Heute geht es erstmalig in den Familienrollen um Religion: Julia erzählt, wie sie mit ihrer Familie ihr Heidentum lebt und verrät, was sich unter dem Begriff  “pagan” eigentlich  verbirgt. 

 

Du bist pagan: Was genau bedeutet das?

Das Wort “pagan” kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie “heidnisch”. Heutzutage wird dieses Wort oft benutzt, um Menschen zusammenzufassen, die sich auf irgendeine Weise vorchristlichen, polytheistischen Religionen und/oder Naturspiritualität zuwenden. Die Richtungen sind vielfältig. Hier in Deutschland sind es viele Leute, die sich auf Götter aus dem so genannten germanischen Raum beziehen und aus dem keltischen Raum, aber auch aus anderen polytheistischen Pantheons wie dem hellenistischen, slawischen oder ägyptischen. Auch Wicca spielt eine Rolle.

Eine pagane Religion existiert also nicht und ob sich all diese Menschen gern mit dem Begriff “pagan” benennen lassen würden, ist auch fraglich. Deshalb lässt sich nicht erfassen, wie viele Menschen in Deutschland dieser Richtung angehören.

 

Es gibt so einige Vereine und andere Organisationen, aber keinerlei Register und keine Möglichkeit der Zählung.

 

Wahrscheinlich hattest Du vorher eine andere Religion oder eben keine: Warst Du auf der Suche und wie bist Du genau dazu gekommen?

 

Vorbereitung auf die Geburt vom zweiten Kind.

Meine Eltern sind Atheisten und eher religionsfeindlich. Mich faszinierte schon als Kind das mystische, magische, die Natur und das Übernatürliche. Mit etwa zehn Jahren entdeckte ich ein Kinderbuch über griechische Mythologie und war ganz verzaubert von diesen Göttinnen und Göttern mit ihren konkreten Aufgaben und Attributen und sie sind mir bis heute im Herzen geblieben. Ich wünschte mir, diesem alten Glauben folgen zu können und fragte mich, ob ich mit diesem Wunsch wohl allein auf der Welt wäre. Von da an war ich tatsächlich auf der Suche nach einer Möglichkeit, diesen Weg zu gehen. Ich begegnete irgendwann dem Satanismus, dann Magie, aber nie hatte ich Menschen zum echten Austausch. Schließlich war aber endlich das Internet soweit herangewachsen, um mir zu helfen und endlich fand ich Gleichgesinnte, damals in Form eines keltischen Ordens. Über diesen kam ich auch mit meinem Mann zusammen.

Seitdem suchen wir immer mal wieder nach Gemeinschaft und stellen auch immer wieder fest: man begegnet sich, lernt voneinander und dann trennt man sich. Vielleicht ist das überall im Leben so, doch es ist manchmal schade, keine feste Gemeinschaft zu haben. Dazu sind die Heiden aber vielleicht einfach zu individualistisch.
Auch spirituell habe ich mich immer wieder entwickelt und versucht, die eine passende Richtung für mich zu finden. Es ist mir nie gelungen. Ich greife mir einfach immer aus verschiedenen Richtungen das für mich Passende.

 

Wie kann man als Familie pagan leben?

Das versuchen wir jetzt herauszufinden und darum geht es auch auf meinem Blog (www.Hausaltar.wordpress.com). Unsere Tochter ist ja erst drei Jahre alt, wir tasten uns also erst noch ran. Wir leben ihr unseren Glauben offen vor, erklären und lassen sie teilhaben, wenn sie möchte. Ein Ritual mit Gesang, Essen und Lagerfeuer ist eigentlich ein ganz guter Platz für Kinder. Allerdings nur, wenn das Kind gerade gute Laune hat, es nicht zu kalt ist oder regnet und nicht zu langweilig ist… Naja, manchmal klappt’s und manchmal nicht!

Ein Hausaltar, auf dem mit Naturmaterialien der Jahreszeit entsprechend geschmückt wird. Zum Heidentum gehört meist eine starke Naturverbundenheit, ein bewusstes Leben mit den Jahreszeiten. Das spielt ja auch bei anderen Familien mit Kindern oder in Kitas oft eine Rolle: schauen, was wächst, Tiere beobachten, dankbar sein für die Geschenke der Natur.

Wie reagiert Euer Umfeld auf Eure Religion?

 

Wir leben in Berlin und hatten hier bisher nie Probleme, denn die Großstadt ist anonym und tolerant. Unser persönliches Umfeld ist nochmal offener in toleranter, glaube ich.

Bald wird aber die Zeit kommen, in der unser Kind außerhalb von zu Hause noch mehr über unseren Alltag erzählen wird. Vielleicht sagt sie dann: “Wir waren bei einem Ritual mit Hexen und Druiden.” Und dann werden wir sehen, wie Leute aus der Kita oder ihre atheistische Oma reagieren.

 

Was wünscht Du Dir für Deine Tochter für die Zukunft?

Ich wünsche meiner Tochter Glück und Erfüllung auf allen ihren Wegen, auch auf dem spirituellen. Welcher auch immer der ihre sein wird.

Manchmal ist die Vorstellung schön, dass die Kinder die eigenen Interessen teilen – Bücher, Hobbies, Religion. Aber es ist eben auch schön zu sehen, wie Kinder ganz eigenständige Menschen sind. Naja, mal sehen, wie herausfordernd das noch wird! Auf jeden Fall möchte ich, dass mein Kind selbstbewusst und frei ist und seinen eigenen Weg findet.

Darüber hinaus wünsche ich mir natürlich eine Gesellschaft, die offen und tolerant ist und vielleicht ein bisschen was über das moderne Heidentum weiß und diesem mit Respekt begegnet.

 

Vielen lieben Dank für Deine Antworten, Julia. 

 

Für die Familienrollen suche ich immer wieder Interviewpartner, die mir von ihrem Familienleben erzählen: Wenn Ihr glaubt, dass Eure Familie da gut reinpassen würde, dann schreibt mir doch einfach eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.