Miriam mit Kind und Pferd

Mit “Elternfragen” möchte ich ab sofort einmal wöchentlich mit Experten reden, Mythen hinterfragen und Antworten auf Fragen finden, die sicher nicht nur mich beschäftigen. Fragen stellen finde ich nicht nur bei Kindern wichtig.

Heute geht es um Reitpädagogik. Ist das mehr als ein Sport, und vor allem, warum können Kleinkinder schon davon profitieren: Das verrät Reitpädagogin Miriam. 

 

Du bist Reitpädagogin und bietest bereits Reitunterricht für die Kleinsten an: Wie führst Du die Kinder heran? 
Ja genau – mittlerweile bin ich 33 Jahre alt und habe mir endlich meinen größten Traum erfüllt: mein Hobby zum Beruf machen! Meine Liebe und Leidenschaft für Pferde und Kinder zu vereinen.

Da ich selbst Mutter einer nun 2-jährigen Tochter bin, habe ich wie jede Mutter von Kleinkindern, ein besonderes Gespür für Kinder in diesem Alter. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kleinen diese mütterliche Fürsorge spüren, die sich automatisch auf meine kleinen Reitkinder überträgt.
Schon bei der Begrüßung gehe ich besonders auf die Kleinen ein, begebe mich auf Augenhöhe und beginne gleich mit ihnen zu plaudern. Ob sie schon mal ein Pferd gestreichelt haben, ob sie schon mal geritten sind, was ihnen an Pferden gefällt, usw. Danach frage ich sie, ob sie Lyssi, meine Friesenstute, kennen lernen wollen und schwups habe ich schon das Kinderhändchen in der Hand und sie folgen mir in den Stall. Lyssi ist wirklich eine ausgesprochen kinderliebe Stute, nimmt immer sofort den Kopf zu den Kindern herunter und beschnuppert sie. Das gefällt den Kleinen sehr und sie beginnen sie sofort zu streicheln – spätestens jetzt ist das Eis gebrochen.

 

Einmal im Banne des Pferdes, vergessen die Kinder alles um sich herum und konzentrieren sich nur noch auf das Pferd. Ich achte natürlich besonders darauf, dass die Kinder nicht zu nahe hinterm Pferd herum gehen, falls es sich schreckt wäre das gefährlich. Sie dürfen auch nicht herumlaufen – das Pferd ist und bleibt ein Fluchttier – das sollen auch die Kleinsten von Anfang an verstehen lernen! Die Kleinen werden keine Sekunde aus dem Auge gelassen und mit einem Verlasspferd wie Lyssi macht die Arbeit wirklich sehr viel Spaß.

 
Zuerst putzen wir gemeinsam das Pferd, dann schmücken wir sie mit bunten Tüchern und Spangerln. Danach holen wir gemeinsam den Sattel (Voltigiergurt mit 2 Griffen, damit sich die Kinder festhalten können) und satteln das Pferd auf. Anschließend dürfen die Kinder gemeinsam mit mir das Pferd auf den Reitplatz führen. Dort beginne ich zuerst mit Berührungs- und Massagespielen um den Kleinen ein Gefühl für das Pferd zu entwickeln. Wenn die Kinder dann bereit sind dürfen sie aufsteigen und wir beginnen mit den Spielen.

 

Wenn man sich ein bisschen in die Thematik einliest, klingt das ein wenig wie Schwimmen mit Delfinen. Im Positiven: Reiten kann bei vielen Dingen helfen. Was sagst Du dazu?

 

Mädchen auf PferdJa, das kann ich nur bestätigen! Reiten und Pferde wirken auf Kinder in jeder Hinsicht positiv! Ich möchte ein paar Beispiele nennen.

 

1. Kinder lernen Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen
Kinder verstehen sehr schnell, dass ein Pferd ein Lebewesen ist, mit dem man vorsichtig und rücksichtsvoll umgehen muss! Ein Pferd kann sich nicht selbst versorgen und die Kinder lernen für das Pferd zu sorgen, indem wir das Pferd gemeinsam von der Weide oder aus dem Stall holen, das Pferd gemeinsam putzen und füttern! Deshalb finde ich es auch so wichtig, dass Kinder auch diese „Arbeiten ums Pferd“ erlernen und sich nicht nur auf das gesattelte Pferd setzen und los reiten, wie es in vielen Reitschulen praktiziert wird.

 

2. Pferde helfen Kindern Freunde zu finden

Gerade in den Gruppenstunden nehmen Kinder durch Bewegung und den Motivator Pferd viel schneller Kontakt zu anderen Kindern auf. Die gemeinsame Leidenschaft für Pferde verbindet und schafft oft Freundschaften die ein ganzes Leben lang halten. Auch ich pflege noch einige sehr gute Freundschaften die beim gemeinsamen Reiten mit damals fünf Jahren begannen. Wir erzählen noch heute von den lustigen Geschichten und Abenteuern, die wir damals gemeinsam mit den Pferden erlebt haben.

 

3. Pferde lehren Empathie

Rücksicht auf andere nehmen und deren Bedürfnisse zu achten – sei es nun Mensch oder Pferd! Um ein guter Reiter zu sein muss man sich mit den Tieren beschäftigen und auf sie eingehen. Das Pferd ist immer der Spiegel deiner selbst. Geduld, Demut und Sympathie machen einen nicht nur zu einem besseren Reiter, sondern auch zu einem besseren Menschen.

 

4. Kinder dürfen sich auch mal schmutzig machen.

Gerade in unserer übermäßig sterilen und antibakteriellen Gesellschaft schadet ein wenig Dreck ganz und gar nicht! Wenn man bei den Pferden im Stall ist, geht es gar nicht anders als dreckig zu werden. Die Kinder genießen das in vollen Zügen – haben wir das nicht auch in unserer Kindheit genossen?

Das sind nur ein paar Gründe wie sich Pferde positiv auf Kinder auswirken. Ich könnte hier noch ewig weiterschreiben.

 

 

Dreijährige, die sich auf das Pony schwingen: Ich finde das klingt ganz toll. Allerdings wüsste ich weder wie ängstlich mein Sohn reagieren würde, bzw. hätte auch ein bisschen das Gefühl, dass ich nervös wäre. Wie nimmst Du Eltern und Kindern die Angst? 

Miriam mit Tochter und PferdIch habe auch schon sehr ängstliche Kinder bei mir gehabt – viele Eltern kommen auch zu mir gerade weil ihre Kinder so ängstlich sind! Es ist eigentlich jedes mal wieder unglaublich wenn die Eltern freudestrahlend verkünden: „ So mutig war mein Sohn/meine Tochter noch nie“ oder „Mein Sohn/meine Tochter ist noch nie mit jemandem Hand in Hand mitgegangen wenn er/sie das erste mal gesehen hat“.
Ich denke gerade weil ich ja nicht weiß, dass die Kinder ängstlich sind und ihnen dadurch unvoreingenommen begegne, vermittle ich ihnen Sicherheit und Normalität in dem was wir gemeinsam machen. Den Rest erledigt das sanfte Gemüt des Pferdes. Und nein, ängstliche Eltern habe ich noch nie bei mir gehabt.

 

 

Reiten ist was für Mädchen und eher kuscheln als Sport: Mit welch blöden Vorurteilen dieser Art hast Du zu tun?

 

Ja diese Vorurteile kenne ich nur allzu gut – aber das stimmt einfach überhaupt nicht! Ich habe bei mir Mädchen und Jungen! Aber es fragen mich viele Eltern ob sie auch mit ihren Jungs kommen dürfen, oder ob das nur für Mädchen sei.
Reiten ist richtiger Sport, es werden alle Muskelgruppen im Körper trainiert. Wenn ich 2-3 Wochen mal nicht reite, habe ich am nächsten Tag einen ordentlichen Muskelkater. Auch mein eigener Mann hat mich immer belächelt: „Auf dem Pferd sitzen und herumgetragen werden, das kann doch jeder!“. Bis er dann seine erste Reitstunde hatte und sich die darauffolgende Woche nicht mehr bewegen konnte vor lauter Muskelkater. Es sei dazugesagt, dass mein Mann sonst sehr sportlich ist! Seither habe ich nie wieder eine Bemerkung in diese Richtung von ihm gehört!

 

Ich selbst fühle mich nach dem Reiten immer völlig ausgeglichen. Man schaltet vollkommen ab, weil man sich voll und ganz auf das Pferd konzentrieren muss. Für mich sind meine Pferde mein persönlicher Ausgleich zum oft anstrengenden Alltag. Mein persönlicher Seelenfrieden.
Welchen Tipp kannst Du Eltern geben, die planen ihrem Kind Reitstunden zu ermöglichen?

 

Ich kann allen Eltern von Herzen nur empfehlen ihren Kindern den Umgang mit Pferden zu ermöglichen!

Pferde helfen Ängste gar nicht erst entstehen zu lassen, oder diese abzubauen.
Das Miteinander zwischen Pferd und Kindern fördert das soziales Lernen und die Teamfähigkeit.
Das Reiten trainiert die Grundfähigkeiten der Motorik wie Schnelligkeit, Sprungkraft, Ausdauer, Koordination und Gleichgewicht.

Durch das Reiten und die Bewegung sammeln Kinder Wissen, sie lernen durch Bewegung. Dieses Wissen bildet die Grundlage für das Lesen, Schreiben und Rechnen.

Und der wichtigste Grund für mich persönlich:
Gerade die Reitpädagogik bietet einen Ausgleich zum Zeit- und Leistungsdruck unserer Gesellschaft, der auch vor Kindern nicht Halt macht.

Möchten wir das nicht alle für unsere Kinder?

 

Ihr könnt uns jederzeit gerne in Miri’s Pferdekinderland besuchen kommen: Ihr findet uns in Seeham im wunderschönen Salzburger Seengebiet!

 

Vielen lieben Dank für die Beantwortung der Fragen, Miriam.

 

Bisherige Expterten-Interviews zum Nachlesen: Schlaf mit Nora Imlau, Trotzphasen mit Katja Seide.