Mit “Elternfragen” möchte ich einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher viele beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig. 

Heute geht es um Kinder und Musik: Was ist dran an frühmusikalischer Bildung, ist eigentlich wirklich jeder Mensch musikalisch und warum ist Musik eigentlich schon bei Kindern so wichtig? Das und mehr hat die Musikpädagogin Vivien anschaulich beantwortet. 

 

“Wer wirklich Profi-Musiker werden will, muss vor dem dritten Geburtstag mit seiner Ausbildung anfangen.” – Diesen gruseligen Satz habe ich mal von einem Musikprofessor gehört. Was denkst Du: Was ist dran? 

 

 

Das sehe ich ein bisschen anders! Ein Profi-Musiker ist für mich im weitesten Sinne jemand, der mit Musik sein Geld verdient und das Musikmachen nicht nur als Hobby betreibt. Im zarten Alter von 3 oder 4 Jahren sind – und das sage ich aus praktischer Erfahrung heraus – die wenigsten Kinder schon rein von der feinmotorischen Entwicklung her in der Lage, Unterrichtsinhalte an einem Instrument umzusetzen.

 

Natürlich KANN man sein Kind so früh schon zum Unterricht anmelden; signifikante Fortschritte wird es allerdings zu 99% erst ab dem Vorschul- oder Schulalter machen. Ich selbst zähle als studierte Musikerin ja ebenfalls zu den Profis und habe erst mit 9 Jahren mit dem Unterricht begonnen! Ich halte es für empfehlenswert, dass Eltern sich um die Zeit des Schuleintrittes Gedanken um eine mögliche musikalische Ausbildung machen.
Unglaublich viele Eltern habe ich schon sagen gehört, wie unglaublich musikalisch ihr Kind ist. Woran erkennen wirklich die musikalische Begabung ihres Kindes schon im Kleinstalter?
Ich würde sogar so weit gehen und behaupten: ALLE Kinder sind von Hause aus musikalisch! Denn im Bauch der Mutter sind sie 9 Monate lang von Klängen und Geräuschen umgeben: Mamas Herzschlag, das Rauschen des mütterlichen Blutes, Magen- und Darmgeräusche und allen voran natürlich die Stimme der Mutter. Um die 23. Schwangerschaftswoche ist das Gehör soweit ausgebildet, dass das Baby diese akustischen Reize bewusst wahrnehmen kann.

 

Das Kind kommt also schon mit einem gewissen „Repertoire“ an Klängen und Geräuschen auf die Welt und wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch nach der Geburt große Freude daran haben, wenn es von Mamas vertrauter Stimme beim Wickeln kleine Lieder vorgesungen bekommt.

 

Etwas später, wenn Kinder in der Lage sind, selbst Geräusche zu erzeugen und „Musik zu machen“ , finden sie Kochlöffel und Kochtopf, Rasseln, Trommeln und Xylophon faszinierend. Wichtig zu wissen ist außerdem, dass jeder Mensch eine ausbildungsfähige mMusik Kitausikalische Begabung besitzt. Die meisten Menschen verfügen über ein mittleres Maß an musikalischer Begabung; nur sehr wenige sind hochbegabt, andererseits gibt es auch nur sehr wenige, die kaum musikalisch begabt sind! Erstaunlich, oder? Hört man doch oft Eltern sagen, dass sie gänzlich unmusikalisch seien und deshalb nie gedacht hätten, dass ihre Kinder erfolgreich ein Instrument lernen können. Wie sich die individuelle musikalische Begabung dann entfalten kann, ist von Umwelt und Übung abhängig.
Unabhängig davon, ob sich ein Kind besonders für Musik interessiert, oder vielleicht sogar ein besonderes Gespür dafür hat: Wie kann man das als Eltern fördern?

 

 

Wichtig ist, dass Kinder schon früh in Kontakt mit Musik kommen, sei es durch hören, singen, tanzen oder klatschen. In vielen Kindergärten ist die Musikalische Früherziehung fest im wöchentlichen Ablauf integriert. Aber auch für noch jüngere Kinder und sogar Babys gibt es spezielle Kurse, die Eltern zusammen mit ihrem Nachwuchs besuchen können. Diese Kurse dienen allerdings nicht nur dazu, die Kinder schon frühzeitig zu „fördern“, sondern sie sollen in erster Linie den (eventuell „unmusikalischen“) Eltern zeigen, in welcher Weise sie sich mit ihren Kindern zu Hause musikalisch und pädagogisch sinnvoll beschäftigen können, so dass alle Beteiligten Spaß am gemeinsamen Musikmachen haben.
In meiner Kindheit mussten alle 6-jährigen Flöte spielen: Das war grausam. Was denkst Du: Wie finden Kinder heute ihr Instrument und vor allem wann?

 

vorschule musikWir werben mit dem Slogan „Dein Instrument wartet auf dich“ und sind der festen Überzeugung, dass nicht der Schüler sein Instrument, sondern das Instrument seinen Schüler findet! Oft ist es dann „Liebe auf den ersten Blick“ (bzw. Ton). Viele Musikschulen bieten das sog. Instrumentenkarussell an, bei dem man im 4-Wochen-Rhythmus verschiedene Instrumente ausprobieren kann. Außerdem kann man sich nach einem Tag der offenen Tür erkundigen oder Eltern lassen sich gemeinsam mit dem Kind im Musikfachgeschäft beraten.

 

Ich finde gut, wenn Eltern ihre Kinder unterstützen wollen im Lernen eines Musikinstrumentes, kann aber nur dringend davon abraten, im Spielzeugladen eine Gitarre, ein Keyboard oder Ähnliches zu kaufen. Wie der Name schon sagt, sind das keine richtigen Instrumente, sondern eben nur bunte Spielzeuge, die mit ihren „echten“ Kollegen nicht viel gemeinsam haben!

 

Aber egal, welches Instrument sich ein Kind aussucht – entscheidend ist in jedem Fall, dass es sich regelmäßig damit beschäftigt und von den Eltern auch dahingehend ermutigt und unterstützt wird. Erfolg ist nur zu 10% Talent. Zu 90% steckt hinter jedem Erfolg harte Arbeit.
Singspiele für kleine Kinder und musikalische Reime im Kindergarten: Warum ist Musik schon für Kinder so wichtig?

 

Wie schon bei Frage 2 und 3 erwähnt, sollte musikalische Früherziehung ein Bestandteil jeder Kindheit sein! Dabei klingt das Wort „Früherziehung“ so nach Drill, nach stillsitzen und zuhören. Das ist es gar nicht, im Gegenteil! Es geht nicht um musikalische Leistung, sondern darum, die kindliche Persönlichkeit durch Singen, Tanzen, Musizieren und Musik hören zu fördern, also Freude an Klängen und Bewegung zu entwickeln. Mit einem ganzheitlichen Lernkonzept (sehen, fühlen, hören, entdecken, verstehen) werden Kinder in ihrer Entwicklung musikalisch begleitet und wird die Lust am Musizieren geweckt. Die Kleinsten entdecken die Verbindung von Rhythmus und Sprache bei Fingerspielen und Kniereitern, die Größeren haben im Vorschulalter Spaß an Hörerziehung, musikalischen Grundbegriffen und erstem spielerischen Kennenlernen der Notenschrift, wodurch der Grundstein für eine spätere musikalische Ausbildung gelegt wird. Musik macht übrigens nicht nur Spaß, sondern auch klug, wie Prof. Dr. H.-G. Bastian in Langzeitstudien nachgewiesen hat. Soziale Kompetenzen, Motivation, Teamfähigkeit, Kreativität und überdurchschnittlich gute schulische Leistungen trotz zeitlicher Mehrbelastung sind nur einige der positiven „Nebenwirkungen“, die das aktive Musizieren mit sich bringt. Und welches Instrument wartet auf DICH?

 

Vielen lieben Dank für das Interview, Vivien. 

 

Und das sagt Vivien über sich: Ich leite gemeinsam mit meiner Mutter und meinem Mann seit 2010 unsere eigene Musikschule, „Viva Musica“, in Berlin. Die jüngsten Schüler sind 3 und die ältesten 70 Jahre alt. Aber eines verbindet sie alle: der Spaß und die Freude am Musizieren!

 

Außerdem bloggt sie auf Mama 2.0.