Alltag, Kultur mit Kind, Meinung

Die Sache mit der Privatsphäre

Kürzlich unterhielt ich mich mit einer Bloggerin. Ich mag ihren Blog und mittlerweile auch sie. Sie schreibt über Dinge, die sie bewegen. Über ihr Kind und über ihr Leben. Niemals macht sie bei Dingen wie dem Wochenende in Bildern mit oder bei dem Spielchen, wo man 12 Bilder aus seinem Alltag zeigt.

Vieles bleibt verschlossen.

Auf die Frage hin, warum sie daran nie teilnimmt, sagte sie mir, dass sei ihr zu privat. Ihr Alltag gehe niemanden was an. Eine andere Bloggerin, die ihre Leser fleißig an ihrem Alltag teilhaben lässt, möchte nicht, dass Bilder von ihr durchs Netz kursieren. Jede Menge Kinder laufen im Internet unter Phantasienamen, sind niemals mit ihrem Abbild zu sehen und könnten „draußen“ nicht erkannt werden. Bei meinem ist es auch so. Außerdem möchte ich meine Brüste, die Körperflüssigkeiten meines Sohnes und Dinge, die man einer Freundin nach dem zweiten Glas Wein erzählt, aus dem Internet raushalten. 

Jeder hat andere Grenzen. Meine Lieblingsintagramerin hat ihren bezaubernden Account auf „Privat“ gestellt, weil ihre Bilder zu persönlich sind. Ich darf ihr folgen und freue mich immer wieder aufs Neue. 
Bloggen ist Öffentlichkeit. Aber jeder Blogger zeigt nur seinen kleinen selbstgewählten Teil. Mich interessiert: Was ist Euch zu privat? Stichwort reicht natürlich. 
Alltag, Familienrollen, Kultur mit Kind

„Wir leben in Berlin, hier sind Regenbogenfamilien total normal“. / Familienrollen: Martina über das Leben als lesbisches Elternpaar

Symbolbild. frei pixabay.

Am 27. Juni 2015 ist wieder Christopher Street Day in Berlin und es gibt es Paraden dazu. 

Wie der Alltag einer fünfköpfigen Regenbogenfamilie 2015 in Berlin aussehen kann, darüber habe ich mit Martina* gesprochen.  


Du und Deine Frau habt gemeinsam drei Kinder: Auf welche Schwierigkeiten seid ihr bei der Familienplanung gestoßen? 

Die noch immer unklare rechtliche Lage macht es für lesbische Paare in Deutschland schwierig, einfach zur Kinderwunschklinik zu gehen. Die offiziellen Richtlinien sehen vor, dass alleinstehende Frauen und Frauen in lesbischer Partnerschaft nicht mit Fremdsperma behandelt werden dürfen. Wenn man sucht, wird man sicher den ein oder anderen Arzt finden, der trotzdem hilft. Selbstverständlich wird das aber nicht von der Krankenkasse bezahlt. Die meisten Paare, die ich kenne, gehen deshalb zur Behandlung ins Ausland. Nach Dänemark zum Beispiel, wo die Storkklinik schon vielen lesbischen Paaren geholfen hat. Auch uns. Andere Paare gründen 4-Eltern-Familien, das heißt sie tun sich mit einem schwulen Paar zusammen und zeugen per Bechermethode ein Kind. Ganz vereinzelt gibt es Frauen, die einen Samenspender auf einer der zahlreichen Spenderseiten im Internet suchen und finden, aber dieser Weg wäre mir persönlich zu risikoreich.

Eine fünfköpfige Familie, die mit Ausnahme eines kleinen Mannes, nur aus Frauen besteht. Wie reagiert Euer Umfeld auf Euch als Familie? 

Wir leben in Berlin, hier sind Regenbogenfamilien total normal. Ich habe bisher nur positive Reaktionen erlebt, von der Entbindung im katholischen Krankenhaus, in dem uns alle liebevoll umsorgt haben bis hin zur Adoptionsrichterin, die unseren „Fall“ schnellstmöglich durchwinkte. Ich kann mich wirklich an keinen einzigen Fall erinnern, in dem negativ auf uns reagiert wurde. Wir sind für unser Umfeld eine ganz normale Familie.

All Eure drei Kinder sind vom selben Spender, wird dieser eine Rolle spielen im Leben Eurer Kinder?

Sie sind von einem anonymen Spender, das heißt, eine Rolle kann er erst einmal nicht spielen. Sie wissen schon seit jeher, dass sie statt eines Papas einen Spender haben und das wir nicht wissen, wie er heißt und wo er wohnt. Sie wissen aber auch, dass sie mit spätestens 18 Jahren Einsicht in die Akten haben können, um Kontakt zu ihm aufzunehmen. Das war mir sehr wichtig, denn er ist immerhin ihre zweite genetische Hälfte. Zu sehen, wo habe ich diese Haare her oder meinen Hang zum Fallschirmspringen, ist für Kinder sehr wichtig. Wir sprechen sehr positiv vom Spender und sind ihm sehr dankbar, dass er uns dieses Geschenk gemacht hat. Wir haben ihm sogar in der Geburtsanzeige in der Zeitung gedankt.

In Eurem Haushalt leben mit Ausnahme Deines kleines Sohnes nur Frauen, wie geht Ihr damit um, wenn Euer Sohn auf der Suche nach einem männlichen Vorbild ist?

Genauso wie alle Jungs, die ohne Vater aufwachsen, nehme ich an. Das passiert ja nicht nur in lesbischen Familien, dass der Vater abwesend ist. Denk mal an die Kriegsgeneration, deren Väter gefallen sind…
Unser Sohn hat zwei Patenonkel, einen Erzieher in der Kita, drei aufmerksame, nette männliche Nachbarn, zwei Opas, zwei Onkel, die alle sehr eng in unserem Leben verwoben sind. An männlichen Vorbildern mangelt es ihm nicht, würde ich sagen.

Müssen sich Eure Kinder bereits erklären, dass Ihr ein anderes Modell lebt, oder ist das in Berlin gar kein Thema? 

Als die Kinder in die Kita kamen, war es kurz Thema. Die anderen Kinder der Gruppe fragten, ob sie keinen Papa haben. Da wurde dann eben kurz erklärt, dass sie keinen Papa, aber einen Spender haben und mit Mama und Mami leben. Damit war es dann auch schon gut. Das war einfach kindliche Neugier, die ist ja total berechtigt. Mittlerweile spielen die Kita-Kinder gerne auch Mami-Mama-Kind oder die kleine Greta überlegt sich, dass sie lieber Charlotte statt Matteo heiraten möchte. Sie haben es also ganz normal in ihr Weltbild aufgenommen.

Zu guter Letzt finde ich vor allem spannend: Was ist bei Euch „anders“ als bei anderen Familien? 

Nichts. Bei uns ist alles so wie bei euch, vermute ich. Das, was „anders“ ist, ist doch nur persönliche Vorliebe, die in Heterofamilien genauso vorkommt. Ich koche und backe gern, hasse aber Aufräumen. Also macht meine Frau, nachdem ich gekocht habe, das Chaos wieder sauber und nicht ich. Dafür plant sie unseren Sommerurlaub, weil ich dazu nicht geduldig genug bin. Preise zu vergleichen oder Bahntickets zu kaufen, das ist nicht mein Ding. Aber ich liebe es, die Abflussrohre unterm Waschbecken aufzuschrauben und den Dreck da rauszupulen. Das macht mir nichts aus. Mir jagt es aber Schauer über den Rücken, wenn ich Fingernägel schneiden muss. Ich hasse das Geräusch und das Gefühl. Deshalb macht das meine Frau bei unseren Kindern. Ich dagegen wasche ihnen die Haare, weil ich das besser kann und die Kinder keinen Schaum in die Augen bekommen. Dafür gehen sie zu ihr, wenn sie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen wollen, denn ich finde Brettspiele total langweilig. Ich dagegen gehe jeden Tag nach der Kita mit ihnen ins Freibad, um Schwimmen zu üben – meine Frau würde im Wasser erfrieren, aber mir macht das Spaß. Ich mähe den Rasen im Garten, sie bohrt Löcher in die Wände. Ich wasche Wäsche, sie hängt sie auf und legt sie trocken ordentlich zusammen. Ich kaufe die Klamotten der Kinder ein, sie weiß nicht mal, welche Größen sie tragen. Dafür ist sie sehr organisiert, packt am Wochenende alle wichtigen Sachen, inklusive geschmierte Brote und Wasser, ein, während ich schon froh bin, wenn ich nicht meine eigene Jacke vergesse. Oder mein Handy. Oder mein Geld. Oder eins der Kinder…. Du siehst – alles total normal bei uns.

Dankeschön für den Einblick in Euer Leben, Martina.

*Martina – heißt im wirklich Leben anders. Sie hat mir auf ihren eigenen Wunsch hin, die Fragen anonym beantwortet. Im realen Leben spricht Martina ganz offen über ihre Familiensituation. Ihre Familie möchte nur aus dem Internet rausgehalten werden. 

Kultur mit Kind, Meinung

„Wann ist eine Frau, eine Frau?“ / Frauenrollen

Sehr, sehr langsam habe ich das Blogstöckchen aufgefangen, das mir Fräulein Julia zugeworfen hat, wie es denn wäre ein Mann zu sein. Und natürlich an Herbert Grönemeyers wunderbares Lied „Männer“ gedacht. Und sogar ein uraltes Youtube-Video dazu geschaut. Hier das Ergebnis:

Was wäre anders in Deinem Leben, wenn du ein Mann wärst?
Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich nie drüber nachgedacht habe, dass ich lieber ein Junge geworden wäre. Es muss unglaublich hart sein, wenn man im falschen Körper steckt. Oder wenn man sich für Dinge interessiert, die irgendjemand so sehr für Jungs vorgesehen hat, dass es Mädchen einschränkt.

Blau mag ich aber auch.

Als Kind mochte ich rosa, spielte gerne mit Puppen und machte mir Stellen, wo ich mich demnächst hinsetzen wollte, sauber. Und ja, ich mochte das.
Aber auch fernab von solchen Klischees. Wie mein Leben als Mann abgelaufen wäre, kann ich unmöglich beantworten. Was wäre ich denn für ein Mann? Der gleiche Mensch wie jetzt, nur mit anderen Geschlechtsteilen und kürzeren Haaren? Wäre ich plötzlich sportlich und super stark? Ich glaube nicht. Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich in Südafrika geboren, sehr musikalisch, hochbegabt oder sehr dick wäre? Ich habe keine Ahnung. Denn selbst wenn ich mir jetzt ein komisches Bild davon zurecht zurre, besteht Leben ja immer noch aus Interaktionen und Reaktionen und die wären sicher anders als auf mich als Frau.

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?
Ich trage Kleider und ich trage Strumpfhosen. Vielleicht würde ich das auch tun, wenn ich ein Mann wäre. Wenn ich in Berlin wäre, könnte ich das. Am Land hätte ich es wohl ziemlich schwer damit. Was ich sonst noch mache: Ich bitte andere Menschen um Hilfe. Das Klischee sagt, dass sich Männer damit schwer tun. Ob ich eine schwere Tasche habe, oder meine Cola-Flasche nicht aufkriege: Ich mühe mich nicht stundenlang ab, ich frage jemanden, der so aussieht, als könnte er das. Mag sein, dass mir eher mal jemand eine Flasche aufschraubt, weil ich eine Frau bin. Aber dann ist das halt so. Damit kann ich leben.

Welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?
Wenn ich mit kurzem Röckchen nachts an einer leeren U-Bahn-Station stehe, komme ich mir etwas blöd vor. Wobei ich dann nicht so genau weiß, ob ich mir blöd vorkomme, weil ich mich so angezogen habe, und der Typ am anderen Eck so komisch schaut. Oder weil ich darüber nachdenke, dass das etwas mit meinem kurzen Rock zu tun hat.

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
Wenn jemand irritiert ist, dass mein Mann unseren Sohn wickelt, oder mich fragt, was ich heute mittag koche, dann fühl ich mich immer ein bisschen in eine fremde Zeit zurückversetzt. Und wenn mich wildfremde Menschen „Mama“ nennen, find ich das auch komisch. Und glaube, dass das den „Papas“ dieser Erde eher nicht passiert. Sehr schlimm fand ich es in Istanbul als ich mich vor der Hagia Sophia erst einmal verschleiern musste, um überhaupt in die Kirche zu kommen. Während mein Bruder einfach reinspazierte. Und ja, natürlich ist diese „Vereinbarkeit“ schon in Vorstellungsgesprächen bei Frauen ein ganz anderes Thema. Aber das würde jetzt zu weit führen.

In welcher Situation ist es von Vorteil, zur Gruppe der Frauen zu gehören?
Ehrlich gesagt verspüre ich diese starke Frauensolidarität, von der da immer mal wieder die Rede ist, nicht. Ich fühle mich nicht automatisch total stark zur Gruppe aller Frauen zugehörig. Ich fühle mich mit Menschen verbunden. Der Vorteil am Frau-sein ist natürlich der, dass sie emotional mehr zeigen und das ist natürlich zeitgleich auch der Nachteil, dass da schnell eine Schublade aufgeht.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?
Schwierige Frage. Ich würde sagen: Nein, weil es dazu gehört. Und Männer und Frauen einfach nicht gleich sind. Und das ist auch gut so. Meistens.

Wie es sich für ein Blogstöckchen gehört, gebe ich es weiter: “#WasWaereWenn – ich ein Mann wäre und keine Frau?” frage ich das Bella von familieberlin, Susanne von AndalusienMutti und Mara von Wortpiratin. Natürlich dürfen auch alle anderen gerne mitmachen bei diesem interessanten Gedankenexperiment!

Und im Nachgang noch ein kleines Stöckchen an die liebe Béa von tollabea, die das gerne möchte.

Kultur mit Kind, Meinung

Mein unsportliches Ich und der Wettbewerb / Über die Bundesjugendspiele

Vor einigen Tagen hat Christine von Mama arbeitet eine Petition ins Leben gerufen zur Abschaffung der Bundesjugendspiele. Los ging es mit einem Tweet, dass ihr Kind unglücklich war über eine zu geringe Punkteanzahl bei eben dieser.
Sie tat mir ein bisschen leid, weil es eben immer traurig ist, wenn das eigene Kind traurig ist und man nichts dagegen machen kann. Als Mutter. Weiterverfolgt habe ich es nicht. Vorerst. Bis dann eben überall Stimmen dafür und dagegen auftauchten, und dann plötzlich diese Petition gegen die Bundesjugendspiele.

Zum Glück gibt es weiche Bälle

Ich gestehe: Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, worum es da eigentlich geht. Die Bundesjugendspiele.  Ich bin Österreicherin. In meiner Schule hatten wir ein paar bunte Tage, in den letzten Schulwochen. Ich kann mich noch erinnern, dass an einem Tag die Eltern mit in die Schule durften und meine Mutter wunderschöne Bäume malte. An eine große Leinwand in meiner Schule. An Sport erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich weil ich mich nie für diese Gruppen angemeldet habe. Ich erinnere mich daran, dass ich unsportlich war. Schon damals. Und das die Beliebtheitsskala beim Völkerball neu sortiert wurde. Dass man, wenn man nicht so flink war, häufig als Vorletzte gewählt wurde. Ich war klein. Ich war langsam. Ich war unsportlich. Ich wurde schnell abgeschossen. Und ich wurde, natürlich, spät gewählt.
 Und wenn ich mal nicht getroffen wurde, habe ich immer gehofft, dass es bald passiert. Denn: Ich hatte Angst vor Bällen. Die Vorstellung, dass es bei uns so etwas wie „Bundesjugenspiele“ gegeben hätte, macht mir heute noch Angst. Dinge machen, die man nicht kann und dafür ein paar Pünktchen kassieren und ein kleines Siegerurkündchen dazu. Um Gottes Willen. Einen Zettel der bescheinigt, dass man es nicht geschafft hat. Wahrscheinlich hätte ich fleißig geschwänzt. Ich bin in der glücklichen Lage, dass mich meine Eltern dabei unterstützt hätten.
Bewegt habe ich mich trotzdem: Im Turnverein, beim Reiten, später sogar bei dem einen oder anderen Ballspiel. Ich war nicht schnell. Ich war nicht mutig. Aber das musste ich auch gar nicht.
Die Vorstellung, dass Jahr für Jahr Kinder durch so etwas getrieben werden, finde ich gruselig. Und somit werde ich gleich zum zweiten Mal in meinem Leben eine Petition unterschreiben. Nicht weil Kinder sich nicht bewegen sollen. Sondern weil Kinder Freude daran haben sollen.  Und ich gegen die Botschaft: „Das Leben ist hart“ bin. Beim Sport und anderswo.

Wie seht Ihr das?

Kaffeehauskultur, Kultur mit Kind, Meinung, Schöne Dinge

Food-Blogging-Film

Essen soll ja der Sex des Alters sein. Diese schlaue Weisheit habe ich vor ein paar Jahren in einer Frauenzeitschrift entdeckt. Die Rede war dort von Menschen ab 40. Da habe ich noch ein bisschen. Der passende Film zu dieser komischen Binsenweisheit könnte aber „Kiss the cook“ sein, den ich gestern gesehen habe.

Dort hetzt sich ein Gourmetkoch (Jon Favreau) ab, um mit seinem Menü sowohl seinen eher wenig innovativen Chef (Dustin Hoffmann) und einen berühmten Foodblogger gleichermaßen zufrieden zu stellen. Und scheitert. Parallel dazu entdeckt er Twitter, die Liebe zu seinem kleinen Sohn und einen neuen Geschäftszweig. Mit einem Foodtruck macht er sich auf durch halb Amerika, um dort kubanische Sandwiches zu verkaufen.

Hier der Trailer.

Etwas arg amerikanisch ist das geraten und sehr viel Social-Media-Werbung kommt vor. Sehr erwärmend fand ich aber diese Euphorie, die sich durch den ganzen Film zieht. Ja, ich mag ihn. Auch wenn ich nicht jeden Blödsinn glaube, der in einer Frauenzeitschrift steht.

Aber ich bin nun total interessiert an Foodblogs. Und kenne – in der Tat – keinen einzigen. Habt Ihr Empfehlungen für mich?

Kultur mit Kind, Nachgefragt

„An Sicherheit war damals noch gar nicht zu denken, aber das mit den Kindern war die beste Entscheidung meines Lebens“. / Kultur mit Kind in Angermünde/Brandenburg und ein bisschen was über die Piratenpartei

Wie es ist jung Vater zu werden, was dafür sprechen kann in seine Heimat zurückzukehren und warum man immer ruhig bleiben soll: Darüber und über ein paar Dinge habe ich mit Florian aus Angermünde gesprochen. 

Stell Dich doch mal bitte kurz vor. 

Ich bin Florian, Vater von zwei Söhnen (2 und 6 Jahre alt), und wohne im schönen Angermünde, ca. 70 km nordöstlich von Berlin. Das ist die Toskana Brandenburgs. Deshalb kann man dort überall mit kurzer Hose und Latschen rumlaufen. Arbeiten tue ich in Berlin Pankow bei einem Technikkonzern, und pendle jeden Tag. Glücklich verheiratet bin ich auch noch und das schon seit acht Jahren.

Wir haben unser erstes Kind früh bekommen, daher bin ich immer der Jüngste in der Elterngruppe. Den richtigen Moment dafür gibt es nicht.

Wenn ich mir jetzt überlege, dass ich jetzt noch keine Kinder hätte, und über den idealen Zeitpunkt nachdenken würde, wird das ja nur noch schwieriger.

An Sicherheit war damals noch gar nicht zu denken, aber das mit den Kindern war die beste Entscheidung meines Lebens. 

Während Deines Studiums und auch später ward Ihr in Bayern, später seid Ihr
zurückgekehrt: War das eine familiäre Entscheidung? 

Florian mit Kind 1

Ob Deggendorf oder Angermünde, fast wären wir tatsächlich in Deggendorf geblieben. Aber als das erste Kind kam, war klar, dass wir zurück gehen. Meine Frau Julia hat ihre Familie gerne um sich. Ich auch. Aber es war klar, dass wir zurückgehen. Damals war ich viel unterwegs, das war also fast eine Wochenendbeziehung, ich wollte meine Frau nicht so viel allein lassen.

Du setzt Dich für Deine Heimat Angermünde ein und bist ein „Heimkehrer“.
Warum?

Heimkehren ist eine super Sache. Das sollte jeder machen. Grad wenn man aus so einer strukturschwachen Gegend kommt wie wir.

Zur Erfahrungsgewinnung kann man eine Zeitlang in die weite Welt reisen, dann aber heimkehren, weil man so seine Region unterstützt. Aus ökonomischen Gründen spricht da viel dafür. Der demographische Wandel, die Vergreisung des Landes: Das ist bei uns schon eine ganz akute Gefahr, die Auswirkungen auf die Lebenskultur hat.

Ganze Berufsbranchen wandern in manchen Regionen ab. In Angermünde ist es noch nicht so schlimm, die Region unterstützt ja auch viel. Für junge Leute gibt es Angebote von Sportvereinen und kulturelle Einrichtungen, wo sich Freiräume für Kultur entwickeln kann. Es gibt nicht nur das durchgestylte Dorffest mit Andrea Berg, sondern auch kleine Festivals. Der Raum dafür wird geschaffen, das ist nicht selbstverständlich. Viele Kommunen begreifen nicht, dass man den Familien auch etwas bieten muss. Gesellschaftliche Teilhabe fängt bei der Internetversorgung an, die meist schlecht ist, und wenn nur noch der Seniorenverein Lieder schmettert, ist das auch nicht mehr so attraktiv. Oft übernimmt eine wichtige Rolle der Sportverein. In Angermünde haben wir sogar eine Paintball-Anlage um nur ein Beispiel zu nennen. Ich war sogar eine Weile in einem Verein tätig, der sich mit sogenannten Heimkehrern befasst. Ich bereue an keinem Tag die Entscheidung wieder in Angermünde zu sein. Jobmäßig ist es auch eine zufriedenstellende Situation, auch die Pendelei nach Berlin ist erträglich.

Was kann man in Deiner Heimatstadt mit Familie gut machen?

Alles mit Kindern ist hier zu jeder Jahreszeit möglich. Auch bei schlechtem Wetter kann man viel rausgehen. Wir sind umgeben von tausend Seen. Es gibt super schöne Badestellen, die auch nicht so wahnsinnig überlaufen sind. Wolletzsee oder der Parsteinsee. Und ich hab Volleyball spielen neu für mich entdeckt.

Deine Freizeit: Wann bist Du ganz Vater, und bei welchen Aktivitäten agierst
Du noch genau so wie vor den Kindern? 

Vater bist Du halt immer, egal was Du machst, denn Du bist immer gezwungen auf Kinder Rücksicht zu nehmen. Selbst wenn ich laufen gehe, gehe ich früh laufen, wenn die Kinder sich selber beschäftigen, oder über Mittag wenn die Kinder schlafen. Ansonsten gehe ich gerne auf Konzerte und auf Festivals, aber ohne die Kinder. Ich verstehe Eltern nicht, die ihre Kinder den Bands dort aussetzen. Außer das man eben zusammen ist, macht das den Kindern wenig Spaß. Die Kinder müssen bei den Eltern bleiben, es ist laut, es ist stellenweise sogar gefährlich. Das hat den selben Charme wie mit Kind zu Ikea zu fahren, nämlich gar keinen. Wenn jemand keine andere Möglichkeit hat, ist das etwas anders. Bei uns ist es so, dass wir die Kinder immer selbst zu Hause ins Bett bringen. Nur weil wir weggehen wollen, würden wir die Kinder nicht dazu zwingen, woanders zu schlafen. Das Babysitten wird durch die Verwandtschaft und Freunde gut abgedeckt.

Du bist, oder warst zumindest, bei der Piratenpartei, deren Fokus ja
Netzpolitik ist. Wie ist Deine Einstellung zu Kindern im Netz und sind Deine
Kinder da zu finden? Und wenn ja, wie und warum? 

Grundsätzlich bin ich noch bei der Piratenpartei, aber eher passiv. Netzpolitik ist nach wie vor ein sehr wichtiges Thema für mich. Kinder werden heute anders damit groß, aber sie wissen nicht was es bedeutet. Kinder sind schützenswert, weil sie nicht selber entscheiden können, ob sie da sein wollen oder nicht. Deshalb bin ich dafür Kinder so weit wie möglich rauszuhalten, man hat das ja nicht immer selber in der Hand. Und ich hab mich da auch schon schlimm aufgeregt, weil ich meine Kinder in einem Kontext mit Bild entdeckt habe, wo ich sie nicht haben wollte.

Die Eltern müssen das entscheiden. Die Eltern sind nun mal der Vormund. Viele haben nicht das Bewusstsein dafür. Bei Twitter ist es klar, aber Facebook nehmen viele nicht als Öffentlichkeit wahr. Es muss bloß der Falsche mit dem Falschen befreundet sein und schon ist das Bild sonst wo.
Auf die Verkettung von diesen Freundeswelten hast Du keinen Zugriff, so fein stellt niemand sein Profil ein. Die Leute darauf aufmerksam zu machen, funktioniert aber. Auf die Problematik kann man an konkreten Beispielen sehr gut hinweisen, das weiß ich mittlerweile aus eigener Erfahrung. 

Du bist auf vielen Kanälen im Netz unterwegs, wie führt Ihr Eure Kinder an
digitale Medien heran? 

Beide Jungs sind total technikinteressiert. Interessant ist, dass unsere Kinder mit einem anderen Internet aufwachsen, als wir, die wir uns noch einwählen mussten. Online sein ist für unsere Kinder so etwas wie eine Grundversorgung. Wir schauen kein Standardfernsehen, sondern nutzen fast ausschließlich Streaming-Dienste wie Netflix und Itunes. Was unsere Kinder von Grund auf verstanden haben, dass man mit dem Rechner kommunizieren kann. Wenn ich zu meinem großen Sohn sage, ich weiß nicht, was die Mama von Deinem Freund gesagt hat, sagt er „Na dann schreib ihr doch einfach“.

Was funktioniert bei Euch in der Familie so gut, dass Du Dich zu einem Tipp
aufschwingen könntest? 

Uns wird nachgesagt, dass wir sehr viel Glück mit unseren Kindern haben, weil die ganz ruhig sind. Klar bin ich stolz auf meine Kinder. Logisch. Der Tipp ist aber der, immer ruhig bleiben. Man darf auch keine Angst vor Fehlern haben. Und man darf sich nicht unter Druck setzen, um ja keine falsche Entscheidung zu treffen. Es ist ganz normal, dass man im Laufe des Elternwerdens auch falsche Entscheidungen trifft. Die Kinder landen ja nicht in der Gosse nur weil Du die falsche Creme oder nicht die Markenwindel gekauft hast. Für die Kinder ist das richtig, was Du machst. Auch bei einer falschen Entscheidung musst Du dazu stehen. Und den Kindern nicht spüren lassen,  dass irgendwas falsch gelaufen ist.


Meine Lieblingsfrage: Wie entspannst Du?

Sehr viele innere Ruhe empfinde ich beim Zuhause auf der Terrasse sitzen. Und als Ausgleich bringt mir Sport machen sehr viel. Ich war extrem unsportlich. Anfang 2014 habe ich angefangen mit Volleyball. Letzten Sommerurlaub habe ich mit dem Laufen angefangen. Fünf Jahre vorher hätte ich das nicht gedacht, aber das möchte ich nicht mehr missen. Durch das Laufen habe ich Leute bei mir im Ort kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Ich bin beim Halbmarathon 21 km gelaufen, das hätte ich nie gedacht. Bei uns vor der Haustür gab es vor Kurzem für Kinder einen sogenannten Wiesellauf 1,2 km. Da ist unser Großer auch schon mitgelaufen.

Dankeschön.

Die Bilder wurden freundlicherweise von Florian zur Verfügung gestellt.

Ihr habt auch ein Kind, interessiert Euch für Kultur und möchtet darüber reden? Schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com. 


Eine Übersicht über alle bisher geführten Interviews findet Ihr hier