Mit einem schüchternen Lächeln öffnet sie mir die Tür. Sie ist nackt. Ihr Busen sitzt auf einer Höhe, wo jeder Busen mal anfängt zu sein. Zu einer Zeit, in der man noch gar nicht weiß, ob die gesamte Größe schon erreicht ist. Sie ist vielleicht 17. Hat lange rotblonde Haare bis zum Po.

 

Und sie ist wunderschön. Wahrscheinlich weiß sie es nicht. Wenn ich ihr Lächeln richtig deute, weiß sie es sogar ganz bestimmt nicht.

 

Wir sind in einer dänischen Schwimmhalle. Und ich bin etwas perplex von all der Nacktheit mit der ich da grad konfrontiert werde. Kurz vorm Eintritt zu den Becken ist der Duschbereich: Hier sind ungefähr zehn Frauen, die alle vollständig nackt sind. Einige sind verstörend schön. Körper, ohne eine einzige Delle. Bäuche ohne die kleinste Wölbung und dann sind da noch ein paar Frauen darunter, die ein bisschen anders aussehen: Solche mit bunten Tattoos, welche mit unglaublich viel Körperbehaarung und einige haben ein paar Kilo mehr drauf und tragen draußen die hier üblichen Schwimmkleider. Hier nicht.

 

Sie sind alle so verschieden und sich nur darin grad ähnlich, dass sie sich auf sich konzentrieren. Manche von ihnen lächeln. Manche schauen gedankenverloren umher und einige wirken so, dass man lieber wegschaut.

 

 

Mir ist recht warm. Ich bin bIchereits umgezogen, das heißt ich muss hier nicht duschen. Ich warte hier nur. Auf dem Arm habe ich meine Tochter, die grad mal ein halbes Jahr ist und die gleich zum ersten Mal schwimmen geht. Und schön langsam dämmert mir, dass das da auch ein Part ist, der dazu gehört zum “Mädchenmama sein”. Sich nicht nur damit auseinandersetzen, ob meine Tochter irgendwann Barbie kriegt, wie ich Elsa und Anna finde, sondern auch mit der eigenen Nacktheit klarkommen und ihr das beibringen.

 

Selbstreflexion

Mein Badeanzug ist noch aus der ersten Schwangerschaft, ich habe noch mindestens acht Kilo zu viel und wie eine Grazie komme ich mir auch grad nicht vor. Aber “Hey, ich habe zwei Kinder geboren und beide Kinder ernährt. Eines sogar immer noch.  Ich futtere Rund um die Uhr Schokolade und Kuchen. Und es ist wohl der Moment zu erkennen, dass das wohl nun mal so ist. Jetzt. Irgendwann muss ich mich damit auseinandersetzen, wie ich wieder in einen Bikini passe, der auf der Seite nicht gerafft ist. Muss überlegen, ob ich die Kleidergröße 36 so attraktiv finde, dass ich sie tatsächlich zurück möchte und andere Dinge. Aber nicht jetzt. Jetzt zählen andere Dinge.

 

Mir fällt eine kluge Frau aus meiner Familie ein, die mir mit 23 sagte, dass mir gar nicht bewusst ist, wie jung ich eigentlich bin. Und wie schön das ist. Ich sag mir, dass auch ein bisschen für jetzt gilt. Für jeden in diesem Raum. In diesem Raum voller nackter Menschen. Wie schön, wie bunt und wie gleichgültig die Faltenlosigkeit eigentlich ist.

 

Das nackte Mädchen lächelt mich an, grad so als wäre ihr auch aufgegangen, dass ich grad kruden eigenen Gedanken entstiegen bin. Am Ende der Schlange hält sich eine Frau ein bisschen bedeckter. Ihre Beine sind durchzogen von blauen Adern. Ihr Bauch wirft sich in drei Falten. Ihr Gesicht ist voller Sommersprossen.

 

 

Sie lächelt. Sie lächelt mein Mädchen an, zu dem sie wahrscheinlich rund 70 Jahre trennen. Später beim Nachhausegehen stelle ich überrascht fest, dass das Mädchen am Eingang und die alte Frau am Ende wohl Enkelin und Großmutter sind. Beide ausgestattet mit diesem Lächeln.

 

Ich ziehe meiner Tochter ihren rosa Anzug und ihre blaue Mütze an, und glaube, dass da noch eine Menge auf uns zu kommt. Nicht immer finden sich so viele Antworten wie in Mitten einer Gruppe dänischer Nackte.

 

Was denkt Ihr: Kennt Ihr diese Gefühle?

 

*Natürlich ist ein gesundes Körperempfinden auch für Jungs wichtig, das soll hier nicht untergehen.