Familienrollen, Kultur mit Kind

Magersucht: “Ich verlor immer mehr an Gewicht und empfand mich als unfassbar stark.”

Sonja ist eine attraktive und selbstbewusste Frau, die in ihrer Jugend Magersucht hatte. Wie sie zu einem positiven Körpergefühl fand, ihre Essstörung überwunden hatte und was sie ihren Söhnen vermitteln möchte, davon erzählt sie in den Familienrollen

 

Heute sehe ich eine hübsche Frau mit guter Figur, die zudem sehr ausgeglichen wirkt. Als Jugendliche warst Du allerdings magersüchtig. Wie kam es dazu?

 

Oh danke, da werde ich ja fast ein bisschen rot. Einen richtigen Auslöser dafür gab es nicht. Es war ein sehr schleichender Prozess. Wir fingen in unsere Clique alle zusammen mit einer Diät an. Ich war zwar immer “normalgewichtig”, aber eben auch kein Typ mit Modellmaßen. Anfangs machte es Spaß zu sehen das die Jeans besser sitzt, die Oberschenkel schlanker werden. Welches Mädchen mit 13 findet das nicht schön? Alle anderen beendet die Diät nach einigen Tagen, nur ich nicht. Ich fand es spannende so viel Kontrolle über mich zu haben, meinen Körper so intensiv zu spüren.

 

Zuhause merkte lange Zeit niemand etwas. Meine Mutter fragte mich eines Tages ob es jetzt dann nicht genug wäre, aber das war das einzigste Mal wo wir darüber sprachen.

Irgendwann erfand ich Ausreden, um nicht mit meinen Eltern mitzuessen. Ich gab vor bei einer Freundin gegessen zu haben, an einem anderen Tag fühlte ich mich nicht gut und irgendwann nahm ich mein Essen mit auf mein Zimmer (um nach dem lernen zu essen) und spülte es später die Toilette runter.

Ich verlor immer mehr an Gewicht und empfand mich als unfassbar stark. Diese Schmerzen auszuhalten, den Hunger. Ich verlor jegliches realistisches Maß und fand den Gedanken “einfach zu verschwinden” indem ich dünner und dünner wurde immer interessanter.

 

 

Wie hat Dein Umfeld auf Deine Krankheit reagiert? 

 

Als mir wirklich nichts mehr passte fing ich an zwei Jeans übereinander zu tragen um meine Figur zu verstecken. Ich trug mehrere Kleiderschichten und zog mich immer mehr zurück.

Eines Tages brach ich im Pausenhof meiner Schule zusammen und wurde mit dem Krankenwagen abgeholt.
Der Arzt der mich damals untersuchte sah sofort was los war. Zu diesem Zeitpunkt wog ich 41kg.
Meine Eltern wollten lange nicht wahrhaben das ihre Tochter krank ist. Jetzt mussten sie hinsehen.

 

Mein Umfeld war total überfordert und einige taten es als “Jugendstreich” ab. So einfach war das allerdings nicht. Vermutlich ist es wie mit allen psychosomatischen Erkrankungen: für viele Menschen sind das keine Krankheiten.
Einen Satz den ich in diesem Zusammenhang nie vergessen werde kam von unserer damaligen Nachbarin”dass ich jetzt meinen großen Auftritt gehabt hätte und jetzt wieder essen soll”.

Was hat Dir letztlich am meisten geholfen, die Magersucht zu bewältigen?

 

Kurz nach meinem Zusammenbruch kam ich in eine psychosomatische Klinik für Essgestörte. Bei Ankunft wog ich unter 38kg. Eine stationäre Therapie war für mich das Beste was mir zu diesem Zeitpunkt passieren konnte.
Erst dort habe ich verstanden das ich in absehbarer Zeit sterbe werde, wenn ich nicht wieder anfange zu essen. Diese Einsicht hat mir mein Leben gerettet.

Deine Krankheit liegt in der Vergangenheit. Bestimmt hat sie Dich aber sehr geprägt. Wie geht es Dir heute damit?

Mir sagte eine Frau während meines Aufenthalts in der Klinik:”Einmal essgestört, immer essgestört”. Ich finde diese Aussage grausam und sehr verletzend und für mich kann ich sagen, dass sie eben auch nicht korrekt ist.

Ich bin heute gesund. Ich bin nicht essgestört und werde es hoffentlich nie wieder sein. Heute, als Mutter, habe ich ein gutes Körpergefühl, ich spüre meinen Körper sehr intensiv, ich achte auf ihn.

Klar ärgere ich mich wenn die Hose nach den Feiertagen zwickt, aber das ist okay. Von Diäten halte ich nichts und das würde ich mich auch nicht mehr trauen. Meine Magersucht begann mit einer Diät…

 

 

Was können wir alle tun, um uns für ein Frauenbild einzusetzen, dass Essstörungen entgegenwirkt. Hast Du da eine Idee?

 

Eine Idee dafür habe ich nicht. Mir ist es wichtig, dass jeder Körper das Recht auf Unkommentiertheit hat.
Allerdings würde ich Photoshop aus der Werbung verbannen.

 

Was für ein Körperbild vermittelst Du Deinen Kindern?

Ich glaube nicht, dass das bei Jungs anders ist. Was für Mädchen size Zero ist, ist für Jungs der Sixpack. Unsere Kinder sollen wissen, dass sie gut sind so wie sie sind. Das sie Stärken haben, aber auch Schwächen und, dass das okay ist. Ich möchte das unsere Kommunikation konstant bleibt. Das ist für mich das A und O.

 

Sie sollen sehen und spüren das wir glücklich sind mit unseren Körpern, das gemeinsames Essen etwas schönes ist und eben so viel mehr als nur Nahrungsaufnahme.

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Sonja. 

Sonja möchte anonym bleiben, liest aber hier mit und freut sich bestimmt über Kommentare und Nachrichten.

 

Ich freue mich, wenn Ihr das Interview teilt, weil sichtbar machen wichtig ist.

 

Wenn Ihr ein Thema habt, dass Ihr gerne mal in den Familienrollen behandelt haben möchtet, dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.

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3 Kommentare

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    Reply schnuppismama 7. September 2017 at 20:51

    Liebe Sonja, Danke für Deinen Mut, diese Geschichte zu teilen. Ich hatte den bisher nicht. Die verletzenden Kommentare kenne ich aber zu gut. Zu mir sagte der behandelnde Arzt auf Station:
    “Sie haben Bulimie, weil Sie für Anorexie nicht diszipliniert genug sind.” Bäm! Und auch das “einmal essgestört, immer essgestört” kenne ich. Aber in positiverem Zusammenhang: eine Essstörung ist wie eine Sucht. Isst man wieder normal, hat man die Sucht im Griff – wie ein trockener Alkoholiker zB. Es hat mir deutlich gemacht, dass ich aufpassen muss und es nie wieder zulassen darf. Andererseits hat es mir aber auch Angst gemacht – unnötig viel, denn ich bekam schon bei Magen-Darm Angst, dass das alles von vorne losgehen könnte.

    Sei stolz auf Dich, was Du geschafft hast und auf Dein heute so gutes Körpergefühl! Nochmals Danke fürs Teilen Deiner Geschichte! Alles Gute!!!

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    Reply Nadine 22. September 2017 at 9:07

    Liebe Sonja,
    ich verstehe jedes deiner Worte und kann mich total in dich reinversetzen. Meine Mutter sagte damals nach der Diagnose “Anorexie” zu mir “So, und jetzt isst du wieder wie ein normaler Mensch!”. Bei mir lief es damals leider ohne weiterführender Psychotherapie, weil meine Mutter meinte “So einen sch*** brauchen wir nicht!”. Jetzt im Nachhinein gesehen denke ich mir zwar, dass ich es auch ohne Therapie geschafft habe. Aber es hätte auch anders ausgehen können… Und dann wäre ich heute nicht Mutter meiner wunderschönen Tochter.

    Ich hab’ auf meinem Blog auch einen Beitrag zum Thema Körperbild veröffentlicht. Du kannst gerne mal reinlesen.

    http://familiemolnar.wordpress.com/2017/07/10/gewichtszunahme-schwangerschaft/

    Liebe Grüße, Nadine

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    Reply Daniela 17. August 2018 at 20:35

    Liebe Sonja,
    Vielen Dank für deinen Mut! Seit mehr als 7 Jahren bin ich nicht mehr bulimisch und nicht magersüchtig. Meine heute 7 jährige Tochter gab mir die Kraft zu erkennen, dass ich mehr Wert bin, als zahlen auf der Waage. Es war ein verdammt langer und zäher Weg. Es gab viele Rückschläge und Unmengen an Mutlosigkeit und und und. Auch ich fühlte mich am Anfang der Erkrankung unheimlich stark. Ich fühlte mich überhaupt nicht krank! Mit 45 Kilo fühlte ich mich allerdings kein bisschen mehr stark. Auch mit 50 nicht und mit 60 nicht.

    Der Satz,”einmal essgestört, immer essgestört ” kenne ich auch,aber ich muss sagen, das für mich zutrifft. Meine Angst, dass ich wieder einen Rückfall habe ist zu groß, als dass ich all das hinter mir lassen könnte. Ich finde das nicht schlimm. Was mich damals und heute enorm wütend macht ist, dass Außenstehende glauben, man würde DAS machen, um jemanden zu bestrafen. (Die Eltern???) Man macht es mit Absicht, weil man sich wichtig machen möchte. 😔
    Ich habe mich zu keiner Zeit mehr unwichtig und nutzlos gefühlt, als zuvor.
    Bleib auf deinem Weg. Ich bin stolz auf dich.

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