Von Berlin in den Speckgürtel: May ist mit ihrer Familie aufs Dorf gezogen. In den Familienrollen erzählt sie, wo sie auf Engstirnigkeit trifft und warum sie trotzdem wahrscheinlich dort bleiben will. 

Du twitterst über das Leben im Vorort und das Arbeiten in Berlin: Was ist der herausragendste Unterschied zwischen Deinem alten Leben im Berliner Szenekiez und das Leben im Vorort?

Der Kiez ist bunt, weltoffen und tolerant, mein Gefühl war immer: Hier hat jede*r die Freiheit, „nach seiner Façon selig zu werden“.

Der Vorort dagegen bietet andere Freiheiten, für meine Kinder heißt das vor allem, sich frei bewegen zu können. Einen großen Garten, so dass wir im Sommer nicht in den Park müssen, wenn wir raus wollen, sondern einfach aus der Tür treten können.

Folgt man Dir auf Twitter, könnte man glaube, dass der ganze Vorort voller intoleranter politisch rechtsstehender Menschen: Ich hoffe ja, dass mein Eindruck täuscht, tut er das?

Vielleicht vermittele ich doch etwas zu stark diesen Eindruck, weil mich der Unterschied zu den Menschen, die ich vorher um mich herum hatte, auch nach fast sechs Jahren noch schockiert. Denn „rechts“ ist sicher Auslegungssache. Die Wahlergebnisse für die AFD sind zum Glück immer eher niedrig, die der CDU dafür sehr hoch.

Als 2015 diskutiert wurde, eine Flüchtlingsunterkunft in unserem Ort zu errichten, hat sich sofort eine Willkommensinitiative gegründet. Ich war so froh! Auf der anderen Seite war das, was ich außerhalb dieser Willkommensinitiative im Alltag, bei Gesprächen in der Kita oder in der Bahn, gehört habe, meist negativ. Die Menschen um mich herum sorgten sich um sinkende Grundstückswerte und darum, dass sie ihre Kinder nicht mehr allein auf die Straße lassen können. Sie waren teilweise sehr wütend. Das hat mich schon erschreckt. Aber über jeden bekannten Menschen aus dem Ort, den ich dann trotzdem auf den Veranstaltungen der Willkommensinitiative gesehen habe, habe ich mich riesig gefreut. Denn ja, es gibt auch diese Menschen!

Insgesamt aber ist der allgemeine Konsens sehr viel intoleranter als im Kiez. Ordnung und Leistungsbereitschaft werden geschätzt, Individualität, Reflektion und Toleranz weniger.

Woran merkst du das?

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Zu denken gab mir ein Gespräch mit Bekannten aus dem alten Kiez, die sagten „Wir könnten ja nicht in den Vorort ziehen, weil wir lesbisch sind“. Ich hätte das früher nicht gedacht, nicht erwartet, dass direkt hinter der Stadtgrenze die Ausgrenzung anfängt. Aber sie hatten Recht.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mit meiner Tochter zu Besuch bei einer Kindergartenfreundin war. Die Kinder stritten sich darum, wer beim Vater-Mutter-Kind die Mama sein darf. Ich machte den Vorschlag: „Ihr könnt doch beide die Mutter sein. Solche Familien gibt es doch auch.“ Die Mutter des anderen Kindes reagierte mit: „Ich möchte nicht, dass mein Kind homosexueller Propaganda ausgesetzt wird, weil ich denke, es könnte davon homosexuell werden.“

Ich war perplex. So etwas hatte ich mein ganzes Leben noch nicht gehört – und ich bin auf dem Land aufgewachsen. Als ich diese Geschichte kurz darauf einer anderen Bekannten aus dem Ort erzählte, reagierte sie mit: „Naja, für Homosexuelle bin ich ja auch nicht so.“

Da habe ich mich dann schon gefragt, ob wir am falschen Ort gelandet sind. Ich meine, das sind die Mütter der Freund*Innen meiner Kinder. Oberflächlich wirklich sehr nette Menschen. Aber eben so intolerant. Welchen Einfluss hat das auf meine Kinder?

Merkst du einen schlechten Einfluss auf deine Kinder?

Manchmal. Noch nicht mit echter Ausgrenzung, weil wir ja auf den ersten Blick nicht so „anders“ sind.

 

Aber wenn meine Tochter sich in der Schule quält, weil der Leistungsanspruch anderer Eltern so hoch ist, dass viele schon vor Schulbeginn lesen können und sie sich dann dumm fühlt. Oder wenn mein Sohn sich nicht traut, etwas „Hübsches“ anzuziehen, weil sein Freund in der Kita dann sagt, „Das ist für Mädchen“.

Inzwischen denke ich aber, dass es eher andersherum ist: Es braucht genau dann Widerspruch. Es braucht vor allem auch tolerante Menschen im Vorort, hier können wir mehr bewegen, als im Kiez, eben weil der Weg noch so weit ist. Weil die Vielfalt fehlt. Toleranz ist ja am einfachsten zu lernen, indem man unterschiedlichen Menschen begegnet. Wenn es die aber nicht gibt – wie sollen es die Menschen hier lernen? Vielleicht zumindest durch ein paar Widersprüche, durch Denkanstöße, durch uns.

Kannst du sehen, dass du dadurch etwas bewegst?

Die Mutter, die sich gegen homosexuelle Propaganda ausgesprochen hatte, hat mir ein paar Jahre später das Buch eines homosexuellen Autors geschenkt. Und ein Interview dazu ausgedruckt. „Das fand ich ja ganz interessant, er ist ja homosexuell“, sagte sie dazu. Und auch wenn sie es nicht direkt gesagt hat, so habe ich das als eine Art Eingeständnis verstanden, ein „Vielleicht ist es doch nicht so schlimm“, was mir viel bedeutet hat. Und weil ich solche Fortschritte sehe, fühle ich mich nicht fehl am Platz, sondern genau richtig.

Meine Kinder zum Glück auch. Besonders die Große merkt zwar schon, dass wir ein bisschen anders sind, aber „Ich mag ein bisschen anders sein“. Wenn Kinder in der Schule versuchen, sie aufzuziehen, weil sie eine Jungs-Jacke trägt, sagt sie „Die ist für alle“ und ärgert sich nicht, sondern freut sich, denn „Dann sehen die mal, dass das auch geht.“ Und selbst mein Sohn, der sensibler reagiert, wenn er ausgelacht wird, ist gestern aus der Kita gekommen und hat gesagt: „Mein Freund fand mein T-Shirt gut. Ich hatte ja Angst, dass er wieder sagt, das ist für Mädchen, weil die Schrift rosa ist, aber er hat gesagt, er findets gut“. Es sind nur kleine Schritte – aber meinem Gefühl nach auf dem richtigen Weg.

Hetze gegen Flüchtlinge, Konzerte gegen Rechts und Demonstrationen: so die Nachrichtenlage der letzten Wochen. Was spielt davon in welcher Form bei Euch im Vorort eine Rolle?

Ich habe bei uns im Ort ehrlich gesagt nicht viel davon mitbekommen. Positiv gesehen: Es gab eben zuletzt keine Hetze gegen Ausländer. Und ich denke, in der Form, wie in Chemnitz würde es die auch nicht geben. Sollte es hier mal zwei Demonstrationen geben, eine rechte und eine linke, dann bin ich trotz allem davon überzeugt, dass die linke deutlich größer wäre. Obwohl hier kaum jemand links ist. Aber richtig rechts eben noch weniger. Zum Glück!

Du versuchst Deinen Kindern das Gute vom Land und die Nähe zur Großstadt zu zeigen: Wie gut gelingt der Spagat?

Die Kinder lieben den Garten. Sie haben selbst in diesem Frühjahr gesagt: „Wir wollen ein eigenes Beet“ und dann haben sie mit meiner Unterstützung umgegraben, geharkt, gesät und gewässert und sich am Ende strahlend Radieschen und Erbsen geerntet. Sie klettern auf Bäume, suchen Geheimverstecke und Schätze im Wald, baden im Pool und wenn der Pool abgebaut ist, nutzen sie die Erdfläche darunter für ausgiebige Matschspiele. Sie beobachten Eichhörnchen und Vögel. Auch wenn die Nachbarn unseren Garten gern etwas weniger „naturnah“ hätten, sie haben aufgegeben, etwas dagegen zu sagen. Dieser Punkt ist also fast genau so schön wie ich ihn mir vorgestellt habe. Jetzt, wo die Kinder noch klein sind, ist auch die begrenzte Größe des Ortes super. Es ist alles überschaubar, aber auch alles vorhanden. Sportverein, Einkaufsmöglichkeiten, Amt, Bibliothek, Kita, Schule, Jugendclub usw. sind alles in 5-15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar. Das ist toll. Trotzdem fahren wir auch ab und zu nach Berlin rein und für die Kinder ist es immer ein Erlebnis. Sie sind fasziniert von den vielen unterschiedlichen Menschen, Geschäften und anderen Eindrücken. Oft sind ihnen genau diese Eindrücke aber auch zu viel. Die Antwort, wenn ich am Wochenende einen Ausflug nach Berlin vorschlage, ist meist: „Ach nein, lass uns lieber zuhause bleiben“.

Wenn sie größer werden, kann ich mir gut vorstellen, dass sie die Vielfalt, das Nachtleben etc. vermissen werden. Während es tagsüber bequem ist, in die Stadt reinzufahren, fährt nachts fast gar nichts. Mal sehen, das lassen wir auf uns zukommen.

Folgt man Dir auf Twitter sieht man, der Garten ist toll, aber ansonsten liegt es einiges im Argen in der Vorstadt: Bleibt Ihr dort, wo Ihr wohnt?

Ich denke schon. Aus dem einen Grund, dass die Kinder hier glücklich zu sein scheinen. Dass es für sie genau das richtige ist. Der wichtigste Grund für uns wegzuziehen, wäre im Moment noch, dass wir in der Einflugschneise vom Flughafen Tegel wohnen. Der sollte eigentlich genau dann schließen, wenn wir umziehen, aber naja, die Geschichte ist bekannt. Dabei haben wir bei der Haussuche sogar sehr darauf geachtet, Lärm zu vermeiden, haben den gesamten Süden Berlins ausgeschlossen, obwohl da unsere Verwandten leben, weil wir befürchtet haben, irgendwann in der Einflugschneise des BER zu landen. Aber zu dem Zeitpunkt, als wir gesucht haben, gab es diese Terminverschiebungen noch nicht, die Eröffnungsfeier des BER war geplant und die Tickets für danach wurden ab BER verkauft. Wir hatten keinen Zweifel an der Schließung Tegels. Nun: Shit happens.

Leider ist das tatsächlich eine deutlich größere Belastung, als man es sich von Außen vorstellen kann. Besonders mein Mann, der hochsensibel ist, leidet sehr. Die Kinder wachsen damit auf, bei der Wettervorhersage auf die Windrichtung zu achten, weil sie wissen, dass es Auswirkungen auf die Stimmung vom Papa hat und ihn nicht zu fragen, ob er mit in den Garten kommt, weil sie wissen, dass er es da nicht aushält. So etwas wünscht man sich nicht. Sollte der Flughafen wider Erwarten also doch geöffnet bleiben, müssten wir wohl wegziehen. Das wäre aber sehr schwierig, weil der Markt sich so unglaublich entwickelt hat und auch der Aufwand, der damit verbunden ist, eine große Belastung ist. Und am Schlimmsten: Ich hätte tatsächlich das Gefühl, dass ich die Kinder aus einem Zuhause reißen würde, das sie lieben. Und das sagt ja dann am meisten darüber aus, dass es eigentlich eben doch der richtige Ort für uns ist.

Vielen lieben Dank, May. 

Großstadt, Dorf oder etwas dazwischen: Wo lebt Ihr und wie tolerant nehmt Ihr das Umfeld dort wahr?

May heißt in Wahrheit anders, um alles frei erzählen zu können, möchte sie im Internet nicht mit ihrem echten Namen auftauchen.

Ihr habt auch eine Geschichte zu erzählen über die Ihr in den Familienrollen mal reden wollt? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.