Kurz verheiratet, plötzlich alleinerziehend und dann traf sie einen Take-That-Fan: Die überaus sympathische Britta erzählt vom Leben mit dem Wechselmodell, von der Liebe und wie sie plötzlich an der Spitze eines Shitstorms durch das Internet gesegelt ist. 
Auf Instagram gibt es ein hübsches Hochzeitsbild von Dir, mit dem eher unschönen Vermerk der extrem kurzen Ehe-Zeit:

IBritta mit Zigarettech traf meinen Ex-Mann mit 25. Wir verliebten uns, hatten ein wildes halbes Jahr, trennten uns immer mal wieder. Am Ende zogen wir trotzdem zusammen und nach nur sieben Monaten war ich schwanger. Als unser Sohn acht Monate alt war heirateten wir.

 

Wir waren beide Scheidungskinder und mit abwesenden und/oder kranken Eltern aufgewachsen und wollten es wenn schon richtig machen. Wir stürzten uns in Projekte: eröffneten ein Familiencafe, holten die kranke alleinstehende Schwiegermutter zu uns in die Stadt, dazu noch Jobs.

 

Zuviel Streit, zuviel Arbeit und Sorgen, zu wenig Schlaf, das eh schon schwierige erste Lebensjahr mit Baby, überall Baustellen. Und die Erkenntnis, dass wir eigentlich gar nicht besonders gut zusammenpassen… Ich trennte mich und wir versuchten eine kurze Zeit als Familien-WG zusammen zu leben. Nur sieben Monate nach der Hochzeit zog ich mit dem Kind in eine eigene Wohnung. Die ganze Ehe hat insgesamt nicht mal zwei Jahre gedauert…

 

Mit Deinem großen Teil Kind warst Du dann also alleinerziehend: Welche Herausforderungen musstet Du meistern?

 

Es war anfangs furchtbar, ich war unfassbar müde und dazu die schrecklichen Schuldgefühle, dass ich es für mein Kind mit der glücklichen Kindheit versaut und seinen Papa kurz nach der Hochzeit mit allem sitzen gelassen hatte. Und fast alle Freunde waren plötzlich weg- schockiert, dass wir es doch nicht geschafft hatten.

 

Ich war zum ersten Mal im Leben von Ämtern abhängig: Wer schon mal mit dem Jobcenter zu tun hatte, weiss wie krass das ist, wenn man sich dermaßen offenbaren muss.

 

Egal wie ätzend wir uns vertragen haben, wie wahnsinnig wütend ich war: wir haben uns große Mühe gegeben unseren Sohn niemals aus dem Blick zu verlieren. Wir haben beide niemals daran gezweifelt, dass wir unserem Sohn fabelhafte Eltern sein würden. Ich bin mit dem Kleinen fast täglich zum Papa ins Cafe, er hat sofort zwei, dann drei Nächte jede Woche dort geschlafen. Das war hart, er war schließlich echt noch super klein und oft krank. Was wirklich half: ein gemeinsamer Freund hatte mit unseine Art Elternvereinbarung geschrieben, wir haben uns u.a. auf Besuchszeiten geeinigt und diese Vereinbarungen dann auch eingehalten. Wir haben sie später an Kindergarten- und Grundschulzeit angepasst.

Beruflich sah ich bald (trotz Kita-Platz) in meinem alten Job beim Fernsehen und meiner Ausbildung keine Perspektive mehr. 2011 habe ich meine Ausbildung bei der Stadtbibliothek angefangen und 2014 als Alleinerziehende in Teilzeit mit Auszeichnung als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Darauf bin ich schon stolz. Es war ätzend, es war schwierig. Fast ein Jahr musste ich Spätdienste machen, auch mal samstags arbeiten, bis ich dann Teilzeitarbeit beantragen konnte. Ich habe ADHS und es ging mir seelisch nicht besonders gut nach der Trennung, ich hatte ständig Hexenschüsse, Migräne und eine wandernde Sehnenscheidenentzündung. Mein Sohn hatte Neurodermitis, Pseudo-Krupp und allergisches Asthma. Übernommen wurde ich wegen meiner Fehlzeiten trotz Bestleistung zwar nicht, aber ich habe so lange gekämpft, bis ich am Ende doch noch meinen Traumjob im öffentlichen Dienst bei der Stadt bekommen habe: so bin ich zwar nicht Lehrerin geworden wie fast alle in meiner Familie, aber trotzdem in der Schule gelandet. Als Schulbibliotheksleiterin.
Nun bist Du Mutter eines zweiten Kindes und wieder verpartnert: Was zeichnet Euer Familienmodell aus?

Britta am StrandGute zwei Jahre nach der Trennung lernte ich auf einer Geburtstagsfeier meinen Freund kennen.

 

Ich war grade 30 geworden, alleinerziehend, geschieden, mitten in der Ausbildung, hatte mich auf ein Leben alleine mit Kind eingestellt. Nicht grade der Hauptgewinn. Er war gar nicht mein Typ: bärtig, volltätowiert, lustig, der größte Take-That-Fan.

 

 

“Mama- wer war der Junge mit der Brille? Kommt der wieder?” fragte mein Sohn nach dem ersten Zusammentreffen. Wir luden ihn dann direkt zum Abendessen ein und er ist seitdem ein Teil von uns. War vom ersten Tag an für uns da. Im Mai sind wir fünf Jahre zusammen und unser kleiner Sohn ist eineinhalb Jahre alt. Als ich schwanger wurde zogen wir zusammen in die unmittelbare Nähe zur anderen Familie des Großen. Ich bin täglich fasziniert wie schön das ist, wenn man zusammen Kinder groß zieht und nicht rund um die Uhr alleine damit ist. Trotzdem war das Alleinerziehende sein eine wichtige und auch schöne, intensive Zeit.
Mein Ex-Mann hat ebenfalls noch mal eine neue Liebe mit einer ehemaligen Mit-Kita-Mama gefunden. So bekam mein Sohn noch eine gleichaltrige Stiefschwester, die er schon sein ganzes Leben kennt. Als mir mein Ex-Mann dann eröffnete, dass sie noch mal eine Tochter erwarten, wirkte das Ganze scheinbar ansteckend, denn vier Monate später war ich ebenfalls schwanger.

Seit der Einschulung vom Großen, der ja mittlerweile auch schon acht ist, leben wir das 50/50-Wechselmodell im Wochenrhytmus- montags ist Wechseltag. Seine Geschwister und wir vermissen ihn, die lieben ihn heiss und innig. Geschwister bekommen ist für ein Kind eh schon aufregend. Zu wissen, dass sich da in der eigenen Abwesenheit ein neues Kind zuhause breit macht, das ist glaube ich ein echt hartes Brot und da muss man ganz viel Verständnis für Ängste und Gefühle des Kindes haben.

Anfangs bin ich allen mit Familienkonferenzen nach Jesper Juul auf die Nerven gegangen, wollte ständig auf dem Laufenden gehalten werden, auch mal telefonieren. Mittlerweile setzen wir uns zwei mal im Jahr alle zum Essen zusammen und am Ende packen wir Großen die Kalender aus. Unser Sohn wird niemals schaffen auf ALLEN Hochzeiten zu tanzen, aber wir geben uns Mühe, dass er bei den schöne Sachen nirgendwo fehlt. Ich lebe natürlich ein bisschen mit der Sorge, dass mein Sohn eines Tages die Nase voll hat und lieber bei einem von uns fest wohnen will. Es ist eine Gratwanderung zwischen Festhalten und Loslassen. Er darf sich entscheiden dürfen irgendwann. Ich möchte ihn natürlich so gerne immer gut beschützen und bei mir haben und muss ihn gleichzeitig trotzdem ständig aus meiner Obhut entlassen. Momentan üben wir, dass er alleine erste Wege durch unser Viertel gehen darf. Er war super stolz. Auf sich und besonders auf mich.

Manchmal merkt man dem Großen natürlich auch an, dass sein Leben nicht das unkomlizierteste ist. Seit ein paar Monaten gehen mein Ex-Mann und ich zur Familienberatung und arbeiten gemeinsam an einem etwas einheitlicheren “Regelwerk” für unser Kind, versuchen in engem Kontakt zu sein. Schließlich ist es nicht so leicht getrennt zusammen ein gemeinsames Kind zu erziehen.
Ich bin dankbar, dass mein Sohn so eine tolle Stiefmama hat. Und einen Papa, der von Anfang an um ihn gekämpft hat wie ein Löwe.
Welche Ratschlag hast Du an andere Eltern, die das Wechselmodell leben wollen?

 

Die Eltern sollten es BEIDE wollen, das Kind ein gutes Gefühl und eine sichere Bindung zu beiden Eltern haben. Wenn BEIDE Eltern ihr Leben so einrichten können, dass das Kind darin auch wiklich Platz hat: perfekt. Ich denke, dass das Wechselmodell nur ab Grundschulalter geeignet ist, wenn das Kind vorher bereits regelmäßig viel Zeit beim jeweils anderen Elternteil verbracht hat und alle idealerweise nah beieinander wohnen.

 

Die Eltern sollten sich halbwegs gut verstehen und in der Lage sein, sich regelmäßig und engmaschig auszutauschen, gemeinsam Termine in Schule, Kita etc. wahrnehmen können, ohne sich zu streiten. Wichtig: Elternvereinbarungen schreiben und sich daran halten. Hilfe holen, wenn es Probleme gibt. Alle einweihen. Es ist so eine Erleichterung, wenn man im Vorfeld Streitpunkte ausräumen kann. Wenn in ein Patchwork-Wechselmodell dann noch neue Partner und Kinder dazu kommen braucht es einfach gute Organisation, viel Feingefühl, manchmal Flexibilität: noch mehr Schul- und Kitafeste, mehr Ferienplanung, mehr Kindergeburtstage etc…

 

Und: das Wechselmodell ist leider eng an das Thema Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf geknüpft! Es bringt glaube ich wenig, wenn der Papa (oder halt die Mama) eigentlich jeden Tag bis um 19h oder 20h im Büro Anwesenheitspflicht hat und seine Arbeitszeiten nicht wirklich an das Wechselmodell anpassen kann. Wenn es allerdings absolut “normal” ist, dass wir Mütter unsere Arbeitszeit an den Zeiten unserer Kinder ausrichten, wieso sollten dann Väter nicht nach Trennungen ebenfalls zu ihrem Arbeitgeber gehen können und sagen:Ich beantrage Teilzeitarbeit oder eine Reduzierung meiner Arbeitszeit! Ich muss mich nach dem Kindergarten/ nach der Schule um mein Kind kümmern, das ich von jetzt an getrennt erziehe.” Das klingt halt komisch, sollte doch aber irgendwie machbar sein können. Das klassische “alle 14 Tage eine Übernachtung beim (meist) Papa”-Modell halte ich für total veraltet. Aber solange es die Norm ist, dass die Väter meistens Montag bis Freitag nicht vor 20:00h aus der Arbeit heimkommen und ihre Kinder nur am Wochenende wach erleben, wird das mit dem Wechselmodell wohl schwierg bleiben. Das Familienleben generell.

Das Wechselmodell kann auch als Chance gesehen werden. Natürlich verpasst man die Hälfte des Lebens des Kindes, aber: in der kinderlosen Zeit hat man halt auch viele Freiheiten. Spielplatzfrei, Zeit für Freunde, Sport, Weiterbildung, Netflix und Co. Und wenn das Kind da ist, hat man dafür die ungeteilte Aufmerksamkeit, die Zeit wird intensiver genutzt. Ein bisschen wie eine Fernbeziehung. Für uns gab es halt keine Alternative.
Kürzlich hast Du eine Welle ausgelöst, weil Du darauf aufmerksam gemacht hast, dass sich die Zeitschrift Nido einen ziemlichen Fauxpas geleistet hat. Erzähl doch mal, worum es ging und warum Dir der Einsatz dafür so wichtig war?

In der letzten Ausgabe gabs diesen Artikel mit dem Thema “33 Dinge, die mit Kindern noch mehr Spaß machen” und einem kurzen Text aus Sicht eines Vaters (wie sich später rausstellte und ich schon geahnt hatte) über das Lästern. Das kann ja befreiend sein und Spaß machen. Der Autor war der Meinung, dass gemeinsames Lästern mit seiner Tochter gegen einen “gemeinsamen Feind”, in diesem Fall eine dicke Frau in einer Apotheke, besonders toll sei und man so Allianzen schaffe und es das familiäre Zusammenhaltsgefühl super stärken würde. Ich war entsetzt. Wenn es nicht die dicke Frau gewesen wäre, dann hätte es genausogut ein Mensch mit Behinderung, anderer Herkunft oder sexueller Orientierung sein können und das halte ich einfach für FALSCH. Man lästert nicht mit oder vor seinen Kindern über andere Menschen. Mobbing als Art des Bondings halte ich für gefährlich und falsch. Welche Schlüsse zieht die Tochter aus dem Verhalten ihres Vaters? Ein Artikel, der so in einer Elternzeitschrift nichts zu suchen hat.

 

 

Auf Instagram und Facebook versickerte mein Protest, darum dann Twitter. Einige Stunden später kam die (verschlimmernde) Reaktion von der Nido-Redaktion.
Sie wären natürlich gegen Ausgrenzung und Bodyshaming, aber weil das so ehrlich gewesen sei und sie selber ja nicht perfekt wären, hätten sie es (das vom Autor vorgeschlagene Thema) doch nach langem Diskutierten ins Heft reingenommen. Aber es täte ihnen leid, sollte sich dadurch jemand persönlich angegriffen gefühlt haben. Das war sehr “sorry- I’m not sorry”-mäßig. So ein stammtischiges, leicht angetrunkenes “Das wird man doch mal sagen dürfen! Is doch so…!”

Ich bin selber mit elf Jahren zum ersten Mal Mobbingopfer geworden, weil ich etwas größer und schwerer war als die anderen in meiner Klasse. Der Spott und die Verachtung saßen tief. Das hat mir viele schlechte Jahre beschert… Und Lästern wurde und wird auch in meiner Familie als Bonding praktikziert. Sich dem zu entziehen ist mühsam und viel Arbeit. Niemand ist weniger wert als meine Familie oder ich. Niemand muss abgewertet oder ausgegrenzt werden, damit ich mich besser fühlen kann. Ich kann immer noch nicht glauben, dass die Nido das ernst gemeint hat und das nicht ein soziales Experiment war.

Was wünscht Du Dir für Deine Familie für die Zukunft?

 

Neulich hat der Große in der Familienberatung unsere Familie mit Schleich-Tieren aufgestellt. Das war super interessant. Uns alle so zu sehen mit seinen Augen. Ich wünsche mir einfach, dass sich alle wohl fühlen in unserem System Patchwork-Familie. Auch die am Rand. Und dass keiner verloren geht oder unter. Und ich wünsche mir noch ein drittes Kind irgendwann demnächst, und dass wir alle gesund bleiben, wertvolle Zeit miteinander haben und Zeit für Ausflüge und Abenteuer. Aber auch jeder genug Platz für sich selber. Dass wir uns weiter lieben und zusammen alt werden.

 

Vielen lieben Dank für das Interview, Britta. 

 

Ihr habt auch eine Familiengeschichte, die ihr gerne mal in den Familienrollen erzählen wollt? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.