Kathrin

Jeden Donnerstag erscheinen hier die Familienrollen, die eine andere Familie vorstellen. Heute erzählt Kathrin, was der Begriff Hochsensibilität für sie und ihre Familie bedeutet, wie sie die Besonderheit ihres Sohnes in den Alltag integrieren, und warum sie plötzlich die eigene Mutter besser verstehen kann. 

 

Durch die feinfühligen Texte auf Deinem Blog habe ich zum ersten Mal bewusst, das Thema Hochsensibiliät wahrgenommen. Erklär doch mal kurz was das Thema für Dich ausmacht.

Ich habe praktisch ein „Selbststudium“ hinter mir, das gute 1,5 Jahre andauerte. In dieser Zeit habe ich sehr viele Ratgeber, Blogs und auch Kinderbücher gelesen. Ich habe einen sehr engen und sehr wichtigen Zugang zu dem Thema, denn mein großer Sohn ist – aller Wahrscheinlichkeit nach – hochsensibel.

 

Nach dem Babyjahr, das sehr fordernd und sehr laut war, in dem er viel schrie, weinte und unheimlich schnell durch vermeintliche Kleinigkeiten überreizte, hörte die Anstrengung eben nicht auf. Er konnte nicht wie von Zauberhand mit Reizen und Eindrücken, Stress und nicht mal mit alltäglichen Dingen besser umgehen, sondern wir hatten weiterhin die gleichen Herausforderungen. Es wuchs sich sozusagen nicht raus. Und ich stutzte und fragte mich, ob das so „normal“ sein könnte.

 

Also, normal ist er natürlich trotzdem und wir leben ganz hervorragend mit seiner Persönlichkeit und allem, was dazu gehört. Aber eben erst, seit ich weiß, was ihn ausmacht und wie wir das am besten anpacken, damit er es nicht als Bürde ansieht und nicht ständig benachteiligt ist. Das ist es, was mich bei der Thematik am meisten reizt, was sie für mich so spannend macht: ein Leben als hochsensibler Mensch, in dem man mit den Schwächen so präzise und sorgsam umgeht, dass man wunderbar damit lebt, sie vielleicht sogar zu persönlichen Stärken umkehren kann. Für mich ist existenziell ihm eines Tages klar zu machen, dass seine Hochsensibilität kein Nachteil ist, auch, wenn die Gesellschaft uns manchmal das Gegenteil weismachen möchte.

 

 

Du schreibst, dass Dein Sohn hochsensibel ist: Wie bist Du darauf gekommen und was bedeutet das im Alltag für Euch?

Den Begriff las ich zum ersten Mal in einer Facebook-Gruppe und um ehrlich zu sein sträubte sich alles in mir dagegen. Ich wollte meinen Sohn nicht diagnostizieren oder so. Ich hätte keine Vokabel gebraucht, nicht zu dem Zeitpunkt. Heute weiß ich, dass genau dieser Moment der „Gamechanger“ war und dass meine innere Ablehnung nichts weiter war als ein „nicht wahrhaben wollen“, dass da was mit ihm ist, was angenommen werden muss. Und zwar so, wie es eben ist! Es ist da und wir können es nicht wegdiskutieren, wieso sollten wir uns dann noch zusätzlich dagegen wehren?

 

Meine Mutter ist hochsensibel, aber das weiß ich erst, seit diesem Tag, seit ich mich mit der Thematik auseinandersetzte. Ich selbst bin es, und war es plötzlich erst, seit ich davon erfuhr. Ich will damit sagen: wir lebten mit diesem Merkmal unser Leben, ohne es zu wissen. Für mich war das okay, meiner Mutter hätte es so viel mehr gegeben, einen anderen Umgang damit zu erfahren. Und auch ich gehe heute ganz anders mit ihr um, als früher. Ein Beispiel: mein ganzes Leben habe ich mich darüber lustig gemacht, dass sie nicht besonders gut kochen kann, weil sie alles immer so lasch und unspektakulär würzte.

 

Erst heute weiß ich, dass sie Gewürze aufgrund ihrer Hochsensibilität einfach noch nie ertragen konnte. Du kannst dir vorstellen, dass ich an meinen eigenen Witzen fast erstickt wäre, denn jetzt erst weiß ich auch, wie sehr sie meine blöden Sprüche vermutlich verletzt haben. Sie kann nichts dafür, sie schmeckt diese Gewürze wahrscheinlich tausendfach stärker als ich und andere es tun. Hochsensibilität drückt sich auch bei jedem Menschen anders aus. So kann ich Gewürze zum Beispiel gut ab, Lautstärke dafür überhaupt gar nicht. Bubba Ray wiederum hat noch nie Brot mit Rinde gegessen, empfindet Pfeffer schon als scharf und isst Kartoffeln und Nudeln am liebsten pur. Jedenfalls war es vermutlich reine Intuition aufgrund meiner eigenen Persönlichkeit und meiner Erfahrung mit meiner Mutter, die mich auf dieses Wort, auf den Begriff, überhaupt reagieren ließen – anstatt es einfach zu überlesen.

 

Für unseren Alltag bedeutet das konkret, dass wir ihn auf viel mehr emotional vorbereiten müssen, als wir dachten. Kleine Dinge, wie die Pläne des Tages mit ihm sehr genau zu besprechen, aber auch große Dinge, wie Treffen mit ihm noch fremden Menschen genau durchzugehen (da hilft jede Information im Vorhinein, sogar auch, mit welchem Auto sie ankommen usw.). Versprechen müssen wir immer einhalten, Dinge im Vorfeld mehrfach ankündigen, Unternehmungen zeitlich begrenzen (also ganztägige Ausflüge sind zu viel), diese reizarm gestalten, für viele Pausen und Auszeiten sorgen, viel Zeit Zuhause oder im heimischen Garten verbringen, immer etwas zu essen und zu trinken dabei haben, ihm viel emotionale Schwere nehmen, ihn Dinge nicht aushalten lassen, weil er das eben nicht kann. Wir müssen und wollen sehr schnell, sehr engmaschig und sehr lang emotional begleiten, viel öfter über Dinge hinweg sehen, weil wir sie vielleicht als „übertrieben“ ansehen, er sie aber wirklich ehrlich und zutiefst als wichtig empfindet.

 

Es heißt aber auch, es nicht zu übertreiben, ihn deshalb nicht zusätzlich in Watte zu packen und vor allem sich selbst immer und immer wieder klar zu machen, dass die Hochsensibilität nur ein Aspekt seiner Persönlichkeit ist und ihn nicht definiert. Das finde ich sehr wichtig. Denn ich möchte nicht, dass mein Sohn und sein Umfeld sich eines Tages daran hochziehen und das zu groß werden lassen. Er ist so vieles und auch nicht 24 Stunden am Tag hochsensibel, deswegen lassen sich auch nicht alle seine Reaktionen darauf schieben. Manchmal ist er genau so 3 Jahre alt wie jedes andere Kind der Welt, er ist genauso autonom, er bockt, er verweigert. Er ist so viel mehr als nur hochsensibel! Er ist wirklich unglaublich witzig und humorvoll, sehr lebensbejahend und temperamentvoll, er ist klug, sozial und liebevoll. Er ist empathisch und verletzlich und ich glaube, die Hochsensibilität selbst macht letztendlich gar keinen so großen Teil aus, wie man denkt. Jetzt nicht mehr.

 

Dein großer Sohn ist hochsensibel, Du auch. Bleiben der kleine Sohn und Dein Mann: In wie fern unterscheidet Euch dieser kleine große Unterschied?

Beide KinderMassiv. Also, tatsächlich. Im Alltag, in unserer Art mit Reizen, Emotionen, Aussagen anderer, Krisensituationen umzugehen – eigentlich bei fast allem. Ich weiß allerdings nicht, ob das an uns als Menschen liegt oder eben an der Hochsensibilität, aber das wird uns auch keiner beantworten können.

 

Also, das deutlichste Merkmal ist sicher das Babyjahr meiner Kinder. Während Bubba Ray bei wirklich jedem neuen Eindruck schrie, jeden Zahn betrauerte, bei jedem falschen Feuchttuch einen wunden Po bekam, mit allem überfordert war, nie schlief, nirgendwo ohne mich blieb und panische Ängste vor Trennungen, Veränderungen und Spielzeugen hatte, das er nicht kannte, hatte D-Von mit absolut nichts dergleichen auch nur im Entferntesten ein Problem. Er ist total robust, weint und schreit quasi nie, steckt Entwicklungssprünge so weg, dass wir sie erst Tage später überhaupt bemerken, hat kein Problem mit Gruppen, Reizen, Eindrücken, Temperaturen, Geräuschen, Lebensmitteln, Tieren, Kindern.. also mit nichts eigentlich.

 

Bubba Ray benötigte fast 12 Monate für die Eingewöhnung bei der Tagesmutter, D-Von 3 Tage. Bubba Ray schläft nach einem ereignisreichen Tag niemals vor 23 Uhr, weil er mit dem Verarbeiten nicht hinterher kommt, D-Von fällt nach einem ereignisreichen Tag völlig K.O. um 19 Uhr ins Bett. Er probiert alles, auch Rinde und Gewürze ;-), hat quasi vor nichts Angst. Er passt sich auch irgendwie allem an, aber nicht widerwillig oder so, sondern wirklich weil es einfach kein Problem ist. Ich nenne Bubba Ray mein Orchideen-Kind und D-Von mein Chamäleon – weil er sich wirklich allem spielerisch anpassen kann.

 

Wenn man meinen Mann und mich vergleicht könnten wir gar nicht unterschiedlicher sein. Mir hallen Erlebnisse und Aussagen tagelang nach, er steckt das weg. Ich kann Dinge schwer loslassen, er verabschiedet sich und spricht dann nicht mehr darüber. Ich bin schnell und lange gekränkt, er zuckt die Schultern und ruft nie wieder an. Er ruht total in sich, ist besonnen und bei sich, ich bin laut, aufgewühlt, temperamentvoll, emotional und überempfindlich. Mein Mann ist sachlich und rational, wenn ich Tage vor einem wichtigen Gespräch oder einem Ereignis schon nicht mehr schlafen kann (buchstäblich nicht mehr schlafen kann!).

 

Ich erzähle ihm von einer nervenaufreibenden, komplizierten Sache, während das Radio läuft, kann ihm anschließend sagen, worum es ging und wann der Sprecher sich verhaspelt hat, weil ich nichts filtern kann. In meinem Kopf ist es ständig laut, ich habe nie Ruhe. Meine Gedanken sind schnell, laut und sie springen hin und her. Er kann im Garten sitzen und die Ruhe genießen, nichts hören, nichts denken und ganz dort sein. Währenddessen habe ich im Kopf die Jahres-Anbauplanung abgeschlossen oder einen 5.000 Wörter-Text vorformuliert. Mein Mann reißt im Garten die Bäume aus, buchstäblich, ich bin für die Planung, den Anbau und die Pflege zuständig. Ich finde, das beschreibt es ganz gut 😉

 

In Eurer Familie ist Hochsensibilität großes Thema. Nicht jeder kennt den Begriff, oder kann vielleicht gleich was damit anfangen. Wie kommuniziert Du diese Besonderheit nach außen?

Bubba Ray konfrontieren wir damit noch nicht, auch wenn das schon der Plan ist, eines Tages. Aktuell ist er mit seinen 3 Jahren dafür noch zu klein. Alle anderen werden darüber in Kenntnis gesetzt und kriegen einen „Fahrplan“. Die Tagesmutter, die mittlerweile wie eine Freundin geworden ist und die besser nicht zu uns passen könnte, hat Literatur gelesen und Fachvorträge besucht. Sie ist wundervoll und hat sich von Anfang an darauf eingelassen.

 

In unserer Familie ist es ähnlich: meine Mutter fühlte sich glaube ich von Anfang an angekommen, denn auch für sie hat diese Tatsache einfach viel verändert. Das muss man sich mal vorstellen, wie das ist, wenn man mit knapp 60 Jahren Antworten auf etwas erhält, was schon immer da war und immer versteckt und unterdrückt werden musste… Meine Schwiegermutter ist Erzieherin und sehr empfänglich. Auch sie hat sich sehr intensiv belesen und ist offen, mit ihm so umzugehen, wie er es braucht. Allgemein habe ich die Erfahrung gemacht, dass allein der Begriff und die Thematik dahinter zu kennen und so zu kommunizieren, für mehr Nähe sorgt. Ich gehe daher sehr offen damit um und begrüße es, mit unserem Umfeld offen darüber zu sprechen.

 

Welche Bedingungen wünscht Du Dir für Dein hochsensibles Kind im Alltag?

Kind im Garten

Ich konnte sowohl bei mir als auch bei meiner Mutter feststellen, dass für Hochsensibilität in unserer Gesellschaft noch nicht wirklich Platz ist. Hochsensible Menschen können nicht filtern, nehmen Reize also wirklich ungefiltert auf, nehmen viel mehr wahr als andere, haben einen Rundum-Blick, fühlen mehr, ohne Zeit und Raum zu haben, das zu verarbeiten und zu begreifen. Sich anzupassen fällt schwer, vor allem wenn diese Anpassung Wettbewerb, Leistungsdruck und Erwartungshaltung bedeutet.

 

Das sind Grenzen, die das eigene Leben und die (Un-)Fähigkeiten einfach noch erschweren. Für meinen Sohn wünsche ich mir also, dass er einen Weg finden kann, sich in diese Gesellschaft einzufügen, ohne sich zu verbiegen. Wir Erwachsenen wissen, dass ein gewisses Maß an Anpassung nun mal nötig ist, um mit anderen Menschen zusammen leben zu können. Das ist spätestens in einer zwischenmenschlichen Beziehung so. Und ich wünsche, ich kann ihm helfen Strategien zu entwickeln, in dem diese Anpassung nichts negatives, nichts anstrengendes, nichts trauriges ist, sondern eben eine Stärke, die er entwickelt hat. Ich wünsche mir (und das ist mein Leitsatz für meine „Erziehung“), dass er sein kann, wer er ist, ohne jemand anderes sein zu wollen.

 

Auf Deinem Blog gibt es eine Interviewreihe zum Thema Hochsensibiliät: Was ist da zu erwarten??

In der Reihe #HochsensibleMütter geht es mal nicht um Kinder und nicht um Elternschaft, sondern um die Mutter, die Person hinter dem Kind. Es gibt tausende Blogs, die sich mit Hochsensibilität und hochsensiblen Kindern beschäftigen, aber mir fehlt dahinter immer der Blick auf die Herausforderungen, die hochsensible Mütter mit ihrer eigenen „Gabe“ und der Emotionalität ihrer Kinder haben.

 

Dazu kommt folgender Aspekt: ich bin ja nicht nur Mutter eines hochsensiblen Kindes, sondern auch Tochter einer hochsensiblen Frau. In meinen Interviews möchte ich ergründen, was diese Prägung mit uns gemacht hat. Was hat den größeren Einfluss auf uns und unsere Elternschaft: unsere Hochsensibilität oder die Prägung durch einen hochsensiblen Menschen? Genau diese Erkenntnis wird nämlich auch zeigen, was es tatsächlich ist, dass wir an unsere Kinder und die nächste Generation weitergeben: der Fokus darauf, was unsere eigenen Eltern aus uns gemacht haben oder wer wir von Geburt an sind, was wir weitergeben wollen und was wir möglichst nicht mit in die Welt unserer Kinder nehmen wollen.

 

Ich finde das Thema unheimlich spannend, habe ganz viele tolle Gästinnen, mit ganz unterschiedlichen Lebensmodellen und ganz unterschiedlichen Eltern. Eine ganz tolle Reihe, die hoffentlich vielen Müttern viele Erkenntnisse bringen kann.

 

Vielen lieben Dank, Kathrin. Zu Kathrins Blog geht es übrigens hier.

 

Ihr habt auch eine außergewöhnliche Familiengeschichte? Oder eine Idee, welches Thema unbedingt mal in den Familienrollen vorkommen sollte? Dann schreibt mir eine Mail an fruehesvogerl@gmail.com.