Markus kann gut mit Sprache umgehen, er wirkt recht empathisch und hat einen kleinen Sohn: Außerdem hat er auch noch Depressionen. Über sein Leben als “Depressionist”  bloggt er auf verbockt.com und in den Familienrollen erzählt er, was das Bloggen in ihm auslöst, was er macht, wenn ihm die Depression beim Familienleben in die Quere kommt und wie andere bei Depressionen helfen können. 

 

Du hast Depressionen, das vereint Dich mit vielen Leuten. Was allerdings nicht jeder macht: Du sprichst drüber. Wie kam es dazu?

 

Wissentlich habe ich seit circa 20 Jahren immer wieder depressive Episoden. Wahrgenommen habe ich das für mich aber in dem Rahmen nicht. Ich habe nur immer gemerkt, dass etwas mit mir nicht stimmt, wenn ich plötzlich zu nichts mehr Lust hatte, der Antrieb komplett weg war und ich kaum noch rausgehen konnte. Das Thema Depressionen kam das erste Mal auf, als ich 2009 in meiner zweiten Ausbildung war und mein damaliger Chef mich darauf angesprochen hat, dass doch mit mir was nicht stimmt. Ich würde zwar meinen Job gut machen, aber ich rede nicht mehr, ich lache nicht mehr und ich würde konsequent die Berufsschule schwänzen. Er hat mir den Hinweis gegeben, ich soll doch mal zum Hausarzt damit gehen. So bin ich am Ende zu meiner ersten Therapie gekommen.

 

2013 war ich nach einer zweiten Therapie und zwei abgebrochenen Therapien 16 Wochen in der Tagesklinik. Ich habe vorher schon meine Freunde informiert und eine lange Mail geschrieben, aber ich wollte sie mehr teilhaben lassen und habe den Blog unter einem Pseudonym am 01.05,2013 gestartet. Sie sollten lesen können, wie es mir geht, was mich bewegt und wie ich lebe. Ich wollte mich nicht mehr verstecken. Ein anonymes öffentliches Tagebuch. Das hat aber nicht lange gehalten. Es fühlte sich wieder wie verstecken an, wenn ich das nicht mit meinem Namen mache. Drei Blogbeiträge später wurde es “Herr Bock // Depressionist”. Ich nutze die sozialen Medien auch heute noch vorrangig nur, um meinem Kopf Entspannung zu verschaffen. Mein Blog ist mein Tagebuch, wo ich niemandem irgendwelchen Content abliefern muss. In den fast fünf Jahren habe ich aber verstanden, was ich mit meiner meiner Stimme und dem Schreiben bewirken kann. Für mich selbst, für andere und in der Gesellschaft. Aus meiner Not wurde eine Tugend. Und ich finde es einfach nur wichtig, dass wir über diese Thematik sprechen. Jeder aus seiner Sicht, mit seinen Auslösern, mit seinen Erfahrung. Die Krankheit und psychische Erkrankungen sind vielfältig.

 

 

Du bloggst, schreibst, podcast und twitterst über Dein Leben: Welche Dinge begegnen Dir?

 

Ehrlich? Bis jetzt ist mir auf jeden Fall nicht viel Negatives passiert. Es gibt keinen Bereich, in dem ich nicht damit konfrontiert werde. Das Thema gehört zu mir und es gibt kein Tabu. Gab es auch bei der Arbeit und bei Vorstellungsgesprächen nicht. Ich geh den Weg für mich ganz oder gar nicht. Das macht es sicher nicht immer einfacher, aber es ist der richtige Weg. Zumindest für mich. Ich empfehle keine Offenheit, das muss jeder selbst entscheiden. Mir begegnen viele tolle Dinge. Menschen, die sich in meinen Worten auch erkennen und diese an Bekannte, Partner, Freunde, Familie weitergeben, ohne sie selbst aussprechen zu müssen. Menschen, denen ich eine Stimme gebe, weil sie die Worte nicht finden. Auch Menschen, die sich damit nicht alleine fühlen. Leseabende sind da immer sehr bewegende Momente.

 

Da auch mal Rückmeldungen von Fachleuten, die sich für die tiefen Einblicke bedanken, weil ihre Patienten nicht mal so offen sind. Ich erreiche auch viele Angehörige, die einen anderen Blick und Bewusstsein für “ihre Liebe” schaffen. Ich erreiche Menschen, die in Therapien sind, aber jetzt merken, dass sie die wirklich wichtigen Themen noch gar nicht angesprochen haben. Vor allem begegne ich aber mir. Ich stelle mich mit meinem Handeln meinen Ängsten, habe Mut, probiere mich aus und vertraue auf mein Können. Ich finde mit all dem auch einen Weg zu mir. In Gesprächen gibt es auch oft Anregungen für mich, die mich länger beschäftigen.

 

 

Wenn Du von Deiner eigenen Kindheit sprichst, wirkt es sehr traurig, wie Du darüber twitterst, dass Du gehofft hast, doch noch einmal bekuschelt zu werden, vorm Einschlafen. Selbst schreibst Du” Ich ein ein erwachsenes Kind aus einer alkoholkranken Familie”: Wie ist der Kontakt zu Deiner Ursprungsfamilie heute? 

 

Ach herrje. Ja, es klingt traurig. Ich habe aber meiner Kindheit und meinen Eltern vergeben. Sie haben über zu lange Zeit zu viel Alkohol getrunken. Das prägt. Es prägt dich auch, wenn du ständig lügen musst oder Mist machen musst, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Da spielt sich dann eben das Programm auf der Festplatte im Kopf falsch auf. Sie haben zwar versucht, sich im Rahmen der Möglichkeiten um mich zu kümmern und haben auch viel möglich gemacht, aber dennoch gab es die Alkoholprobleme.

 

Wenn du als 16jähriger zu den anonymen Alkoholikern gehst, damit du Hilfe und Informationen bekommst, dann ist was. Ja, da bleibt auch Liebe und Geborgenheit auf der Strecke. Und wenn ich dann immer nur Ärger bekomme, weil ich Mist machen muss, dann ist das nicht hilfreich. Mein Leben lang war ich auf der Suche nach Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Nähe, Vertrauen, Geborgenheit. Bekommen habe ich sie nicht. Bekommen habe ich die emotionale Erpressung, Erwartungen und das Gefühl, nie irgendwas zu schaffen oder richtig zu machen. Aus der Spirale komm dann mal raus. Ich habe seit Jahren den Kontakt abbrechen wollen, habe Gespräche gesucht, Briefe geschrieben, mich erklärt, aber geklappt hat das auch nicht. Zu groß war der Wunsch nach dem einen Mal: “Markus, wir sind stolz auf dich.” Das kam nicht mal bei der Geburt meines Sohnes.

Der Kontakt heute ist weg. Meine Mutter hat hier den Anrufbeantworter terrorisiert mit Vorwürfen und aberwitzigen Aussagen, dass ich hinfahren musste und ein für alle Mal Klarheit schaffen musste. Irgendjemand hat ihr meinen Blog ausgedruckt. Das Ergebnis? Hier: http://verbockt.com/2017/05/spieglein-spieglein/

Es gab auch noch zwei Vorfälle im Nachhinein, die einfach nur bestätigen, dass dieser Weg gut und richtig war. Ich bin frei und erwachsen geworden. Ja, manchmal suche ich noch die Nähe und Geborgenheit. Nur diesmal gesünder und vernünftiger.

 

Ich schäme mich nicht dafür, dass ich ein Mann bin, der auch mal einen Arm braucht, der ihn hält. Der wichtigste Halt – meine Omma – ist leider Ende Februar verstorben. Jetzt bin ich für mich allein und muss endgültig den Schritt machen, mir das zu geben, was ich so sehr gebraucht habe. Auch da zeigen die Reaktionen, dass es viele Menschen gibt, die durch irgendwelche Umstände keine so wundervoll behütete Kindheit hatten – oder eine sehr beschissene Kindheit. Es zeigt aber auch, dass wir immer noch Kinder sind und den Wunsch nach der Nähe haben.

 

 

Seit zwei Jahren bist Du selbst Vater: Wie häufig kommt Dir dabei Deine Krankheit in die Quere und wie gehst Du damit um?

 

Die kam mir in 2 1/2 Jahren nur ein Mal in die Quere. Ich konnte damit überhaupt nicht umgehen. Ich hatte 3 Wochen, wo ich kaum für meinen Sohn dasein konnte und es hat mich zu allen den anderen Dingen wahnsinnig gemacht. Ich war immer stolz darauf, dass mir das eben nicht passiert. Und dann doch. Es war wichtig. So haben wir hier als Familie doch funktioniert, weil meine Frau viel übernommen hat. Nicht alles, aber sehr viel.

 

Die Herausforderung ist, mich nicht komplett abzunabeln und zu verstecken, sondern mich auf meinen Sohn einzulassen. Ich weiß, wie viel es mir bringt, wenn ich mich auf sein Spielen, Reden, Lachen, Toben einlasse. Rückzug war die denkbar schlechteste Option, als bin ich präsent geblieben und habe jeden Tag damit gekämpft, die Gedanken abzustellen, dass ich kein guter Vater bin.

 

Die größte Herausforderung war und ist die Offenheit. Wie viel sagen wir? Was sagen wir? Am Ende gibt es nur eine Antwort: alles. Keine Geheimnisse. Wir sprechen darüber. Nur so kann er verstehen, was passiert, wenn es mir mal nicht gut geht. Und wir vermitteln es auch so, dass er nicht einmal Schuldgefühle haben muss. Ansonsten habe ich ein gesunde Stabilität entwickelt und ich möchte auch einfach nicht, dass mir die Krankheit bei ihm in die Quere kommt.

 

 

Depression: Was sagst Du, woran erkennt man eine Depression an sich selbst und an anderen. Und vor allem: Wie kann man helfen? 

 

Ich kann dir leider keine generalisierte Antwort geben. Hellhörig sollte man werden, wenn Menschen sich plötzlich zurückziehen, ihren Hobbys nicht mehr nachgehen, Gespräche aufs Wesentliche beschränken oder gar nichts mehr sagen. Das Ganze sollte länger als 2 Wochen gehen, dann wären Gespräche auf jeden Fall angebracht.

 

Die beste Hilfe: Reden. Angebote machen. Nicht weglaufen. Nicht in Ruhe lassen. Nicht bewerten, verurteilen, Arbeiten abnehmen, klein reden oder ähnliches. Ernst nehmen und respektieren. Das ist das A und O. Unterstützen und Angebote machen. Statt Nachrichten zu schreiben, einfach mal anrufen oder wieder hingehen. Und nicht locker lassen.

 

Manche Angebote klappen erst nach dem zweiten oder dritten Mal. Betroffene wünschen sich die Hilfe, aber es ist ihnen auch peinlich, diese anzunehmen, weil sie auch erstmal eingestehen müssen, dass sie bestimmte Teile gerade nicht können. Und wer macht das schon gerne? “Ach, ich kann im Moment nicht aufstehen, kann nicht duschen, schaffe den Haushalt nicht, kann nicht einkaufen, bitte hilf mir.” Wer sagt das so? Fast niemand. Wenn überhaupt wer. Angebote zur Unterstützung machen. Das hilft.

 

Auch Angebote für das Wahrnehmen von Hilfen. Therapien, Notfallambulanzen, Selbsthilfegruppen, Kliniken, Tagesstätten, Mailberatung, Telefonseelsorge, Therapeuten. Nicht vorschreiben, sondern anbieten, mit hinzugehen. Stellen raussuchen, sich selbst informieren – aber! nicht mit Wissen prahlen, sondern einfach aufnehmen. Oder auch mal selbst zu einer Gruppe für Angehörige gehen, Menschen mit Blogs anschreiben – die meisten geben bereitwillig Auskunft, für beide Seiten.

 

Vielen lieben Dank für den Einblick in Dein Leben.

 

Ihr habt auch ein Thema das Ihr in den Familienrollen mal behandelt haben möchtet? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com