Was Hypnobirthing bewirken, welche Auswirkungen es auf eine Geburt haben kann und welche Erwartungen man nicht daran knüpfen sollte: das erzählt Hebamme Tanja Liebl in den Elternfragen

Von Hypnobirthing habe ich theoretisch schon ein bisschen was gehört, praktisch habe ich aber null Ahnung davon: Was kann man sich genau unter Hypnobirthing vorstellen?  

 

 

Wörtlich übersetzt bedeutet Hypnobirthing “Geburtshypnose” oder “Hypnosegeburt”. Ursprünglich stammt der Begriff von einem Hypnosekurskonzept zur Geburtsvorbereitung, das aus den USA nach Europa herübergeschwappt ist. Hypnobirthing wird bei uns mittlerweile als Synonym für eine Geburtsvorbereitung mit Hypnose- und Mentaltechniken verwendet.

Was viele gar nicht wissen: Hypnose in der Geburtsvorbereitung wird schon lange verwendet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in Russland “Hypnotarien”. In diesen speziellen Krankenhäusern brachten die Frauen ihre Kinder mit Hilfe von Hypnose zur Welt.

 

Vielleicht ist die Frage nach den eigenen Vorstellungen interessant, wenn man “Hypnose” hört? In den Köpfen mancher tauchen dann Bilder aus der klassischen Show-Hypnose auf: Menschen, die sich auf der Bühne zum Affen machen und hinterher nichts mehr davon wissen. Hypnose in der Medizin, Psychotherapie und Geburtsvorbereitung ist davon weit entfernt.

 

Was genau ist Hypnose? Hypnotische Trance bedeutet, dass die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Bereich der Wahrnehmung gelenkt wird. Ganz so, wie wenn man bei einer Fotokamera durch den Sucher blickt und den Fokus scharf stellt. Die Umgebung um den fokussierten Punkt herum verschwimmt. In der Trance richtet man die Aufmerksamkeit nach innen und die Umgebung tritt in den Hintergrund.

 

Was, wenn ich dir sage, dass du mit Hypnose doch schon Erfahrung hast? Die hypnotische Trance lässt sich nämlich mit alltäglichen Situationen und Tätigkeiten vergleichen:

 

Jeder Mensch kennt in gewisser Art und Weise den Zustand der hypnotischen Trance! Wer hat es nicht schon einmal erlebt, dass er ganz in ein Buch oder einen Film versunken ist, von den Inhalten völlig gefesselt ist, richtig mitlebt und alles um sich herum vergisst? Oder dass man auf der Autobahn fast die Ausfahrt verpasst, weil man gerade so in Gedanken versunken war. Das sind alltägliche Trancezustände!

 

Wie kann man sich Hypnobirthing nun vorstellen? Es geht darum, die Trance auf Knopfdruck abrufbar zu machen. Konkrete Techniken und Methoden sind: Trancereisen, Atemtechniken, Imagination und innere Bilder, Affirmationen, Arbeit mit dem Unbewussten und Anker-Übungen.

Hypnobirthing kann man entweder im Rahmen eines Gruppenkurses oder einer Einzelvorbereitung lernen. Der Vorteil eines Kurses ist, dass man sich mit anderen Schwangeren austauschen kann. Der Vorteil einer Einzelvorbereitung ist, dass das Konzept ganz auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten werden kann. Neben einem Kurs vor Ort gibt es auch die Variante, Hypnobirthing mit einem Buch oder einem Online-Kurs im “Selbststudium” zu erlernen.

 

Gibt es einen richtigen Zeitpunkt, um mit dem Hypnobirthing-Training zu beginnen? Ich würde sagen, je früher, desto besser. So bleibt einfach genug Zeit, um die erlernten Techniken zu üben und zu verinnerlichen. Außerdem profitiert die Schwangere schon zu einem frühen Zeitpunkt von den positiven Effekten durch die Entspannung.

 

Vielleicht interessiert deine LeserInnen auch mein Weg zu Hypnobirthing: Begonnen hat es damit, dass ich die Geburt meiner ersten Tochter als belastend und traumatisch erlebt habe. Jahre später war ich mit meiner zweiten Tochter schwanger. Ich habe gespürt, dass ich mich nicht mit einem klassischen Kurs vorbereiten möchte. Bei meiner Suche bin ich auf eine Psychotherapeutin gestoßen, die Vorbereitung auf die Geburt mit Hypnose anbietet. Ab dem Punkt hatte mich Hypnose und Hypnotherapie in ihren “Bann” gezogen.

 

So ist es gekommen, dass ich relativ bald nach der zweiten Geburt die Ausbildung zur Hypnobirthing-Kursleiterin gemacht habe. Daran anschließen habe ich mir einen Lehrgang in klinischer Hypnose geleistet, weil ich tiefer in die Materie eintauchen wollte. In meiner Hebammenpraxis arbeite ich in vielen Bereichen mit Hypnose: Kinderwunsch, Schwangerschaftsbeschwerden, Geburtsvorbereitung und auch im Wochenbett. Mittlerweile habe ich den Weg zur Hypnose-Psychotherapeutin eingeschlagen, da mich Hypnose fasziniert und ich von der Wirksamkeit der Methode komplett überzeugt bin.

 

Wie kann man sich die Auswirkungen von Hypnobirthing unter der Geburt vorstellen? 

Für alle Skeptiker vorweg: Hypnose wirkt! Das zeigen zahlreiche Studien und Untersuchungen. Mit bildgebenden Verfahren kann man mittlerweile den direkten Nachweis erbringen, dass Hypnose beobachtbare Effekte in bestimmten Gehirnregionen bewirkt.

 

So ist Hypnose eine anerkannte wissenschaftliche Methode, die in weiten Bereichen der Human- und Zahnmedizin, Beratung und Psychotherapie zum Einsatz kommt.

 Die Anwendungsmöglichkeiten in der Schwangerschaft sind vielfältig: Bei Schwangerschaftsübelkeit, Frühgeburtsbestrebungen, zu hohem Blutdruck, zur Bindungsstärkung, bei Schlafstörungen und zur Entspannungsförderung und Stressreduktion.

 

Die Hauptwirkung von Hypnose während der Geburt beruht auf einer Unterbrechung des Angst-Spannung-Schmerz-Kreislaufes. Wenn sich eine Gebärende also den Mentaltechniken in einen entspannten Zustand bringt, dann reduziert dies die Angst, die Anspannung und den Stresslevel im Körper. Dies führt dazu, dass starke Körperempfindungen (Kontraktionen) besser verarbeitet werden können. Außerdem kann so der Geburtsprozess unter optimalen Bedingungen ablaufen.

Hypnose bewirkt, dass die Gebärende mit weniger oder ohne Angst in die Geburt geht, dass der Schmerzmittelbedarf geringer ist, die Geburt kürzer dauert und sie sich nach der Geburt schneller fit fühlt.

 

Einer der wichtigsten und deutlichsten Effekte ist, dass Frauen, die sich mit Hypnose auf die Geburt vorbereitet haben, mit größerer Zufriedenheit auf dieses Erlebnis blicken. Unabhängig davon, ob sie eine Spontan- oder eine Kaiserschnittgeburt erlebt hat.

 

Für all diese Dinge, gibt es aber keine Garantie. Auch mit Hypnobirthing kann die Geburt einen komplett anderen Weg einschlagen. Es gibt einfach Bereiche und Aspekte einer Geburtserfahrung, die man nicht beeinflussen kann. Bei noch so gründlicher Vorbereitung und unter idealen Bedingungen.

 

In meiner Arbeit ist es mir wirklich wichtig, dass meine Klientinnen lernen selbstbestimmt und mit realistischen Vorstellungen in die Geburt zu gehen, um dann auch mit “Planänderungen” umgehen zu können ohne nachher an sich selbst und ihrer Gebärfähigkeit zu zweifeln. Damit das gut gelingt, habe ich mein Hypnosekonzept um Aspekte und Übungen aus dem Achtsamkeitstraining ergänzt.

 

 

Bei dem einen oder anderen Hypnobirthing-Konzept wird meiner Erfahrung nach der Aspekt der schmerzlosen, sanften und ruhigen Geburt zu sehr betont. Geburt kann sanft, ruhig und ohne Schmerzen sein – aber auch wild, überwältigend und grenzgängerisch. Geburt hat einfach viele Gesichter. Und keines ist besser oder schlechter als das andere.

 

 

3.) Krankenhausgeburt, Kaiserschnitt, Hausgeburt: Welche Voraussetzungen müssen bei einer Geburt für Hypnobirthing gegeben sein – gibt es Konstellationen, die das ausschließen?

 

Hypnobirthing funktioniert überall und egal, ob Spontangeburt oder Kaiserschnitt.

 

Ich bekomme oft die Frage danach gestellt, ob die Hebamme, die während der Geburt dann da ist, auch eine Ahnung von Hypnose und Geburt haben muss. Oder ob Hypnobirthing auch in einem Krankenhaus funktioniert. Die Antworten sind “Nein” und “Ja”.

 

Hypnose unter der Geburt funktioniert als eine Selbsthypnose. Die Schwangere bzw. Gebärende versetzt sich selbst mit den erlernten Hypnose- und Mentaltechniken in einen Entspannungszustand und ist unabhängig vom Geburtsort und den begleitenden Personen.

Es ist von Vorteil, wenn sich der Partner auch mit dem Konzept auseinandergesetzt und es kennengelernt hat. So kann er die Gebärende unter der Geburt mit den erlernten Methoden unterstützen.

 

Auch wenn das Baby per Kaiserschnittgeburt auf die Welt kommt, können die erlernten Entspannungstechniken sehr hilfreich sein. Zum Beispiel um die Nervosität oder Angst zu verringern. Hypnose hat übrigens einen verblüffend positiven Effekt auf die Blutstillung und Wundheilung. Das kann man sich gut zunutze machen.

 

Für wen eignet sich Hypnobirthing besonders?

 

Gute Frage! Hypnomentale Geburtsvorbereitung eignet sich für jede Schwangere, die sich dafür interessiert, es spannend und irgendwie anziehend findet. Jede(r) kann Selbsthypnose lernen. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, die eigene Entscheidung und Bereitschaft dafür. Es ist ganz egal, ob die Schwangere schon Erfahrung in Yoga, Meditation oder anderen Entspannungsverfahren hat. Hypnobirthing zu lernen geht auch ohne “Vorkenntnisse”.

 

Viele Frauen haben Trauma durch Geburten oder besondere Ängste: In wie weit kann Hypnobirthing da hilfreich sein?

 

Da möchte ich gerne zwischen Ängsten und Geburtstrauma unterscheiden:

 

Hypnomentale Geburtsvorbereitung kann durch Entspannungstechniken und der Arbeit mit Imaginationen Ängste (z.B. vor der Geburt) sehr effektiv abschwächen und verringern. In der Begleitung von Schwangeren mit sehr starken Ängsten mache ich damit gute Erfahrungen.

 

Die Aufarbeitung von traumatischen Geburten gehört in die Hände von Fachkräften, die fundierte Ausbildungen und Erfahrungen damit haben. Das Hypnobirthing-Konzept allein, qualifiziert sich nicht dafür. In der Traumaberatung und -therapie wird aber in erprobten Konzepten mit hypnotherapeutischen Methoden und Imaginationen gearbeitet.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Tanja.

 

 

Zu Tanja: Tanja Liebl ist Hebamme in freier Praxis und Ausbildungskandidatin für Hypnose-Psychotherapie. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Hypnose & Kinderwunsch, Hypnobirthing und die Aufarbeitung schwieriger Geburtserlebnisse. Du findest Tanja auf ihrer Website www.tanjaliebl.at .

 

Ihr habt auch ein Thema das Ihr unbedingt mal in den Elternfragen behandelt haben möchtet, oder seid Experte in einem Gebiet und wollt andere daran teilhaben lassen? Dann meldet Euch doch bei mir unter fruehesvogerl@gmail.com.