Nina mit Kind

Mindestens 35 Jahre hat man mit 30 noch bis zur Rente: Wenn man seinen Job also ungern macht, warum nicht noch mal neu nachdenken? Nina war bei Siemens, bekam zwei Kinder und stellte fest: Eigentlich will ich ganz was anderes machen.

 

Heute studiert sie Medizin, und erzählt in den Familienrollen, warum sie zu mehr Mut rät.

 

 

Du bist Mutter zweier Kinder und Medizinstudentin. Das Ungewöhnliche daran: Vor der Geburt warst Du beruflich in einer ganz anderen Richtung unterwegs. Wie kam es zum Umbruch?

 

Ja, genau. Vielleicht hole ich kurz ein wenig aus, um meinen Umbruch etwas besser darstellen zu können.
Nach meinem Abitur im Jahr 2001 habe ich einen Platz für eine duale Ausbildung bei der Siemens AG bekommen. Ich habe eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht und parallel ein betriebswirtschaftliches Studium an einer FH absolviert. Anschließend war ich ca. 8 Jahre bei Siemens als Kauffrau in verschiedenen Unternehmensbereichen tätig.
Die Zeit war spannend und reiselastig. Hat mich aber nie ‚im Kern‘ berührt. Zwischendurch hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass das kein Job sei, in welchem ich alt werden möchte.

Nachdem unsere erste Tochter geboren wurde verschärften sich meine Gedanken um einen möglichen Jobwechsel. Um eine komplette Neuorientierung. Die erste Zeit mit unserer Tochter 2008 war wirklich nicht einfach für uns. Sie schrie viel. Wahnsinnig viel. Das hat uns als unerfahrenere Eltern oft an unsere Grenzen gebracht. Doch um das Gute daran zu sehen – oft stärken uns diese Grenzerfahrungen auch. Sie helfen uns, uns selber besser kennenzulernen.

Ich startete zwar zunächst wieder als Teilzeitkraft bei Siemens, begann aber auch, mich mit der Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive zu beschäftigen.

Nach langem, langem Hin und Her entschied ich mich im Jahr 2012 dazu (zu diesem Zeitpunkt war ich 30 Jahre alt und unsere Töchter waren 4 und 2 Jahre alt), eine 2-jährige Vollzeitausbildung zur Heilpraktikerin zu machen. Ich kündigte und genoss diese Ausbildungszeit. Ich traf viele neue, inspirierende Menschen. Erhielt viele neue Eindrücke. All das, bereicherte mich, und damit uns als Familie ungemein.

 

Nachdem ich meine Prüfung abgelegt hatte, brodelte da aber noch etwas in mir. Wissendurst. Hunger nach mehr Wissen über die Zusammenhänge in und um unseren Körper. Zwar bereitete ich mich schon auf eine Selbstständigkeit als Heilpraktikerin vor, wollte es parallel aber nicht unversucht lassen und es wenigstens einmal mit einer Bewerbung an der Uni für ein Medizinstudium probieren.

Natürlich hielt ich meinen Wunsch für ein Luftschloss, aber ich hatte ja nichts zu verlieren. Mein einziger Gedanke war: „Wenn du es nicht probierst, wirst du am Ende deiner Tage niemals Wissen, ob es eventuell nicht doch geklappt hätte.“ Also habe ich den recht aufwendigen Bewerbungsprozess auf mich genommen.
Und ja – es hat geklappt. Den Tag, an welchem ich die Zusage erhielt, werde ich bis ans Ende meiner Tage nicht vergessen. Nun bin ich schon im 5. Semester. Kaum zu glauben.

 

MailtextBestimmt hast Du Dir Deine Entscheidung nicht leichtgemacht: Wie lange hast Du mit Dir gehadert?
Puh. Das war tatsächlich eine schwere Entscheidung, die ihre Zeit brauchte.
Ich schätze, dass der Zeitraum, von den ersten Gedanken an eine mögliche Jobveränderung bis hin zur Kündigung, circa 3 Jahre betrug.

 

Die erste Frage die ich mir stellen musste war ja „Was willst du eigentlich?“. Ich befand mich lange Zeit in einem Raum aus Fragen: „Welcher Job würde dich denn glücklich machen?“, „Ist es nicht ein zu hohes Ziel, dass der Job glücklich machen muss?“, „Bist du nicht schon zu alt, um nochmal neu anzufangen?“.

 

Vor der Geburt unserer ersten Tochter begann ich neben meinem regulären Job ein Praktikum zu machen. Praktika sollten mir helfen, mich zu orientieren. Mir war klar, dass ich Dinge ausprobieren musste um zu wissen, wo mein Weg eigentlich hingehen sollte. So arbeitete ich, zum Beispiel, einige Monate in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung. Die Arbeit war spannend und gut. Dennoch war mir schnell klar, dass ein Studium der Sozialpädagogik (oder ähnliches) für mich nicht in Frage kommen würden.

 

Ich kann wirklich nicht sagen, dass die Zeit einfach war. Denn irgendwann ist es auch einfach nur noch frustrierend, keine Antwort auf die Frage „Wo willst du hin?“ zu finden.

 

Diese ganze lange Zeit, hat Björn (mein Mann), mich uneingeschränkt unterstützt. Er hat mit mir alle Szenarien durchdacht und keine meiner Ideen als „Hirngespinste“ abgetan. Ganz im Gegenteil. Ohne ihn, hätte ich vermutlich nicht die Kraft, vor allem aber nicht den Mut gehabt, auf volles Risiko zu gehen.

Skeptisch waren meine Eltern. Nicht immer. Aber manchmal. Aber eher positiv skeptisch. Damit gaben sie mir einen Raum, meine Ideen kritisch zu hinterfragen. Heute erfahre ich volle Unterstützung durch die Beiden.

 

 

Auf allen Kanälen machst Du auf mich den Eindruck: Ganz schön viel zu tun, aber irgendwie kommst Du Deinem Traum immer näher. Wie fühlt sich das Leben als Medizinstudentin und baldige Ärztin an? 
Ich denke, dass alle Eltern, die in der Mitte ihres Lebens stehen, ganz schön viel um die Ohren haben. Jede Familie steht vor eigenen Herausforderungen. Es ist laut und trubelig. Manchmal ermüdend. Meistens aber einfach eine große Feier des Lebens. Jeden Tag aufs Neue.

Insofern – ja, mit Sicherheit habe ich oft ‚viel zu tun‘. Aber mit Unterstützung ist das gut zu machen. Ich denke einfach, dass das A und O für ein glückliches Familienleben ist, dass die Eltern glücklich sind. Jeder zunächst für sich allein. Dann natürlich auch miteinander. Ist das gegeben, geht es auch den Kindern gut. Manchmal hatte ich Sorge, dass das eine egoistische Herangehensweise ist. Dennoch bin ich bis heute davon überzeugt, dass das auf uns so zutrifft.
StudentenIch bin definitiv glücklicher, wenn ich ‚meine eigene Spielwiese‘ habe. Mein Studium. Vielleicht wäre der Alltag weniger stressig ohne dieses. Aber er wäre auch definitiv weniger zufriedenstellend. Für mich. Und damit für uns, als Familie.

Bild 3 (Und wenn mal kein Kindersitter Zeit hat, dann kommen sie eben mit)

Das Leben fühlt sich gerade einfach wunderbar an, so wie es ist. Ich genieße die ‚Freiheit‘ des Studentenlebens. Tatsächlich fühlt es sich für mich noch nicht so an, als wäre ich bald Ärztin. Dafür ist der Weg noch zu lang. Ich genieße gerade einfach jeden einzelnen Schritt.

Nicht einen einzigen Tag lang habe ich es bereut, meinen alten Job an den Nagel gehängt zu haben. Ganz im Gegenteil.
Wie klappt die Sache mit der Vereinbarkeit? 

 

 

Vereinbar… Was? Na ja. So ganz schlimm ist es dann doch nicht.
Tja. Diese Vereinbarkeit. Ist ja so eine Sache für sich. Das klappt natürlich mal mehr, mal weniger gut. Sicherlich gibt es auch bei uns Tage, wo ich einfach alles nur noch hinschmeißen möchte. Tage an denen ich denke, niemandem mehr gerecht werden zu können. Zum Glück halten sich diese Tage aber in Grenzen.
Klar ist – ohne die Unterstützung von Björn, meinen Eltern und von Freunden, könnte und wollte ich nicht studieren. Uns war, zum Beispiel, wichtig, dass die Kinder nicht in eine Ganztagsschule gehen. Das schränkt unseren Zeitrahmen natürlich massiv ein. Meist sind die Kinder gegen 12 Uhr zuhause. Hungrig. Da bleibt einem am Vormittag nicht viel Zeit, um Dinge zu erledigen. Geschweige denn um zur Uni zu fahren.

Aber wir haben uns gut eingespielt.

Gerade jetzt, wo die Kinder schon etwas älter sind (6 (bald schon 7) und 8 Jahre alt), muss unsere Planung nur noch selten über den Haufen geworfen werden. Das war natürlich zu Kindergartenzeiten noch anders. Die Kinder waren des Öfteren krank (wie das eben bei kleinen Kinder so ist ;-)) und es gab Zeiten, wo sie nicht in den Kindergarten wollten. Solche Situationen sind natürlich dann mistig. Für alle Beteiligten. Da gab es schon mal den einen oder anderen Abend, an welchem ich einfach nur noch heulend auf der Couch saß. Das war aber durchaus während meines ‚alten Bürojobs‘ auch schon so.

Der einzige Vorteil den ich damals hatte, war – ‚wenn Feierabend war, war Feierabend‘. Meistens. Heutzutage gibt es natürlich immer irgendwie etwas zu tun. Lernen am Abend. Am Wochenende. Da muss man schon gut auf sich aufpassen, um sich genügend Zeit zum Durchatmen, zum Kopf lüften, zu nehmen. Ich kann nicht von mir behaupten, dass das meine Stärke ist. Zum Glück gibt Björn auch immer gut Acht auf mich und meinen Gemütszustand.

 

 

Nach der Geburt der Kinder das Leben noch einmal umdrehen: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Du mitgenommen hast?
Weniger Angst. Mehr Mut.
Es klingt so banal, aber das ist es, was meine Erkenntnisse schon auf den Punkt bringt.
Was ich mir außerdem aus der Orientierungszeit beibehalten habe ist mir regelmäßig die Frage zu stellen: Wenn das Schicksal dein Leben von jetzt auf gleich auf den Kopf stellt, sei es, weil jemand Liebes schwer krank wird oder verstirbt, was würdest du dann bereuen?
Dieser Frage hilft mir einfach ungemein, mich regelmäßig neu auszurichten. Meine Prioritäten klar zu stellen.

Macht’s einfach. Das Leben ist zu kurz, um zu lange zu zögern.

 

Mehr zu Nina findet Ihr auf Ihrem Blog Gedankenpotpourri.

 

Die Familienrollen gibt es immer am Donnerstag: Ihr seid auch eine Familie, die ich gerne mal vorstellen soll, oder habt Interesse über ein Familienmodell zu lesen, das hier noch nicht vorgekommen ist? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.