In einem Gastbeitrag erzählt Lisa, wie sie sich von ihrer alkoholsüchtigen Mutter abwendet: Sechs Jahre später sieht vieles anders aus, im Familienrollen-Interview erzählt sie davon.

Im Artikel schreibst Du, dass Du Dich von Deinen Eltern abwenden willst und wegen des Suchtproblems nicht in ihre Nähe ziehen willst. Der Artikel ist sechs Jahre alt. Wie geht es Deiner Mutter heute?

Es geht ihr besser. Ich habe seitdem tatsächlich keinen „großen Absturz“ mehr erlebt. Vielleicht waren diese Momente damals wirklich ein Grund für sie, sich zusammenzureißen. Vielleicht auch andere Erlebnisse in der Familie. Sie hat ihre Sucht auf jeden Fall viel besser im Griff. Wer weiß, heute würden wir die Entscheidung mit dem Umzug vielleicht anders treffen. Aber heute sind wir in Köln auch viel tiefer verwurzelt.

Im Vorfeld hast Du erzählt, dass Deine Mutter nicht mehr trinkt, aber dennoch Drogen konsumiert. Woher weißt Du das?

Ja, ich denke, dass sie noch regelmäßig Betäubungsmittel nimmt, ohne sagen zu können, was es ist. Wahrscheinlich Tabletten oder Cannabis. Manchmal merkt man ihr an, dass sie „nicht ganz da“ ist. Wobei „man“ nicht ganz richtig ist, mein Mann bemerkt es zum Beispiel eher nicht. Vielleicht wundert er sich mal über eine Aussage, aber nicht so sehr, dass er auf die Idee kommt, dass sie etwas genommen hat. Fremde würden es wohl gar nicht merken.

Bei mir ist das anders: Ich habe ja jahrelang Erfahrung damit, Veränderungen an ihr wahrzunehmen, um zu prüfen, ob sie getrunken hat. Das geht nicht weg. Ich merke es sofort und werde misstrauisch, wenn sie unkonzentriert oder betäubt wirkt. Aber sie scheint es unter Kontrolle zu haben. Ich spreche sie selten darauf an. Wenn doch, sagt sie genau das, dass sie es unter Kontrolle hat. Und es wird tatsächlich gefühlt immer besser. Ich weiß nicht, vielleicht reduziert sie die Dosis? Ich würde da gern mal offen mit ihr drüber sprechen. Aber sie hat einfach so lange gelernt, dieses Thema zu verheimlich und Ausflüchte zu finden, dass sie das einfach nicht kann.

Mittlerweile hast Du zwei Kinder: Wie ist die Beziehung der Kinder zu den Großeltern?

Die Beziehung ist super. Meine Kinder lieben ihre Großeltern, auch die Oma. Meine große Tochter hat uns zu Beginn der Schulzeit damit überrascht, dass sie die Ferien bei Oma und Opa verbringen wollte. Das hat uns in Bezug auf dieses Thema viele schlaflose Nächte gekostet. Denn klar ist, dass es für das Kind wirklich wunderschön bei meinen Eltern ist – aber eben auch, dass meine Mutter aufgrund des nicht-Nüchternseins eigentlich nicht allein die Verantwortung tragen kann.

Wir haben uns diese Entscheidung echt nicht leicht gemacht. Aber letztendlich hat den Ausschlag gegeben, dass meine Mutter eben nicht allein mit den Kindern ist, mein Vater ist ja auch da, und, dass meine Tochter mit ihren dann sieben Jahren wirklich schon gut auf sich selbst aufpassen konnte. In dem Sinne, dass sie sich sehr vorsichtig verhält, sich an Verbote hält usw. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in eine gefährliche Situation gerät und dann meine Mutter allein mit ihr ist und nicht weiß, was sie tun soll, war am Ende dann doch sehr gering. Daher durfte sie fahren. Und verbringt seitdem alle Ferien bei den Großeltern.

Deine Mutter ist suchtkrank, Dein Vater ist es nicht. Wie gleicht er aus: als Mann/als Vater/als Opa?

Das Ding ist, so wie es im Moment ist, muss er eigentlich nichts ausgleichen. Meine Mutter „funktioniert“ ja. Er ist also einfach der Opa und Vater, der er immer war. Würde er allerdings ausfallen, würden wir uns die Frage, ob die Kinder zur Oma dürfen, neu stellen. Denn klar, er ist schon unser „Sicherheitsgarant“.

Wissen Deine Kinder von Deinen Ängsten über die Probleme der Großmutter und war Dir das in Deiner eignen Kindheit schon bewusst?

Ja, ich thematisiere das, gerade bei der großen Tochter. Ich spreche darüber, was Drogen mit Menschen machen und dass Sucht eine Krankheit ist, für die niemand etwas kann, aber mit der wir umgehen müssen, auch sie. Wenn Oma komisch sein sollte, wenn sie mal allein mit ihr ist, soll sie zum Beispiel einen anderen Erwachsenen ansprechen oder mich anrufen. Ich glaube, dieser Aspekt, das als Krankheit zu betrachten, der hilft. Sie merkt, dass ich ihre Oma nicht verurteile.

Wenn sie mit ihrer anderen Oma, die deutlich älter ist als meine Mutter, allein wäre, und diese hätte zum Beispiel einen Schlaganfall, dann müsste sie ja auch Hilfe rufen. Eigentlich ist es nicht viel anders. In meiner eigenen Kindheit war es aber ganz anders. Ich habe die Sucht nicht verstanden, sie war aber auch nicht ständig präsent, weil meine Mutter auch damals trotzdem funktioniert hat. Aber in der Pubertät habe ich sie sehr stark in Frage gestellt deswegen, eigentlich bis zur Geburt meiner Tochter. Diese ganzen Fragen, die ich auch in meinem Text geschildert habe: Ob das durch die Sucht bedingte Verhalten etwas mit mangelnder Liebe zu tun hat, die habe ich mir schon gestellt. Und bin erst sehr spät darauf gekommen zu sagen: Nein, hat es nicht. Sie hat mich immer geliebt. Sie hatte nur selbst eine Kindheit, die so schlimm war, dass sie die Erinnerung ohne Betäubungsmittel nicht aushält.

Vor einiger Zeit hatte ich eine Interviewpartnerin deren Mutter ein Alkoholproblem hat. Die junge Frau zog daraus die Konsequenz selbst nicht zu trinken. Wie stehst Du dazu?

Ich hatte, seit ich angefangen habe Alkohol zu trinken, die Regel, das nie allein zu tun. Weil meine Mutter immer heimlich allein getrunken hat, dachte ich mir, dass mich dies schützen würde. Tut es wahrscheinlich auch. Aber insgesamt trinke ich sowieso wenig. Ich mag den Geschmack nicht besonders und ich brauche den Effekt nicht. Ich trinke alle zwei Monate oder so mal Alkohol, eigentlich vor allem aus gesellschaftlichem Verpflichtungsgefühl. Was ja total falsch ist, aber sich davon frei zu machen ist wirklich nicht leicht. Und in einer geselligen Runde mag ich es dann auch. Aber ich finde wirklich, dass der Umgang in der Gesellschaft insgesamt viel zu sorglos ist.

Was wünscht Du Dir von und für Deine Mutter für die Zukunft?

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich wünsche mir nicht, dass sie lernt, ohne Betäubungsmittel auszukommen. Ich glaube, das kann sie nicht schaffen. Vielleicht wäre es gut, wenn sie sich in Therapie begeben könnte und es zumindest begleitet tun würde… Aber ich kenne sie: Die Wahrscheinlichkeit ist gering. Und dann ist es ja tatsächlich so, dass sie es im Griff hat, seit vielen Jahren jetzt. Von daher: Soll sie doch einfach so weitermachen, wie bisher. Ich würde mich freuen, wenn sie es schafft, so glücklich zu sein, weiterhin eine so tolle Oma zu sein. Sie ist nicht perfekt. Aber sie ist schon einen sehr weiten Weg gegangen. Ich bin stolz auf sie.

Vielen Dank, Lisa.

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