Katja Grach

Mit “Elternfragen” möchte ich einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher viele beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig. 

 

Heute geht es um ein Thema, dass eher selten in Krabbelgruppen besprochen wird: Sex. Der Sex von Eltern. Mit der Sexualpädagogin Katja Grach habe ich mich darüber unterhalten, welche Fragen dabei auftauchen, wie sich Paare durch die Geburt eines Kindes verändern können und was sie jedem Paar rät.

 

Du arbeitest als Sexualpädagogin: Was machst Du da eigentlich und wer sucht Dich auf?

 
Bei Sexualpädagogik geht es eigentlich wie bei jeder anderen Form von Pädagogik um Vermittlung von Wissen. Das was ich mache, lässt sich unter dem Begriff der Sexuellen Bildung ganz gut zusammenfassen. Das hat aber in erster Linie nichts mit Kamasutra oder Paarberatung zu tun. Generell bin ich bzw. sind meine Kollegen und Kolleginnen und ich meist diejenigen, die andere “aufsuchen”. Ganz oft sind wir in Schulklassen oder Jugendzentren unterwegs mit mehrstündigen Workshops in denen es um alles rund um Liebe, Sexualität, Körper, Schönheitsideale, Pornos und Rollenbilder geht. Zu anderen Gelegenheiten halten wir Vorträge und Weiterbildungen zu diesen Themen für Eltern und Menschen, die beruflich mit Menschen zu tun haben, wo Liebe & Sexualität ein Thema sind. Also fast eh alle.

 

Je genauer mensch sich die Sexuelle Bildung anschaut, desto klarer wird, dass es eigentlich überhaupt nicht schmuddelig oder Schweinekram ist, sondern ein Querschnittsthema, dass in alle Lebensbereiche wirkt.
Die, die uns wirklich direkt aufsuchen im Sinne einer Problemstellung sind meist diejenigen, die ein sexualpädagogisches Konzept brauchen für ihre Wohneinrichtung, in der Menschen mit Behinderungen leben; oder diejenigen, die wissen wollen, wie sie präventiv mit dem Thema sexualisierte Gewalt in ihrer Einrichtung umgehen können.
Aber ganz egal wie fachlich oder sachlich oder eben “unschmuddelig” wir mit dem Thema umgehen, wo Sex drauf steht, ist Kichern drin. Gerade Lehrpersonen sind oft verunsichert, was wir denn in so einem “Sex-Workshop” wohl machen. Aber auch wenn du jemandem von deinem Beruf erzählst, merkst du recht schnell, dass da wohl Vorstellungen von Dildoparties oder ähnlichem rumgeistern müssen. Viele sagen dann “interessant” und wechseln das Thema. Andere meinen “da kannst du mir ja sicher noch was beibringen.” Und manche fangen uns ganz unverfänglich von ihren Praktiken, private Problemen, Verhütungsmethoden oder ihrem Herzschmerz zu erzählen an.

 

Ganz oft wird der Beruf auch mit Beratung, Therapie oder Sexualassistenz verwechselt. Aber generell gehen entweder alle Schranken hoch, oder sie fallen komplett. Letztens hat mir ein Servicetechniker im Pensionsalter die Balkontür eingehängt und gefragt was ich so mache. Dann hat er mir gleich von seiner Jugendliebe erzählt, und wie sie ihm das Herz gebrochen hat. Andere reden gleich übe ihre Vasektomie mit dir. Ganz selten kommt es vor, dass jemand ehrlich zu gibt, dass er*sie nicht so recht weiß, was er*sie davon halten soll, oder sich schwer tut mit dem Thema. Das fände ich eigentlich am sympathischsten.

 

 

Paare, die gemeinsam Kinder haben, und weiterhin ein reges Sexualleben haben wollen: Suchen Eltern Dich eigentlich oft auf? 

 

Da ich keine Beratung mache – das wäre eine eigene Ausbildung, kommen solche Paare nicht zu mehr. Mit Eltern habe ich eher zu tun, wenn es um geschlechtersensible Gewaltprävention geht, um die Frage “darf ich Kleinkinder auch schon aufklären?” und “Ist das normal was mein Kleinkind macht (zB Doktorspiele)?”

 

Aber generell hat mich die Frage ja selber auch schon beschäftigt. Deshalb hab ich vor einiger Zeit eine Umfrage für krachbumm.com gestartet und die Ergebnisse dann zusammengefasst. Viele glauben, sie müssten öfter Sex haben und fühlen sich schuldig. Aber die meisten sind halt auch wahnsinnig müde. Schlaf ist Luxus. Das merkt mensch eben erst mit der Geburt eines Kindes. Gleichzeitig wird uns medial suggeriert, wir sollten alle dauernd Sex haben und sogenannte Studien werden uns präsentiert, welche Nation wie oft im Schnitt Sex hat. Ganz ehrlich: Wer antwortet denn hier nicht sozial erwünscht? Und die Frage ist auch: Was sagt eine Zahl über die Qualität, die Nähe und Intimität aus?
Natürlich ist Sex auch eine Form von Kommunikation und es macht schon Sinn, sich als Paar auf dieser Ebene auch auszutauschen, oder zumindest irgendeinen Raum für Nähe zu schaffen. Aber wenn ich ansonsten schon dauernd Konflikte austrage und ich eigentlich während dem Sex die to dos für den nächsten Tag durchgehe, dann sollte ich mir schon die Frage nach der Sinnhaftigkeit stellen und vor allem nach der Wertschätzung – meiner eigenen und die meines Partners*meiner Partnerin. Wenn ich mich selbst nicht einmal so viel spüre, dass ich präsent bei der Sache bleiben kann, und die andere Person das vielleicht auch gar nicht mal merkt, dann läuft da einiges schief.

 

Bewusst Nein zum Sex zu sagen ist vermutlich das größte Tabu in einer Partnerschaft.

 

Aber es spielt einfach so viel Unterschiedliches mit gerade als Eltern.

 

In dem Artikel, für den 150 Mütter und 1 Vater Antworten geliefert haben zeigt sich deutlich, wie unterschiedlich das ist, was Eltern mit Kindern erleben. Nicht nur die Veränderungen des partnerschaftlichen Sex, auch die “Hindernisse”, oder ob sich eine*r wohl fühlt im eigenen Körper. Gerade traumatische Geburtserlebnisse können einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Sexleben haben. Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben können zB vom Geburtserlebnis re-traumatisiert werden. Aber auch jede Art von Bindungserfahrung hat eine Auswirkung auf unser sexuelles Erleben. Fehlgeburten ganz genauso. In einer Rezension zum Buch Soulsex von Eva-Maria Zurhorst habe ich auch darüber mal geschrieben.

 
Was denkst Du, müssen sich Paare nach der Geburt eines Kindes neu definieren? 

 
Pizza-Sex-MetapherNach der Geburt eines Kindes sind halt nicht mehr zwei Menschen in einer Beziehung, sondern eigentlich drei. Jede*r muss seinen*ihren neuen Platz finden. Das ist nicht einfach. Darum trennen sich auch viele innerhalb des ersten Jahres wieder.

 

In Texten von Geburtsanzeigen steht immer so schön: “Nun ist das Glück perfekt”, dabei ist dann erst richtig die Kacke am Dampfen.

 

Beispielsweise kann eine Partnerschaft so vordergründig gleichberechtigt sein wie nur irgendwie möglich. Doch kaum ist ein Kind da, fallen beide ganz leicht in traditionelle Rollenmuster, so schnell kannst du gar nicht gucken. Dabei geht es dabei weniger um Zeit oder Tätigkeiten. Das kann mensch sich alles einteilen. Vielmehr sind es die Erwartungen und Verantwortungen, die wir plötzlich automatisch geschlechtergetrennt annehmen oder auch nicht. Das birgt irrsinniges Konfliktpotential. Und dann soll mensch auch noch Sex haben. Alle sind überfordert, suchen Rat, keine*r ist wirklich vorbereitet darauf, was eine*n erwartet beim ersten Kind, da kann mensch noch so viel vorablesen. Und dann sind Kinder auch noch wunderbare Trigger für all die eigenen Bindungsgeschichten, die mensch sowieso schon mitbringt, aber eben noch um ein vielfaches verstärkt.

 

Manchmal entwickeln sich da plötzlich komische Dynamiken, die mensch sich absolut nicht erklären kann. Da empfehle ich grundsätzlich die SAFE-Kurse nach Karl-Heinz Brisch, weil die auch die Paardynamik mitdenken und immer ein Auge darauf haben.

Abgesehen davon schadet meiner Meinung nach ein Babysitter so früh wie möglich ganz sicher nicht dem Beziehungsleben.

 

Jemand hat mir letztens erzählt, er habe gelesen, dass früher so an die 8 Bezugspersonen für ein Kind bereit gestanden haben.

 

Einfach mit der ganzen Verwandtschaft auch, die oft mit im Haushalt gelebt hat. Das kann ich mir gut vorstellen. Und wieviele sind heute oft involviert? Zwei. Manchmal auch nur eine Person. Und die soll*en dann alles schaffen: Elternschaft, Haushalt, Beziehung und Berufstätigkeit. Am besten alles zu 100%. Das ist irre. Und das tut niemandem gut. Natürlich werden die Kleinen so schnell groß. Aber die Zeit, die ich als Paar (oder auch für mich selbst) versäume, die kommt nicht wieder. Die Ressourcen, die aufgebraucht sind, die kann ich nicht so schnell wieder auftanken. Wie heißt das so schön immer im Vergleich mit Flugzeugen: Zuerst sich die Maske anlegen, dann dem Kind. Wenn ich nicht für mich selbst (oder meine Paarbeziehung sorgen kann), dann wird’s auch mit dem Kind schwer. Und die Frage ist auch: Was möchte ich meinem Kind über Paarbeziehungen mitgeben? Schließlich sind die ersten paar Jahre am Einprägsamsten.

Gott sei Dank denken heute nur noch wenige Leute, dass das Beiwohnen einer Geburt für den Mann negative Auswirkungen auf die spätere Sexualität zwischen einem Paar haben kann. Aber abgesehen von blöden Vorurteilen aus den 80ern: Was denkst Du verändert sich durch die Geburt bei der Wahrnehmung beider Partner? 

 

Puh, das ist eine schwere Frage. Mit Generalisieren tu ich mir ja schon ein bisschen schwer. Gerade wenn es um Geschlechter geht. Viele berichten ja, dass sie jetzt mehr Respekt vor den Leistungen der Frauen hätten. Ich glaube aber auch, dass viele Männer eine Scheißangst haben, weil Geburt nunmal eine Naturgewalt ist, und du kannst nicht alles kontrollieren und du weißt schon gar nicht, was beim ersten Mal auf dich zukommt. Eingriffe gibt es ziemlich oft, und dann heißt es Notkaiserschnitt und mensch muss sich mit der potentiellen Sterblichkeit auseinander setzen. Ich vermute, dass viele Paare da gar nie ehrlich drüber reden, wie sie die Geburt wirklich jeder für sich wahrgenommen haben. Auch weil es ein großes Tabu gibt für Männer, über Ängste und Hilflosigkeit zu sprechen.

Ganz was anderes, das mensch aber auch auf jeden Fall entmysthifizieren sollte ist die Legende, dass Frauen nach der Geburt irgendwie ausgeleiert seine. Natürlich schadet Beckenbodentraining nicht. Aber genauso wenig, wie die Vagina durch “zu viel” Sex geweitet würde, genauso wenig tut sie es durch ein Kind. Sie ist kein Schlauch sondern passt sich immer flexibel an.

Was sich vielleicht tatsächlich in der Wahrnehmung verändern könnte – aber darüber muss mensch als Paar halt auch reden: Wie der Busen gesehen wird. Unsere Gesellschaft ist sehr brustfixiert. Und kommt mensch plötzlich drauf: upps, das ist ja für was anderes gedacht. Da kann es schon passieren, dass es zu Schwierigkeiten auf beiden Seiten kommt, Brüste noch als sexuell wahrzunehmen. Da kann auch mal die Milch stören, die plötzlich raustropft, oder vielleicht wird die eine oder andere auch ein bisschen gefühlstaub und Berührungen haben nicht mehr den gewünschte Effekt.

Stillen ist keine Verhütung, besser keinen Sex im Wochenbett und immer wieder liest man, dass Eltern so viel mit dem Kind kuscheln, dass Körperkontakt oft ausreicht. Sonst wird das Sexualleben junger Eltern meist kaum besprochen. Was rätst Du jungen Eltern, die Dich aufsuchen? 

 

 

Kaffee MethapherWie gesagt, suchen mich ja Eltern nicht zu diese Themen direkt auf. Dafür ist das Thema viel zu schambesetzt. Aber in Interviews und Magazinen werde ich immer wieder danach gefragt. Das was mensch raten kann, ist sich mal folgende Fragen zu stellen:

 

1.) Sind wir mit unserem Sexleben zufrieden? (Wenn ja, warum dann daran herummäkeln?)
2.) Wie wichtig ist Sex für unsere Beziehung? (Wenn Sex sehr wichtig ist, dann müssen wir uns wohl Zeit dafür schaffen – wenn es daran liegt – und einmal ausmisten, was an Tätigkeiten/”Verpflichtungen” dafür weggelassen werden könnte. Wenn es nicht an der Zeit liegt, sondern an anderen Faktoren, ist auch die Frage da: Was können wir weglassen oder ändern? (zB in punkto Schlaf – abwechselnd ausschlafen am Wochenende?) oder wie können wir daran arbeiten (zB in punkto Schmerzen, fehlende Libido oder fehlende Leidenschaft).
3.) Welche Erwartungen haben wir an unser Sexleben? ( Woran oder an wem orientieren wir uns? An Zeitschriften, die uns sagen, was wir noch alles tun müssten und an Erfahrungen haben sollten? An Bekannten, bei denen das alles kein Problem ist? An unsere Beziehungen vor dem Kind? An unserem Single-Leben? Was wünschen wir uns für unser Sexleben unbedingt? Was ist das dringlichste, das sich ändern soll? Wäre öfter schon besser, auch wenn öfter trotzdem leiser und schneller ist als früher? Wäre gleich “selten” ok, wenn es dafür leidenschaftlicher und intensiver zur Sache geht? Wo liegen unsere Prioritäten?)

 

Bei Schmerzen ist das Thema so komplex, das kann so viele Gründe haben. Auch bei unterschiedlicher Lust. Im Grunde ist dabei nur eines wichtig: Wenn es weh tut, oder wenn eine*r nicht will: Nicht überreden oder krampfhaft etwas versuchen. Das erzeugt nur noch mehr Druck und ist abgesehen davon grenzüberschreitend. Wenn wir mit Jugendlichen das Thema haben, dass der*die Partner*in nicht will, komm oft einmal die Antwort: “Dann hab ich immer noch meine Hand.” Die Erwartungshaltungen schwirren sowieso im Kopf herum, frustriert ist die Person, bei der es “nicht funktioniert” ebenfalls. Über beides lässt sich reden nach dem Motto “geteiltes Leid ist halbes Leid.” Gegenseitiges Einfühlungsvermögen wäre da spitze. Aber Überreden, oder halt trotzdem mitmachen schadet nicht nur der Beziehung, sondern dem Gefühl eigene Grenzen und die von anderen wahrnehmen und respektieren zu können. Und das ist das aller höchste Gut, wenn es um Sexualität geht.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Katja.

 

Katja ist für  liebenslust*-Zentrum für Sexuelle Bildung und Gesundheitsförderung tätig, von dort stammen auch die Grafiken. Außerdem betreibt sie den krachbumm-Blog. Die Fotorechte von Katjas Porträtbild liegen bei Anna Lisa Chang.

 

Ebenfalls Lesenswertes zu dem Thema gibt es beim Mamablog von Einerschreitimmer: Dort zeigt Anne satirisch auf, warum sie heute keinen Sex haben wird.

 

Bisherige Expterten-Interviews zum Nachlesen: Schlaf mit Nora Imlau, Trotzphasen mit Katja Seide und Reitpädagogik mit Miriam Neudeck und Stillen mit Anna Hofer.