offensichtlich gefallen, denn ich durfte das beibehalten.

Deine Vater war abwesend, in wie weit wurde das in Deinem Umfeld thematisiert?

 

Die Abwesenheit meines Vaters war tatsächlich nie ein Thema. Mir war schon sehr früh bewusst, dass ich natürlich auch einen Vater habe (als Kind muss man ja auch den Fakt erst einmal begreifen lernen), dass dieser aber nun einmal nicht mehr bei uns lebt und eine neue Familie gegründet hat. Meine Mutter konnte immer gut Kind und Arbeit unter einen Hut bekommen. Sie nahm damals nebenbei noch an Fortbildungen/Schulungen teil, machte eine Ausbildung zur Malerin und wechselte irgendwann durch die Möglichkeiten, die sich ihr boten, in eine ganz andere Schiene als Rechtsanwalts-Fachangestellte. Dort arbeitet sie auch heute noch.

 

Ich fühlte mich nie vernachlässigt, wurde aber auch viel von meinen Großeltern betreut, wenn es nötig war. Das war auch schön, denn wir lebten generell alle eher so zusammen, als wohnten wir alle in einem großen Haus, ganz so wie es kurz nach meiner Geburt ja auch war. Ich habe auch nie erlebt, dass irgendwann einmal abfällig von meinem leiblichen Vater gesprochen wurde. Es gab einfach keinen Bedarf danach, ihn zu thematisieren. Meine Mutter hatte sicherlich damals gerade in Sachen Unterhalt, etc. häufiger gedanklich und sicher auch persönlich mit ihm zu tun. Davon bekam ich aber eben auch nie etwas mit.

 

Wie kam es schließlich zum Kontakt zu Deinem Vater? 

Ich erinnere mich noch daran, dass ich irgendwo im Alter von acht Jahren auf der heimischen Couch gesessen habe und gerade mein Abendbrot mümmelte. Dann klingelte das Telefon und der erste am Apparat war natürlich ich. Meine Mutter spurtete aus dem Bad ins Wohnzimmer und übernahm dann das Gespräch. Alles wie immer. Nur, dass der Mann am anderen Ende, der der so zögerlich “…..Hallo?…… Bist du Benjamin?….. Ob du mir deine Mama mal ans Telefon holen könntest?” gefragt hat, mein leiblicher Vater gewesen ist. Meine Mum meinte direkt nach dem Telefonat “Das war übrigens Henry, dein Vater.” Für einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, wie ich wohl reagiert hätte, wenn ich das im Vorfeld gewusst hätte. Hätte ich ihn ausgefragt zu seiner Person, zu dem Grund, warum er uns damals verlassen hat? Keine Ahnung.
Nun bist Du selbst Vater eines Sohnes: Hat sich dadurch noch mal ein anderer Blick auf Deinen Vater ergeben?

 

Mutter mit Kind

Mutter mit Kind

Unser Sohn kam im August 2012 zur Welt. Dass das ein enormer Umstieg im Leben eines jeden ist, muss ich wohl niemandem erzählen.

Der Blick auf meinen Vater hat sich glaube ich nur in der Form geändert, dass ich heute überhaupt nicht nachvollziehen kann, wie man seine Frau und sein Kind verlassen kann.

Bei dem bloßen Gedanken daran schnürt sich mir immer der Hals zusammen. Man hört so oft, dass Menschen Kinder in die Welt setzen und danach keine Schwierigkeiten haben, ihre Partner und das Neugeborene zu verlassen. Nun habe ich aber auch andere Berührungspunkte zu meiner Frau und meinem Sohn, als es mein leiblicher Vater damals zu uns hatte.

 

Ich bin mehr als glücklich verheiratet, liebe auch meinen Sohn vom ersten Tag an und versuche mit beiden so viel Zeit wie möglich am Tag zu verbringen, was auch nicht immer leicht fällt. Mein Vater schien damals ja schon den Entschluss gefasst zu haben, dass eine Trennung unumgänglich ist. Da ändert wahrscheinlich auch ein kurzer Kontakt zum dann sicher nicht mehr ganz so gewollten Kind nichts mehr dran. Lieber die Trennung vollziehen und Mutter und Kind allein zurechtkommen lassen und jeder versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dass das klappen kann, hat mir meine Mutter eindrucksvoll bewiesen!

 

Ich fühle mich dadurch aber eben nicht vordefiniert. Ich habe nicht das Gefühl, dass es das normalste der Welt ist, so zu agieren, wie es meine Eltern damals taten. Meine Frau ist bei uns beiden diejenige, die immer wieder mal danach fragt, ob ich nicht doch mal Interesse daran hätte, wenigstens ein Mal mit Henry zu reden. Eine Aussprache, die beide entlasten soll und dass man diese innere Ungewissheit nach dem “Wer ist dein Vater eigentlich?” endlich mal hinter sich lassen kann.

 

Das “Problem” ist, mich belastet da überhaupt nichts. Ich habe nicht das Gefühl wissen zu müssen, wer mein leiblicher Vater ist. Er hat sogar zwei weitere Kinder, Söhne, in die Welt gesetzt. Auch zu den beiden fehlt mir völlig der Bezug. Es gibt sie, die beiden sollen ein glückliches Leben führen, aber damit ist das für mich auch gut. Wenn ich es recht mitbekommen habe, lebt mein Vater auch immer noch in dem Ort, in den er damals nach der Trennung irgendwann gezogen ist. Knapp eine halbe Stunde entfernt von meinem Geburtsort Waren Müritz.

Dein Sohn ist noch ein Kleinkind. Bestimmt machst Du mit ihm Dinge, die Du selbst in der Form gar nicht aus Deiner Kindheit kennst. Wer ist Dir Vorbild für Deine Vaterrolle?

 

Ich versuche halt ein Vater zu sein, wie der Volksmund ihn gerne beschreibt. Fürsorglich, erziehend, liebevoll und trotzdem eine gewisse Strenge, die ab und an einfach gewisse Mentalitäten unseres Sohnes im Zaum halten soll. Das gelingt mir natürlich alles nicht immer, ich knicke gern mal ein, wenn er lange genug niedlich jammernd um etwas bettelt. Auch erlebe ich mich des Öfteren, wie ich meine innere Weißglut wieder löschen muss, bevor ich ein Wort heraus bringe, da er den Bogen einfach mal überspannt hat. Das kennen, denke ich, alle Eltern. Aber grundsätzlich agiere ich so, wie es mir mein Verstand vorgibt. Man weiß ja eigentlich als einigermaßen “normal” erzogener Mensch, was sich gehört und was nicht. Ein Kind hat Bedürfnisse, die Eltern irgendwie ja auch schnell kennenlernen und ohne langes Überlegen doch das Richtige tun.

 

Meine Mutter war mir immer ein gutes Vorbild, sie hat mir schon damals rechtzeitig zu verstehen gegeben, was ich darf und was nicht. Auch ich wusste, wie ich meine Optionen ausreizen konnte. Das ist ja so eine geheime Superkraft von Kindern.

 

Aber sie war immer liebevoll bemüht, mich zu behüten und trotzdem auch mal mahnend zu erziehen, wenn es notwendig war. Das versuche ich auch bei unserem Sohn anzuwenden. Aber schließlich soll auch meine Frau ihre Einflüsse einbringen können, das ist mir wichtig: Unser Kind – unsere Erziehung.

Das gilt auch bei Musik, Liam hört seine CDs oder Radio Teddy. Sitzt er bei mir im Auto will er Papas CDs hören. “Papa, machst du Broilers an?” “Papa, ist das Volbeat?” Natürlich muss ich aufpassen, ist ja nicht jeder Text was für’s Kind. Aber generell scheint ihm unser Musikgeschmack zu gefallen. Meine Mutter hat mich nie auf Kinderlieder getrimmt, im Radio lief was kam und im Auto trällerten die Kassetten mit Hits der Achtziger. Ich bin sehr dankbar dafür, dass meine Frau sich so liebevoll um unseren Sohn kümmert. Wir sind beide berufstätig und Papa ist nach der Arbeit oft im Haus beschäftigt mit Umbauarbeiten. Sie gibt ihm den Halt, den er bei Papa manchmal dann in dem Moment leider nicht hat. Mit mir tobt er dann lieber mehr oder kuschelt sich ran, wenn er müde wird oder Angst vor etwas hat. Wenn das Papa-Sein ist, dann fühle ich mich da schon ganz wohl.

Was wünscht Du Dir für Deinen Sohn für die Zukunft?

 

Kleiner RadfahrerIch wünsche ihm, dass er seinen eigenen Weg findet und diesen dann auch bis zum Ziel verfolgt. Er soll in der Liebe glücklich werden dürfen und auch beruflich von Erfolg verfolgt sein.

 

Klar, das wünschen sich alle Eltern für ihr Kind. Ich habe damals aber leider zu oft mal in der Schule “keinen Bock” gehabt und mich am Ende geärgert, dass es “nur” zum Fach-Abi gereicht hat. Wenn er die Möglichkeiten hat – und er ist schon jetzt alles andere als doof – dann wünsche ich ihm, dass er die Kraft und den Mut hat, diese auch zu ergreifen und sich bereits früh im Leben eine sichere Basis für später zu schaffen.

 

Was jetzt aber erst einmal wichtig ist, ist seine Kindheit! Die wollen wir ihm so schön wie möglich gestalten und dafür sorgen, dass er sich auch später mit einem Lächeln daran zurück erinnern kann. Das Schicksal soll ihm immer wohlgesinnt sein und es soll ihm auch an schlechten Tagen immer jemand zur Seite stehen, der ihn dann auffangen kann. Auch dann, wenn wir mal nicht mehr sein sollten. Ich denke, darauf kommt es in einer Familie auch an: Das Gefühl von Geborgenheit.

 

Das hatte ich, das hatte meine Frau und das soll auch unser Sohn haben. Seinen späteren Lebensweg soll er aber dann auch so unvoreingenommen wie möglich angehen können. Wir werden ihn weder zum Bund zwingen, noch ihm eine Lebensart vorgeben. Wir sind dann da, wenn er uns braucht – alles andere darf er selbst in die Hand nehmen.

Vielen lieben Dank, Benjamin. Hier geht es zu Benjamins Blog. 

 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.