In den Familienrollen erzählt Lena, warum sie sich entschieden hat mit ihren schulpflichtigen Kindern ein Jahr unterwegs zu sein, wie es ihr dabei ergangen ist, was es gekostet hat und wie man sich am besten darauf vorbereitet. 

Elf Monate ward Ihr, mit zwei schulpflichtigen Kindern, quer durch Europa unterwegs: Welche Vorbereitungen habt Ihr dafür getroffen? 

Der Wunsch, längere Zeit am Stück als Familie zu reisen, kam uns, weil wir als Couchsurfing-Gastgeber Besuch von eben solchen Familien auf Langzeitreise bekommen haben. Wir sahen, wie toll so eine Erfahrung für den Familienzusammenhalt ist.

Aus dem vagen Wunsch „sowas hätte ich auch gern“ formte sich dann über längere Zeit ein echter Traum. Irgendwann setzte ich mich wirklich hin und recherchierte: Unter welchen Bedingungen ist das in Deutschland möglich?

Überall hieß es dann, man solle so etwas – wenn – unbedingt vor Eintreten der Schulpflicht machen, weil es sonst echt kompliziert wird. Wir wollten aber, dass die Jungs alt genug wären, um sich auch später noch an diese Reise zu erinnern. Deshalb haben wir bewusst mehrere Jahre gewartet. Die konkrete Planungsphase dauerte dann etwa zwei Jahre, wobei etwa das letzte Dreivierteljahr stressig war. Wir haben versucht, rechtzeitig berufliche Vorkehrungen zu treffen (die sich aus verschiedenen Gründen nachher alle als nichtig erwiesen), haben mit knapp einem Jahr Vorlauf das Gespräch mit den Klassenlehrern gesucht und – das hat sich tatsächlich als die härteste Nuss herausgestellt – haben auf den Ämtern Klinken geputzt, um die offizielle Schulbefreiung zu erwirken.

Als alles geschafft war, hatten wir das Schuljahr zur Verfügung, maximal elf Monate. Uns war wichtig, dass wir jederzeit hätten zurückfahren können, wenn der Punkt käme, dass uns allen oder einem von uns das Reisen ernsthaft aus dem Hals raushängt. Dieser Punkt kam aber nie. Wir mussten zum Beginn des neuen Schuljahres wieder da sein und haben die Zeit fast voll ausgenutzt. Ein paar Tage Puffer haben wir uns aber schon gegönnt.

Für die Statistiker: Wie viele Orte habt Ihr gesehen, welche Verkehrsmittel habt Ihr benutzt und wie viel hat es tatsächlich gekostet? 

Türkischer Bazar.

Wir waren in 21 Ländern, ausschließlich in Europa (Grenzfall Türkei und Island). Im Durchschnitt haben wir alle vier Tage das Quartier gewechselt, nirgendwo sind wir länger als eine Woche geblieben.

Zehn Monate lang waren wir mit dem eigenen Auto unterwegs, haben nur ab und zu die Fähre genommen, und in den Großstädten natürlich den ÖPNV genutzt. Da sind wir etwas mehr als 30.000 Kilometer gefahren – witzigerweise ziemlich genauso viel wie sich im Vorjahr zu Hause auch zusammengeläppert hat.

Europareise Griechenland.

Die letzten drei Wochen haben wir zum krönenden Abschluss noch eine Kreuzfahrt gemacht. Wie das zustande kam, ist ein bisschen schwer zu erklären in so einem kurzen Interview, es war jedenfalls quasi „aus Versehen“. Weil diese Kreuzfahrt die Statistik völlig zerschießt, bleibe ich bezüglich unserer Zahlen bei unserem 10-monatigen Roadtrip. Da hatten wir ein durchschnittliches Tagesbudget von 111 Euro für uns alle vier, was Unterkunft, Essen, reelle Transportkosten, Besichtigungen und so weiter alles mit einschließt.

Welche Erfahrungen konntet Ihr machen, die Du nie wieder missen möchtest?
An Orten: 

Die Nase in Geschichte stecken.

Da wir Europa wirklich „am Stück“ bereist haben, ist dieser Überblick, den wir dadurch gewonnen haben, für mich am wertvollsten. Landschaften und vor allem auch die Kulturen ändern sich graduell, nicht abrupt, wenn man durch Grenzregionen fährt und nicht plötzlich anderswo aus dem Flugzeug steigt. Dabei merkt man, wie absurd die Idee des Nationalstaats eigentlich ist.

Natürlich gab es viele Orte, die etwas ganz besonderes hatten. Die Plitvicer Seen in Kroatien haben uns absolut beeindruckt, zumal wie sie im November fast menschenleer erleben durften. Die Berge in Montenegro waren majestätisch, die antiken Ruinen in Kleinasien, Griechenland und Italien waren spannend, die Spuren des Krieges auf dem Balkan erschütternd, der Optimismus der Menschen in Albanien bewegend. Genau genommen hatte jedes Land wunderschöne oder zumindest beeindruckende Orte, die ich nicht missen möchte.

An Begegnungen?

Spielplatz Kosovo.

Wir waren, so oft es ging, als Couchsurfer unterwegs, haben also Einheimische zu Hause besucht. Auf diese Weise kommt fast immer ein sehr intensiver Austausch zustande.

Wir haben in einem griechischen Bergdorf einem Bäcker beim Brotbacken geholfen, haben in der Türkei Zigarrenbörek wickeln gelernt und in Bulgarien mit einer englischen Auswandererfamilie Weihnachten gefeiert. In Rumänien hat mich unsere Gastgeberin mit auf den Elternabend der Waldorfschule genommen, wo ich ein Sitzkissen gefilzt habe. In Portugal haben wir den uralten Bauernhof der Großtante besichtigen dürfen, auf Sizilien wurden wir auf einen Pfadfinderausflug mitgenommen und in Südfrankreich zum Schulkonzert und zur Abschlussveranstaltung des lokalen Zirkusprojekts.

Besonders spannend war für uns auch der Besuch einer deutschen Familie in Andalusien, die nach dem Freilernerkonzept und einem ziemlich strengen veganen Ernährungsplan gelebt hat. Ich glaube, man kann sich leicht denken, dass diese Begegnungen für uns noch viel prägender und wertvoller waren als all die wunderschönen Orte.

Wie war die Rückkehr: Konnten sich Deine Jungs wieder gut in das normale Alltagsleben integrieren, oder braucht ihr weiterhin kleine Fluchten? 

Die Rückkehr nach so einer langen Reise ist ein interessanter Prozess, in dem man beinahe ebenso viel über sich selbst lernen kann wie unterwegs. Für die Kinder war es aber anscheinend ein Klacks. Sie sind beide zurück in ihre alten Klassen gegangen. Bei Janis haben sich neue Freundschaften ergeben. Silas ist komplett wieder an seinen alten Platz zurückgekehrt. „Nach zwei Tagen war es, als sei er nie weg gewesen“, hat mir seine Lehrerin berichtet. Inzwischen kennen wir ja auch die Zeugnisse des Folgejahres und haben schwarz auf weiß, dass die Auszeit auch in schulischer Hinsicht kein Problem war.

Wir reisen nach wie vor gerne – sehr gerne. Aber wir haben auch ein wunderschönes Zuhause. Da ist nichts, vor dem wir fliehen müssten, und wirklich brauchen tun wir das Reisen nicht. Aber es ist eine Leidenschaft, die uns alle vier eint. Ich bin sehr dankbar, dass es in unserer Familie diesen gemeinsamen Nenner gibt.

Welche Empfehlungen würdest Du anderen gerne geben, die überlegen mit Kindern eine lange Reise zu unternehmen?

Europareise Travelschooling Bosnien.

Sprecht mit anderen Familien, die das schon einmal gemacht haben und lest ihre Bücher und Blogs. Dadurch bekommt ihr am ehesten ein Gefühl dafür, ob das familiäre Nomadenleben wirklich etwas für euch ist. Und sprecht mit euren Kindern!

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es bei der Motivation eine große Rolle spielt, ob man das Unternehmen auch zu ihrem Projekt macht, ihre Wünsche und Vorstellungen berücksichtigt.

Und dann muss man natürlich ehrlich rechnen. Es besteht leicht die Gefahr, dass man sich in die Tasche lügt, zum Beispiel nur die Benzinkosten rechnet, die ja in Wirklichkeit nur einen Bruchteil der Autokosten ausmachen, weil Versicherung, Wertverlust, Werkstattkosten etc. noch dazu kommen. Und von unterwegs aus arbeiten zu wollen und den Lebensunterhalt auf der Reise quasi im Vorbeigehen verdienen zu wollen, halte ich auch für keine gute Idee. Ich bin ja von Haus aus Journalistin und hatte anfangs diese naive Hoffnung, einfach immer mal wieder eine Reisereportage einzureichen oder am besten noch eine feste Kolumne zu führen. Schlechte Idee.

Die ersten zwei Monate, die ich das versucht habe, waren furchtbar stressig, und es lief darauf hinaus, dass Martin und die Jungs sich am Strand gelangweilt haben, während ich in der Ferienwohnung saß und bis nachts um zwei geschrieben habe. Das haben wir also schnell wieder sein lassen. Wir haben uns dann lieber in der Unterkunftswahl und beim sonstigen Geldausgeben etwas eingeschränkt, als zu viel Zeit und gute Laune mit dem Verdienen zu verplempern. Es geht sowieso schon genug Zeit drauf für die Dinge des Alltags, wie Kochen, Waschen, Einkaufen und natürlich Schule.

Wo bist Du grad während Du diese Fragen beantwortest?

Im Moment bin ich an der Ostsee, wo ich mit den Jungs zu drei Vierteln beruflich unterwegs bin. Ich hab die Fragen aber auch schon quer durch die Slowakei mitgenommen, und durch Wien und Prag. Aber da war es überall zu spannend, mich zum Tippen hinzusetzen…
Was wünscht Du Dir, dass Deine Jungs durch die Reisen für die Zukunft mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass es ihnen hilft, offene, selbstständige, gleichermaßen kritische wie optimistische und gebildete Menschen zu werden. Und zu meiner unbändigen Freude sehe ich, dass das tatsächlich passiert.

Danke Dir für Deine Zeit und alles Gute für die Zukunft. Mehr von Lena findet Ihr auf www.family4travel.de.