Langzeitstillen: Mit fünf und zwei Jahren stillt Julia ihre beiden Kinder immer noch. Wie ihr Umfeld drauf reagiert, was ihr Mann davon hält, warum sie grad kindergartenfrei leben und noch mehr: Das erzählt Julia mit Gatten Max  im Familienrollen-Interview. 

 

Sehr schnell spricht man in Deutschland davon, dass Langzeitstillen ab sechs Monaten der Fall ist. Julias Stillzeit geht da deutlich drüber, wie kam es dazu? 

 

 

Julia: 
Ich wollte immer stillen und hatte mich belesen, was mir zum Teil sehr geholfen hat. Zum Beispiel konnte ich, als die Schwester im Krankenhaus mir sagte, ich solle doch besser nur alle 4 Stunden stillen, müde lächeln und weiter mit meinem süßen Tochterkind unser Ding machen.

 

Aber da stand eben auch noch der ganze Kram von Mahlzeiten die nach 6 Monaten Stillmahlzeiten ersetzen und zum Abstillen führen sollen. Das war also mein Plan. Gut, dass ich später weitere Quellen hatte und viel auf mein Gefühl und mein Kind hörte.
Trotzdem hätte ich ganz sicher niemals so lange gestillt, wenn es nicht so einfach gewesen wäre.

 

Meine Kinder haben beide sehr schnell nur 5-10 Minuten gestillt, ich hatte nie eine Entzündung, keinen Milchstau und schon nach wenigen Wochen lief meine Brust nicht mehr aus, so dass ich keine Stilleinlagen brauche. Das Tandemstillen hab ich auch nicht geplant. Für mich wäre es vollkommen ok gewesen, wenn meine Tochter sich abgestillt hätte. Nur die kommt nach mir – ziemlich stur.

Max: Für mich war das selbstverständlich. Babys werden halt gestillt. Und irgendwie hat es bis heute angehalten. Ich habe gesehen, dass sich Julia und die Kids mit dem Stillen sehr schnell „eingegrooved“ haben und dann war das in Ordnung. Es gab zwischendurch mal ein paar „Hänger“ auf meiner Seite als meine Tochter die Flasche so gar nicht nahm, weder mit abgepumpter Milch noch mit Milchnahrung. Das hat mich frustriert. Unser Sohn nahm die Flasche besser an, das war echt entspannter. So konnte ich auch auf alle Bedürfnisse eingehen und wir waren von Julia nicht abhängig.

Wir haben für uns keine Deadline geplant, was das Stillen betrifft. Julia und die Kinder stillen bis einer der Protagonisten damit nicht mehr kann. Entweder hören die Kids selbst irgendwann auf oder Julia wird es vielleicht irgendwann mal zu viel und sie stillt ab.

 

In meinem Umfeld habe ich noch nie mitbekommen, dass jemand als Langzeitstillende herbe Kritik ernten musste. Nun kenne ich aber auch – außer Dir – niemanden, der länger gestillt hat, als zweieinhalb Jahre. Wie geht Dein Umfeld damit um? 

 

 

Julia: Ich hatte eigentlich fast nur positive Erlebnisse, mit Menschen, die mich bestärkt haben oder anderen, die mich neugierig gefragt haben, warum ich länger stille. Am nervigsten war die ständige Fragerei um den ersten Geburtstag herum: Stillst Du IMMER NOCH? Das hat sich mit der Zeit zum Glück gegeben. Allerdings sehe ich oft die Blicke, die nicht mal abwertend sein müssen, und mag es mittlerweile nicht mehr, die Große überall zu stillen.

 

Ich fühle mich einfach sehr auf dem Präsentierteller und hier im Netz habe ich tatsächlich schon sehr fiese Sprüche als Reaktion auf Artikel lesen müssen. Daher „weiß“ ich auch, wie negativ manche Menschen denken, wenn sie uns sehen. Stillen soll aber etwas Schönes sein – deshalb gehe ich auch da nach dem Gefühl.

 

Max: Es gibt Situationen, in denen Julia verwundert gefragt wird, warum sie denn immer noch stillt. Wir beide erklären es dann.

 

Ich denke, wenn Menschen sehen, dass wir beide dieselbe Meinung vertreten, wird das irgendwie schneller akzeptiert. Es kommt trotzdem noch oft zu verwunderten Blicken und ich merke wie der gesellschaftliche Blick es nicht als normal empfindet. Ich empfinde schon mit steigendem Alter der Kinder auch den steigenden Druck der öffentlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung auf uns und die „Stillsituation“.

 

Eure Kinder werden kindergartenfrei erzogen: Warum habt Ihr Euch dafür entschieden?

 

Max: 
Puh, eine „große“ Frage! Dass wir unsere Kinder kindergartenfrei begleiten war keine bewusste Entscheidung, sondern ist eher aus der Not heraus entstanden. Unsere Tochter war in jungen Jahren eher ein „vorsichtiges Kind“ und brauchte sehr viel Rückversicherung von unserer Seite bevor sie begann, sich anderen Menschen zu öffnen und mit diesen zu interagieren. Wir haben uns in unserem Städtchen ein paar Kindergärten angeschaut und haben uns für einen entschieden, der nach unserer Meinung noch am ehesten ihr und zu unserem „gelebten Beziehungsmodell“ passte. Damals war sie 2,5 Jahre alt. Es gab mehrere Gründe warum es letzten Endes doch nicht passte und wir beschlossen unsere Tochter wieder abzumelden.

 

Wir werden jetzt ab Oktober noch mal einen Versuch starten und sind sehr auf den Ausgang gespannt. Unser Sohn ist noch sehr jung und wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Eltern beide einen sehr großen Teil im Homeoffice arbeiten können. So sind wir nicht auf einen Kitaplatz für ihn angewiesen. Er ist wesentlich offener anderen Menschen gegenüber und ich kann mir vorstellen, dass hier die Kitaeingewöhnung anders laufen könnte. Wir werden sehen.

 

 

Wir leben also nicht überzeugt kitafrei, zumindest ab einem gewissen Alter nicht mehr. Allerdings wollen wir, dass unsere Kinder und wir uns damit wirklich wohlfühlen.

 

Julia, Dein eigener Beruf scheint sich erst durch die Kinder geformt zu haben: Was genau machst Du?

 

Julia: 

Ja, das stimmt. Ich wollte zwar nach der Insolvenz meines letzten Arbeitgebers ohnehin wieder umsatteln, weswegen ich die Ausbildung zur Heilpraktikerin Psychotherapie gemacht habe. Dass ich nun keine Therapie anbiete und es genau diese Ausbildung geworden ist, liegt sicher an meinen Kindern. Ich arbeite jetzt als bindungs- und beziehungsorientierte Eltern- und Familienberaterin.

 

Etwas, dass mir so unglaublich viel Spaß und Energie bringt, dass es sich wirklich wie ein Beruf oder eine Berufung anfühlt. Ich begleite Familien zum Beispiel bei wiederkehrenden Konflikten, Schwierigkeiten mit Entwicklungsphasen oder auch Kita- und Schulproblemen. Dabei liegt mein Schwerpunkt darauf, mit den Eltern gemeinsam einen guten Weg zu finden, der alle Familienmitglieder und deren Bedürfnisse berücksichtigt. Was als auffälliges Verhalten gesehen wird, wird dabei noch mal anders eingeordnet, da ich versuche, darin die Emotionen und dahinterliegenden Bedürfnisse zu entschlüsseln.

 

Ich empfinde es als großes Glück, dass immer mehr Familien auf klassische, strenge Erziehung verzichten wollen. Doch das ist zum Teil wirklich nicht einfach denn die meisten sind selbst so aufgewachsen. Dazu kommt, dass auch die Gesellschaft oft noch erwartet, dass Kinder gemaßregelt, bestraft und mit Macht dominiert werden sollen. Das verunsichert sehr. 
Gemeinsam suchen wir also Handlungsalternativen und Bestärkung, den ganz eigenen Weg zu finden. Je sicherer Eltern sind und je besser die Bedürfnisse aller gesehen werden, desto zufriedener ist die Familie. Und Menschen von außen bringen einen dann auch nicht mehr so aus der Ruhe.

 

In nicht allzu ferne Zukunft geht Eure Tochter in die Schule: Wie bereitet Ihr Euch darauf vor?

 

Max:
Die Schule, ja das ist so eine Sache. Julia ist ein großer „Fan“ von freien Schulen. Ich musste mich erst mit dieser Art Schule vertraut machen und auch Vertrauen darin finden, dass auch meinem Kind, trotz des sehr offenen Schulkonzepts, „etwas wird“. Hier stellt sich die Frage nach dem Focus, bzw. was man für sein Kind in der Zukunft will.

 

Wir haben uns daraufhin in der Region zwei „freie Schulen“ angeguckt, da uns klar ist, dass eine „normale Regelschule“ für uns nicht in Frage kommt. Nach einigem Hin und Her und mit schwerem Herzen haben wir aber von der freien Schule in unserer Region Abstand genommen. Das liegt nicht an deren Konzept, von dem wir nach wie vor überzeugt sind, sondern eher an den sehr gravierenden Rahmenbedingungen (Umzug, sehr teure Umgebung). 
In unserem Städtchen gibt es seit sehr kurzer Zeit eine Montessori-Schule, auf der wir nun unsere Kinder sehen. Auch, nicht nur, aufgrund der Schule haben wir den Entschluss gefasst, es nochmal mit der Kita im letzten Jahr vor der Einschulung zu versuchen, um unserer Tochter den Übergang von Vollzeit zuhause zu Ganztagsschule zu erleichtern. Wir hoffen hier für uns einen guten „Mittelweg“ zu finden.

Was ich an Euch toll finde: Ihr wirkt online immer beide so bedächtig. Julia, noch ein bisschen mehr: Woher nehmt Ihr diese Gelassenheit?

 

 

Max: Gelassenheit? Entschuldige, ich musste kurz lachen. Vielleicht kommt es als Gelassenheit an und es gibt bestimmt viele Situation und Themen bei denen ich inzwischen mit Gelassenheit reagieren kann, aber im gelebten Alltag kann es schon mal anders aussehen. Da bin ich auch schon mal genervt, überfordert und grumpy. Ich bin schon ein Mensch der erst mal jede Meinung zulässt. Ich möchte versuchen vom „Schubladen-Denken“ wegzukommen und Menschen offen zu begegnen. 
Die „Bedächtigkeit“ kommt dann vielleicht durch gegenseitige und eigene Reflektion. Bedürfnisorientiertes Familienleben setzt ein gewisses Maß an Reflektion voraus. Das hilft schon, manche Themen dem Gegenüber in Ruhe näher zu bringen.

 


Julia: Ich frage mich auch gerade: Bin ich so gelassen? Kommt sicher auf die Situation an. Im Netz kann ich natürlich gut überlegen, was ich wann schreibe oder wo ich es besser nicht tue. Das wirkt dann vielleicht ruhiger als im echten Leben, wo ich mich eher als temperamentvoll, emotional oder sogar launisch beschreiben würde. 

Tatsächlich arbeite ich da sehr an mir, an meinen Fähigkeiten, Konflikte zu lösen, an gewaltfreier Kommunikation, Achtsamkeit und auch an meinen eigenen Themen aus der Kindheit. Dazu hat mich die Zeit und Erfahrung als Mutter schon etwas gelassener gemacht, weil ich unseren Weg nun besser kenne. Am Anfang hat mich Kritik von außen viel stärker getroffen und aufgewühlt.

 

Vielen lieben Dank für das Interview, Ihr beiden. 

 

Mehr von den beiden gibt es auf dem Blog “Die gute Kinderstube“.

 

Zum Thema Langzeitstillen gibt es hier das Interview mit der Stillberaterin Anna.

 

Julia und Max sind erst das zweite Partner-Interview: Den Anfang machten Jane und Nina, die über das Coming Out von Nina und dem Umgang damit im Interview sprachen. Auch sehr lesenswert.