Vor zwei Jahren haben mir Nina und ihre Frau Jane ein Interview über das Leben als Regenbogenfamilie gegeben. Nina ist trans* und hatte nun eine “genitalienanpassende Operation”: In den Familienrollen erzählen die beiden, was sich dadurch verändert hat.

 

Vor kurzem hattest Du eine für Dich vermutlich lebensverändernde Operation, bevor ich nun mit falschen Begrifflichkeiten um mich werfe: Welche Operation wurde bei Dir durchgeführt?

 

Nina: Ich mag Deine Fragestellung, denn da kann ich mal ganz frei Schnauze antworten: Ich habe im September endlich meine richtigen Genitalien bekommen. Üblicherweise nennt man das geschlechtsangleichende OP, aber mein Geschlecht wurde durch die OP ja eigentlich nicht verändert und angeglichen… ich mag das Wort genitalienanpassende Operation.

 

Was bei meiner OP genau passierte: Mein Penis und die Hoden wurden entfernt und aus den Teilen, die noch da blieben wurde etwas geschaffen, das möglichst nah an eine Vulva herankommt. Eine kleine Besonderheit meiner Operation ist, dass ich keine Neovagina wollte. Die meisten trans Frauen wollen eine Operation, bei der eine Vagina geschaffen werden soll, ich hingegen wollte “nur” eine äußere Angleichung.

 

Ich wurde oft gefragt, warum ich keine Vagina wollte. Das ist eine sehr persönliche Entscheidung, die ich getroffen habe. Einer der Gründe sind die Risiken und die erforderliche Nachbehandlung einer Neovagina. Für mich war erschreckend, wie schwer es war, diese etwas von der Standardlösung abweichende Behandlung durchzusetzen. Ja, selbst Auskünfte dazu waren nur sehr schwer zu bekommen.

 

Auf Twitter scheint Dein Zuspruch enorm, aber auch die Beleidigungen sind zu lesen und in vielen Zeitschriften ward Ihr seid dem letzten Interview zu sehen. Bestimmt ist es sehr wichtig, dass Du mit Deiner Geschichte anderen Mut machst. Aber wird Euch die Öffentlichkeit nicht manchmal zuviel?

 

Nina: Zu viel Öffentlichkeit… Darüber habe ich viel nachgedacht, schon vor dem ersten TV Auftritt. Es gibt nicht viele trans* Menschen, die sich trauen, wirklich in der Öffentlichkeit, in der Presse zu sprechen. Ja, die/der eine oder andere gibt schon mal ein Interview, aber kaum jemand legt den Fokus darauf, so präsent zu sein. Und zugegegeben, es ist nicht immer leicht, wenn man so sichtbar in den Medien vertreten ist, wie ich es im letzten Jahr war.

 

Gehe ich auf die Straße, schauen mich Leute an. Manche schauen, manche bemerken mich nicht, andere kichern, wieder andere reden über mich.

 

Bei jedem Weg, den ich mache, bin ich in der Öffentlichkeit. Mein Passing – also, wie gut ich als Frau wahrgenommen werde – ist einigermaßen gut, mein Bartschatten macht mir da oft einen Strich durch die Rechnung und meine Stimme verrät mich immer. Ich bin als trans* erkennbar.

 

In einer idealen Welt wäre mein trans* sein so egal, wie meine Haarfarbe. In der Realität ist für viele trans* jeder Weg in der Öffentlichkeit eine Belastung. Gerade am Anfang, wenn Makeup, Klamotten und Haare noch nicht perfekt sitzen…

 

Als trans* Frau bin ich immer in der Öffentlichkeit sichtbar. Der Schritt in die Medien war für mich nicht so schwer. Ich versuche zu zeigen, dass trans* und Familie absolut vereinbar ist. Ich versuche auch, nicht nur Betroffene anzusprechen. Und wie die Reaktionen gerade auf Twitter zeigen, erreiche ich sehr viele Menschen, die mit dem Thema eigentlich kaum zu tun haben.

Jane: Mittlerweile habe ich mich an den “Pressrummel” gewöhnt. Eine zeitlang war es wirklich etwas viel für mich – vor allem weil meist die gleichen Fragen kommen und irgendwann hat man ein bisschen das Gefühl, man redet sich den Mund fusselig. ABER: Man darf auch nicht vergessen, dass man mit jedem Beitrag mehr Menschen erreicht und die Erfahrungen eben noch weiter geben kann.

 

 

Auf Twitter konnte man unter #mumu4nina viel teilhaben an Deiner OP: Wie geht es Dir heute gesundheitlich und psychisch nach der OP?

 

Nina: Eine große OP hat immer ein paar Risiken, Nebenwirkungen und braucht ein wenig Nachsorge. Inzwischen ist alles verheilt, meine Nervenverbindungen werden spürbar besser, das Ergebnis ist optisch wunderschön. Es zwickt und zwackt ein wenig, aber im Januar habe ich einen Termin bei meinem Arzt in Berlin und da wird über die weitere Behandlung entschieden.

Psychisch: Ich finde es toll, dass du fragst. Ehrlich gesagt war ich überrascht, was sich in mir bewegt und verändert hat, durch einen Eingriff, den ja eigentlich außer mir und meiner Frau niemand sieht. Aber es war eigentlich sehr intensiv. Aufgefallen ist es mir, als ich beim ersten Verbandswechsel überraschend ruhig mit einem Spiegel nachgeschaut habe, wie das Ergebnis aussah. Es war kein Moment voll “Champagner und Konfetti”, es war “oh. Ja, sieht nett aus”. Ich meine, ich hatte ein Leben lang auf diesen Moment gewartet und dann war es so ohne Begeisterung und Euphorie. Es war still und schon positiv, aber eben so – wie soll ich das sagen – ich war erleichtert, dass der Penis weg war, aber irgendwie war es sehr unecht.

Auch in der Zeit danach, als ich keinen Verband mehr dran hatte, war das Bedürfnis mich anzusehen oder anzufassen kaum da. Die Beschäftigung mit meiner #mumu4nina war aufs medizinische beschränkt. Jahrelang hatte ich mir ausgemalt, wie es denn sein würde, wenn ich eine Vulva hätte und was ich alles damit anstellen würde und dann: keine Lust. Versteh mich nicht falsch, ich hatte Lust, also sexuelle Energie war jede Menge da, aber das Gefühl war nicht da.

 

Erst ein paar Wochen später fing ich an, mich erotisch mit mir auseinander zu setzen und in dieser Phase bin ich gerade noch. Ich lerne wieder einmal, mich zu befriedigen. Und seitdem ist es wirklich MEINE Mumu.

 

Beeindruckt hat mich schon bei unserem ersten Interview schon wie sehr Dich Jane bei allen Bereichen unterstützt: Haben die letzten Monate Eure Beziehung gestärkt, oder würdest Du sagen, dass da vieles auf einen zukommt, womit Ihr vielleicht nicht gerechnet hättet?

Jane: Ich würde eher sagen: Die letzten Monate haben unsere Beziehung durchaus vertieft. Gestärkt wurde sie schon im Lauf der letzten Jahre. Aber es ist auch so, dass man vorher wirklich nicht genau weiß, was alles auf einen zukommt. Man kann sich zwar belesen – aber Erfahrungsberichte von betroffenen Paaren sind sehr sehr rar. Letztlich war alles einfach ein Sprung ins kalte Wasser. Deshalb haben wir uns ja entschieden, in die Öffentlichkeit zu gehen. Damit auch andere sehen können: Partnerschaft & Trans*sein klappt!

 

Nina: Die Krankenkasse hatte sich mit der Bewilligung der OP einige Zeit gelassen. Das hat mich sehr belastet und diese Belastung wirkte sich natürlich auf die Beziehung aus.

Jane: Die Zeit bis zur Bewilligung war in der Tat schwierig. Bei jedem Brief der kam, gabs heftiges Herzklopfen. Du weißt nie, was als nächstes kommt. Als die OP dann bewilligt war, habe ich auf der Arbeit alles geregelt. Urlaub, Arbeitszeit usw. Schwierig war Ninas Krankenhausaufenthalt für uns alle, weil wir noch nie so lange voneinander getrennt waren.

Nina: Ich war überrascht, wie sehr ich Dich vermisste, als ich in Berlin lag. Ich muss schon sagen, damit hatte ich nicht so gerechnet. Naja, und danach kam der Krankenstand: So lange nichts tun können, war nicht sonderlich angenehm.

 

 

Immer wieder ist auch zu lesen vom Ärger mit dem Jobcenter und von Jobsuche: Wie sehe Dein idealer (Job)-Alltag aus? 

Nina_ Ich habe in diesem Jahr viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und festgestellt, dass wirklich viele Menschen Rat suchen. Das sind einerseits Betroffene, aber oftmals Eltern, Geschwister, Freunde, Menschen, die ein persönliches Gespräch suchen. Ich will meine Erfahrungen weitergeben und möchte nichts lieber machen, als beratend zu helfen. Inwieweit das hier auch umsetzbar ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der Bedarf definitiv besteht.

 

Für mich bist Du Nina, die Frau mit der Bombenstimme und mit der tollen Partnerin und erst dann denke ich an die (Trans)-Sexualiät: Welchen Umgang wünscht Du Dir von Menschen, die Dir das erste Mal begegnen in Hinblick auf Deine Weiblichkeit? 

 

Nina: Ach, meine Weiblichkeit ist immer wieder Thema und ich liebe den Punkt, wenn ich in einem Gespräch merke, dass die Menschen nicht mehr über mein trans* sein nachdenken. Das ist meistens dann, wenn das Gespräch von einem Thema zu einem ganz anderen wechselt… von trans oder “du warst ja im Fernsehen” zu Geburtstagseinladungen basteln oder Wartezimmerzeitschriften bei Gynäkologen.

Ich habe bis vor 1-2 Jahren fast ständig über mein trans* sein nachgedacht. Mode, Makeup, Hormone… ganz viele Gedanken, die irgendwie ständig präsent sind. Jetzt denke ich selbst kaum mehr über mein Geschlecht nach. Und diesen Punkt zu erreichen, war für mich lange unvorstellbar.

Welchen Umgang ich mir wünsche: respektvoll, offen und neugierig. Mir ist ziemlich egal ob die Menschen mich als Frau oder als trans Frau wahrnehmen. Auch Fragen zum Thema finde ich vollkommen okay. Ich bin nun mal trans und für viele Menschen wahrscheinlich die erste Person, der sie Fragen stellen können. Wenn gesunde Neugierde mit respektvollem Umgang passiert, dann finde ich das sehr schön. Und ich hab viel darüber gelernt, wie unterschiedlich trans* wahrgenommen werden.

 

Vielen lieben Dank, Nina und Jane.

 

Ihr habt auch ein Thema über das ihr in den Familienrollen mal befragt werden möchtet? Dann schreibt mir doch eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.