Welchen Vorurteilen ist man beim Langzeitstillen ausgesetzt und warum erregt das scheinbar so sehr die Gemüter: Stillberaterin Anna hat mir in den Elternfragen dazu ein paar Fragen dazu beantwortet. 

 

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich denn immer noch stille: Meine Tochter war zu dem Zeitpunkt acht Monate alt. Wie eine Langzeitstillende fühlte ich mich wirklich noch nicht. Ab wann ist man denn per Definition eine Langzeitstillende und wie viele gibt es davon wirklich? 

 

 

Wenn Kinder über das allgemein übliche Alter hinaus gestillt werden, spricht man in der Regel von „Langzeitstillen“. Auch die Fachliteratur gibt keine einheitliche Definition aus, was unter dem Begriff “Langzeitstillen” zu verstehen ist. Dettwlyer und Nelson haben in ihren Studien von 1995 und 2000 festgestellt, dass der Durchschnitt der Stilldauer aller dokumentierten Kulturen bei 30 Monaten liegt.

Andere Studien, wie z.B. des BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) zeigen, dass etwa 90 % der Mütter zu stillen beginnen; nach 2 Monaten noch etwa 70 % der Säuglinge gestillt werden und die Stillrate nach 6 Monaten bei 40 bis 50 % liegt. Eine nicht repräsentative Studie aus Dortmund (DONALD-Studie), die sich mit der Ernährung, Entwicklung und Stoffwechsel von Kindern und Jugendliche befasst, listet auf, dass unter den dort befragten Mütter mit 12 Monaten 21%, mit 24 Monaten noch 2,3% stillten. Aber wie gesagt, dass ist nur ein Ausschnitt und nicht repräsentativ.

Die Stilldauer wird also von Gesellschaft zu Gesellschaft sehr subjektiv wahrgenommen. Fakt ist: Wie lange eine Mutter ihr Kind stillt, hängt maßgeblich auch von ihrem Lebensumfeld ab.

 

 

Häufig höre ich von Frauen, die ihr zweijähriges Kind noch stillen, aber dann nicht mehr öffentlich. Warum erregt längeres Stillen anscheinend so sehr die Gemüter?

 

 

Wenn man sich Umfragen anschaut, stellt man fest, dass dem Stillen in der Gesellschaft allgemein eine hohe Bedeutung beigemessen wird und dass das Stillen eines Babys auch völlig in Ordnung ist. Vielmehr wird darum gestritten, WO man stillen darf. Nicht im Restaurant, nicht im Cafè, nicht im Bus – diese Geschichten kennen wir ja alle. So kann man sagen, dass wir es in unserem Kulturkreis einfach nicht gewohnt sind, stillende Mütter zu sehen. Und so verunsichert es und polarisiert.

Die Gründe dafür sind sehr vielfältig und nicht in wenigen Sätzen zu beleuchten. Familienleben und Berufstätigkeit lassen sich nicht immer so vereinbaren, dass eine entspannte, lange Stillzeit möglich ist, auch wenn diese von der Mutter gewünscht ist. Gleichzeitig wird die Brust in unserer Gesellschaft ein sexuelles Objekt gesehen, was ebenfalls zu einer Tabuisierung beiträgt. Facebook hatte ja eine große Freude daran, Bilder von stillenden Frauen kurzerhand zu löschen.

Wir täten gut daran, die Gesellschaft wieder an die Normalität des Stillens – auch und gerade des Stillens von Kleinkindern – heranzuführen. Denn Stillen ist in jedem Alter wertvoll.

 

Unbestritten ist es die Grundnahrung in den ersten sechs Monaten: Wofür steht das Stillen später?

 

Hier muss ich zu Beginn sagen, dass es keinen Still-Olymp gibt, den es zu erklimmen gilt. Man ist nicht die bessere Mutter, wenn man lange stillt. Dies sollte immer eine individuelle Entscheidung sein, die möglichst auch frei von äußeren Einflüssen getroffen werden sollte.

​Muttermilch besteht zu 87% Prozent aus Wasser. Darin sind alle anderen Bestandteile wie Eiweiße, Enzyme, Hormone, verschiedene Immunglobuline, Laktose und andere Kohlenhydrate sowie Fette und Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente verteilt. Und zu jedem Zeitpunkt der Stillbeziehung passt sie sich in ihrer Zusammensetzung den Bedürfnissen des Kindes an. Das heisst nicht, dass sie ein Kleinkind ernähren kann. Enzyme helfen beim Start der Beikost, Immunoglobuli stärken das Abwehrsystem und schützen vor Viren und Bakterien. Das ist gerade dann von Vorteil, wenn die Babys ins Krabbelalter kommen, auf dem Boden unterwegs sind und sich viele Dinge in den Mund stecken. Durch den hohen Wassergehalt, ist die Gefahr der Dehydration bei einem Magen-Darm-Infekt deutlich geringer und ein Krankenhausaufenthalt kann vermieden werden.

 

Das Stillen und die Brust: Was macht eigentlich langes Stillen mit dem Bindegewebe?

 

​Die weibliche Brust verändert sich schon während der Schwangerschaft. Denn in der Schwangerschaft beginnt sich die Brust auf das Stillen vorzubereiten. Die Stilldauer ist nicht entscheidend.

 

Dass manche Frauen berichten, dass ihre Brust nach dem Abstillen schlaff wirkt kann zweierlei Gründe haben.

 

Hand auf’s Herz, wir sind alle keine 20 mehr. Weder unsere Beine, noch der Po oder der Bauch – immerhin haben wir ein Kind ausgetragen. Und das ist auch in Ordnung. Wir sind, wer wir sind, weil wir Mütter geworden sind.

 

Der aber noch wichtigere Grund für den Eindruck, dass Stillen die Brüste “ruiniert” ist die Tatsache, dass nach dem Abstillen unser Hormonstatus umgebaut wird. Viele Frauen haben während der Stillzeit aufgrund des Östrogenmangels einen unregelmäßigen oder ganz ausbleibenden Monatszyklus. Bei manchen Frauen setzt der Menstruationszyklus auch erst nach dem Abstillen wieder ein. Östrogene beeinflussen den Kollagengehalt des Bindegewebes und die Spannung der Haut. Und eben dieses Hormon bildet sich auch wieder im gewohnten Maße und abhänging vom Alter der Frau, wenn die Stillbeziehung beendet wurde.

 

Das Gewebe polstert sich wieder auf, es braucht nur ein bisschen Zeit und Geduld.

 

Auf Twitter kursieren immer wieder krude Abstilltipps: Die Mutter macht alleine Urlaub oder schläft im Nachbarzimmer und so entwöhnt sich das Kind der Brust. Für mich klingt das erschreckend nach “Jedes Kind kann ohne Brust sein.” Aber ich kenne auch Frauen, die nach drei Jahren wirklich nicht mehr wollten. Was kannst Du Müttern empfehlen, die eigentlich bereit zum Abstillen sind, aber das Kind noch nicht überzeugt haben?

 

 

Erfahrungsgemäß funktioniert das Abstillen am Tag leichter als in der Nacht. Das Kind ist aktiv und abgelenkt, so dass manchmal von ganz alleine Stillmahlzeiten gar nicht stattfinden. Eine Win-Win-Sitaution für beide Seiten.

 

Die Nacht ist da eher ein Minenfeld. Alle Familienmitglieder möchten in der gewohnten Routine schlafen, denn wirklich wach werden Kinder zum Stillen eigentlich nicht.

 

Eine neue Schlafbrücke muss gefunden und etabliert werden. Das braucht Zeit, Liebe und Geduld. Das heisst, je weniger Druck man verspürt, diesen Schritt zu gehen, desto entspannter kann das Abstillen gelingen.

 

Wie kann der Partner einspringen und entlasten? Stehen ein paar freie Tage an, wo niemand früh raus muss, so dass man ein oder zwei trubelige Nächte gut überstehen kann? Wie steht es um den Status der Beikost? Trinkt das Kind ausreichend Wasser und wird ihm dieses bereits in der Nacht angeboten, so dass man weiss, dass es kein Durststillen ist? Viele Fragen auf die mir die Mütter auch immer sehr detaillierte, eigene Antworten geben.

 

Hier gibt es keinen allgemeingültigen Plan und wenn es ihn geben sollte, kenne ich ihn nicht. Ich berate hier stets sehr individuell und auf die Bedürfnisse der Eltern und des Kindes abgestimmt. Die Mütter, die ich zum Thema Abstillen berate, erlebe ich, wenn es um das Ende der Stillbeziehung zu ihrem Kind geht, als sehr ambivalent. Und sie machen sich viele liebevolle Gedanken, wie es ihrem Kind mit diesem Schritt gehen wird.

 

Denn es endet eine Zeit, die es so nie wieder geben wird. Umso wichtiger ist es, dass man behutsam vorgeht.

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Anna. Anna hat mir bereits ein spannendes Interview gegeben, in dem sie Stillmythen auf die Spur gegangen ist.

Einen schönen Artikel zum Thema Langzeitstillen findet Ihr auch auf dem Blog Rubbelbatz.

 

Mehr Elternfragen zum Beispiel zum Thema Schlaf, Trotzalter, Babyschlaf und vieles mehr findet ihr hier.