Meinung

Über Fremdbestimmtheit und das Ich

Wäre der Begriff Fremdbestimmtheit ein Pullover hätte er schon abgewetzte Ärmel, die Knöpfe wären lose und bestimmt, hätte er an vielen Ecken kleine Löcher. Er wäre abgenutzt. Den Begriff der Fremdbestimmtheit find ich unglaublich abgegriffen.

 

Immer wieder geistert er durch Foren, Elternblogger-Texte und Twitter-Diskussionen: Mütter fühlen sich fremdbestimmt. Durch ihre Kinder. Ich lese und bin mal wieder etwas ratlos. Warum??? Frauen, die sich ihren Pulli aus der Modezeitschrift diktieren lassen, die nervös werden, weil die Nachbarin Größe 38 trägt und deren Chef bestimmt, ob sie um 17 Uhr oder um 19 Uhr Feierabend machen dürfen, fühlen sich durch ihre Kinder fremdbestimmt. Nun ja.

 

Es sind Kinder. Kleine Kinder. Und natürlich bestimmen die über einen Teil unseres Lebens. Weil sie uns brauchen, und wenn das Einschlafen mal länger als eine Stunde dauert, hat man sich das vielleicht anders vorgestellt. Und bestimmt gibt es viele Situationen, die einen fordern und mitunter ist man manchmal auch überfordert. Bestimmt ist einiges neu.

 

Was mir allerdings absolut nicht klar ist, warum das Fremdbestimmtheit sein soll? Warum ich immer wieder lese, dass “das Ich” dabei verschüttet gehen soll? Wenn ich mit meinen Kindern bin, bin ich immer noch ich. “Schau mal, wie schön”, sagt mein Sohn und zeigt mir Dinge, die ich über 30 Jahre nicht gesehen habe. Dinge, die ich selbst erlebt habe, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin, zeige ich meinen Kindern. Manche Dinge mache ich grad nicht, weil andere Dinge Vorrang haben. So ist das nun mal. Wie in jeder Phase.

 

Mein Ich geht dabei bestimmt nicht verloren. Es wird weiter. Irgendwann werde ich vielleicht abends wieder öfter rausgehen, vielleicht auch nicht. Aber ich muss nicht besoffen in der Ecke liegen, um zu erkennen, dass ich ich bin. Dazu muss ich auch nicht ständig irgendwelchen Hobbies nachgehen, die mal eine größere Priorität hatten. Und vielleicht auch mal wieder haben werden. Vielleicht auch nicht.

 

Bestimmt habe ich mich schon an der einen oder anderen Ecke fremdbestimmt gefühlt: Wenn ich für einen Verlag ein Buch anpreisen musste, dass ich eigentlich doof fand. Wenn ich jemanden freundlich grüßen musste, der eigentlich total bescheuert war, leider aber mein Dozent. Der Chef, der furchtbar eingebildet war, und von dem ich mir einiges sagen lassen musste, bis ich endlich gekündigt hatte. Die Freundin, die mir stundenlang die Ohren vollgelabert hat, ohne einmal zu fragen wie es mir geht. Das alles gab mir ein Gefühl der Fremdbestimmtheit. Bis ich einschritt. Wer mir das Gefühl noch nie gab: meine Kinder. Mein Mann. Meine Familie.

 

Und immer wenn ich den Begriff der “Fremdbestimmtheit” wieder abgewetzt durch alles Medien hetzen sehe, frage ich mich: Meint Ihr, die mit dem Begriff hantieren, Dinge, die ich einfach anders sehe? Oder habe ich Euren Punkt einfach noch nicht verstanden? Verratet es mir: Was verbindet Ihr mit dem Begriff der Fremdbestimmtheit?

 

Vorhergehender Beitrag Nächster Beitrag

Vielleicht magst Du auch folgende Beiträge?

19 Kommentare

  • Avatar
    Reply Cindy 2. März 2017 at 21:01

    Hi Betty, Vielen Dank😊 Du sprichst mir aus der Seele❤ Liebe grüße

  • Avatar
    Reply Jette Kilian 2. März 2017 at 21:19

    Ich würde ja auch auf Twitter kommentieren, aber 140 Zeichen reichen nicht aus: Also, ich glaube, es ist die Masse. Die Anforderungen der Kinder – bei meinen sind die gerne auch mal gegenläufig, die Anforderungen der Kita, die Erwartungen der nahen oder weiteren Familie (warum fragt die Familie meines Mannes, permanent MICH, ob wir zu irgendwelchen Festen kommen?), die Anforderungen im Job, denen wir uns nicht immer entziehen können und die mit den oben genannten dann manchmal kollidieren.

    Und das alles. Das führt dann dazu, dass man sich an schlechten Tagen einfach mal fragt: Und wo bitte bleibe ich?

    Die Kinder allein sind es sicher nicht.

    • Bettina Apelt
      Reply Bettina Apelt 2. März 2017 at 21:46

      Liebe Jette, das verstehe ich, dass Dich verschiedene Anforderungen ärgern und ich wollte mit meinem Text ja ganz bestimmt nicht sagen, dass man den ganzen Tag wie ein frisch yogierender Mensch rumlaufen muss, aber ich find dass an manchen Stellen Kinder für vieles verantwortlich gemacht werden.

      Und da beißt sich die Katze ein bisschen in den Schwanz, weil die Kinder können ja für die überzogenen Erwartungen von anderswo ja wirklich nichts, und deshalb finde ich das manchmal schwierig, wenn das dann so rüber kommt. Fremdbestimmt ist doch dann oft eher die Erwartungshaltung: “Man muss sauber machen, wenn der oder die zu Besuch kommt und jetzt liegt da überall so viel Spielzeug” – vielleicht auch einmal ein Punkt, wo man sich über die Erwartungshaltung Gedanken machen kann? Oder reden wir zwei grad kolossal aneinander vorbei??

      “Wo bitte bleibe ich?” ist denke durchaus legitim, ich finde nur, und da bin ich mir ziemlich sicher, dass Du da nicht Gefahr läufst, dass man diese Frage an Kleinkinder richten sollte. 🙂

      • Avatar
        Reply Jette Kilian 2. März 2017 at 21:57

        Ich bin da ganz bei Dir! Und die Erwartungshaltung bzgl. der Wohnung habe ich längst nicht mehr. 😉 Aber ich fühle mich auch sehr selten so.

        ABER: Wenn, dann kriegen die Kinder – völlig ungerechter und ungerechtfertigter Weise es halt manchmal ab. Vermutlich weil sie ihre Bedürfnisse am lautesten und unmittelbarsten äußern.

        • Bettina Apelt
          Reply Bettina Apelt 2. März 2017 at 22:00

          Das mit der Wohnung weiß ich noch nicht so lange: Das ist aber schön, dass zu wissen, auch wenn manchmal der Tritt auf ein Spielzeug-Auto ganz schön schmerzt. 😉 Hab noch einen zauberhaften Abend.

  • Avatar
    Reply Mary 2. März 2017 at 21:48

    Ein toller Beitrag.Ich kanns auch nicht so nachvollziehen.Da treff ich im Rückbildungskurs eine Mama die eigentlich ihr Baby stillt , aber zu bestimmten Tagen wie Silvester oder ihren Geburzstag möchte sie sich nicht alles nehmen lassen.Um dann Alkohol trinken zu können wird dann an diesen besonderen Tagen die Pre Nahrung rausgeholt.Soll jeder machen wie er mag, trotzdem war ich schockiert das man als 2 fache Mutter offensichtlicg nicht auf Alkohol verzichten kann .
    Sie wollte sich wohl auch nicht fremdbestimmen lassen durch ihr Kind.
    Herrje….

    Liebe Grüße
    Mary

    • Bettina Apelt
      Reply Bettina Apelt 2. März 2017 at 21:59

      Genau DIESE Art von Sätze mein ich. 😉

    • Avatar
      Reply Karoline 2. März 2017 at 22:31

      Kannst du mir sagen, wieso man als zweifache Mutter auf Alkohol verzichten können sollte?
      Genau solche Erwartungshaltungen anderer Leute machen das Elternsein manchmal so unerträglich.

      • Bettina Apelt
        Reply Bettina Apelt 3. März 2017 at 7:53

        Die Frage ging an Mary, oder? Vereinfacht würde ich sagen, weil es leichter ist, wenn Du während des Stillens auf Alkohol verzichten kannst? Mit einem Katalog was Mutter dürfen und was nicht, rennt auf diesem Blog aber keiner rum. 😉

        Mir geht es halt immer um das Wort. Wenn jemand das wichtig ist, klar. Ich find den oben beschriebenen Aufwand umständlicher als einfach zu warten. 🙂

        In diesem Sinne: Ich wünsche Dir viele Begegnungen mit Eltern, die Dir keine Erwartung aufdrängen. 🙂

        • Avatar
          Reply Karoline 3. März 2017 at 14:58

          oh ja sorry, die Frage ging an Mary. Ich versteh das mit dem Stillen und Alkohol selbstverständlich. Ich fand nur die Bemerkung “Soll jeder machen wie er mag, trotzdem war ich schockiert das man als 2 fache Mutter offensichtlicg nicht auf Alkohol verzichten kann .” etwas unglücklich formuliert, da sie sehr plakativ ist. Warum wird hier angemerkt, dass sie zwei Kinder hat, wenns doch offensichtlich ums aufs-alkohol-verzichten-wegen-stillen geht?
          Auch ich hab lieber drauf verzichtet, da mir das Bier auch nicht schmeckt, wenn ich mir jedes mal Gedanken machen muss, ob auch ja alles weg ist, wenn ich wieder stille. Dann warte ich lieber.. das allerdings auch nicht lange. Weggehen und sich ausleben waren immerhin einer von vielen Gründen, warum ich das Ganze nicht allzu sehr in die Länge gezogen habe.

  • Avatar
    Reply Esther 2. März 2017 at 22:43

    Hallo

    Ich mag das Wort auch nicht so sehr. Genauso wie “Fremdbetreuung”. Ich versuche die Menschen gründlich auszuwählen, denen ich mein Kind anvertraue. Es gibt eine Übergangsphase in der viel Zeit zusammen verbracht wird. Fremdbetreuung. Hm. So fremd kommen mir die Erzieherinnen nicht vor. Aber fremder als Oma und Opa sind sie schon. Oder als ich. Und nun sagen wir fremdbestimmt, wenn ich meinen Tagesablauf am Kind orientieren muss. Aber das Kind ist doch kein Fremder. Wir kritisieren ja ebenso, dass das Kind fremdbestimmt wird, wenn die Eltern z.B. entscheiden, wann es ins Bett gehen muss. Diese fremden Eltern. Die das Kind gar nicht kennen. Wie können sie nur?

    Daher finde ich die Arbeit am Begriff eigentlich nicht verkehrt. Fremdbestimmt und selbstbestimmt. Irgendwie sind das im Kontext Elternschaft und Erziehung schwurbelige Begriffe, die mich persönlich nicht weiterbringen. Sie verwirren mich mehr, als dass sie mir Erkenntnis vermitteln. Ich würde mir oft wünschen, dass sie nicht verwendet werden und dass die betreffenden Situationen und Phänomene anders beschrieben werden.

    Für (meistens) Mütter z.B.: Man kann nicht mehr in Ruhe auf Toilette gehen oder Duschen, ohne dass Kinder vorbei kommen und Aufmerksamkeit brauchen. Die Zeit um diese intimsten Vorgänge der Selbstpflege in Ruhe und tatsächlich allein auszuführen, die fehlt oft sehr bitterlich. Es ist ein tiefer Einschnitt diese Intimität so krass und so dauerhaft zu verlieren. Teilweise ist es auch ein herber Verlust, wenn man außer zu seinen Pflichten inklusive Care Arbeit zu nichts mehr kommt, was einem selbst gut tut. Aber dieser Verlust von Zeit für sich selbst und Intimität ist für mich keine Fremdbestimmung, sondern vielleicht eher ein Mangel an Unterstützung.

    Um ein Beispiel zu geben, wie man die Dauerforderungen der Care Arbeit managen kann, um wenigstens die wichtigsten eigenen Grundbedürfnisse zu decken und wie das dann doch wieder als falsch angesehen wird:
    Eine Bekannte hat als ihr Kind 4 war Zwillinge bekommen. Die Vierjährige schlief von jeher schlecht und die Zwillinge schliefen auch nachts kaum, zumindest nicht gleichzeitig. Also gab sie die Nächte einfach auf. Aber irgendwann muss auch sie mal schlafen. Mutter hin oder her. Ihre Lösung:Morgens kamen die Zwillinge schon ab 4 Monaten in die Kita. Dann legte sie sich hin und schlief. Um 14 Uhr holte sie die Vierjährige ab und hatte dann knapp 2 Stunden mit ihr allein, bevor sie um 16 h die Zwillinge abholte, die dann wieder bis zum nächsten Morgen fast all ihre Aufmerksamkeit forderten. Meine Schwiegermutter meinte zu dieser Lösung: “Das ist ja furchtbar. Dann doch lieber die Kinder nachts schreien lassen, als sie so früh in die Fremdbetreuung zu geben.” Tja. Irgendwo bleiben immer irgendwelche Bedürfnisse auf der Strecke. Aber wer wird wofür verurteilt? Der Vater vielleicht, der ja definitiv ausgeruht auf der Arbeit erscheinen muss? Nein?

    Für Kinder: Es gibt Dinge, die auch sehr kleine Kinder schon sehr gut allein entscheiden können, weil ihre Selbstregulation das bereits ermöglicht. Das ist aber individuell sehr unterschiedlich und es wäre zu schön, wenn man nicht auf Eltern herab blickt, deren Kinder in gewissen Aspekten eben noch auf Unterstützung in der Regulation durch ihre Eltern angewiesen sind. Statt das sofort “fremdbestimmt” zu nennen. Sicher kann man einem Kind keinen Schlaf aufzwingen. Man kann es auch nicht zwingen eine Jacke anzuziehen oder etwas zu essen. Aber wenn das Kind nicht von sich aus darauf achtet genug Schlaf, Wärme oder Essen zu bekommen, dann achten eben die Eltern noch darauf und versuchen ihre Wege zu finden, das Kind zu schützen und seine Gesundheit zu gewährleisten. Das sind doch nicht automatisch autoritäre Dominanzgesten oder Prinzipienreiterei.

    Ich finde den Ansatz mal darüber nachzudenken, wie wir unsere Probleme beschreiben, wenn wir nicht mehr sagen “fremdbestimmt” und “selbstbestimmt” ganz interessant. Ich glaube das würde uns bessere Erkenntnisse bringen, als die wer bestimmt hier über wen Perspektive.

    Viele Grüße
    Esther

    • Bettina Apelt
      Reply Bettina Apelt 3. März 2017 at 7:54

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich teile die Meinung Deiner Schwiegermutter nicht, aber die Geschichte Deiner Bekannten klingt echt heftig. Ist das immer noch so?

      • Avatar
        Reply Esther 3. März 2017 at 13:01

        Nein, die Zwillinge werden bald 4 und sind in der Kita und die Große ist schon in der Grundschule. Sie geht halbtags wieder arbeiten. Die Kinder sind jedoch alle weiterhin für die volle Zeit von 9 Stunden in der Betreuung. Unter einem Jahr steht man als Eltern nun oft genug in der Kritik, wenn man die sogenannte Fremdbetreuung nutzt. Letztes war doch noch eine Professorin für Bindungsforschung, die im Interview sagte unter einem Jahr sollten Kinder nicht in die Betreuung, weil es ihnen schadet. Der Artikel wurde doch von etlichen sehr zustimmend geteilt und somit denke ich, dass meine Schwiegermutter bei weitem nicht allein ist mit ihrer Einstellung, dass Fremdbetreuung das Letzte ist, was man kleinen Kindern zumuten darf.

  • Avatar
    Reply Bournac 2. März 2017 at 22:52

    Fremdbestimmt heißt, dass ein “Fremder” meinen Lebensrhythmus bestimmt. Unser Leben ist von der Geburt bis zum Tod mal mehr, mal weniger fremdbestimmt. Solange die “work-life-balance” stimmt, ist das auch gar net schlimm. Wenn dann aber dauernd die persönliche Grenze überschritten wird, Mütter und Väter ins Burnout gedrängt werden,… tja dann können auch die eigenen Kinder zu “Fremden” werden, die mein leben fremdbestimmt erscheinen lassen. Wir Eltern müssen unsere Grenzen schützen, und dann kann ich die Mama verstehen, die Prenarung rausholt, um besondere Feste feiern zu können. immerhin – besser als betrunken zu stillen oder gar die Stillbeziehung vorzeitig zu beenden.
    Anders als kinderlose Menschen haben wir nie Feierabend, die Phasen wechseln sich ab und sind ein endloser Brei aus “ok, dann halt später – ich kann darauf verzichten für eine Weile” – und ruck zuck sind 10 Jahre um. Wenn man zum Beipiel vier Kinder hat. Fremdbestimmt ist gerade mein Lieblingswort, und ich brauche es, um meine Grenzen zu wahren, um meine Hobbies am Leben zu halten, damit ich nicht vergesse, wer ich außer “Mama” noch bin.

    • Bettina Apelt
      Reply Bettina Apelt 3. März 2017 at 7:55

      Du erklärst den Begriff recht neutral. Danke. Zu der Sache mit der Pre-Nahrung: Ich hab, glaub ich, einfach früher schon genug Gläser Sekt getrunken, drum ist es für mich auch nicht so schwer eine Weile drauf zu verzichten. 😉

  • Avatar
    Reply modimi 3. März 2017 at 9:24

    Ich glaube es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass Fremdbestimmtheit so häufig im Zusammenhang mit Kindern verwendet wird. Ich finde auch, dass wir unser ganzes Leben mehr oder weniger fremdbestimmt sind, denn das Leben ist nunmal kein Wunschkonzert und man geht zur Arbeit, zur Schule etc. und hat dort meist jemanden, der bestimmt. Selbst als Selbständiger wird man von den Kunden bestimmt, in der Partnerschaft wird man mal mehr mal weniger bestimmt, und wenn es indirekt ist, dadurch dass man sich selbst Beschränkungen auferlegt, weil man denkt, der Partner fände xy gut…Es gibt immer mehr oder weniger direkte Fremdbestimmung, einfach weil das so ist wenn man in einem sozialen Gefüge lebt. Vielleicht ist der Begriff aber auch einfach irreführend und meint die Tatsache, dass man das Gefühl hat, nach den Anweisungen oder Forderungen anderer zu leben, keine Wahl zu haben. Und ich glaube genau da liegt der Punkt: Man hat immer irgendeine Wahl. Klar, man muss auf die Kinder aufpassen und kann sie nicht schreiend sich selbst überlassen. Aber mal ehrlich – wenn man es wirklich nicht mehr erträgt, man könnte – theoretisch – einfach gehen. Würde man nur nie machen, weil man doch im innersten fühlt, dass man die Kinder nie alleinlassen könnte. Es ist also keine Fremdbestimmtheit in dem Sinne, sondern die eigenen Erwartungen oder das eigene Moralempfinden (oder die der anderen) bringen einen dazu, doch zu bleiben. Oder das Verantwortungsgefühl. Klar, Erwartungen der anderen sind natürlich eben die der anderen, weshalb man sich manchmal fremdbestimmt fühlt, aber am Ende liegt die Entscheidung bei uns, ob wir uns den Erwartungen beugen oder nicht. Immer von Fremdbestimmtheit zu sprechen, hat auch was von einer sehr passiven Haltung. Klar, Kinder sind in ihren Forderungen absolut und unmittelbar, das kann sehr anstrengend sein (erlebe ich gerade an der trotzenden 2,5 Jährigen…), aber bei jedem Trotzanfall kann ich entscheiden: Lasse ich zu, dass ich aggressiv werde oder trete ich innerlich zurück und versuche, es irgendwie zu überstehen? Klar, ich bin auch nicht tiefenentspannt und meist innerlich jedes mal kurz vor dem Platzen bei so einem Anfall, einfach weil ich keinen Bock auf das Theater habe. Und wenn mich mein Kind jede Nacht weckt, nervt mich das auch und es erschöpft mich. Aber das ist nun mal so mit kindern. Dann frage ich den Vater ob er mal einspringt oder ich geh ne Stunde zum Sport wenn das Kind dann doch mal schläft abends oder oder oder. Man muss halt mehr organisieren mit Kindern, vielleicht ist es auch das, was die Fremdbestimmtheit meint: Ich muss im Gegensatz zur Vorkinderzeit nicht mehr nur allein mich (und maximal noch die Belange des Partners ein bisschen) einplanen und organisieren, sondern auch die der Kinder, ihre Bedürfnisse, Termine und Zickereien. Wenn man das wirklich als Job sehen würde, sähe es aber schon wieder anders aus, denn auf 80 Prozent aller Arbeitsstellen organisieren wir ja dauernd Sachen, die nicht unmittelbar was mit uns zu tun haben – da nehmen wir es aber nicht als Fremdbestimmt war, weil wir Geld dafür bekommen, weil es ein Job ist. Es ist einfach auch schwer, zuzugeben ja, ich wollte Kinder, ganz bewusst, und jetzt finde ich es zeitweise meganervig und blöd. Kann man immer “Selber schuld” drauf antworten. Viel geschwurbelter (und meint aber was ähnliches) ist wenn man sagt ja, Kinder sind schön, aber man ist schon auch sehr fremdbestimmt”. Dabei ist es ja schon so, man hat sich bewusst dafür entschieden. Und ich hasse es eigentlich, wenn mir wer wenn ich grade im schönsten Lamento über die stressigen Zeiten bin, sagt, hey, selber schuld, du wolltest das so. Aber ein bisschen stimmt es schon, mitgehangen mitgefangen. Diese Jammerei was Kinder angeht, die ist irgendwie in unserer Zeit recht neu glaube ich, als ich Kind war, meinte meine Mutter, war es einfach so, man hatte Kinder und fertig. Nicht so viel gerede um Selbstbestimmung und Verwirklichung etc. Klar, das war auch irgendwie nicht gut, aber wir übertreiben es halt einfach. Man muss immer alles auf einmal heute – Job, Kinder, Selbstverwirklichung, und ich glaube grade die Serlbstverwirklichung stresst die Leute zunehmend. Dass man es einfach mal locker sieht und sagt hey, jetzt, die paar Jahre, ist Kinderzeit, da lasse ich mich ganz drauf ein (und bin zwar oft genervt, aber ich hab moch dafür entschieden, und das passt schon so), und wenn die größ0er werden und wir länger leben, kommt wieder eine Zeit, wo man mehr Freiheiten hat. Man kann nicht alles auf einmal haben. Das einzusehen hiflt auch gegen dieses Fremdbestimmt-Gefühl, falls es das in der Form, wie der Begriff verwendet wird, überhaupt gibt, denn Kinder (im Gegensatz zu Chefs zum Beispiel) tyrannisieren nicht, leben einem nicht mit Absicht zu leide. Ich fühle mich von den Einschränkungen der Arbeitswelt mit unflexiblen Zeitmodellen und alten Rollen- und Arbeitsvorstellungen fremdbestimmt, ja. Aber wenn ich es richtig durchdenke, dann auf keinen Fall von meinen Kindern. Meine Mutter (mit 25 drei Kinder gehabt, direkt nach dem STudium) sagt bis heute, dass die Zeit mit uns Kleinkindern die schönste war, weil sie komplett den Tag über selbst entscheiden konnte, was wir alle zusammen machen. Heute Schwimmbad, morgen Spielplatz und übermorgen gar nichts. Keine Deadlines, kein Chef, keine Verpflichtungen. Es kommt halt auch auf die Perspektive an und wie man es sehen will….

  • Avatar
    Reply Merle 3. März 2017 at 19:38

    Ich hatte dieses Gefühl der Fremdbestimmtheit vor allem in der Zeit, in der die Kinder noch kleiner waren. Kind eins brüllte 4 Monate lang viel und laut. Wenn es nicht brüllte wollte es stillen oder getragen werden. Von morgens bis abends. Ich konnte nicht duschen, nicht essen, nicht aufs Klo gehen, nicht mal 5 Minuten durchatmen ohne Kind vor der Brust oder am Körper. Ich konnte auch abends und nachts nicht das Bett verlassen, weil sonst das Kind wach wurde und brüllte. Ja da hab ich mich fremdbestimmt gefühlt. Nachts aufs Klo zu müssen aber sich nicht zu trauen, weil man Angst (ja das hatte ich wirklich!) vor den eigenen Baby hat, das es wieder anfängt zu brüllen und man weiß nicht wie lange es diesmal dauert, bis es sich beruhigt. Und ja in dieser Zeit in der es nur und ausschließlich um die Bedürfnisse meines Kindes ging, da bin ich mit abhanden gekommen. Ich musste als es langsam besser wurde erst wieder lernen und entdecken was ich eigentlich will und brauche. Da Kind zwei relativ schnell danach kam, hat das bei mir ein paar Jahre gedauert.

  • Reply Fremdbestimmtheit ist nicht gleich Fremdbestimmtheit - Verflixter Alltag - Der kuriose Mama-Blog 4. März 2017 at 19:45

    […] las ich zwischen Tür und Angel einen Beitrag von „das frühe Vogerl“ zum Thema Fremdbestimmtheit, speziell um die Fremdbestimmtheit, die so viele Frauen einklagen, seitdem sie Mutter sind. Und […]

  • Avatar
    Reply Nicole G 25. April 2017 at 20:55

    Für mich bedeutet fremdbestimmt, wenn jemand über mein Leben bestimmt. Also sprich wenn er bestimmt wann ich aufzustehen habe, was ich anziehen und essen soll, wann ich aus dem Haus gehen darf. Komplett alles was ich machen soll wird von einer anderen Person bestimmt, ich habe quasi nix mehr zu sagen…wie in einem Gefängins. Das empfinde ich bei meinem Kind absolut nicht. Ok, eine Sache bestimmt sie manchmal schon, wann ich aufstehen soll, grins, aber es war dann meine Schuld wenn ich abends zu spät ins Bett gehe und morgens deshalb nicht rauskomme. Damit kann ich leben. Manche Kinder sind aber wirklich sehr fordernd, da könnte schon das Gefühl bei den Eltern aufkommen das man gar nichts mehr machen darf, das man alles vorgegeben bekommt, kein eigenes Leben mehr hat. Es könnte sein das manche Eltern dann schon so empfinden, oder?
    Liebe Grüße, Nicole.

  • Gib eine Antwort