Wäre der Begriff Fremdbestimmtheit ein Pullover hätte er schon abgewetzte Ärmel, die Knöpfe wären lose und bestimmt, hätte er an vielen Ecken kleine Löcher. Er wäre abgenutzt. Den Begriff der Fremdbestimmtheit find ich unglaublich abgegriffen.

 

Immer wieder geistert er durch Foren, Elternblogger-Texte und Twitter-Diskussionen: Mütter fühlen sich fremdbestimmt. Durch ihre Kinder. Ich lese und bin mal wieder etwas ratlos. Warum??? Frauen, die sich ihren Pulli aus der Modezeitschrift diktieren lassen, die nervös werden, weil die Nachbarin Größe 38 trägt und deren Chef bestimmt, ob sie um 17 Uhr oder um 19 Uhr Feierabend machen dürfen, fühlen sich durch ihre Kinder fremdbestimmt. Nun ja.

 

Es sind Kinder. Kleine Kinder. Und natürlich bestimmen die über einen Teil unseres Lebens. Weil sie uns brauchen, und wenn das Einschlafen mal länger als eine Stunde dauert, hat man sich das vielleicht anders vorgestellt. Und bestimmt gibt es viele Situationen, die einen fordern und mitunter ist man manchmal auch überfordert. Bestimmt ist einiges neu.

 

Was mir allerdings absolut nicht klar ist, warum das Fremdbestimmtheit sein soll? Warum ich immer wieder lese, dass “das Ich” dabei verschüttet gehen soll? Wenn ich mit meinen Kindern bin, bin ich immer noch ich. “Schau mal, wie schön”, sagt mein Sohn und zeigt mir Dinge, die ich über 30 Jahre nicht gesehen habe. Dinge, die ich selbst erlebt habe, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin, zeige ich meinen Kindern. Manche Dinge mache ich grad nicht, weil andere Dinge Vorrang haben. So ist das nun mal. Wie in jeder Phase.

 

Mein Ich geht dabei bestimmt nicht verloren. Es wird weiter. Irgendwann werde ich vielleicht abends wieder öfter rausgehen, vielleicht auch nicht. Aber ich muss nicht besoffen in der Ecke liegen, um zu erkennen, dass ich ich bin. Dazu muss ich auch nicht ständig irgendwelchen Hobbies nachgehen, die mal eine größere Priorität hatten. Und vielleicht auch mal wieder haben werden. Vielleicht auch nicht.

 

Bestimmt habe ich mich schon an der einen oder anderen Ecke fremdbestimmt gefühlt: Wenn ich für einen Verlag ein Buch anpreisen musste, dass ich eigentlich doof fand. Wenn ich jemanden freundlich grüßen musste, der eigentlich total bescheuert war, leider aber mein Dozent. Der Chef, der furchtbar eingebildet war, und von dem ich mir einiges sagen lassen musste, bis ich endlich gekündigt hatte. Die Freundin, die mir stundenlang die Ohren vollgelabert hat, ohne einmal zu fragen wie es mir geht. Das alles gab mir ein Gefühl der Fremdbestimmtheit. Bis ich einschritt. Wer mir das Gefühl noch nie gab: meine Kinder. Mein Mann. Meine Familie.

 

Und immer wenn ich den Begriff der “Fremdbestimmtheit” wieder abgewetzt durch alles Medien hetzen sehe, frage ich mich: Meint Ihr, die mit dem Begriff hantieren, Dinge, die ich einfach anders sehe? Oder habe ich Euren Punkt einfach noch nicht verstanden? Verratet es mir: Was verbindet Ihr mit dem Begriff der Fremdbestimmtheit?