Wie ist die Situation von Hebammen in Deutschland, was können Frauen tun, um dieses zu verbessern und wer trägt letztlich die Kosten? Darum geht es in den heutigen Elternfragen: Rede und Antwort steht mir die Münchner Beleghebamme Jessi.

 

Du bist freiberufliche Beleghebamme in München und eine von denen, die auch immer wieder laut werden und sich stark machen für die Situation der Hebammen in Deutschland. Immer wieder kommen neue negative Schlagzeilen. Diese Woche wabert das Gerücht der ambulanten Wochenbettpflege durch alle Kanäle. Was bedeutet das?

 

Liebe Bettie, Danke für deine Fragen. Und Danke, dass du mir die Möglichkeit gibst hier auf deinem Blog laut zu werden und Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema zu bekommen. Denn jeder von uns wird geboren. Und es ist nicht egal, wie wir auf die Welt kommen.

 

Ich hab fast zehn Jahre Frauen im Wochenbett betreut. Ich bin alleinerziehende Mama einer kleinen Tochter. Schweren Herzens musste ich die Wochenbettbetreuung aufgeben. Ich konnte davon nicht mehr leben.

Als Hebamme in der Nachsorge fährt man nach der Geburt zu den Frauen nach Hause. Man kümmert sich um Mama und Kind. Vor allem das Stillen und die Gewichtszunahme des Neugeborenen ist in den ersten Wochen ein großes Thema. Anfangs fährt man eigentlich jeden Tag hin. Mit der Zeit werden die Abstände größer. So kann man frühzeitig Probleme entdecken bzw viele Probleme entstehen erst gar nicht.

 

Leider ist es für die Frauen in den letzten Jahren immer schwieriger geworden, eine Nachsorgehebamme zu finden.

 

Damit es rentabel ist, müsste ich eigentlich in 10-15min mit dem Besuch fertig sein. In dieser Zeit ist es nicht möglich einen qualitativ hochwertigen Wochenbettbesuch zu machen.

Mit dem Schiedsspruch vom 5.9. befürchten wir, dass die klassische Nachsorge vor Ort bei Mutter und Kind langsam verschwinden wird. Die aufsuchende Wochenbettbetreuung soll nämlich durch die ambulante Betreuung ergänzt werden. Das ist für die Krankenkassen günstiger. Die Mütter werden dann mit ihren Kindern die Hebamme in einer Praxis bzw in Kliniken aufsuchen müssen. Ich fürchte, dass die Mütter, die eine Betreuung dringend benötigen, unter gehen. Das betrifft Mütter, die eine schwere Geburt hatten, vielleicht einen hohen Blutverlust oder Probleme mit der Naht. Mütter mit depressiven Verstimmungen. Neugeborene mit Gedeihstörungen. Außerdem befürchte ich, dass Neugeborene mit Gelbsucht vielleicht zu spät entdeckt werden. Und dass sich Probleme beim Stillen und Wochenbettsdepressionen häufen. Dinge, die man als Hebamme im Wochenbett Zuhause gut begleiten kann.

 

Es ist nicht möglich Frauen in einer ambulanten Situation im Wochenbett gut zu betreuen. Wir haben das notfallmäßig bei uns an der Klinik versucht.

 

Du arbeitest in einem Münchner Kreißsaal: Wie hat sich Deine Arbeit in den letzten Jahren verändert? 

 

Ich arbeite seit zehn Jahren in einem der größten Kreißsäle Deutschlands. Als ich angefangen habe, da waren wir angestellt und hatten knapp 3000 Geburten. Wir waren zum Teil zu zweit, allerhöchstens zu dritt im Dienst. Es war ganz normal, dass ich drei bis vier Frauen gleichzeitig unter der Geburt betreut habe. Zwischendrin musste man dann noch zu den geplanten Kaiserschnitten in den OP und hat die Kollegin mit allen Frauen im Kreißsaal alleine gelassen. Das war eine sehr schlimme Zeit. Wir hatten großes Glück, dass alles gut gegangen ist.

 

Als ich aus der Elternzeit zurück gekommen bin, haben wir auf das Belegsystem umgestellt. Das heißt wir arbeiten als freiberufliche Hebammen im Schichtsystem. Anders könnte ich es mir als alleinerziehende Mama auch gar nicht leisten in meinem Beruf als Hebamme zu arbeiten. Für die Kolleginnen waren die zwei Jahre davor sehr anstrengend. Es war ein ganz schöner Kampf, das Belegsystem durchzusetzen. Frauen wurden an andere Kliniken verlegt und Kreißsäle gesperrt. Wir wollten nicht mehr so arbeiten. Fließbandarbeit für einen Hungerlohn.

Und der Kampf hat sich gelohnt. Wir sind sehr gut aufgestellt und wir haben die Möglichkeit für eine gute Geburtshilfe. Inzwischen betreuen wir knapp 4000 Geburten im Jahr.

 

Mein Wunsch war es immer, Frauen eine schöne Und interventionsarme Geburt ihres Kindes im Krankenhaus zu ermöglichen. Denn nicht für jeden kommt eine Hausgeburt oder eine Geburt im Geburtshaus in Frage. Eine gute Betreuung in vertrauensvoller Umgebung unter der Geburt ist so wichtig. Selbst wenn es dann zu Komplikationen kommt, fühlt man sich gut aufgehoben und behält ein gutes Gefühl. Ich finde man soll sich gerne an den Tag der Geburt seines Kindes zurück erinnern.

 

Ich glaube jede von uns Hebammen träumt von einer 1:1 Betreuung. Aber wie das jetzt läuft, ist einfach falsch. Erst müssen die Voraussetzungen geschaffen werden. Wir können das nicht so einfach in drei Monaten umsetzen. In einem Interview meinte Herr Lanz vom GKV Spitzenverband:  “die werdende Mutter, das ist meine feste Überzeugung, wird von der Hebamme gut betreut werden. Das halte ich für selbstverständlich. Ich bin voller Zuversicht, dass die Kreißsäle vorausschauend organisiert werden, dass genug Hebammen da sind. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Schwangere in einem deutschen Krankenhaus, die dringend Unterstützung einer Hebamme bedarf, tatsächlich abgewiesen wird.”

Ich übersetze das so, wir Hebammen haben ein großes Herz, im Zweifel werde ich die Frau dann unentgeltlich betreuen. Bei voller Haftung. Am Ende des Tages muss ich nach Hause gehen, zu meiner Tochter und ihr erklären, warum das Christkind ihr dieses Jahr keine Geschenke bringt. Und warum der Teller am Abend leer ist.

Das Ärgerliche ist, dass die 1:1 Betreuung für die Krankenkasse ein guter Vorwand ist, um Geld einzusparen. Es geht nicht um die Frau. Es geht nicht um die gute Betreuung unter der Geburt. Momentan ist die 1:1 Betreuung ein Luxus, den sich die Gesellschaft nicht leisten möchte.

 

Immer weniger Hebammen kommen auf immer weniger Frauen: Wie reagieren die von Dir zu betreuenden Frauen darauf?

 

 

Wie bereits oben erwähnt sind wir relativ gut aufgestellt. Wir können die Frauen gut betreuen. Wenn wir dennoch eine Frau abweisen müssen, dann ist das eine schwierige Situation und dann fließen auch oft Tränen. Zu Recht. Zum Glück arbeiten wir Hebammen in den verschiedenen Kreißsälen der Stadt gut zusammen. Man ruft dann bei der Kollegin an und organisiert einen Krankentransport.

 

Mit dem Schiedsspruch ist es so, dass Beleghebammen ab Januar 2018 nur noch zwei Leistungen zeitgleich abrechnen können. Das heißt, wenn noch eine Frau klingelt, dann kann ich diese nicht betreuen. Oder ich betreue sie kostenlos. Das bereitet uns große Bauchschmerzen. Nicht jede Frau, die ich betreue, befindet sich im gleichen Stadium der Geburt. Manche Frauen kommen ambulant mit Beschwerden. Es ist nicht immer eine 1:1 Betreuung notwendig. Und da gibt es noch die vielen Frauen, die stationär liegen.

 

Meine Befürchtung ist es, dass ab 2018 viele, viele Frauen ohne Kreißsaal sind. Obwohl wir Kapazität hätten. Ich muss die Frau dann weg schicken. Sie kostenlos zu betreuen, kann ich mir einfach nicht leisten.

 

Vor Kurzem erfuhr ich, dass es vor ein paar Jahren in Österreich mit der Nachsorge wesentlich schlechter aussah als in Deutschland. Nun droht uns das auch. Was können Frauen, die eine Hebamme suchen, heute tun, um ihre Situation zu verbessern? 

 

Das ist irgendwie das Traurige an der Situation. Andere europäische Länder entwickeln sich weiter. Im Grunde war das deutsche System nicht schlecht. Schlecht bezahlt. Aber die Qualität der Hebammenbetreuung war sehr gut. Weil wir eben doch ein großes Herz haben.

Ich bin selbst grad an einem Punkt, da weiß ich ehrlich nicht weiter. Mich rufen jeden Tag Frauen an, die sind sehr verzweifelt auf der Suche nach einer Hebamme. Ich tröste dann und gebe Tipps. Ich rate den Frauen dann, sich bei der Krankenkasse zu melden. In der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Ansonsten müssen die Frauen ohne Nachsorgehebamme zum Frauenarzt oder zum Kinderarzt. Diese sind natürlich auch überlastet. Und so vermute ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das System zusammenbricht. Vielleicht ist das aber auch die einzige Möglichkeit, dass sich etwas ändert. Es ist so still. Obwohl das echt eine Katastrophe ist.

 

Du hast einen Beruf gewählt, den viele Frauen sehr schätzen, der aber leider nicht überall so gefördert wird. Wie siehst Du das Berufsbild der Hebamme in zehn Jahren, oder wie würdest Du es Dir wünschen?

 

Vor Zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass es sich in diese Richtung entwickeln wird. Ich war immer sehr zuversichtlich. Ich war der festen Überzeugung ‘Ohne Hebamme geht es nicht’ Jetzt wünsche ich mir einfach, dass es in zehn Jahren noch Hebammen gibt. Ob ich es mir dann noch leisten kann meiner Berufung zu folgen? Ich hoffe es. Aber sicher bin ich mir nicht. Hebammen haben ein großes Herz. Aber auch wir können nicht nur von Luft und von schönen Geburten leben.

 

Vielen lieben Dank für Deine ehrlichen Worte und alles Gute, Jessi. 

 

Wie sich Ihr Blick auf ihren Beruf durch die Geburt ihre Tochter verändert hat, das hat mir Jessi bereits in den Familienrollen verraten: Lest hier.

 

Immer am Dienstag gibt es hier die Elternfragen: Kommende Woche mit Rike Drust, Autorin von dem superlustigen Buch “Muttergefühle 2”.