Umrisse in Sonne

Melanie (Name geändert) trinkt keinen Alkohol mehr. Warum sie sich dazu entschlossen hat, was Ihr Umfeld dazu sagt und wie sie ihrer Tochter das Thema Sucht vermitteln will, das erzählt sie in den Familienrollen, die hier immer am Donnerstag erscheinen.

 

Du bist Mutter einer kleinen Tochter und hast vor einem Jahr beschlossen, dass Du nie wieder Alkohol trinken willst: Wie kam es zu dem Plan?
Der Plan wurde am Tag nach meinem Geburtstag getroffen. An diesem hatte ich wieder einmal geraume Mengen an Alkohol konsumiert. Ich bin Studentin, da ist das ja gesellschaftlich akzeptiert, doch fühlte ich mich einfach unwohl. Und das lag nicht nur an dem Kater. Ich hatte kurz zuvor einen Termin bei meinem Hausarzt gehabt und dort wurde eine sich leicht verfettende Leber festgestellt. Es bestand noch kein Handlungsbedarf, doch es schockte mich aus mehreren Gründen. Zum einen bin ich jung ( Anfang 20) da sollte man noch keine Fettleber haben, zum anderen musste ich mich einem Problem stellen, dem ich bis dato aus dem Weg gegangen bin. Dem der Sucht.

 

In meiner Familie sind Süchte quasi ein Markenzeichen. Zigaretten, Alkohol, Drogen. You name it, thy have it. Bis dahin dachte ich, dass ich meinen Alkoholkonsum unter Kontrolle hatte. Doch ich musste mir eingestehen, dass dem nicht so war. Dass ich auf dem besten Weg war wie meine Mutter und meine Schwester zu enden: Alkoholabhängig. Ich nutzte Alkohol um über meine Probleme, meine traumatische Kindheit hinwegzukommen. Aber das wollte ich nicht mehr. Ich verspürte einen Kinderwunsch und fragte mich was für ein Vorbild ich sein möchte. Zudem nahm ich knapp 30 kg zu und die ganzen Cocktails hatten sicherlich einen Part dabei. Also dachte ich mir: Adieu Alkohol. Es war (meist) schön, aber f**k off.

 

 

Stillend mit Baby wird keiner verwundert sein, dass Du “Nein” sagst zum Glas Wein oder zur Flöte Sekt: Wie glaubst Du reagiert Dein Umfeld in Zukunft auf Dein Vorhaben?

 

 

Mein Mann akzeptiert es. Ist ja mein Körper, also meine Entscheidung. Ich rede ihm ja auch nicht rein. Meine Freunde akzeptieren es auch. Eine gute Freundin meinte: „ Nach der Geburt können wir wieder richtig trinken gehen.“ Als ich das ablehnte wurde das hingenommen. Was sollen sie auch machen? Mich zum trinken zwingen?
Meine Mutter und mein Bruder werden wohl sehr froh darüber sein. Beide kennen die Anzeichen einer Sucht ja aus eigener Erfahrung und warnten mich schön öfter davor.
Und was der Rest sagt, ist mir eigentlich egal.
Was mir größeres Kopfzerbrechen bereitet sind tatsächlich die Reaktionen darauf f, dass ich abnehmen will. Ist ja nicht so, als ob ich nur ein Alkoholproblem gehabt hätte. Ich habe zudem versucht meine Probleme wegzuessen. Eine verdammt blöde Angewohnheit, weil Essen Probleme genauso wenig löst, wie Alkohol trinken.

 

Die Menschen sind zwar begeistert von der Idee des Abnehmens, aber wenn ich dafür auf gemeinsames Essen gehe verzichte oder eben mal aussetze und nichts esse, dann kommen die Animationen „Ein Eis schadet nicht.“, „Wie du isst nicht mit? Wirst du etwa magersüchtig?“ und so weiter. Der Alkoholverzicht wird verstanden, der Verzicht auf übermäßiges Essen? Nicht wirklich.
Im Vorfeld hast Du mir erzählt, dass Sucht in Deiner Familie ein großes Thema war: War Dir das immer schon bewusst?

 

 

Immer bewusst war es mir nicht. Ich glaube, es wurde mir erst so richtig klar, als mich das Jugendamt von meiner Mutter wegholte und ich bei meiner Schwester gelebt habe. Da muss ich so 8 oder 9 gewesen sein. Meine Mutter machte da einen Entzug und ich las viel und dachte auch viel nach. Davor erschien es mir normal. Jeder in meiner Familie rauchte, jeder trank (außer ein Onkel, der einen Entzug machte, als ich 7 war). Zudem lebte ich mit meiner Mutter in einem Problemstadtteil. Da waren solche Süchte absolut normal und niemand schaute komisch, wenn jemand Mittags mit ner Pulle Bier rumlief.
Und es war ja nicht nur Alkoholsucht, sondern wurde in meinem direkten Umfeld ergänzt durch: Fresssucht, hohen Zigarettenkonsum und Drogen.
Zudem war meine Kindheit noch in vielen anderen Aspekten nicht normal, so dass ich überhaupt keine wirkliche Chance hatte mir darüber Gedanken zu machen. Es war eben mein „Normal“.
Welche Rolle spielt die Geburt Deiner Tochter bei dieser Entscheidung und was möchtest Du ihr damit vorleben?

 

 

Ich kann ehrlich gesagt gar nicht sagen, welche Rolle ihre Geburt spielt. Natürlich will ich ihr ein gutes Vorbild sein, allerdings ist meine Gesundheit an dem Punkt für mich wesentlich ausschlaggebender. Ich möchte lange und gesund leben, viel von ihrem Leben mitbekommen. Mit starkem Übergewicht und einem Alkoholproblem bezweifele ich eher, dass mir dies so möglich sein wird. Sie ist also eine zusätzliche Motivation für mich. Wenn ich dieses Mini-Menschlein ansehe, dann möchte ich ihr die Chancen geben die ich entweder nie hatte oder für die ich kämpfen musste.
Mein Mann und ich haben beide beschlossen, dass Alkohol bei uns zu Hause nach ihrer Geburt nicht mehr getrunken wird. Und wenn, dann nicht mehr als ein Radler im Sommer von ihm. Ich kann ihm ja keine Vorschriften über seinen Körper machen und ich will es auch gar nicht. Es gibt Punkte im Leben die muss jeder für sich entscheiden und ausmachen. Wenn er denn mal mehr trinken möchte, steht es ihm frei dies außerhalb der Wohnung zu tun und dann auf der Couch zu schlafen. Das ist unser Kompromiss.
Verständlich, dass Du Deine Tochter nicht mit Suchtproblematiken konfrontieren willst, aber Du wirst kaum Dein ganzes Umfeld zu absoluter Abstinenz erziehen können: Was schwebt Dir da vor?
Ich will mein Umfeld gar nicht zur absoluten Abstinenz erziehen. Was spricht denn gegen ein Glas Wein oder ein Bier? Was ich aber kann, ist zu verlangen, dass sie den Konsum von Alkohol und Zigaretten im Umfeld meiner Tochter entweder stark einschränken und den Raum verlassen oder aber es ganz unterlassen. Tun sie es nicht, werden sie mein Kind einfach nicht sehen. Das ist für mich ganz einfach. Zudem gibt es für mich einen Unterschied zwischen dem „Genuss“ und der „Sucht“: Meine Tante trinkt mit Freunden hin und wieder ein Gläschen. Ist absolut ok.
Meine ältere Schwester dagegen ist stark nach Alkohol süchtig. Sie trinkt geraume Mengen. Täglich. Wirklich sehr viel. Ich habe den Punkt gemacht, dass sie das unter Kontrolle bekommen muss, bevor sie mein Kind sehen darf.
Wie immer macht die Menge das Gift. Ich will und kann mein Kind vor der Realität nicht abschotten, aber ich kann aussuchen mit was ich sie konfrontiere.
Was wünscht Du Dir für Deine Tochter für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass sie lernt, dass Süchte nicht die Lösung sind. Wer eine Sucht entwickelt, versucht meist bestimmten Problemen aus dem Weg zu gehen und klammert sich an etwas. Ich möchte, dass sie früh lernt, dass es besser ist ein Problem direkt zu lösen, anstatt es wegtrinken/wegessen/weghungern etc zu wollen.
Wenn sie alt genug ist, werde ich sie vorsichtig an die Suchtproblematik heranführen. Ich werde mich mit ihr hinsetzen und ihr meine Geschichte und die Geschichte meiner Familie erzählen. Vor allem werde ich ihr die Wahl lassen. Wenn sie geraume Mengen an Alkohol trinken, rauchen oder kiffen möchte kann ich sie schlecht davon abhalten. Ich kann ihr aber Strukturen bieten, die ihr helfen können, dass ihr Konsum nicht in einer Sucht ausartet.

 

Vielen lieben Dank für das Interview.

 

Melanie, die eigentlich anders heißt, möchte anonym bleiben. Sie liest aber hier mit und freut sich bestimmt, wenn Ihr hier einen Kommentar für sie hinterlä

Was das Thema Alkohol mit einer Familie machen kann, hat auch Emely erzählt: Ihre Mutter war alkoholkrank, deshalb hat sie schon als Teenager für ihren Bruder  gesorgt. Hier geht es zum Interview.

 

sst.

 

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